Olaf Brühl: Peter Hacks wird dein Leben verändern…

HinsichtenWer von Peter Hacks bisher noch nie etwas gehört hat, dem sei dieses Büchlein wärmstens empfohlen: Peter Hacks: »Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955–2003«. Ganz bestimmt erinnern sich jedoch noch einige an das Theaterstück „Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ mit der unübertrefflichen, herb-sinnlichen Karin Gregorek in der Hauptrolle, die nach Hacksens Regieanweisung einem schweigend im Lehnstuhl sitzenden Stein eine lange Philippika, Goethe betreffend, hielt, die dieser, dem Publikum abgewandt, über sich ergehen lassen mußte und freilich nicht erwiderte, da statt seiner eine ausgestopfte Puppe dort saß. Doch noch mehr Vortreffliches von Hacks lasen wir in seinem Briefwechsel mit Kurt Gossweiler, in dem zwei kongeniale Geister, der Künstler Hacks und der Historiker Gossweiler, sich über das schmähliche Ende der DDR austauschten. Sie gaben dem Leser nicht nur viel Anregung, sondern vermittelten auch von Anfang bis Ende des Buches viele neue Erkenntnisse. Nun also ein neues, bemerkenswertes Buch!

Hacks will change your life

von Olaf Brühl

Was schon im März 2018 völlig klar war, steht auch jetzt, knapp ein Jahr später, außer allem Zweifel: Das Buch »Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955-2003« von Peter Hacks ist die wichtigste und bedeutendste Neuerscheinung des vergangenen Jahres im deutschsprachigen Raum. Der Band versammelt Essays, Artikel, Briefe, Analysen, Notate, Skizzen, Vorworte und Konspekte, die zum Teil aus dem Nachlaß sowie vervollständigend aus diversen früheren Veröffentlichungen zusammengestellt sind. Die Herausgabe im Auftrag der Peter-Hacks-Gesellschaft Berlin hat der Goethe-Forscher Heinz Hamm geleistet. Er hat den Band auch mit einer glänzenden Einführung versehen. Und damit ist bereits gesagt, daß die Arbeit wissenschaftlich wie editorisch keinerlei Wünsche offenläßt – bis auf zwei.

Zwei Wünsche…

Eine ähnlich umfangreiche und gehaltvolle Neuerscheinung originaler Hacks-Texte von solcher Relevanz kann es durch den 2003 erfolgten Tod des Dichters und Dramatikers nicht wieder geben – wir hätten es gewünscht! Der andere Wunsch allerdings dürfte in der Zukunft erfüllbar sein, denn Hamm konnte bei seiner Auswahl der Nachlaß-Texte eben unmöglich Vollständigkeit erreichen, diese hätte den Umfang der Ausgabe gesprengt und fordert eine gesonderte publizistische Auswertung des Hacks-Nachlasses.

…und ein dritter!

Auch wünscht man sehr, den äußerst bedeutsamen Briefwechsel mit Kurt Gossweiler, der eine frühere und längst vergriffene Auswahl politischer Texte von Hacks komplettierte, bald auch und wieder in einer eigenen Edition haben zu können. Ach, schade ist auch, daß der schöne Brief an eine damals junge Kommunistin fehlt, den Hacks 1990 auf die Frage nach den Gründen für den Untergang der DDR schrieb. Zum Trost werden die in den »Marxistischen Hinsichten« aufgezählt.

Nachdenklich, klug, unbestechlich!

Hacks‘ Bestandsaufnahme der Weltzustände ist keineswegs, wie man es von seinen Gedichten, Kindergeschichten und dergleichen gewohnt ist, erheiternd, doch immer aufschlußreich und anregend, bisweilen verstörend, manches zu Widerspruch, aber jedenfalls zu Nachdenken reizend. Sein schier unbestechlicher Blick, gnadenlos und durchdringend, befaßt sich nicht mit dem Design der Dinge; deren moralische Betrachtung und Wertung ist ihm zuwider, und er entlarvt sie, wo immer er sie trifft, und zwar tödlich. Hacks fesselt wie gewohnt mit erhellender Klarheit, mit Witz und mit übersprudelndem Wissen.

Die Ästhetik und Weltsicht von Hacks

Hacks konnte nie anders: Alles geriet ihm zu Ästhetik, unter jeder Bedingung – und die ästhetischen Lektionen im Politischen sind nicht das Nebensächliche am Ganzen, die Realismusfrage wird erörtert, sie ist zentral für das Demokratieverständnis jeweiliger Gesellschaften. Keineswegs erschöpft sich das Interesse mithin im bloßen Nachverfolgen der Entwicklungsgeschichte des politischen Schreibens von Hacks, so spannend der Bogen, den diese Sammlung schlägt, für das Lebens- und Werkverständnis sein mag…

Soviel nun ein Auszug aus einem Beitrag von Olaf Brühl, den Sie vollständig in „ossietzky“ nachlesen können. Weiterlesen → hier

Kenntnisnahme der Tatsachen
ist von den Erkenntniswegen der seltenste. Der Mensch wird ja in eine bereits formulierte Umwelt hineingeboren; er trifft früher mit den Urteilen über die Gegenstände zusammen als mit den Gegenständen; die normale Weise, Einsichten zu erlangen, ist, daß einer von einer Sache eine Idee hat und danach falls er mehr als durchschnittlich objektiv ist überprüft, ob die Idee zutrifft.
– Peter Hacks –

(Vielen Dank, lieber Olaf Brühl!)


Heinz Hamm (Hrsg.), Peter Hacks: »Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955–2003«, 608 Seiten, 19,99 €; André Müller sen., Peter Hacks: »Gespräche mit Peter Hacks 1963-2003«, 464 Seiten, 24,80 €; Peter Hacks: »Hundert Gedichte«, 180 Seiten, 10 € – alle erschienen im Eulenspiegel Verlag.

Vergriffen: Peter Hacks‘ „Am Ende verstehen sie es“ (Eulenspiegel Verlag).


 

Dieser Beitrag wurde unter Kommunisten, Marxismus-Leninismus, Meine Heimat DDR, Sozialistische Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Olaf Brühl: Peter Hacks wird dein Leben verändern…

  1. sascha313 schreibt:

    Guten Morgen …die Genossin läßt Dich herzlich grüßen und sie freut sich über Deine Erkenntnise! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s