Die andere Seite: Ein Blick nach Westdeutschland (1953)

Germany during the 1950s (20)Wir schreiben das Jahr 1953. Kaum vier Jahre existiert nun schon der neue westdeutsche Staat „BRD“, und bald macht er erneut in unangenehmer Weise von sich reden: „Lehr-Polizei wütet gegen Patrioten. Büros und Privatwohnungen werden durchsucht – Brutalität gegen Verhaftete.“ – so die Horrormeldungen aus Westdeutschland… Sicher werden nun einige unbelehrbare DDR-Hasser wieder sagen: „Alles nur kommunistische Propaganda!“ – doch – nein: Tatsachen sind eben hartnäckig, auch wenn man hundertmal versucht, sie zu leugnen. Was war denn nun dieses Westdeutschland für uns? Es war ein fremdes Land…

Zu Besuch im Westen…

Stuttgart, Duisburg, Düsseldorf… manchmal nahmen die Eltern eines ihrer Kinder mit, wenn es galt, eine Freundin in Heilbronn zu besuchen, oder die Tante in Westberlin. Und immer war die lange Zugfahrt für die Eltern mit einer gewissen Aufregung verbunden: die Grenze! Aus der Zeitung wußten wir, daß Westdeutschland für uns ein fremdes Land ist. Wir wußten, daß die alten Nazis dort wieder das Sagen hatten, doch gab es über die Grenzen hinweg immer noch viele Verbindungen, Kriegskameraden, ehemalige Schulfreundinnen, die damals gleich „nach dem Westen gemacht“ sind, „abgehauen“ – wie man sagte, und es gab die Verwandten.

Die Wohlstandszone – ein Nazi-Paradies?

Keiner wollte diese Grenze, doch als am 21. Juni 1948 im Westen die D-Mark eingeführt wurde, war die Trennung nicht mehr zu verhindern. Und wie es dort wirklich aussah hinter den glänzenden Schaufensterscheiben, dem heraushängenden Wohlstand, das war uns in der DDR kaum bewußt. Scheußlich klangen die Nachrichten über den westdeutschen Polizeiterror – doch im RIAS brachte man das nicht. Dort spielte klassische Musik und zwischendurch lief antikommunistische Hetze. Unter dem Schutz der westlichen Besatzungsmächte konnten sich die Nazis hier wieder entfalten.

„Die letzte Ursache für die Wiederverwendung des Nazi- und Kriegsverbrecher liegt darin, daß im westdeutschen Staat die gleichen verhängnisvollen Kräfte der Rüstungsindustrie Politik und Wirtschaft in den Händen haben,  die Hitler zur Macht brachten, den zweiten Weltkrieg vorbreiteten und heute Revanche für ihre Niederlage nehmen und erneut die Grenzen der Nachbarstaaten überrennen wollen. Weil diese Kräfte heute die gleiche verderbliche Politik wie zur Zeit des Faschismus zu betreiben versuchen, bedienen sie sich der gleichen faschistischen Verbrecher.“

Quelle: Nationalrat der Nationalen Front (Hrsg.) Braunbuch Nazi- und Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1965, S.10-11.

Der Frieden in Europa…

Es waren keine zehn Jahre, daß der Krieg zu Ende gegangen war.  Die Sowjetunion hatte uns vom Faschismus befreit. Müde, erschöpft und schmutzig sahen sie aus, die Sowjetsoldaten, als sie die Stadt besetzten. Weiße Bettlaken hingen aus den Fenstern. Die fanatischstan Nazis waren längst über alle Berge nach Westen verschwunden, die anderen hatten „von nichts gewußt“. Sie wußten zwar – so etwas wie KZ muß es wohl gegeben haben. Die Oma hatte damals immer gesagt: „Sei still, sonst wirste abgeholt!“ Die Angst vor der Gestapo und vor Denunzianten war sehr groß gewesen. Doch nun war endlich Frieden! Alle wollten den Frieden – auch in Westdeutschland. Doch dort sah man das nicht so gerne. Die Amerikaner verteilten kaugummikauend Apfelsinen an die Kinder, doch in der DDR wurde sehr schnell damit begonnen, die Landwirtschaft wieder in Schwung, und die Schieber hinter Gitter zu bringen. Und nun das! Was war los in Westdeutschland?

530331 Lehrpolizei

Eine Zeitungsmeldung:

  • Auf Befehl der jeweiligen Innenminister werden in Stuttgart und Düsseldorf Friedensorganisationen, Bürgerbüros, Zeitschriften-Verlage und die Wohnung eines Arztes von der Polizei überfallen, Büros werden durchwühlt, Wohnungen aufgebrochen, unbescholtene Bürger werden „auf Verdacht“ verhaftet…
  • der Landtagsabgeordnete von Nordhrein-Westfalen, Jupp Angenforth, wird in seiner Wohnung von einem Polizeikommando überfallen, eine Verwandte des Abgeordneten wird niedergeschlagen und erlitt eine Gehirnerschütterung…  (die westdeutsche Polizei in alter SA-Manier!)

