…sich dem Frieden verschreiben!

Thomas Mann 1949Thomas Mann in Weimar – und ein heimtückischer Mord an der DDR-Staatsgrenze

Zwei Ereignisse am gleichen Tag, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Während der berühmte deutsche Dichter und Schriftsteller auf Einladung der Regierung der DDR zu Besuch in der Goethe-und-Schiller-Stadt Weimar weilt und von den Einwohnern aufs Herzlichste begrüßt wird, geschieht wenige 100 km weiter westlich, an der DDR-Staatsgrenze ein heimtückischer Mord. Ein in der DDR gesuchter Verbrecher aus Westdeutschland ermordet einen DDR-Grenzpolizisten. Dieser Mord ist nur eines der vielen Verbrechen, die auf das Konto der Feinde unserer Republik gehen. Ein Meuchelmord, der westlich der DDR-Grenze bejubelt, aber niemals verfolgt wurde. Und ein junger, kaum 25jähriger Mensch verliert sein Leben, weil er seine Heimat, die DDR, verteidigte… 

Autos, die dunklen Karossen poliert, rollen an geschmück­ten Fassaden vorüber, gemächlichen Tempos, den Men­schen am Straßenrand Zeit lassend, neugierige Blicke in den offenen Fond zu werfen. Durch Weimar, die für die deutsche Geistesgeschichte so bedeutende Stadt, weht wieder der Atem eines großen Tages. Wohl einer der ersten nach harten Kriegs- und tristen Nachkriegsjahren. Die Autokolonne signalisiert durch ihre Bremslichter einen Halt. Neugierige recken die Hälse. Ein Akkordeon ver­breitet melodischen Klang, Stimmen gesellen sich hinzu, Mädchenstimmen. Ein Junge hebt einen Fahnenschaft über die Köpfe, blaues Tuch mit dem Symbol der auf­gehenden Sonne, Wahrzeichen der Freien Deutschen Jugend, weht über Menschen und Autos.

Der große deutsche Dichter zu Besuch in  der DDR

Still unter der großen, flachen weißen Mütze, vielleicht einen Hauch Verblüffung im Gesicht, erlebt Thomas Mann das ehrende Ständchen unweit des Hotels »Elephant«. Der Dichter grüßt vergnügt zu den Mädchen, die sich verlegen durchs Haar fahren oder an den blauen Blusen zupfen. Die Fahne dreht sich im sommerwarmen Abend­wind, das Akkordeon wird leiser, gewinnt noch einmal an Tempo und gibt damit das Signal zum Aufbruch. Die Jugend des alten und doch auch neuen Weimar zieht singend weiter, mützenschwenkend verabschiedet von dem berühmten Gast. Fotografen haben die Szene eingefangen: Die Fahne links im Bild, singende Mädchenmünder und im Vorder­grund Thomas Mann, überrascht, aber sichtlich angetan. Reporter notieren Halt und Anlaß, dann rollen die Wagen wieder an, hin zu Goethes Gartenhaus an der Ilm.

Ein warmer Sommertag…

Man schrieb den 31. Juli 1949. Ein warmer Sommertag, Sonntag nach dem Kalender und Festtag für Weimar durch diesen Besuch, zumal Thomas Mann zehn Jahre zuvor im fernen Amerika mit »Lotte in Weimar« der Stadt ein neues literarisches Denkmal gesetzt hatte. Goethes, des großen Geistes von Weimar 200. Geburts­tag hatte Thomas Mann zu diesem Besuch bewogen, und es ist anzumerken, daß sein Entschluß in seiner Um­gebung auch auf empörten Protest stieß. Man bedrängte ihn, nicht in die sowjetische Besatzungszone zu reisen. Er entgegnete: »lch kenne keine Zonen« und fuhr. Zu Beginn seiner Reise hatte er in Frankfurt (Main) Goethestätten besucht, hatte sich dort auch neue »War­nungen« verbeten und war schließlich von Bayreuth gen Norden gefahren, begleitet von Johannes R. Becher und Klaus Gysi.

