Fred Oelßner: Der einzig mögliche Weg zum Sozialismus

Fred_OelßnerDen folgenden Text schrieb Genosse Fred Oelßner im Jahre 1948, also kurz nach Beendigung des 2. Weltkriegs. Schon damals zeichnete sich ab, daß in Jugoslawien nach anfänglichen sozial-ökonomischen Reformen, der Agrarreform und der Überführung der wichtigsten Produktionmittel in Volkseigentum, vom sozialistischen Entwicklungsweg abgewichen worden war. Die am 27. Juni 1950 in den sozialistischen Betrieben eingeführte Selbstverwaltung der Unternehmen führte zur Einschränkung der zentralen staatlichen Planung. Ein sichtbares Zeichen der völligen Abkehr vom Sozialismus, war dann auch, daß „Marschall Tito“ im August 1954 sein Land in den imperialistischen Balkan-Pakt führte, wofür „Jugoslawien – gewissermaßen als Belohnung für diesen klaren Übertritt ins Lager des Imperialismus – mit Waffen aus den USA beliefert wurde.“ [1] Der Weg führte wieder in den Faschismus. Angesichts dessen sind die Überlegungen des Genossen Oelßner auch für die Gegenwart von Bedeutung.

Der Marxismus der Gegenwart

Unterschiedliche Wege zum Sozialismus nach 1945

Die Veränderungen, die nach dem zweiten Weltkrieg eingetreten sind, haben auch die Frage des Weges zum Sozialismus auf neue Art gestellt. Der Krieg schuf eine eigenartige Situation, die in der großen Unterschiedlichkeit der Lage in den verschiedenen Ländern zum Ausdruck kommt. In einer Reihe von Ländern wurden die Volksdemokratien ge­schaffen. Damit war in diesen Ländern die Möglichkeit einer relativ friedlichen Entwicklung zur proletarischen Herrschaft der Arbeiter­klasse gegeben. Das heißt nicht, einer Entwicklung ohne Klassen­kampf, im Gegenteil, der Klassenkampf wird sich weiter ver­schärfen. Aber die Volksdemokratie hat es möglich gemacht, den Übergang zur proletarischen Diktatur ohne bewaffneten Aufstand zu vollziehen, da die Ausbeuterklassen keine Möglichkeit mehr haben, die Staatsmacht gegen das werktätige Volk zu benutzen.

Einmischung anglo-amerikanischer Armeen

Auch in Frankreich und Italien wurde nach der Befreiung die volksdemokratische Entwicklung eingeleitet. Sie konnte jedoch in diesen Ländern nicht zur Entfaltung kommen, weil die anglo-ame­rikanischen Armeen sich direkt in die inneren Angelegenheiten dieser Länder einmischten, die demokratischen Kräfte knebelten und für die Wiedererrichtung einer bürgerlichen Staatsmacht sorgten. Seitdem hat in diesen Ländern eine rückschrittliche Be­wegung begonnen, die reaktionären, profaschistischen Kräfte ge­winnen immer mehr die Oberhand. Ebenso wurde in Griechenland der Sieg der antifaschistisch-demokratischen Kräfte durch das militärische Eingreifen britischer Truppen verhindert und das Land in einen langwierigen Bürgerkrieg gestürzt.

Wie war die Situation in Deutschland?

In Deutschland war die Lage wiederum anders. Die Wider­standsbewegung war hier so schwach, daß sie nicht wesentlich zum Sturze Hitlers beitragen, geschweige denn eine volksdemokratische Revolution durchführen konnte. Deutschland, als Hauptherd des Faschismus, wurde restlos besetzt und in vier Zonen aufgeteilt. Die oberste Regierungsgewalt blieb bei den Besatzungsbehörden.

In den westlichen Besatzungszonen wurde die Entfaltung der demokra­tischen Kräfte und besonders der Arbeiterbewegung durch die Besatzungsbehörden gehemmt und die Erhaltung und Erstarkung der reaktionären Kräfte gefördert, so daß diese Leute wieder die entscheidenden Machtpositionen innehaben. Nach mehr als drei Jahren Besatzungszeit war dort wiederum ein bürgerlich-reaktionärer Staatsapparat aufgebaut worden, der die Herrschaft des auslän­dischen und inländischen Monopolkapitals sichert. Von einer demokratischen Entwicklung kann in West- und Süddeutschland keine Rede sein.

