Ursula Wertheim: Friedrich Schiller und die fortschrittliche Nachwelt

SchillerDie in der DDR geschaffenen Bildbiografien haben vor allem große Vertreter unseres nationalen kulturellen Erbes und unserer revolutionären Traditionen zum Gegenstand. So auch die im Jahre 1978 im VEB Bibliographisches Institut Leipzig erschienene Biografie von Friedrich Schiller. Darin schildert, illustriert mit zahlreichen Abbildungen, die hervorragende Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin Prof. Dr. sc. Ursula Wertheim (1919-2006) in anschaulicher Weise das Leben und Wirken des großen deutschen Dichters Friedrich Schiller. In der DDR erfuhr das fortschrittliche Denken Schillers völlig zurecht eine hohe Wertschätzung. Zurecht erwies sich die DDR stets als rechtmäßige und würdige Erbin alles gesellschaftlichen Fortschritts in der deutschen Geschichte. Hier nun ein kurzer Auszug aus diesem Buch:

Zur Bedeutung Schillers in der deutschen Nationalliteratur

Heine würdigte Schiller in seinem Werk „Die Romantische Schule“ (1836):

„Ihn, den Friedrich Schiller, erfaßte lebendig der Geist seiner Zeit; er rang mit ihm, er ward von ihm bezwungen, er folgte ihm zum Kampfe, er trug sein Banner, und es war dasselbe Banner, worunter man auch jenseits des Rheines so enthusia­stisch stritt, und wofür wir noch immer bereit sind, unser bestes Blut zu vergießen. Schiller schrieb für die großen Ideen der Revolution, er zerstörte die geistigen Bastillen, er baute an dem Tempel der Freiheit, und zwar an jenem ganz großen Tempel, der alle Nationen gleich einer einzigen Brüdergemeinde um­schließen soll; er war Kosmopolit. Er begann mit jenem Haß gegen die Vergangenheit, welchen wir in den ,Räubern‘ sehen. wo er einem kleinen Titanen gleicht, der aus der Schule gelau­fen ist und Schnaps getrunken hat und dem Jupiter die Fenster einwirft; er endigte mit jener Liehe für die Zukunft, die schon im ,Don Carlos‘ wie ein Blumenwald hervorblüht, und er selber ist jener Marquis Posa, der zugleich Prophet und Soldat ist, der auch für das kämpft, was er prophezeit, und unter dem spanischen Mantel das schönste Herz trägt, das jemals in Deutschland geliebt und gelitten hat.“

Revolutionäre Gedanken in Schiller „Wilhelm Tell“

Im Sinne Heines eig­neten sich die deutschen Demokraten von 1848 das dramatische Werk Schillers an. „Wilhelm Tell“ wurde durch das Theater in Karlsruhe als erste Vorstellung während der Revolution in Baden gegeben. In Nürnberg wurde am 18. Januar 1849 zur ,,Feier der Verkündigung der Grundrechte des deutschen Vol­kes“ ebenfalls „Wilhelm Tell“ gespielt.

Ein Nationalfest und nationalistische Verfälschungen

Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag im Jahre 1859 wurde von den fortschrittlichen Demokraten zum Anlaß genommen, ein Nationalfest zu gestalten. … Damals bot sich ein Schauspiel, „das die Geschichte noch nicht kannte: das immer zerrissene deutsche Volk in geschlossener Einheit durch ihn, seinen Dichter“, so heißt es in Thomas Manns Festrede vom Mai 1955. Aber dieses Schillerfest 1859 trug bereits die Keime einer nationalistischen Verfälschung des Schillerschen Werkes in sich, die in den folgenden Jahrzehnten traurig aufgehen sollten.

Gefährlicher Mißbrauch des nationalen Gedankens

Bereits 1870/71, während des Krieges Preußen-Deutschlands gegen Frankreich, gestaltete Wilhelm Raabe den gefährlichen Mißbrauch der progressiven nationalen Gedanken Schillers zu nationalistischer Verhetzung in seiner Erzählung „Der Dräumling“. Er prangert hier einen ideologi­schen Sumpf, die spießige, reaktionäre „Aneignung“ Schillers anläßlich der Schillerfeiern durch Vertreter einer profitgierigen, geistig verarmten und beschränkten Bourgeoisie an, die ohne jedes Recht den Dichter für sich reklamiert.