In einer HO-Gaststätte in Plauen

In Plauen war erste Rast. In der HO-Gaststätte hatte der aufgeregte Objektleiter nach der Mahlzeit das Buch für die kritischen Bemerkungen mit der Bitte um ein Autogramm über den Tisch geschoben. Amüsiert hatte Thomas Mann darin geblättert und die Beschwerden früherer Gäste gelesen, denen vielleicht die Brühe zu mager und zu kalt gewesen war oder ein Schnitzel nicht genug durchgebra­ten. Dann zückte er den Füllhalter und schrieb auf eine neue Seite: »Trotz scharfen Nachdenkens fand ich nichts, worüber ich mich beschweren könnte. Bitte um Ent­schuldigung – Thomas Mann.«

»Wer mit uns die Heimat retten will, ist unser Freund!«

Von Plauen dann nach Weimar. Erstes herzliches Will­kommen auf der Autobahn. Nach einer Pause im Hotel, Rundfahrt durch die Stadt zum Gartenhaus, unterbrochen nur von jenem FDJ-Chor, der, auf dem Wege zur Übungs­stunde, dem Gast ein improvisiertes Ständchen brachte, sicher nicht ohne Überlegung das Lied wählend, das mit den Worten endete: »Wer mit uns die Heimat retten will, ist unser Freund!« Später bitten Reporter um Eindrücke und Interviews. Eine der vielen Fragen: »Kann das deutsche Volk an der Beseitigung der Kriegsgefahr mitwirken? Wodurch?« Eine Frage, die viele bewegt. Thomas Manns Antwort: »Das deutsche Volk kann der Beseitigung der Kriegsgefahr dienen, indem es sich nach seinen fürchterlichen Erfahrungen aus Überzeugung dem Frieden verschreibt.« Das deucht allen so richtig, daß sie applaudieren, ehe sie notieren.

Ankunft in der Klasssikerstadt Weimar

In der Rezeption des Hotels »Augusta« stapeln sich die Telegramme für den Gast. Eins – aus der Rostocker Neptunwerft – hat folgenden Inhalt: »Mit Ihrer aufrechten und tapferen Haltung und Ihrem Eintreten für ein einheit­liches, demokratisches Deutschland haben Sie die Herzen der deutschen Arbeiter gewonnen!« Bevor Thomas Mann Weimar wieder verläßt, dankt er allen und versichert, daß er selten irgendwo so herzlich empfangen worden sei wie hier. Seinem Appell, sich dem Frieden zu verschreiben, droht in diesem Lande nicht die Gefahr, in Vergessenheit zu geraten.

Ein herzlicher Abschied: »Auf Wieder­sehen!«

Am Dienstag, dem 2. August 1949, brach Thomas Mann auf, fuhr über Erfurt nach Eisenach, war dort Gast eines Empfangs und besuchte danach die Wartburg. Am frühen Nachmittag nahm er Abschied von seinen Freunden mit den Worten: »Die Tage meines Besuchs in Thüringen waren voller Ereignisse. Sie waren aber auch voller Liebe. Ich sage daher nicht Lebewohl, sondern auf Wieder­sehen!«

Thomas Mann Frieden


Ein Mord an der DDR-Staatsgrenze

Zur gleichen Stunde, da Thomas Mann auf seiner Heim­fahrt die Grenze passierte, schrieb 355 Kilometer nördlich ein Offizier der Volkspolizei im Grenzkommando Schlag­brügge für einen seiner Polizisten den Urlaubsschein aus – Name: Gerhard Hofert, Urlaubsbeginn: 3. August 1949. Der Offizier wußte, wie sehr sich Hofert seit Tagen auf diesen Urlaub freute, auf das Wiedersehen mit seiner Frau Lilli und vor allem mit seinem Sohn, dem kleinen zwei­einhalbjährigen Helmut.