Dagegen konnten sich in der Ostzone Deutschlands dank der Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht die demokra­tischen Kräfte unter der Führung der Arbeiterschaft frei ent­falten. Obwohl in Deutschland keine volksdemokratische Revolution stattgefunden hat, war es in der Ostzone doch möglich, eine demo­kratische Staatsordnung zu errichten, in der die Arbeiterklasse den entscheidenden Einfluß besitzt. Die demokratischen Kräfte konnten hier mit den Nazis, Junkern und Monopolkapitalisten aufräumen und mit der demokratischen Bodenreform und den volkseigenen Betrieben der demokratischen Entwicklung ein festes ökonomisches Fundament geben. Damit war auch in der Ostzone Deutschlands die Möglichkeit vorhanden, ohne bewaffnete Auseinandersetzungen von der völligen demokratischen Erneuerung zur politischen Macht der Arbeiterklasse als Voraussetzung für den Sozialismus überzugehen.


Die nationalen Besonderheiten

Die Entwicklung ist also in den verschiedenen Ländern ent­sprechend ihren besonderen Verhältnissen verschieden verlaufen. Auch dort, wo eine im wesentlichen gleichartige Entwicklung ein­trat, wie in den Ländern der Volksdemokratien, nahm sie doch verschiedene Formen an und ging in sehr unterschiedlichem Tempo vor sich. Das führte zu der Annahme, daß es auch besondere, national verschiedene Wege zum Sozialismus gebe, einen national­bulgarischen, einen nationaljugoslawischen oder einen besonderen deutschen Weg.

Gibt es einen „demokratischen Weg“ zum Sozialismus?

In diesem Zusammenhange wurde auch von einem „demokratischen“ oder „friedlichen“ Wege zum Sozialismus gesprochen. Darunter wurde nicht nur die Möglichkeit verstanden, daß die volksdemokratischen Länder leichter, schmerzloser zum Sozialismus kommen können als Rußland nach der Oktoberrevolu­tion (was durchaus richtig ist), sondern hinter der Auffassung von dem besonderen friedlichen Weg verbarg sich auch oft die Auf­fassung, die Arbeiterklasse dieser Länder könne ohne Klassenkampf und ohne Diktatur des Proletariats zum Sozialismus gelangen. Und diese Auffassung ist falsch und sehr gefährlich.

Das traurige Beispiel Jugoslawiens

Das haben beson­ders drastisch die Fehler der Führer der Kommunistischen Partei Jugoslawiens bewiesen. Auf ihrem „besonderen jugoslawischen Wege“ kamen sie zur Aufgabe der führenden Rolle der Arbeiter­klasse, zur Verwischung der Differenzierung in der Bauernschaft, zu der schädlichen Theorie der Abschwächung des Klassenkampfes in der Übergangsperiode, des Hineinwachsens der kapitalistischen Elemente auf dem Lande in den Sozialismus und zum Verzicht auf die führende Rolle der Kommunistischen Partei. Schließlich landeten die führenden Kommunisten Jugoslawiens auf diesem besonderen Wege im Lager des bürgerlichen Nationalismus. Diesel traurige Beispiel sollte allen marxistisch-leninistischen Parteien eine ernsthafte Warnung sein.

Die Gefähr­lichkeit des besonderen nationalen Weges

Es ist das Verdienst der Kommunistischen Partei der Sowjet­union und besonders Stalins, die Fehler der führenden jugosla­wischen Kommunisten rechtzeitig enthüllt zu haben. Sie haben damit der internationalen Arbeiterbewegung geholfen, die Gefähr­lichkeit der „Theorie“ des besonderen nationalen Weges zu erkennen und verhängnisvolle Fehler zu vermeiden. Es gibt keinen besonderen jugoslawischen, keinen besonderen deutschen und auch keinen besonderen europäischen Weg zum Sozialismus, der sich grundsätzlich vom russischen Weg unter­scheidet. Es gibt nur einen Weg zum Sozialismus, den revolutio­nären Weg, „den Weg des Sieges der überwiegenden Massen der Werktätigen über die Klasse der Ausbeuter unter der Führung des Proletariats“. [2]


Was ist der richtige Weg zum Sozialismus?

