Der Zug der Erinnerungen – Gedenken an die faschistischen Deportationen zur Zwangsarbeit nach Deutschland (1933-45)

2-der_1Der „Zug der Erinnerung“ besteht aus mehreren Waggons, in denen die Geschichte der europäischen Deportationen in beispielhaften Biografien nacherzählt wird. Ob aus Skandinavien oder aus Südgriechenland: Über Tausende Kilometer verschleppten die SS, das Reichsverkehrsministerium und die „Deutsche Reichsbahn“ über 1 Million Kinder und Jugendliche. Die Fotos der Opfer und ihre letzten Briefe, die sie aus den „Reichsbahn“-Waggons warfen, stehen für das Los der Millionen, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden.

Statt entsetzlicher Bilder zeigt die Ausstellung Andenken, die aus unseren Familienalben stammen könnten. Zu sehen ist das Lächeln der Kindheit und der Optimismus der Jugend. Zugleich verweisen die Dokumente auf ein Tabu, das für alle Zivilisationen verpflichtend ist: Das Leben der Kinder zur Erhaltung der Gattung zu schonen. Mit dem Kindermord hat Nazideutschland dieses Gesetz gebrochen und zeitweise außer Kraft gesetzt. Aus Auschwitz und den anderen Lagern kehrten nur wenige Kinder zurück. Ihre beispielhaften Biographien, die Bilder ihrer frohen und erwartungsvollen Gesichter laden nicht nur zum Gedenken ein, sondern vermittelten einen implizite Aufforderung: Gegen die Triebfedern der Verfolgung (Rassismus, Antisemitismus und nationalistische Ideologien) deutlich Stellung zu beziehen.


Und eines muß man an dieser Stelle klar sagen: Der Faschismus ist keine Naturkatastrophe, kein unvermeidbares Unwetter, kein „Rechtspopulismus“, sondern die menschenverachtende, massenmörderische Ideologie des Imperialismus, der auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln beruht, und der seinen Reichtum aus der Ausbeutung und Unterdrückung von Millionen werktätiger Menschen bezieht!

Was ist Faschismus?

Georgi Dimitroff sagte:

„Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist, wie ihn das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ [1]

Daher ist es falsch zu behaupten, der Faschismus sei eine Herrschaftsform gewesen, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern verbreitet war. Nein, der Faschismus ist nach wie vor aktuell. Es kommt darauf an, wie man ihn definiert…


„Kurz gesagt ist der Faschismus eine Bewegung von verschiedenen Elementen, überwiegend des Kleinbürgertums, aber auch des Lumpenproletariats und der demoralisierten Arbeiterklasse, die vom Finanzkapital, den Großindustriellen, Großgrundbesitzern und Bankiers finanziert und geführt werden, um die Revolution der Arbeiterklasse zu besiegen und die Organisationen der Arbeiterklasse zu zerschmettern.“ (R. Palme Dutt) [2]

Zitate:
[1] Georgi Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale. In: Georgi Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Bd.2, Berlin 1958, S.523ff.
[2] Rajani Palme Dutt, Faschismus und soziale Revolution, Frankfurt/Main, 1972, S. 80-81

Siehe auch:

Thomas Mann: „Wider den Faschismus in Europa!“


Sehr geehrte Damen und Herren,
werte Kollegen,
liebe Freunde,

kurz vor Jahresende kann es sich lohnen, einen Blick auf die Finanzpolitik der Deutschen Bahn AG zu werfen. Der „Zug der Erinnerung“ hat daran ein sehr praktisches Interesse. Er fordert von der DB AG seit Jahren, sich der materiellen Verantwortung für die Massendeportationen des Vorgängerunternehmens zu stellen und dem „Zug der Erinnerung“ das Gedenken auf dem deutschen Schienennetz ohne Nutzungsgebühren zu ermöglichen – vergeblich.

BRD: Keine Wiedergutmachung von Nazi-Verbrechen

Zug der ErinnerungFehlen der Deutschen Bahn AG dafür die Mittel? Genügend Geld scheint im Umlauf zu sein. Gerade ist bekannt geworden, dass der von der Bundesregierung kontrollierte Staatskonzern üppige Beraterhonorare zahlt, z.B. an einen Ex-Vorstand der DB-Tochter Schenker, und womöglich illegal. Es geht um 375.000 Euro (Süddeutsche Zeitung v. 19.12.19). Das ist eine unbedeutende Summe, vergleicht man sie mit den illegalen Einnahmen der Schenker-Manager der Nazi-Zeit. Sie sorgten in Ungarn für den Raub des Eigentums von etwa 290.000 Deportierten, die in 92 Zügen einen Weg ohne Wiederkehr antreten mußten. In Griechenland ließ das Schenker-Management die Wohnungen von 50.000 Deportierten plündern und schaffte die lohnenden Werte von Thessaloniki nach Deutschland. Welcher Zusammenhang besteht zwischen den illegalen Schenker-Gewinnen von damals und den vermutlich illegalen Schenker-Honoraren der Gegenwart? Das Geld von heute ist ein Teil des Geldes von damals, das nie zurückgezahlt wurde.