1944: Geflüchtet…

Gerhard Hoferts Lebensweg war schwer gewesen, seine Freunde verstanden gut, was ihm die Familie bedeutete. Die Mutter war früh gestorben. Dann kam die Nachricht, daß der Vater gefallen sei. Den Halbwüchsigen preßte man 1944 in die faschistische Armee, trieb ihn an die Front, von Abwehrschlacht zu Abwehrschlacht. Eines Tages faßte Gerhard Hofert einen Entschluß, von dem er wußte, daß er ihn schon Stunden später das Leben kosten könnte: Er fuhr zu seinen Großeltern, versenkte dort die Uniform in einem See und versteckte sich auf einem Fischerkahn. Feldgendarmerie-Kommandos kamen, ihn zu suchen, aber sie fanden ihn nicht.

Ein neues Leben in der DDR

Nach Kriegsende arbeitete er als Schlosser in Fürsten­berg, fand Kontakt zu Kommunisten, blätterte in den neuen Lehrbüchern des Marxismus-Leninismus, begann sie zu lesen und schließlich zu studieren. Als Jugendfunktionär fuhr er auf die Dörfer, sang in einem Chor, den der Schrift­steller Alfred Wellm leitete, und ging schließlich zum Bürgermeister Runge, damit der für ihn bürge und seinen Antrag auf Aufnahme in die Partei unterstütze. Im Ver­sammlungslokal »Unter den Linden« in Fürstenberg wurde er in den Kampfbund der Gleichgesinnten auf­genommen.

…sich dem Frieden verschreiben!

Im März 1949 verschrieb er sich – um dieses Wort Thomas Manns zu gebrauchen – dem Frieden, indem er ein Gewehr nahm, um den Frieden zu schützen. Nichts haßte er mehr als den Krieg, und seine letzte Uniform hatte er ins Wasser geschleudert, aber er verstand, daß der Frieden nur unter verläßlichem Schutz bestehen kann. Er kam nach Schlagbrügge, wo die Grenze zwischen den Westzonen und der Ostzone damals noch löchrig war und damit offen für Gefahr und Feind.

Geklaut – und nach dem Westen verschoben…

Von den enteigneten Junkergütern waren – wie eine Untersuchung in jenen Tagen ergab – Werte von 30 Millionen Mark geraubt und über die Grenze geschafft worden. Die Neubauern hatten es sehr schwer. Rund um Schlagbrügge ist zu dieser Zeit einer. von drüben bekannt, den sie Michels nennen. Am Abend pflegt er von der anderen Seite zu kommen, setzt sich zu den Bauern in die Dorfkneipen, bietet englische Zigaretten an, rät, die Ernte nicht abzuliefern, sondern auf dem schwar­zen Markt zu verhökern, oder hetzt gegen die Volkspoli­zisten an der Grenze. »Der Kommissar, der Vopke, ist der Schlimmste«, lärmt er am Biertisch, »wenn wir den los wären, würde wieder Ruhe hier sein. Wenn da einer einen Weg wüßte, dem könnte ich drüben manche Tür öffnen.«

»Das muß ein Ende haben!«

Kurt Vopke ist der Politstellvertreter des Grenzkom­mandos. Gerhard Hofert schwört auf ihn. Am 3. August will Hofert eben zur Familie nach Fürsten­berg aufbrechen, als einer meldet, daß Michels wieder auf dem Wege ist. »Das muß ein Ende haben«, sagt Hofert, »ich komme mit.« Gerhard Hofert begibt sich auf den Weg zur Grenze. Dort begegnet ihm ein Mann, der nach allen Beschrei­bungen nur Michels sein kann. Der Mann wendet sich an ihn: »Komm mit rüber, los! Schmeiß die Knarre weg!«

Hofert packt den Mann, der wirklich Michels ist, die beiden Volkspolizisten Wenzel und Präger kommen dazu. Michels reißt eine Waffe aus der Tasche und schießt auf Hofert. Tödlich getroffen, bricht der zusammen. Tage später erhielt seine Frau den letzten Brief des Er­mordeten und las: »Kann mein Süßer schon besser spre­chen? Muß jetzt schließen, denn es kommen schon wieder welche, die versuchen, über die Grenze zu kommen.«

Quelle: Heinrich/Ullrich: Befehdet seit dem ersten Tag. Dietz Verlag, Berlin1981, S.7-14. (Foto: Лауреаты Нобелской Премии)


Weitere heimtückische Ermordungen von DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten durch westliche Sobateure und Verbrecher:

ermordete DDR-Grenzsoldaten

Siehe auch:

Thomas Mann: Der Antikommunismus ist die Grundtorheit unserer Epoche

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2 Antworten zu …sich dem Frieden verschreiben!

