Oktoberballade…

BalladeIch rufe die Lebenden. Ich beklage die Toten.
Ich breche die Kraft der Blitze.
(F. Schiller)

Ihnen ist unser Buch gewidmet…. schrieb Jelisaweta Drabkina über die Helden der russischen Revolution. Sie waren die ersten, die den Grundstein legten für den Aufbau einer neuen, gerechten Welt. Es war bisher immer nur eine Welt der Klassenkämpfe, der Kriege, der ständigen Unterdrückung und Ausbeutung. Und nun wurde es eine Welt des Aufbegehrens gegen das zaristische Regime, das vor keiner Grausamkeit zurückschreckte, das die Untertanen züchtigte, einkerkerte und oft jahrelang in die Verbannung schickte, um sie gefügig zu machen, sie zu einer Arbeit zwang, von der sie nur kärglich leben konnten. Und alle diese Suchenden, diese Unzufriedenen, entwickelten sich zu Revolutionären. Sie begannen ihre Welt zu verändern. Zuerst noch zögerlich, doch dann immer mutiger, zielstrebiger, herausfordernder… bis ihr Kampf schließlich Erfolg hatte. Sie jagten die verdammten Blutsauger, diese kapitalistischen Schmarotzer zum Teufel und wurden endlich selbst zu den Herrschern über Fabriken, Bergwerke und Minen. Es brach an die Epoche des Sozialismus in der Weltgeschichte – eine Ballade der Hoffnung und des Lebens…

Die beginnende innere Wandlung…

Die späteren Revolutionäre und Bolschewiki machten zuweilen schon als Halbwüchsige eine tiefe innere Wandlung durch und mußten mit vielem brechen: mit der Religion, den Freunden, gesellschaftlichen Bindungen, nicht selten mit Eltern und Familie. Wieviel Mut verlangte der erste Schritt auf diesem Weg! Zumeist bestand er in der Auflehnung gegen die Religion. Ohne „Gottes Strafe“ zu fürchten, aß man während der Fastenzeit verbotene Spei­sen, ging nicht in die Kirche oder Synagoge.

Gedankenanstöße…

Häufig war der Anstoß zu dieser veränderten Lebensweise ein Buch. Dabei mußte es sich durchaus nicht immer um ein illegales oder rein politisches Buch handeln. Bei der damaligen geistigen Enge und Heuchelei erschütterte jedes ehrliche, offene, vernünftige Wort.

Für Sergej Mickiewicz, einen Zögling der Nishegoroder Kadetten­anstalt „Graf Araktschejew“, war Turgenjews Roman „Neuland“ ein solches Buch. „Das Werk löste einen Aufruhr in mir aus“, schrieb er. Bis dahin ein getreuer Untertan des Zaren und streng gläubig, be­griff er, nachdem er den Roman gelesen hatte, „daß die Revolutio­näre keine Ungeheuer waren, sondern überzeugte Kämpfer für das Wohl des Volkes“. Dem Buch Turgenjews folgten streng verbotene Artikel des Literaturkritikers Pissarew; wurde ein Buch Pissarews von einem Schüler gefunden, mußte dieser die Lehranstalt verlassen. Der Eindruck war so stark, daß Sergej Mickiewicz auf die militäri­sche Laufbahn verzichtete und Revolutionär wurde.

Lesen – und über das Gelesene nachdenken…

Bestimmend für das weitere Leben waren bei vielen Arbeitern häu­fig legale Werke der schöngeistigen Literatur, die ihnen Bekannte zu lesen gaben, die auf die eine oder andere Weise mit der revolu­tionären Untergrundbewegung verbunden waren: Zolas „Germinal“ und Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, Gio­vagnolis „Spartakus“ und Nekrassows Poeme, Erckmann-Chatrians „Geschichte des Bauern“ und Gleb Uspenskis Skizzen. Besonders stark wirkten jedoch Bücher, aus denen der Leser hinter den Andeu­tungen, zu denen der Autor griff, um sein Werk durch die Zensur zu bringen, den revolutionären Inhalt herauslas.

…und dann aktiv werden!

Den Büchern folgten illegale Flugblätter und Broschüren: auf schlechtem Papier gedruckt, mit dünnem gelbem oder rosa Umschlag. Darin wurde berichtet, wie die Menschen in der kapitalistischen Ge­sellschaft leben.

„Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts muß­ten die Jugendlichen von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends arbeiten“, erinnert sich Grigori Petrowski. „Während des Frühstücks, des Mittagessens und anderer kurzer Pausen verschlangen wir gie­rig verbotene Broschüren und, was die Hauptsache war, gleich hier, auf den Gängen und neben den Werkbänken, erörterten wir das so­eben Gelesene. Außerdem übten wir uns täglich im praktischen Klassenkampf gegen die Diener des Kapitals; es galt aufzupassen, daß man nicht vom Meister, einem Vorgesetzten, einem Wächter oder einem der Polizeispitzel, die überall herumschnüffelten und uns ständig iiberwachten, mit einem Flugblatt oder einer Broschüre er­wischt wurde.“

Kommunistische Literatur

Die illegale Literatur rüttelte ihre Leser auf. Was die Menschen bis dahin erregt hatte, ihnen aber unverständlich geblieben war, begriffen sie jetzt. „Die erste verbotene Broschüre verschlang ich förmlich“, berichtete A. Schotman, Arbeiter im Nobel-Werk, später ein führender Partei­funktionär. „Dazu hatte ich mich während der Mittagspause in eine große leere Kiste verkrochen, die auf dem Fabrikgelände stand.“ Die Bekanntschaft mit der illegalen Literatur erweckte den Wunsch, Revolutionäre kennenzulernen und selbst Revolutionär zu werden. Dann folgte der illegale Zirkel. Dann die erste illegale Arbeit. Und dann kam der Tag, an dem der Teilnehmer eines illegalen Zirkels Parteimitglied wurde.

Lenins Weg

So erfolgte die Hinwendung zur Revolution bei jedem auf eigene Weise. Wladimir Uljanow hatte im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen eine sorgenfreie Kindheit. In seiner Familie gab es keinen Generationskonflikt. Die Bücher, die sich andere mühevoll beschaffen mußten, standen in den Regalen im Arbeitszimmer seines Vaters oder in der Bibliothek des älteren Bruders. In den Erinnerungen seiner Altersgefährten und Zeitgenossen taucht er als kleiner Gymnasiast mit aufgewecktem, intelligentem Jungengesicht, der waghalsig, verwegen und ausgelassen zu sein vermag, unter lautem Geschrei Indianer und andere wilde Spiele mit jüngeren Kindern spielt und zugleich, viel zu ernsthaft für sein Alter, über Fragen nachsinnt, die das Leben stellt….

(es folgt die Geschichte des tragischen und grausamen Schicksals der Familie Uljanow, die den jungen Wladimir binnen kurzem zu einem ernsten und gereiften Marxisten werden ließ…) 

Auszug aus dem Buch „Oktoberballade“ von J.Drabkina, Der Kinderbuchverlag Berlin, 1984, S.19-21.

Siehe auch: J.Drabkina „Auf dem Weg zur Revolution“

 

 

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