Thomas Mann: Vom kommenden Sieg der Demokratie (1938)

Th_MannIch habe vielleicht nicht genug Sinn für die von Rußland ausgehende Bedrohung der kapitalistisch-bürgerlichen Lebensordnung; denn ich bin kein Kapitalist. Soviel aber sehe ich, daß von Rußland keine Bedrohung dessen ausgeht, worauf alles ankommt, nämlich des Friedens. Nicht Rußland ist es, das zwanzig Jahre nach dem Weltkrieg Europa zwingt, ungeheure Mittel den Friedenszwecken zu entziehen und der Rüstung zuzuwenden; es ist der Faschismus und seine sogenannte Dynamik. Daß die Welt nicht zur Ruhe und zum Gedeihen kommt, ist sein Werk, nicht das des Sozialismus …

(Thomas Mann: Politische Reden und Schriften, Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt/M., Essays Bd. 2, 1986, S. 118-120, 211f)

Ich glaube, ich bin vor dem Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des Kommunismus zu sein. Trotzdem kann ich nicht umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Abergläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche. Der Kommunismus ist als Vision viel älter als der Marxismus und enthält auch wieder Elemente, die erst einer Zukunftswelt angehören. Älter ist er, weil schon die religiösen Volksbewegungen des ausgehenden Mittelalters einen eschatologisch-kommunistischen Charakter hatten: schon damals sollten Erde, Wasser, Luft, das Wild, die Fische und Vögel allen gemeinsam gehören, auch die Herren sollten um das tägliche Brot arbeiten, und alle Lasten und Steuern sollten aufgehoben sein. So ist der Kommunismus älter als Marx und das 19. Jahrhundert. Der Zukunft aber gehört er insofern an, als die Welt die nach uns kommt, in der unsere Kinder und Enkel leben werden, und die langsam ihre Umrisse zu enthüllen beginnt, schwerlich ohne kommunistische Züge vorzustellen ist, das heißt, ohne die Grundidee des gemeinsamen Besitz- und Genußrechts an den Gütern der Erde, ohne fortschreitende Einebnung der Klassenunterschiede, ohne des Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit für alle.

Aus: DER ANTIBOLSCHEWISMUS – DIE GRUNDTORHEIT UNSERER EPOCHE. (1946)

Quelle:
Thomas Mann, Eine Materialsammlung für Festveranstaltungen zum 80. Geburtstag des Dichters, Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Berlin, 1955, S.103.

BiogrTMann

Hier in lexikalischer Kürze die Biographie von Thomas Mann:

Thomas Mann (6.6.1875-12.8.1955): Schriftsteller; Bruder von Heinrich Mann; einer der bedeutendsten Epiker des 20. Jh. und weltliterar. Repräsentant des bür­gerl. Humanismus. Thomas Mann entstammte einer Patrizier­familie; studierte in München, hielt sich 1895/97 in Italien auf, war 1898/99 Redakteur am «Simplicissi­mus»; lebte als freischaffender Schriftsteller vorwie­gend in Berlin und München; verteidigte in Reden und Aufsätzen die Weimarer Republik und warnte vor der Gefahr des aufkommenden Faschismus; un­ternahm zahlreiche Auslandsreisen, kehrte 1933 nicht zurück (Exil in Frankreich, Schweiz, ab 1938 USA, wurde amerikan. Staatsbürger); ab 1940 anti­faschist. Rundfunkansprachen («Deutsche Hörer»); lebte ab 1952 in der Schweiz. Grundthema seines traditionsverbundenen realist. Werkes ist der Ver­fallsprozeß der bürgerl. Gesellschaft.Thomas Mannbegann mit Novellen (u.a. «Tristan», 1903; «Tonio Kröger», 1903; «Der Tod in Venedig», 1912), die die Künstlerproblematik in der kapitalist. Welt widerspiegeln; b, mit faschist. Tendenzen setzte er sich in «Mario und der Zauberer» (1930) auseinander. Weltweite Bedeutung erlangte Thomas Mann mit seinen Romanen. Den geistig-moral. und wirtschaftl. Niedergang eines Kaufmannsgeschlechts verfolgte er in den «Buddenbrooks» (1901); in «Königliche Hoheit» (1909) ironisiert er die Allianz von Feudalaristokratie und fe Großkapital; «Der Zauberberg» (1924), eine Zeitanalyse bürgerl. Lebens- und Denkweisen zw. Humanität und präfaschist. Haltung, ist Ausdruck seines Bemühens um die Verwirklichung humanist. Ideale unter den Bedingungen imperialist. Verfalls; die Durchsetzung humanist. Gesittung gegenüber der Barbarei beherrscht die Tetralogie «Joseph und seine Brüder» (1933/43); «Lotte in Weimar» (1939) bezeichnet Manns Hinwendung zur progressiven Vergangenheit des Bürgertums (Goethe); eine tiefgründige Abrechnung mit dem Bürgertum, seiner Kultur und Philosophie ist der «Kultur- und Epochenroman» «Doktor Faustus» (1947). Manns letztes größeres Werk, die «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull» (1954), in dem er, parodist.-burlesk, noch einmal die Künstler-Bürger-Problematik aufgriff, blieb Fragment. Auch Manns Briefe und Tagebücher, Studien, Essays und Reden («Die Forderung des Tages», 1930; «Vom kommenden Sieg der Demo­kratie», 1938; «Goethe als Repräsentant des bürger­lichen Zeitalters», 1932) sind bedeutsame Zeug­nisse umfassender Bildung und humanist. Gesin­nung. Korresp. Mitglied der AdK.
Quelle: BI-Universal-Lexikon, 5 Bde., VEB Biliographisches Institut Leipzig, Bd.3, S.374.

Das faschistische „Ostpreußenblatt“ aus Hamburg beschimpft Thomas Mann

Doch man muß hier noch etwas hinzufügen. Auch nach 1945 wagten es die aktiven Nazis im Westen Deutschlands in infamer Weise gegen einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller zu hetzen. Die Zentrale dieser faschistischen Hetzzeitung „Das Ostpreußenblatt“ befand sich in Hamburg, in der Bundesrepublik Deutschland. Hier konnten die geflüchteten Nazi- und Kriegsverbrecher und ihre Anhängerschaft ungestört und unter dem Schutz der westlichen Alliierten auch weiterhin ihr Unwesen treiben. Im folgenden nun ein Auszug aus dieser widerlichen Nazizeitung:

550521 Hetze gegen Thomas Mann

Wir zitieren einmal einige dieser schmutzigen und bösartigen Verleumdungen gegen Thomas Mann und gegen die Deutsche Demokratische Republik:

  • …eine höchst fragwürdige „Ehrung“ durch Pankows Kulturbolschewiken;
  • …bei siebzehn Millionen Unterdrückter in der Sowjetzone;
  • Nun also hat ein Mann aus den Händen des berüchtigten „Kulturministers“ Johannes Becher, dieses Barden der sowjetischen Unterdrücker mit „besonderem Stolz“ die Ehrenmitgliedschaft einer Zonenakademie erhalten, die mit einer echten deutschen Akademie der Künste nichts gemein hat und sich aus ultraroten Konjunkturrittern und Helfershelfern schlimmster Tyrannei rekrutiert.
  • …ein Terrorregime, das sicher noch gefährlich und schlimmer als das früher von ihm bekämpfte…

Und hier eine Werbung aus selbigem Drecksblatt ein paar Seiten vorher: Ein Abführmittel: „Nimm Darmol Du fühst Dich wohl!“ Sicher konnte diese Zeitung damit einem besseren Zweck zugeführt werden.

Demokratie kann man von dieser Seite wohl niemals erwarten!

 

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2 Antworten zu Thomas Mann: Vom kommenden Sieg der Demokratie (1938)

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