Die Deutsche Bahn unterstützt Aufmarsch gen Osten

Beachtlich und auffällig sind die Mittel, die von der Deutschen Bahn AG zur Zeit militärischen Zwecken zufließen. Um im kommenden Jahr Panzer und anderes Kriegsmaterial im Umfang einer US-Division (20-30 Tausend Soldaten) auf dem zivilen deutschen Schienennetz Richtung Osten rollen zu lassen, hat der Staatskonzern 2019 zusätzliche Schwerlastwaggons angeschafft. Die Kooperation zwischen Bahn und Bundeswehr für 1.000 Militärtransporte beläuft sich auf etwa 100 Millionen Euro. Nur zum Vergleich: Etwa zehntausend Euro müssten die Bahn und ihre staatlichen Eigentümer bereitstellen, um die militärische Kooperation mit einer zivilen zu ergänzen. Dann könnte der „Zug der Erinnerung“ sein Fahrmaterial (Ausstellungswaggons und Loks), Schienen und Bahnhöfe täglich kostenlos nutzen.

Eine nazifreundliche Gedenkkultur?

Direkte Aufsichtsbehörde der DB AG ist das Bundesministerium für Verkehr. Der größte Widerstand gegen den „Zug der Erinnerung“ kommt von dort und von den Spitzen der Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD. Fehlen ihr die Mittel? Nach den neuesten Berechnungen werden über 500 Millionen Euro fällig, weil der zuständige Bundesminister mit Steuergeldern umgegangen ist, als spiele er in einem Politkasino Maut-Roulette. Konfrontiert man diese Beträge mit den Elendszahlungen an die überlebenden Opfer der deutschen Bahndeportationen in Osteuropa, so geben sie Auskunft über den materiellen Kern der deutschen „Gedenkkultur“ – und ihren schönen Schein.

BRD-Regierung blockiert den „Zug der Erinnerung“

Daß der „Zug der Erinnerung“ über diese Umstände nicht schweigt, hat ihm das Verdikt der DB AG, mehrerer Bundesminister für Verkehr und auch der gegenwärtigen Bundesregierung eingebracht. Wir verdanken das Überleben unserer Bürgerinitiative nicht der ominösen staatlichen „Gedenkkultur“, sondern Ihnen, unseren Freunden und Unterstützern.

Lassen Sie uns, gegen alle Widerstände der ideellen und materiellen Nazi-Erben, die Erinnerung wachhalten.

Mit den besten Wünschen und Grüßen
Zug der Erinnerung e.V.
Mit freundlichen Grüßen i.A. K. Karl-Schilde


Nur ein Beispiel von Tausenden deutscher Privatunternehmen, die sich während der Nazi-Zeit maßlos bereicherten:

In der Nazi-Zeit zog Bahlsen seine Gewinne aus der Zwangsarbeit, die es den Besatzungsverbrechen im okkupierten Europa verdankte – dem materiellen Grundstock des industriellen Wiederaufstiegs der Bundesrepublik nach dem verlorenen Weltkrieg. 55 Jahre später, als das internationale Unbehagen wegen der deutschen Einheit nach Zeichen der Reue verlangte, zahlte Bahlsen Brosamen aus den Verbrechensgewinnen in eine Industriestiftung ein – um sich und andere Unternehmen vor möglichen Klagen der Opfer zu retten. Half diese „Spende“ an die halbstaatliche Ablaßbehörde EVZ („Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“) den Überlebenden?

Eine Recherche der ARD hat dafür keine Belege finden können. Im Gegenteil. Ehemalige Bahlsen-Zwangsarbeiter, heute krank und verarmt, scheinen in Osteuropa ein elendes Dasein zu führen.

https://www.ardmediathek.de/embed/

In welchem wirklichen Ausmaß Bahlsen an den Menschheitsverbrechen direkt oder indirekt teilnahm, ist weiter unaufgeklärt. War Bahlsen in das Massaker an etwa 500 Einwohnern der polnischen Stadt Skawina involviert? Die Alten und Kranken wurden von deutschen Polizeieinheiten im August 1942 erschossen. Wieviele von ihnen kamen aus dem Zwangsarbeitslager für Juden in Skawina? Wurden sie in einem Vorläuferunternehmen der heutigen Bahlsen-Fabrik „Krakuski“ in Skawina gequält, bevor sie im Kugelhagel starben oder mit der Bahn in das nahe Vernichtungslager Belzec kamen?

Dass über diesen und anderen Fragen der Schleier einer „Gedenkkultur“ liegt, die den sogenannten „Rechtspopulismus“ verurteilt, aber die rassistische Erbschaft der Nazi-Gewinnler schützt, läßt Bahlsen oder die Deutsche Bahn AG als Widerpart der Nazi-Renaissance erscheinen – ein Mißverständnis, das trennt, was zusammen gehört. Die Rechtspopulisten sind die ideellen, die Bahlsen und Co. sind die materiellen Erben.

Bitte sehen Sie den ARD-Beitrag über Verdrängen und Vergessen am Beispiel der europaweit tätigen Bahlsen-Unternehmen (Hannover/Neu-Isenburg).

P.S. die Bahlsen- Keksfabrik in der Ukraine („Roshen“) wurde später übernommen von dem ukrainischen Faschisten Pjotr Poroschenko.

Quelle der Texte und Bilder: Zug der Erinnerung e.V. (im Text wurde die Rechtschreibung korrigiert und die faschistische Bezeichnung „NS“ durch „Nazi“ ersetzt. Zwischenüberschriften und Zwischentext eingefügt, N.G.)

 

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2 Antworten zu Der Zug der Erinnerungen – Gedenken an die faschistischen Deportationen zur Zwangsarbeit nach Deutschland (1933-45)

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