Der Weg, den das russische Proletariat im Bündnis mit den werktätigen Bauern 1917 unter der Führung Lenins und Stalins einschlug, war kein „besonderer russischer Weg“. Es war der Weg, den Marx und Engels dem internationalen Prole­tariat gewiesen hatten. Dieser Weg führte von der Zerschlagung des alten Staatsapparates im bewaffneten Aufstand zur Diktatur des Proletariats, er führte über die Nationalisierung der Produk­tionsmittel zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft mittels der sozialistischen Planwirtschaft. Diesen Weg werden alle Völker zum Sozialismus gehen müssen.

Die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats

Wenn in einer Reihe von Ländern (den Volksdemokratien und der Ostzone Deutschlands) die Zerschlagung des alten Staatsapparates nicht mehr nötig ist, so eben deshalb, weil dieser Staatsapparat bereits von der Sowjetarmee zerschlagen wurde. Dies bedeutet nicht einen „besonderen Weg“, sondern ist im Gegenteil eine neue Bestätigung der marxistisch-leninistischen Lehre, daß der bürgerliche Staatsapparat vom Proletariat nicht übernommen oder erobert werden kann, sondern zerbrochen werden muß.

Die Diktatur des Proletariats

Nachdem diese Aufgabe erfüllt ist, werden auch die volks­demokratischen Länder den gleichen marxistisch-leninistischen Weg gehen müssen, der über die Diktatur des Proletariats, die Natio­nalisierung der Produktionsmittel und die Planwirtschaft zum Sozialismus, das heißt zur Beseitigung der Ausbeuterklassen führt. Dies wird in allen Ländern ein Weg des schärfsten Klassenkampfes sein. Die Bewegung wird in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten verschiedene Formen annehmen, besonders Organe des Staates werden verschiedene Formen haben, aber Grundzüge werden dieselben sein.


Gibt es einen „besonderen Weg“ zum Sozialismus?

Die „Theorie des besonderen Weges“ stützt sich auf einige Sätze von Lenin, der im Jahre 1916 schrieb:

„Alle Völker werden zum Sozialismus gelangen, das ist unaus­bleiblich, aber sie werden dahin nicht auf ganz dem gleichen Wege gelangen, jedes wird dieser oder jener Form der Demo­kratie, dieser oder jener Abart der Diktatur des Proletariats, diesem oder jenem Tempo der sozialistischen Umgestaltung der verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Lebens seine Eigen­art verleihen. Nichts wäre theoretisch kläglicher und praktisch lächerlicher als ,im Namen des historischen Materialismus‘ in dieser Hinsicht ein Zukunftsbild in monotonem Grau zu malen.“ [3]

Ist es nicht klar, daß diese Worte gerade gegen die Theorie des „besonderen Weges“ zeugen?

Die Wege zum Sozialismus sind im wesentlichen gleich

Lenin spricht davon, daß die Völker „nicht auf ganz (!!) dem gleichen Wege“ zum Sozialis­mus gelangen. Damit ist klar gesagt, daß sie, wenn auch nicht auf ganz dem gleichen Wege, so doch auf sehr ähnlichem, im wesentlichen g1eichem Wege dorthin gelangen. Daraus einen „be­sonderen deutschen Weg“ zu konstruieren, ist, gelinde gesagt, eine sehr willkürliche Kommentierung des Gedankens Lenins. In keiner Weise fassen die Leninschen Sätze aber die Schlußfolgerung zu, der besondere deutsche Weg könne darin bestehen, die Herrschaft der Arbeiterklasse, d.h. die Diktatur des Proletariats zu umgehen. Denn Lenin erklärt ausdrücklich, daß die Völker auf ihrem Wege zum Sozialismus „dieser oder jener Abart der Diktatur des Prole­tariats“ Form verleihen werden.

Lenin in „Staat und Revolution“

Ich könnte unzählige Beispiele aus den Werken Lenins dafür anführen, daß die wesentlichen Grund­züge der russischen Revolution für alle Länder Gültigkeit haben. In seiner Schrift „Staat und Revolution“ schreibt Lenin:

„Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muß natürlich eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der poli­tischen Formen hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das eine sein: die Diktatur des Proletariats.“ [4]

Lenin in „Der linke Radikalismus…“

Jahre später schrieb Lenin in „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“:

„Jetzt liegt uns bereits eine recht beträchtliche internationale Erfahrung vor, die mit größter Bestimmtheit davon zeugt, daß einige Grundzüge unserer Revolution nicht örtliche, nicht spezifisch nationale, nicht allein russische, sondern internationale Bedeutung haben.“ [3]

Ist es nach all dem nicht klar, daß sich die These von einem besonderen nationalen Wege zum Sozialismus nicht mit dem Geiste des Leninismus verträgt?