Franz Mehring: Eine Richtigstellung

Diese Inanspruch­nahme der Klassiker von seiten der Bourgeoisie hatte in der Tat zur Folge, daß Goethe wie Schiller manchen Angehörigen der deutschen Arbeiterklasse fremd waren. So heißt es bei Mehring („Deutsche Geschichte vom Ausgang des Mittel­alters“) :

„Nach seinem Tode wurde Schiller der gefeierte Lieblings­dichter der Nation. Die bürgerliche Klasse hob ihn auf den Schild, weniger wegen dessen, was er tatsächlich gesagt und gesuugcn hat, als was sie in seine Werke hineinlegte. Schiller wurde der liberale, der nationale, der ideale Dichter, von Gnaden der bürgerlichen Klasse und im Sinne ihrer Tenden­zen.“

Es ist das Verdienst Franz Mehrings, daß er mit seinem Buch über Schiller (1909), „Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter“, dieser Fremdheit entgegentrat, sie zu beseitigen suchte. Der Schlußsatz in diesem Buch lautet:

„Durch das babylonische Sprachengewirr, das in den herr­schenden Klassen zum hundertsten Todestag Schillers lärmt, hört die Arbeiterklasse klar und rein den Grundton seines dich­terischen Schaffens im Gelingen und auch im Verfehlen: Die Hoheit der Gesinnung, die sich siegreich erhebt über alle Skla­verei.“

Klassikfeindliche Tendenzen

Auch Clara Zetkin vertrat die Auffassung, nicht die Bourgeoisie, vielmehr die deutsche Arbeiterklasse sei die wahre Erbin des Vermächtnisses der Klassiker, und bekämpfte damit klassikfeindliche Tendenzen in der Sozialdemokratie.

Daß Schillers nationale Ideen, sein politisches Pathos im wil­helminischen Deutschland nationalistisch und in der Hitlerzeit faschistisch-chauvinistisch umgefälscht wurden, hatte als Reak­tion zur Folge, daß bürgerliche Literaturwissenschaftler der BRD und der Schweiz aus der berechtigten Ablehnung dieser Verfälschung in ein entgegengesetztes Extrem verfielen. Sie leugnen die nationalen Züge dieser Dichtung und versuchen, Schiller zum „Kosmopoliten“ moderner Prägung umzustem­peln. Damit wird, bewußt oder unbewußt, eine nicht minder gefährliche Entstellung seines Werkes bewirkt, die mit der Krisensituation der bürgerlichen Intelligenz „westlicher“ Länder der in der Ära des Monopolkapitalismus und eines ihm entsprechenden modernen „Kosmopolitismus“ nationfeindlicher Prägung aufs engste zusammenhängt.


Goethe und Schiller schufen Weltliteratur

Wie Goethe den Begriff der „Weltliteratur“ aus dem Begriff der spezifischen Nationalliteraturen entwickelte, so ist Schillers Werk, das der Nachwelt wie der Mitwelt, der Menschheit wie der eigenen Nation gehört, nur verständlich als das Werk eines deutschen Dichters. Er wie Goethe waren ihrer deutschen Nation tief verbunden, wenn sie auch den beschränkten Lokalpatriotismus der „polierten Nation“ niemals teilten. Das von Schiller hinterlassene Gedichtfragment „Deutsche Größe“, in der Zeit tiefster politischer Erniedrigung Deutschlands entworfen, betont den Unterschied zwischen der deutschen Nation und ihren Fürsten, zwischen „polierter“ und „charakteristischer“ Nation:

„Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte eines Fürsten … sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation.“

Und an einer zweiten Stelle:

„Deutschlands Majestät und Ehre
Ruhet nicht auf dem Haupt seiner Fürsten.“

Damit wird auch jenes Goethe-Schiller-Xenion erklärt, das so gern zum Beweis für den „Kosmopolitismus“ der Klassiker an­geführt wird:

DEUTSCHER NATIONALCHARAKTER
„Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“

Dieses Distichon spricht eine tiefe Resignation aus: Es er­scheint unmöglich, in absehbarer Zeit die Kleinstaaterei zu überwinden.

