„Ehnen fählt de sittliche Reife, Schmidt!

SchmidtNun kann man ja über Herrn und Frau Schmidt denken, wie man will, aber es besteht doch wohl ein kleiner Unterschied zwischen beruflicher Intelligenz und sittlicher Reife. Der Charakter eines Menschen wird vor allem durch seine Einstellung zur Welt, zu anderen Menschen, zu seiner Arbeit und schließlich zu sich selbst bestimmt. Und nehmen wir einmal an, Herr Schmidt hätte wirklich nur den sehnlichsten Wunsch gehabt, einmal in seinem Leben nach Dänemark reisen zu dürfen oder sich am Strand von Agadir zu erholen. Vielleicht wollte er aber auch nur ein kleines Häuschen besitzen und ab und zu mal seinen Bruder in Hamburg besuchen. Und alles das war ihm in der DDR nicht vergönnt. Sicherlich hätte er auch an den Strand nach Varna reisen können oder nach Kuba. Sein Bruder hätte ihn besuchen können. Und ein Häuschen wäre auch nicht das Problem gewesen, wenn da nicht der brennende Wunsch gewesen wäre…

Die wunderbare Freiheit

Und dieser Wunsch nagte an ihm wie die Maus an einem Käse. Es machte ihn unglücklich, daß er die Freiheit nicht haben sollte, zu reisen wohin er will. Er fühlte sich bevormundet und vergaß sogar, wem er alles zu verdanken hatte, was er bisher im Leben erreicht hatte. Und zwar nicht nur allein seinem Fleiß und seiner Zielstrebigkeit, sondern zuallererst seinem Staat. Der nämlich ermöglichte ihm ein sorgenfreies Leben ohne Not, eine gute berufliche Perspektive ohne Existenzangst und mit einem guten Einkommen. Sein Studium und die Ausbildung seiner Kinder kostete ihn keinen Pfennig.  Er war geachtet im Beruf, seine Kollegen mochten ihn  – was will man mehr.

Zwei Staaten – zwei Welten

Nun war freilich nicht zu ändern, daß da eine Grenze zwischen zwei Staaten verlief, die einst vereint waren. Es war auch nicht zu ändern, daß wir – in der DDR – uns vom Kapitalismus losgesagt hatten, unser Staat ein sozialistischer Staat geworden war. Es war nicht zu ändern, daß sich an dieser Grenze zwei feindliche Militärbündnisse gegenüberstanden. Und wir hatten in der DDR allen Grund, darüber froh zu sein, daß es für alle Kinder des Volkes Chancengleichheit gab, Gleichberechtigung und gleichen Lohn für gleiche Arbeit, soziale Sicherheit und eine niedrige Kriminalität, wovon man heute nur noch träumen kann.

Sozialismus und Freiheit

Was hätten wir also tun sollen, um nicht gleich alle diese Errungenschaften wieder aufs Spiel zu setzen? Denn – mal ehrlich – glaubt denn heute irgend jemand, die Kapitalisten würden auch nur eine Immobilie, ein Grundstück oder eine Firma wieder hergeben, um sie ins Volkseigentum umwandeln zu lassen? Nie und nimmer! Doch gerade das Volkseigentum hat es ermöglicht, daß wir alle diese Vorzüge des Sozialismus genießen konnten. Keineswegs hatte die DDR abgewirtschaftet, keineswegs waren wir unfrei, keineswegs sind wir bevormundet worden, jederzeit hatten wir freie Wahlen und demokratische Rechte, jederzeit konnten wir unser Leben so einrichten, wie wir es wollten. Freiheit – das ist die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Es ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Erst recht muß man sich heute gewissen Notwendigkeiten beugen, muß seine Arbeitskraft verkaufen, um existieren zu können.

Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit

Es gibt eben nicht erst seit gestern bestimmte gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten, denen man sich unterzuordnen hat. „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“ – sagte Friedrich Engels (MEW Bd.20, S.106). Das hat auch Herr Schmidt schmerzhaft erfahren müssen. Denn Chancengleichheit braucht man vom Kapitalismus nicht zu erwarten. Und wenn es heute immer noch Leute gibt, denen es Übelkeit verursacht, wenn sie an die DDR denken, dann kann man nur eines vermuten: sie gehören zu denjenigen, die nur allzugern auf Kosten anderer leben, denen der Eigennutz wichtiger ist als jedes Wir-Gefühl und jegliche Solidarität. Das ist es auch, was wir mit sittlicher Reife meinen…

Weder Fisch noch Fleisch – oder ein Mensch mit Charakter?

