Ute Becker – eine junge Lehrerin an der Oberschule „Friedrich Engels“ im Kreis Strasburg (DDR) berichtet…

DDR-SchuleWie war der Unterricht in der DDR? Nur selten gewinnt man heute solche Einblicke in das Denken und Handeln einer Lehrerin wie sie Ute Becker, eine Unterstufenlehrerin, 1978 auf dem VIII. Pädagogischen Kongreß der DDR zum Ausdruck brachte. Voller Anerkennung für die Klarheit und Überzeugungskraft dieser jungen Lehrerin lesen wir heute, welche Gedanken sie sich damals machte, um „ihre“ Kinder zu gebildeten, sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen. Die Lehrerinnen und Lehrer in der DDR hatten gute Arbeitsbedingungen. Ihnen standen jederzeit Fachberater und ein hilfsbereites Lehrerkollektiv zur Seite. Sie hatten wohldurchdachte Lehrpläne und waren bestens ausgebildet, um ihren verantwortungsvollen Beruf mit Leben zu erfüllen…

Wann ist man ein richtiger Lehrer?

Eigentlich bin ich im Zweifel, ob ich als Absolventin mit drei Dienstjahren diesem Forum überwiegend erfahrener Pädagogen schon Wesentliches sagen kann. Diese Zweifel bestärkt unter anderem Professor Weck, der in der „Pädagogik“, Heft 8/1977, sinngemäß schreibt, daß man erst nach 15 Dienst­jahren ein richtiger Lehrer sei. Aber, um mit Erwin Strittmatter aus seinem „Wundertäter“ zu sprechen: „Man tut, was man kann. Die Welt ist noch nicht fertig.“

Ein junges Pädagogenkollektiv

Im Kreis Strasburg ist ein Drittel aller Pädagogen jünger als 30 Jahre. Auch an unserer Schule vereinigen sich 40 Junge und Junggebliebene zu einem Pädagogenkollektiv, in dem wir FDJ-Lehrer uns voll gefordert, aber auch gefördert fühlen. Täglich bringt uns der Schulbus aus 14 Orten beziehungsweise Ortsteilen die Verantwortung für über 400 Schüler ins Haus. Ich möchte betonen, daß ich diese Verantwortung für meine Schüler gern trage.

Ein verantwortungsvoller Beruf

Schon während meiner Ausbildung am Institut für Lehrerbildung „Dr. Theodor Neubauer“ in Templin konnte ich mich mit den hohen Anforderungen, die an einen Pädagogen der Unterstufe gestellt werden, bekannt machen. Mir wurde bewußt, daß ich mit meiner Arbeit das Fundament für die weitere Entwicklung jeder Schülerpersönlichkeit lege. Ich erkannte aber auch, daß dazu ein Herz für die Kinder nötig ist. Doch gerade die Liebe zum Kind veranlaßte mich ja, diesen verantwortungsvollen Beruf zu ergreifen, der für mich der schönste Beruf ist. Ich habe Freude an der Arbeit mit Kindern, und jeder kleine Erfolg ist Ansporn für mich zu neuen schöpferischen Überlegungen. Daraus schlußfolgere ich, daß meine Schüler dieses Gefühl der Freude an ihrer Arbeit, dem Lernen, ebenso spüren müssen, um gut zu lernen.

Suchomlinski: „Mein Herz gehört den Kindern“

Doch worin kommt die Freude am Lernen zum Ausdruck? Wie fördere ich sie?
Mit einer zweiten Klasse begann ich die Beantwortung dieser Fragen in einem täglich gut vorbereiteten Unterricht; inzwischen bewähren sich meine ersten Schüler im Fachunterricht der fünften Klasse. Eine erfahrene Kollegin, meine Mentorin, regte mich an, mich mit dem sowjetischen Pädagogen Suchomlinski zu beschäftigen. In vielen seiner Gedanken fand ich meine Überlegungen wieder, so auch die Erkenntnis: „Eine echte Gemeinschaft entsteht nur dort, wo der Lehrer zum Freund, zum Gleichgesinnten, zum Kameraden der Kinder wird.“

Aus Freunde am Lernen…

Um Kamerad und Freund meiner Schüler zu sein, muß ich ihre Stärken und Schwächen genau kennen. So zeigte sich zum Beispiel, daß Torsten und Olaf im stillen Lesen große Probleme hatten, während die übrige Klasse diese Aufgabe meisterte. Andererseits hatten Anke und Rüdiger Schwierigkeiten im Fach Mathematik beim gedächtnismäßigen Beherrschen der Grundaufgaben. Durch meine tägliche differenzierte analytische Arbeit ist es mir gelungen, daß 80 Prozent meiner Schüler gute beziehungsweise sehr gute Leistungen erreichen konnten. Nach drei Jahren Unterricht in dieser Klasse hat sich bei mir die Erkenntnis vertieft, daß das Kennenlernen der Schüler in erster Linie bedeutet, die Leistungen jedes einzelnen genau zu analysieren und damit die Grundlage für eine differenzierte Unterrichtsvorbereitung zu schaffen. Freude am Lernen bei den Schülern zu fördern verlangt, das Lernen zu­nehmend bedeutsam zu machen.

In Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Erfordernissen

In der zweiten und dritten Klasse erlebte ich, daß die Schüler vorwiegend deshalb fleißig lernten, um mir und ihren Eltern eine Freude zu machen oder die Anerkennung der Paten zu gewinnen. In Klasse 4 zeichnen sich die Be­ziehungcn zwischen dem Lehrer und den Schülern durch höhere Ansprüche an das Wissen, Können und Verhalten, an die gesamte Persönlichkeit aus. Ich spürte, wie die Schüler immer mehr über den Sinn einer jeden Tätigkeit Bescheid wissen wollten und wie sich ihre Interessen an den Unterrichtsinhalten differenzierten. Daraus ergab sich für mich die Verpflichtung, allgemeine gesellschaftliche Erfordernisse zunehmend zur Begründung schulischer Aufgaben heranzuziehen und dafür zu sorgen, daß sich die persönliche Interessenentwicklung der Schüler in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Erfordernissen vollzog.