Das also ist der westdeutsche Polizeiterror. (Und mal unter uns – wenn es so etwas in der DDR gegeben hätte, dann wären am nächsten Tag gewiß 10 cm große Schlagzeilen in der Bildzeitung erschienen… Die Grenzen waren offen, es ließ sich nichts verheimlichen!)

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2 Antworten zu Die andere Seite: Ein Blick nach Westdeutschland (1953)

  1. Johann Weber schreibt:

    Lieber Sascha, wieder ein sehr wertvolles Thema, „Staatsgewalt in der Alt-BRD gegen friedliebende Menschen“. Danke.

    Auch ich kann berichten, was mir bei meiner Aufarbeitung untergekommen ist.
    Im „Neuen Deutschland“ konnten die Menschen in der DDR über extreme staatliche Gewalt, gegen junge Menschen, stattgefunden auf dem Petersberg in Bonn.

    „Ein Augenzeuge berichtet dem „ND“ am 19.6.1951 von der großen Friedenskundgebung der FDJ in Westdeutschland
    Berlin (Eig. Ber.). Die große Friedensmanifestation der Jugend am vergangenen Sonntag auf dem Petersberg bei Bonn war ein kraftvoller Beweis für die Stärke der Friedenskräfte in Westdeutschland. Sie hat gezeigt, daß kein Terror verhindern kann, den Friedenswillen der deutschen Jugend selbst am Sitz der Kriegstreiber machtvoll zu demonstrieren, und daß kein Verbot die FDJ in Westdeutschland mundtot machen kann.
    Von einem Teilnehmer des Friedenstreffens: erhielten wir den ersten Augenzeugenbericht. Der Jugendfreund berichtet:
    „Während der Morgenstunden des Sonntags trafen wir mit mehr als 50 Omnibussen aus allen Teilen Westdeutschlands unterhalb des Petersberges ein. Unter dem Gesang von Jugend-, Kampf- und Fnedensliedern zogen wir zum Versammlungsort auf dem Petersberg [..] Um neun Uhr begann die Tagung der rund 3000 jungen Friedenskämpfer. […] Unsere vierstündige Tagung schloß mit einem Schwur der 3000 FDJ-ler, im Kampf gegen die Remilitarisierung und für den Frieden nicht nachzulassen, bis der Frieden für unser Volk und für die ganze Welt gesichert ist.
    Die aufgebotenen Hundertschaften der Lehr-Polizei (Lehr war Alt-BRD-Innenminister) wagten es nicht, unser Friedenstreffen zu stören. […] Erst als unsere Omnibusse einzeln fuhren, wagte sich die Polizei an uns heran. Gewaltsam zwangen sie die Omnibusse, in Richtung Königswinter zu fahren. Wir ließen uns durch die Polizei-„Begleitung“ nicht stören und fuhren singend durch die Ortschaften. Die Bevölkerung auf den Straßen gab auf unsere Rufe freudig Antwort und winkte uns freundschaftlich zu. In Königswinter wurden alle Omnibusse auf den Bahnhofsplatz dirigiert.
    Inzwischen hatten sich auf dem Bahnhofsplatz viele hunderte Einwohner eingefunden, die scharf gegen das Vorgehen der Polizei Stellung nahmen. Als die Polizeioffiziere feststellten, daß die Bevölkerung mit uns FDJ-lern solidarisch war, gaben sie Befehl, diese friedliebenden Menschen mit Gewalt vom Platz zu vertreiben. Dann wurde jeder einzelne Omnibus von Polizei umstellt. Die Schlägerkolonnen der Lehr-Polizei drangen nacheinander in die einzelnen Omnibusse ein und verlangten, daß wir unsere blauen Hemden ausziehen sollten. Wir weigerten uns, diese unerhörte, rechtswidrige Anordnung, zu befolgen. „Unsere blauen Hemden geben wir nicht her“, erklärten wir den Polizisten. Daraufhin gingen sie zu Tätlichkeiten über.
    Mir selbst erging es folgendermaßen: Ich wurde von sechs Polizisten gepackt und aus dem Omnibus gezerrt. Als es ihnen trotzdem nicht gelang, mir das Hemd auszuziehen, warfen sie mich auf die Erde und schlugen wild auf mich ein. Nach etwa zehn Minuten wurde ich von drei Polizisten wie ein Schwerverbrecher auf einen Polizeiwagen gestoßen. Später sah ich, daß man mit Mädchen dasselbe tat und ihnen auf offener Straße die Bluse vom Leibe riß. Viele FDJ-ler wurden blutig geschlagen.
    Die Bevölkerung war darüber aufs äußerste empört und wandte sich mit scharfen Worten gegen die Polizisten. Zu diesen Bestialitäten gab sich aber nur ein Teil der Polizei her. An dem Verhalten anderer Polizisten bemerkte man sehr deutlich, daß sie ihren Dienst mit Widerwillen ausübten und mit dem Verhalten der Schläger durchaus nicht einverstanden waren.
    Wie Vieh wurden wir Verhafteten auf Wagen zum nächsten Polizeirevier transportiert. Nach einigen Stunden mußten, alle Freunde freigelassen werden, da man uns keine Vergehen gegen eines der besteherden Gesetze nachweisen konnte.
    Die Maßnahmen der Polizei konnten in keiner Weise unsere Kampfkraft lähmen. Im Gegenteil, wir werden in Zukunft noch stärker und erfolgreicher für den Frieden kämpfen“