„Es gibt Menschen, von denen kann man nicht sagen, wer sie sind, ob sie gut oder schlecht, tapfer oder feige, ob sie bis zum letzten für das Volk oder ob sie Feinde des Volkes sind … Über Menschen von solch unbestimmten, verschwommenen Typus hat der große russische Schriftsteller Gogol recht treffend gesagt: ,Leute sind’s, ganz unbestimmt, weder dies noch das, du weißt nicht, was es für Leute sind, weder sind sie in der Stadt Bogdan noch im Dorfe Selifan.‘ Von solchen unbestimmten Menschen und Funktionären sagt bei uns ebenfalls ziemlich treffend der Volksmund : ,Der Mensch ist so, weder Fisch noch Fleisch‘, ,dem Herrgott keine Kerze und dem Teufel kein Schüreisen‘.“ (J.Stalin, Werke, Bd.14, S.87)

Und hier ist der Artikel über Herrn und Frau Schmidt aus dem Hamburger Abendblatt vom 10./11. September 1977:

Schmidt Schicksal

(Danke an Johann Weber für den Hinweis auf den aufschlußreichen Artikel!)

Wer nachlesen will: Familie_Schmidt_ein_deutsches_Schicksal_ASV_HAB_19770910_HA_004

 

Dieser Beitrag wurde unter Freiheit der Andersdenkenden, Kapitalistische Wirklichkeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu „Ehnen fählt de sittliche Reife, Schmidt!

  1. Hausmeister schreibt:

    Karl Eduard von Schnitzler hatte recht. Aber es war zu wenig um uns die Schrecken des Kapitalismus klar zu machen, zumal wir uns nicht selbst vor Ort informieren konnten. Bis auf ein paar Ausnahmen. Zumindest hat mir ein Kollege, der 1988 seinen Vater in Karlsruhe besuchen durfte, von den Obdachlosen am Herderplatz erzählt. Und von den Elendsvierteln in Straßbourg wo es nach Pisse stinkt. Das habe ich dann alles 5 Jahre später erlebt in Marseille, Straßbourg, La Rochelle, Toulon usw. Die Angst vor dem eigenen sozialen Aus ist heute jedem allgegenwärtig.

    • sascha313 schreibt:

      So ist das. Aber wer von denen, die 1989 Montags abends bei uns vor der Kirche standen, hat’s geglaubt…

      • yellowcake500 schreibt:

        Hallo Sascha,
        ich würde Dir gern eine eMail schreiben.

        Danke
        Ingolf

        (Anm. Admin.: Du kannst mir Deine Frage gerne auch als Kommentar schreiben. Den lösche ich dann selbstverständlich wieder.)

      • yellowcake500 schreibt:

        Hallo Sascha,

        Grüße
        Ingolf

        (Antwort Admin.: Hallo Ingolf, danke für dein Vertrauen. Ich habe Deine Nachricht gelesen und kann Deine Empörung gut verstehen. Ich denke aber, daß es wenig Sinn hat, solche Gestalten auf ihre Falschheit aufmerksam zu machen, geschweige denn sie zu überzeugen. Sie haben ihre Meinung, halten sich selbst für maßgeblich und für unfehlbar. Leider haben sie einen gewissen Einfluß auf ihre Zuhörer. Doch ebensowenig, wie ich mit Nazis diskutieren würde, kann man es mit solchen Leuten tun. In einem bürgerlichen Staat, wie es die BRD ist, wird es immer eine gewisse Anzahl von Personen geben, die gebraucht werden, um Meinungen zu beeinflussen und die Arbeiterklasse vom Klassenkampf abzuhalten. Man kann eben nur entweder mit aller Konsequenz für den Sozialismus sein oder man unterstützt in der einen oder anderen Weise das herrschende Kapital. Ein Mittelding gibt es nicht. Also, meine Meinung ist: Kritik ja – unbedingt! Mehr aber auch nicht. Übrigens – man hätte sich bei dem Herrn Schmidt wohl auch die Zunge fusslig reden können, um ihn davon zu überzeugen, daß seine Entscheidung gegen die DDR falsch war. Erst die Realität in der BRD hat ihm gezeigt, daß der Westen eben doch nicht so „golden“ ist, wie er sich das erträumt hatte…. )