Einige Besonderheiten der DDR

Wenn wir die These vom besonderen deutschen Weg zum Sozialismus als falsch und schädlich ablehnen, so darf dabei jedoch nicht übersehen werden, daß heute tatsächlich einige grundlegende Besonderheiten gegenüber der Lage in Rußland 1917 bestehen. Diese Besonderheiten sind vor allem:

  1. Das Vorhandensein der Sowjetunion als sozialistische Groß­macht und als feste und zuverlässige Stütze der revolutionären Bewegungen in allen Ländern. Daraus ergibt sich, daß der Übergang zum Sozialismus leichter sein wird als in Rußland, da alle folgen­den Länder sich auf die Hilfe der Sowjetunion stützen können. Die russischen Arbeiter und Bauern hatten 1917 keinen solchen starken Bundesgenossen.
  2. Die Tatsache, daß in einer Reihe von Ländern mit der Ver­nichtung des Faschismus zugleich der alte reaktionäre Staats­apparat zerschlagen wurde. Er wurde durch einen demokratischen Staatsapparat ersetzt, in dem die Arbeiterklasse entscheidenden Einfluß besaß. Dadurch war der Ausbeuterklasse die Möglichkeit genommen, die Staatsmacht gegen die Arbeiter in Bewegung zu setzen. Unter diesen Bedingungen war es möglich, die politische Herrschaft der Arbeiterklasse ohne bewaffneten Volksaufstand zu errichten.
  3. Eine weitere Besonderheit der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands besteht darin, daß dieser Teil Deutschlands von der Sowjetmacht besetzt ist, die den demokratischen Aufbau nicht störte (wie die Besatzungsmächte im Westen), sondern ihn aktiv förderte. Dadurch war es möglich geworden, die demokratische Neu­gestaltung zur Vollendung zu bringen und darüber hinaus zur politischen Herrschaft der Arbeiterklasse vorwärts zu schreiten.

Wenn wir diese drei Besonderheiten zusammenfassen, so zeigt sich, daß sie alle den Sieg der Großen Sozialistischen Oktober­revolution im Jahre 1917 zur Grundlage haben. In der Tat wurde ja durch diese Revolution die Epoche des Sozialismus eingeleitet. ­Seit dem Jahre 1917 kann der Übergang zum Sozialismus in einem beliebigen Lande nichts anderes sein als die Fortsetzung, die zweite Etappe des damals begonnenen welthistorischen Umwandlungsprozesses.

Schließlich kommt für uns als vierte Besonderheit noch hinzu, daß Deutschland durch die westlichen Besatzungsmächte und ihre Agenten gespalten wurde. Aber trotz dieser Besonderheiten können wir nicht von einem besonderen deutschen Weg zum Sozialismus sprechen.


Der einzig mögliche Weg zum Sozialismus

Wie war das in Westdeutschland?

In den west­lichen Besatzungszonen wurde der alte Staatsapparat wieder errichtet, der immer mehr reaktionären Charakter annahm. Der Weg, den die Werktätigen dort zum Sozialismus gehen müssen, wird im wesentlichen der gleiche sein, den die Werktätigen Frankreichs und Italiens gehen. Er führt nur über die Zerschlagung des bürgerlich-reaktionären Staatsapparates zur Errichtung der poli­tischen Macht der Arbeiterklasse.

Wie war das in der DDR?

In der Ostzone war, wie schon gesagt, der Übergang zur poli­tischen Macht der Arbeiterklasse und zum Sozialismus leichter, schmerzloser und im wesentlichen unblutig. Und dennoch war dies kein besonderer deutscher Weg, denn erstens traf dies nur auf einen Teil Deutschlands zu, und zweitens galt es auch für eine ganze Reihe anderer Länder (die Volksdemokratien), in denen ebenfalls kein bürgerlicher bürokratischer Staatsapparat bestand. Und dieser Weg war insofern auch kein besonderer Weg, als es ein revolutionärer Weg war. Er war nicht „fried­lich“, es sei denn in dem Sinne, daß er ohne große bewaffnete Kämpfe gegangen werden konnte. Aber es war ein Weg der schärfsten Klassenkämpfe.