  1. Weber Johann schreibt:

    Bereits wenige Tage nach der Befreiung, im von den amerikanern besetzten Sachsen, wurde die kommunistische Partei verboten und somit Kommunisten von den Amerkianer, verfolgt.

    Lutz Dombrowski SC Karl-Marx-Stadt , geboren: 25.Juni 1959 in Karl-Marx-Stadt Beruf: Maschinenbauer, Olympiasieger im Weitsprung 1980, schreibt in dem Buch „Olympiakämpfer erzählen von Höhepunkten und Alltäglichem“ Sport-Verlag Berlin 1983:

    „Aus meinem Vater wurde leider nie ein Olympiakämpfer. Im selben Jahr 1939, als er seinen Meisterschaftssieg feierte, entfachten die deut­schen Faschisten den zweiten Weltkrieg, und auch mein Vater mußte den verhaßten Rock der Naziwehrmacht anziehen. Hitlers Krieg überlebte er zwar, doch kehrte er als Invalide nach Hause zurück. Seine schwere Lungenverletzung zwang ihm später ein vorzeitiges Rentnerdasein auf. Er starb früh, meinen Olympiasieg aber konnte er noch miterleben. 1945 war mein Vater trotz seines persönlichen Leids unter den ersten, die die Trümmer wegräumten. Er hatte am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, wenn Jugendträume zerstört werden. Das sollte nie wieder ge­schehen, und deshalb trat er in die Reihen derjenigen ein, die schon immer am konsequentesten gegen den Krieg gekämpft hatten. Obwohl von den Amerikanern, die nach Kriegsende Zwickau besetzt hatten, verboten, wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands.“

    Auch die Berliner Polizei musste, nur 18 Monate nach der Befreiung, bereits 21 Todesopfer beklagen. Dem „Neuen Deutschland“ ist diese schreckliche Meldung am 4.1.1947 zu entnehmen:

    Das 21. Todesopfer Polizeianwärter Diekow
    seinen Verletzungen erlegen

    Wie bereits gemeldet, wurde am 30. 12. 1946 der Polizeianwärter Hans Diekow auf seinem nächtlichen Streifengang von einem Einbrecher mit der Schußwaffe schwer verletzt. Noch am Nachmittag desselben Tages starb Diekow an der erlittenen schweren Verletzung (Kopfschuß) im Krankenhaus Friedrichshain, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Er hinterläßt eine Frau und 2 .Kinder in den ärmlichsten Verhältnissen. Noch am Neujahrstage begab sich der Polizeipräsident, Herr Markgraf, in Begleitung des Sektorenassistenten der Polizei im russischen Sektor, Herrn Schubert, in die Wohnung des Verstorbenen, um den Hinterbliebenen das tiefe Mitgefühl auszusprechen. Hierbei wurden der Frau, die im übrigen das 3. Kind erwartet, einige warme Kleidungsstücke für die Kinder und Lebensmittel übergeben, um die dringendste Not ein wenig zu lindern. Mit dem verstorbenen Polizeianwarter Diekow beklagt somit die neun Berliner Polizei daß 21. Todesopfer, das sie im aktiven Kampf gegen das Verbrechertum Berlins bisher gebracht hat.“

    Über diese Vorgänge schweigen unsere Politiker, Systemmedien. Die mit ca. 6 Milliarden Euro Steuergeldern gefütterten Erfüllungsgehilfen des DDR-Delegitimierungsauftrag von Bundeskanzler Kohl, sorgen schon dafür, dass solch schreckliche Vorgänge nicht ans Tageslicht kommen.“

    • sascha313 schreibt:

      Furchtbar! – ja, darüber schweigen sie, die Systemmedien. Weil dieser BRD-Staat faschistische Wurzeln hat, die nie abgestorben sind. Deshalb setzen die Altnazis und das jüngere Nachfolge-Gesindel alles dran, um die DDR zu verleumden!

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