  2. Ines schreibt:

    Ich hatte auch gleich, nach der Grenzöffnung, ich bin erst 1-2 Monate später kurz im Westen gewesen, einen Schock –> Obdachlose, Schmutz und Armut. Jetzt ist der Osten angepasst an kapitalistische Standards.
    Das Bildungssystem ist schlecht, ich bin Ingenieur und habe mittlerweile eine Menge junger Leute kennengelernt und finde es Schade Menschen mit einem guten Fundament so halbausgebildet rumlaufen zu lassen.
    Übrigens: 2 Anmerkungen zur westlichen Freiheit und Demokratie, was nützt es wenn man überall hinreisen kann und kein Geld hat, die meisten, egal aus welchen Ländern, sind niemals aus ihrem Kiez herausgekommen.
    Die KPD wurde im Westen verboten, die Leute eingesperrt und mit Berufsverbot belegt. Bei uns ist keiner so behandelt wurden, die Kirchenmitglieder wurden gleichberechtigt behandelt. Wir hatten auch 2 Schüler, die Zeugen Jehovas waren, diese Sekte war offiziell verboten, aber sie haben die gleichen Möglichkeiten gehabt. Weiterhin finde ich ausserordentlich interessant, wieviel Milliarden in die Propagandamaschine durch Think Tanks und Medien gesteckt werden, um die Menschen zu fragmentieren und den Kapitalismus als einzige Ideologie anzunehmen, von freier demokratischer Entscheidung kann hier keine Rede sein.

    • sascha313 schreibt:

      So ist das, Ines. Und der „Witz“ ist, wenn man heute DDR-Bücher zur Hand nimmt, die sich mit der Massenmanipulation durch den Imperialismus befassen – da stimmt jedes Wort! Nur – wo sind die Leute, die das geschrieben haben, die das gelesen haben, heute? Und wie denken die darüber, die das erst heute lesen? Da müßte es doch einen Aufschrei geben, oder?

  3. Johann Weber schreibt:

    Und wie reagierte Adenauer auf Besuche, die Menschen aus der Alt-BRD in die DDR führten? Hier ein Beispiel aus der Zeitung „Neues Deutschland“ vom 29.8.1961:

    Gefängnis für Besuche in der DDR
    Acht Frankfurter Straßenbahner wegen DDR-Kontakten vor Gericht
    Zu neun Monaten Gefängnis verurteilte am Wochenende die 1. Große Politische Strafkammer des Dortmunder Landgerichts einen 68 Jahre alten Bergarbeiterinvaliden aus Gelsenkirchen. Der Kumpel hatte in den letzten Jahren mehrfach die DDR besucht sowie Arbeitskollegen und Mitglieder von Sportverbänden aufgefordert, sich durch persönlichen Augenschein von den Verhältnissen in der DDR zu überzeugen. Die Politische Strafkammer Dortmunds sah durch den gesamtdeutschen Reiseverkehr die Bundesrepublik „gefährdet“. Als „staatsgefährdenden Nachrichtendienst“ sah die Politische Strafkammer dabei die Entgegennahme von Aufenthaltsgenehmigungen für die DDR an.

    Frankfurt (Main) (ADN/ND). Weil sie sich bemühten, die wahren Verhältnisse in der DDR kennenzulernen und Kontakte mit Bürgern der DDR pflegten, stehen seit Montag acht junge Frankfurter Straßenbahner vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen „Staatsgefährdung“ vor. Die Straßenbahner, alle im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, hatten sich zu einem Zirkel zusammengefunden, in dem sie Tagesereignisse diskutierten. Hierbei war der Wunsch laut geworden, sich über die Verhältnisse in der DDR an Ort und Stelle zu informieren. Sie knüpften Kontakte mit Gewerkschaftern und FDJ-Mitgliedern in Frankfurt (Oder) und in Erfurt an, fuhren zu Aussprachen in die DDR und luden Kollegen nach Frankfurt ein. Im Sommer 1960 wurden mehrere dieser Straßenbahner verhaftet
    Die Angeklagten bekannten sich vor Gericht mutig zu ihrer politischen Haltung. So erklärte der 30jährige Willi Kerscher aus Bad Vilbel. Betriebsvertrauensmann der Gewerkschaft ÖTV er halte heute wie damals für richtig, was er getan habe. Er sei ein Freund der Verständigung und des Friedens, und sein Bestreben sei darauf gerichtet gewesen. Freundschaft mit den Menschen in der DDR zu finden.“

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