Wie war das in Jugoslawien?

Es ist eine gefährliche Illusion (der z.B. die führenden Kommunisten in Jugoslawien verfallen waren), zu glauben, der Übergang zur Herrschaft der Arbeiterklasse und zum Sozialismus führe zu einer Abschwächung des Klassenkampfes. Im Gegenteil, je mehr die Ausbeuterklassen fühlen, daß ihre Herrlich­keit zu Ende geht, um so fester werden sie sich an ihre Vorrechte klammern, um so verzweifelter wird ihr Widerstand. Dies bekamen wir schon bei der Durchführung des Zweijahrplanes zu spüren, der noch kein Plan des sozialistischen Aufbaus war. Die Feinde der Arbeiterklasse wendeten alle Mittel an, um die Durchführung dieses Planes zu verhindern. Um wieviel mehr wuchs ihr Widerstand, nachdem die Arbeiterklasse ihre politische Herrschaft errungen hatte und an den Aufbau des Sozialismus ging!

Warum gibt es keinen dritten Weg zum Sozialismus?

Es ist auch falsch, dem einzig möglichen revolutionären Weg zum Sozialismus einen besonderen demokratischen Weg entgegen­zustellen. Diese Auffassung beruht auf der undialektischen Gegen­überstellung von Demokratie und Diktatur, sie haftet noch an der formalen, bürgerlichen Auffassung der Demokratie. Es gibt nichts, was demokratischer wäre als die revolutionäre Aktion der Volks­massen. Der revolutionäre Weg zum Sozialismus ist der demokra­tische Weg, denn er bedeutet, daß die Volksmassen selbst ihr Geschick entscheiden. Die Diktatur des Proletariats, die das Wesen des revolutionären Weges ist, bedeutet zugleich eine höhere Form der Demokratie, die proletarische Demokratie, die, wie Lenin immer wieder betonte, millionenfach demokratischer ist als jede bürgerliche Demokratie.

Wie beurteilte die SED den „deutschen Weg“?

Aus allen diesen Erwägungen heraus verurteilte der Parteivorstand auf seiner 13. Tagung einstimmig die Theorie des „besonderen deutschen Weges“. In der vom Parteivorstand an­genommenen Entschließung hieß es über den Weg, den wir in der Ostzone eingeschlugen:

„Der damit beschrittene Weg ist kein besonderer deutscher Weg zum Sozialismus, der ein friedliches Hineinwachsen in den Sozialismus möglich machen könnte. Der Versuch, einen solchen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus zu gehen, würde dazu führen, das große historische Beispiel der Sowjetunion zu mißachten, die Grundlagen des Marxismus-Leninismus über die Fragen des Sieges des Sozialismus aufzugeben. Es würde ein Abgleiten in den westeuropäischen Scheinsozialismus, das heißt in den Opportunismus und Nationalismus, sein. Unser Weg zum Sozialismus ist ein revolutionärer Weg, der die Möglichkeit erschließt, über die Vollendung der demokratischen Erneuerung hinauszugehen und die politische Herrschaft der Arbeiterklasse als Voraussetzung für den Sozialismus zu errichten.“

Was ist der einzig mögliche Weg zum Sozialismus?

Die Theorie des „besonderen deutschen Weges zum Sozialis­mus“ ist aber nicht nur falsch, sondern auch außerordentlich ge­fährlich. Anton Ackermann schrieb darüber in seinem Aufsatz „Der einzig mögliche Weg zum Sozialismus“:

„Diese Theorie gibt ausgezeichnete Möglichkeiten für feindliche Agenten in den eigenen Reihen, für Schumacher-Anhänger, für nationalistische und chauvinistische Elemente, ihr schmutziges Handwerk zu betreiben, dabei geschickt ihr wirkliches Antlitz hinter den ,besonderen nationalen Bedingungen‘, dem angeb­lichen ,besonderen nationalen Weg‘ verbergend. So wird diese Theorie zu einem Spalt, durch den Nationalismus und Antibolsche­wismus bis in die Reihen unserer Partei eindringen können. Diese Theorie von einem ,besonderen deutschen Weg‘ bedeutet zweifellos eine Konzession an die starken antisowjetischen Stimmungen in gewissen Teilen der deutschen Bevölkerung; sie bedeutet ein Zurückweichen vor der wilden antikommunistischen Hetze, wie sie in Dentschland besonders kraß im Zusammenhang mit der Vereinigung der KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei einsetzte. Diese Theorie enthält das Element einer Abgrenzung von der Arbeiterklasse und von der bolsche­wistischen Partei der Sowjetunion, ganz unbeschadet, ob man sich dessen bewußt war oder nicht, ob es beabsichtigt war oder nicht. Die Theorie von einem besonderen deutschen Weg zum Sozialismus läßt dem Antibolschewismus Raum, statt ihn ent­schieden und mit aller Kraft zu bekämpfen.“ [4]