    Gleich zur Beruhigung aller, die jetzt sofort aufschreien, das ist DDR-Propaganda.
    Hier ein Auszug aus der Bundestagssitzung vom 20.6.1951, wo dieses brutale Vorgehen der Staatsorgane auf die Tagesordnung gesetzt wurde:

    Entnommen aus dem Protokoll zur Bundestagssitzung vom 20. Juni 1951
    „Präsident Dr. Ehlers: Das Wort hat der Herr Bundesminister des Innern.
    Dr. Dr. h. c. Lehr, Bundesminister des Innern: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Bundestagsabgeordnete Herr Renner hat es gewagt, vor dem Hause die unerhörte Provokation der Bundesregierung und die Verunglimpfung der von dem Hohen Hause erlassenen Gesetze und Verordnungen durch die verbotswidrige Tagung der FDJ im Siebengebirge in Schutz zu nehmen und zu rechtfertigen. Ich weise seine Angriffe auf die Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen, die hier zuständig war, mit aller Entschiedenheit zurück. (Beifall bei den Regierungsparteien.) [..]
    Wegen des Widerstandes gegen die Staatsgewalt (Zurufe von der KPD: Au, au!) ist entsprechend eingeschritten worden, und die Unruhestifter haben die gebührenden Prügel bekommen. (Beifall in der Mitte und rechts. — Erregte Zurufe von der KPD: Pfui, pfui, Herr Innenminister! Pfui, so ein Wort hier!) Aber das war nur das, was zur Brechung des Widerstandes notwendig war. (Andauernde Pfui-Rufe von der KPD.)“

    Vor zwei Jahren wurde mir dieses brutale Vorgehen bekannt. Ich forschte. Ich schrieb an die Gauck-Behörde und bat um Unterstützung:
    „bitte teilen Sie mir mit, ob es gegen Demonstranten oder überhaupt gegen Menschen vergleichbare Vorgänge in der DDR gegeben hat. Mit Vergleichbar meine ich, ob in der DDR auch mit solcher brachialer Gewalt Menschen niedergeknüppelt wurden.“

    Hier ein Auszug aus der Antwort:

    „Es sei dahingestellt, ob es Sinn macht, Opfer von Polizeigewalt zu vergleichen. Ich gebe aber diesbezüglich zu bedenken, dass in der alten BRD Demonstrationen grundsätzlich erlaubt waren; in der DDR dagegen gab es keine Demonstrationsfreiheit, und wenn Personen oder Gruppen dennoch versuchten zu demonstrieren, gab es unterschiedlichste Maßnahmen der repressiven Organe, dies vorbeugend zu unterbinden. Allein deshalb gab es eine unterschiedliche Menge von Demonstrationen und deshalb kann man nicht ohne weiteres vergleichen.
     
    Verallgemeinert: Die beiden deutschen Staaten vor 1989 waren fundamental unterschiedlich, der westliche eine Demokratie mit politischen Bürgerrechten und Menschenrechten in einer rechtsstaatlichen Ordnung; dem östlichen Staat fehlte all dieses, er war eine Diktatur.  
    Hinweise wie in Ihrer letzten oder in früheren Mails mögen partiell berechtigt sein; gewiss gibt es auch in einem Rechtsstaat kritikwürdige Zustände.“

  2. karovier schreibt:

    Hat dies auf karovier blog rebloggt und kommentierte:
    Eine Zeitungsmeldung, die Schlaglichtartig die Verhältnisse im westlichen Teil des gespaltenen Deutschland des Jahres 1953 erhellt, die heute vollständig aus den bundesdeutschen geschicntsbüchern getilgt wurden: „Lehr-Polizei wütet gegen Patrioten. Büros und Privatwohnungen werden durchsucht – Brutalität gegen Verhaftete.“ hieß es da,

    Auf Befehl der jeweiligen Innenminister wurden in Stuttgart und Düsseldorf Friedensorganisationen, Bürgerbüros, Zeitschriften-Verlage und die Wohnung eines Arztes von der Polizei überfallen, Büros wurden durchwühlt, Wohnungen aufgebrochen, unbescholtene Bürger wurden „auf Verdacht“ verhaftet…

    Vier Jahre nach Gründung der BRD, als die alten Nazis dort wieder fest in ihren Positionen saßen und der Antikommunismus zur herrschen Staatsdoktrin wurde.

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