Vertrauensvoll, kameradschaftlich und mit Humor

So habe ich zum Beispiel die Erfahrung gewonnen, daß die Schüler das Lerncn als besonders bedeutsam empfanden, wenn ich sie mit den Anforderungen an gesellschaftlich wichtige und zugleich für sie interessante Berufe vertraut machte. Die größere Sachlichkeit in den Beziehungen zwischen dem Lehrer und den Schülern darf nicht dazu führen, daß die Schüler im Unterricht ausschließlich rational angesprochen werden. Ich habe großen Wert darauf gelegt, den Unter­richt emotional zu gestalten. Bei aller Sachlichkeit des Unterrichtsstoffes ge­hören das emotionale Ansprechen der Kinder ebenso zu einem vertrauensvollen und kameradschaftlichen Verhältnis wie das anerkennende, aufmunternde oder scherzhafte Wort.

Das Lernen und das selbständige Handeln

Der Lehrplan Klasse 4 fordert, größere Selbständigkeit im Lernen der Schüler zu erreichen. Das bedeutet, sichere und anwendungsbereite Kenntnisse zu vermitteln, also immer wieder zu üben. Wie gelang es mir, dieses Üben freudig und lustbetont zu gestalten? In der Arbeit mit dem Heimatkundebuch versuchte ich solche Schülertätigkeiten in den Unterricht einzubeziehen, die ein aktives, zunehmend selbstän­diges Arbeiten erforderten, wie zum Beispiel das Heraussuchen von Fakten aus Texten, das Belegen von Aussagen mit Beispielen oder Textstellen, das Werten von Sachverhalten, die Arbeit mit Stichwörtern beim Festhalten von Beobachtungsergebnissen. Auch dadurch, daß ich die Schüler in die Einschätzung von Leistungen, zum Beispiel unter dem Gesichtspunkt der Vollständigkeit, der sachlichen Richtigkeit und der sprachlichen Gestaltung, einbezog, wurden Urteils- und Kritikfähigkeit ausgebildet und die Freude am Üben gefördert.

Ein lebensverbundener Unterricht

Ich gewann die Erkenntnis, daß Freude am Üben nur durch eine individuell zugeschnittene Arbeit zu erreichen ist, denn ich mußte auch den Schülern Erfolgserlebnisse verschaffen, die langsamer zum selbständigen Arbeiten kamen. Um die Freude der Schüler am Lernen zu fördern, halte ich es für sehr wichtig, den Unterricht lebensverbunden zu gestalten, weil die eigene Er­fahrungswelt der Schüler eine besondere emotionale Wirksamkeit ausstrahlt. Im Heimatkundeunterricht habe ich mich bemüht, die im Lehrplan vorgesehenen Stoffeinheiten so aufzubereiten, daß das ökonomische und historische Ver­ständnis bei den Schülern geweckt wurde und damit eine wesentliche Vor­leistung für den gesellschaftswissenschaftlichen Fachunterricht erfolgte.

„Erkundige dich über die Arbeit deiner Eltern!“

So verband ich zum Beispiel die Kenntnisvermittlung über die revolutionäre Umgestaltung nach 1945 und den Aufbau unseres sozialistischen Staates mit gezielten Aufgabenstellungen für die Schüler im Heimatort, indem ich unter anderen folgende Schüleraufträge vergab: „Befrage deine Großeltern, wie sie in der Landwirtschaft gearbeitet haben, welche Maschinen sie dazu nutzten, wem diese Maschinen gehörten!“ „Erkundige dich über die Arbeit deiner Eltern, nach der Länge ihres Arbeitstages, Nutzung von Maschinen, wem ihre Arbeit nützt!“ So gewannen die Schüler Erkenntnisse über Leben und Arbeit zweier Generationen. Es fiel ihnen leicht, an diesen konkreten Fakten die gesellschaftliche Entwicklung zu erkennen.

Das Verständnis für die historischen Zusammenhänge

Schwieriger war es, die historischen Zusammen­hänge zu verallgemeinern. Diesen Schritt des Erkenntnisprozesses unterstützte ich durch eine entsprechende Auswahl an Bildmaterial. Auch der Einsatz der Kinderliteratur erwies sich als positiv. Die im Klassenraum angebrachte Zeitleiste schaffte zwar ebenfalls etwas Abhilfe, aber trotz vieler Einzelkenntnisse, über die die Schüler verfügen, fiel es ihnen schwer, die konkreten Fakten und Begriffe in Zusammenhänge einzuordnen und einfache Beziehungen in der gesellschaftlichen Entwicklung zu erkennen.

Auf dem richtigen Weg!

Meine ersten drei Dienstjahre überblickend, kann ich sagen: Einiges habe ich gemeistert, einige Erfahrungen gesammelt, doch selbstverständlich habe ich noch Probleme. Es geht, wie Brecht sinngemäß sagt, um das Einfache, das schwer zu machen ist. Dazu braucht ein Lehrer wohl doch die Erfahrungen von 15 Dienstjahren.

Quelle:
Ministerrat der DDR, Ministerium für Volksbildung (Hrsg.): VIII. Pädagogischer Kongreß, Protokoll. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1979, S.350-353.

PaedKongress

Siehe:
Rafik Kulijew: Über das Bildungssystem
Das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR

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