Der Klassenkampf verschärfte sich

Die Klärung dieser Frage durch unsere Partei ist ein neuer Beweis für die Fruchtbarkeit der marxistisch-leninistischen Theorie, die uns die Mittel in die Hand gibt, alle komplizierten Fragen zu lösen, die uns die Geschichte stellt. Wenn die Partei bei der Lösung dieser Frage von der Erkenntnis ausging, daß sich der Klassen­kampf auch in der Vorbereitung des Übergangs zur politischen Herrschaft der Arbeiterklasse verschärft, so besteht jetzt eine der dringendsten Aufgaben der marxistisch-leninistischen Theorie darin, diesen Klassenkampf in seiner Vielgestaltigkeit zu analy­sieren und dabei zugleich zu untersuchen, wie der revolutionäre Weg zum Sozialismus, den die marxistisch-leninistische Wissen­schaft aufzeigt, sich in den konkreten, historisch und national bedingten Formen verwirklicht.


Warum ist der Marxismus-Leninismus unbesiegbar?

Die kurze Aufzählung der Gegenwartsaufgaben der marxistischen Theorie, die keineswegs vollständig ist, zeigt, welch gewaltiges Arbeitsgebiet sich immer wieder aufs Neue vor den marxistisch-leninistischen Theore­tikern ausbreitet. Aber sie hat zugleich auch gezeigt, daß die Marxisten-Leninisten bereits an die Lösung der gestellten Aufgaben herangegangen sind. So groß auch die vor uns stehenden Aufgaben auf theoretischem Gebiete sind, es kann in unseren Reihen kein Verzagen geben.

Lernen aus den Erfahrungen

Die Kommunisten werden in zunehmendem Maße die Kräfte auch für diese wissenschaftliche Arbeit hervorbringen, wir haben begonnen aus den tragischen Erfahrungen der So­wjetunion zu lernen, und wir stehen auf festem Boden, denn wir bauen weiter an dem Gebäude, das unsere Klassiker, Marx, Engels, Lenin und Stalin errichtet haben.

Die richtige Methode

Wir sind die einzige Partei, die über die richtige Methode, über den richtigen Schlüssel verfügt, um auch die ungelösten Probleme unserer Zeit zu lösen. Es kommt nur darauf an, daß wir die Fahne unserer revolutionären Theorie, die Fahne des Marxismus-Leninismus hochhalten, daß wir dieser Fahne treu bleiben, und wir werden alle Probleme unserer Zeit zu lösen vermögen. Denn wir sind erfüllt von der unbesiegbaren Kraft der Erkenntnis:

„Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie richtig ist.“

Quelle:
Fred Oelßner: „Der Marxismus der Gegenwart und seine Kritiker“. Dietz Verlag Berlin, 1948, S.174-182. (Zeitformen geändert; Zwischenüberschriften eingefügt – N.G.)

pdfimage  Fred Oelssner – Der Weg zum Sozialismus

Zitate:
[1] Kurt Gossweiler: Die Taubenfußchronik oder Die Chruschtschowiade (2 Bde.), München 2002, Bd.1, S.14.
[2] E.Perling, „Die Entstehung der Volksdemokratie“, in: „Neue Welt“, 1948, Heft 9, S.50.
[3] W.I. Lenin, Sämtliche Werke, Bd.XIX, S. 281.
[4] W.I.  Lenin, „Staat und Revolution“, 1948, S. 38.
[5] W.I. Lenin, „Der linke ,Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunis­mus“, S.5.
[6] Anton Ackermann, „Über den einzig möglichen Weg zum Sozialismus“, in „Neues Deutschland“, Nr. 233, vom 24. September 1948.

Siehe auch:
Die faschistische Tito-Clique in Jugoslawien
Georgi Dimitroff und der Kampf gegen den Tito-Faschismus

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