Der Klassencharakter in den „Xenien“ bei Schiller

Ein zweites, ergänzendes Xenion, „Das Deutsche Reich“, schließt unmittelbar daran an. Es wird – bei Hervor­hebung des anderen – gern verschwiegen, weil es den histo­rischen Widerspruch, die klassenbedingte Kluft zwischen politi­scher und kultureller, zwischen „polierter“ und „charakteristi­scher“ Nation, zwischen feudaler Herrenschicht und bürgerlich-­demokratischem Volk eindeutig zum Ausdruck bringt:

„Deutschland? Aber wo liegt es?
Ich weiß das Land nicht zu finden,
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

In diesem Xenion ist nicht nur dem Wunsch nach Überwindung der staatlichen Zerrissenheit Ausdruck gegeben, sondern dar­über hinaus der Sehnsucht nach Beseitigung des Klassengegen­satzes zwischen schaffendem Volk und politischer Reprä­sentanz.

Gesellschaftlicher Internationalismus bei Schiller

Diese nationale Komponente ist aber dialektisch verknüpft mit der internationalen; wie am Beispiel des „Don Carlos“ und des Liedes „An die Freude“ entwickelt wurde, bilden Volksverbundenheit und Völkerfreundschaft wechselseitig wirksame Faktoren, prägen bürgerliches Natio­nalbewußtsein und weltbürgerliche Gesinnung. Deshalb hat auch das Werk Schillers eine so starke weltweite Wirkung gehabt besonders bei Völkern in Perioden ihrer Kämpfe um nationale Unabhängigkeit und gegen soziale Unterdrückung. Die Übersetzung Schillerscher Werke in fast alle wichtigen Sprachen der Welt beweisen seine internationale Popularität.

Schillers Tod und sein Lebenswerk

Am 9. Mai 1805 beendete ein allzu früher Tod Schillers jahrelangen Kampf mit schweren Krankheiten. Einem ent­behrungsreichen Leben, widrigen Umständen hatte er immer erneut bewundernswerte Leistungen abgerungen, immer von neuem dem Schicksal in den Rachen gegriffen.

„Das Publikum ist mir jetzt alles, mein Studium, mein Souverän, mein Ver­trauter … Vor diesem und keinem anderen Tribunal werde ich mich stellen … Etwas Großes wandelt mich an bei der Vor­stellung, keine andere Fessel zu tragen als den Ausspruch der Welt – an keinen anderen Thron mehr zu appellieren als an die menschliche Seele.“

Mit diesen Worten stellte er sich in der An­kündigung der „Rheinischen Thalia“ 1784 der Öffentlichkeit vor. Er wurde im goetheschen Sinne zum „Repräsentanten der Nation“, der das, „was die Nation will, wünscht, vermag, mit Geist und Kraft“ aussprach.

Quelle:
Ursula Wertheim: „Friedrich Schiller“, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1978, S.158-168 (gekürzt, N.G.)


Schiller war durchaus kein „Kosmopolit“, wie westdeutsche Literaturprofessoren ihn gern sehen möchten. Er war ein Visionär und fortschrittlicher Denker. Davon zeugt auch der folgende Textauszug aus dem Prolog zu Schllers „Wallenstein“:

Schiller2


Was ist Kosmopolitismus?

Kosmopolitismus: Bezeichnung für Anschauungen und Theorien über die Nation und die Beziehun­gen der Nationen zueinander, nach denen die Nation eine überlebte Erscheinung sei und durch überna­tionale Zusammenschlüsse ersetzt werden müsse. Während der Kosmopolitismus in der Periode der Herausbildung der bürgerlichen Nationen eine relativ fortschrittliche Rolle spielte, weil er sich hauptsächlich gegen natio­nale Abgeschlossenheit und Bor­niertheit wandte, ist er in der Ge­genwart zu einer reaktionären Ideologie geworden, die dem Im­perialismus als Mittel dient, andere Nationen unter dem Aushänge­schild der Integration zu unter­drücken. Der Kosmopolitismus bedient sich sol­cher Schlagworte wie »Abendland«, »Europa-Idee« und untergräbt das Nationalbewußtsein der Nationen. Dadurch hilft er den mächtigsten imperialistischen Staaten, ihre Welt­herrschafts- oder Vorherrschafts­pläne zu begründen. Insofern er­weist sich der Kosmopolitismus als eine beson­dere, verschleierte Form des Na­tionalismus.

Quelle:
Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, Dietz Verlag Berlin, 1985, S..299f.

 

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Eine Antwort zu Ursula Wertheim: Friedrich Schiller und die fortschrittliche Nachwelt

  1. giskoe schreibt:

    „Kabale und Liebe“ war im Literaturunterricht in den allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen der DDR die erste Schillersche Pflichtliteratur vor der Wallenstein-Trilogie in der Abiturstufe.

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