Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus

EngelsKommEin Jahr bevor in Deutschland die bürgerlich- demokratische Revolution (von 1848/49) stattfand, formulierte Friedrich Engels mit einfachen Worten die Ziele der kommunistischen Bewegung. Man wird verstehen, daß dem später noch vieles hinzuzufügen war und einiges davon präzisiert werden mußte. Die Revolution ergab sich aus dem Konflikt zwischen den im Schoße der Feudalordnung gewachsenen neuen Produktivkräften und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen einerseits und dem herrschenden feudalabsolutistischen  System andererseits. Sicherlich – seitdem sind über 170 Jahre vergangen. Wir leben heute im Zeitalter des absterbenden Kapitalismus, wobei allerdings nicht abzusehen ist, wie lange dies dauern wird, und welche Grausamkeiten uns noch erwarten. Auch heute stehen wir wieder vor der entscheidenden Frage der Abschaffung eines überlebten gesellschaftlichen Systems…

Friedrich Engels

Entwurf des Kommunistischen Glaubensbekenntnisses

9. Juni 1847

Frage 1. Bist Du Kommunist?
Antwort. – Ja.

Frage 2. Was ist der Zweck der Kommunisten?
Antwort. – Die Gesellschaft so einzurichten, daß jedes Mitglied derselben seine sämtlichen Anlagen und Kräfte in vollständiger Freiheit und ohne dadurch die Grund­bedingungen dieser Gesellschaft anzutasten, entwickeln und betätigen kann.

Frage 3. Wie wollt Ihr diesen Zweck erreichen?
Antwort. – Durch die Aufhebung des Privateigentums*, an dessen Stelle die Gütergemeinschaft tritt.

* Privateigentum: gemeint ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln (Maschinen, Fahrzeuge, Betriebe, ebenso wie Grund und Boden…)

Frage 4. Worauf begründet Ihr Eure Gütergemein­schaft?
Antwort. – Erstens auf die durch die Entwicklung der Industrie, des Ackerbaus, des Handels und der Koloni­sation erzeugte Masse von Produktionskräften und Lebens­mitteln und die in der Maschinerie, den chemischen und andern Hülfsmitteln liegende Möglichkeit ihrer Vermeh­rung ins unendliche. Zweitens darauf, daß im Bewußtsein oder Gefühl eines jeden Menschen gewisse Sätze als unumstößliche Grund­sätze existieren, Sätze, welche als Resultat der ganzen geschichtlichen Entwicklung keines Beweises bedürfen.

Frage 5. Welches sind solche Sätze?
Antwort. – z.B. Jeder Mensch strebt danach, glücklich zu sein. Das Glück des einzelnen ist untrennbar von dem Glücke aller, usw.

Frage 6. Auf welche Weise wollt Ihr Eure Gütergemein­schaft vorbereiten?
Antwort. – Durch Aufklärung und Vereinigung des Proletariats.

Frage 7. Was ist das Proletariat?
Antwort. – Das Proletariat ist diejenige Klasse der Ge­sellschaft, welche ausschließlich von ihrer Arbeit und nicht vom Profit irgendeines Kapitals lebt; diejenige Klasse, deren Wohl und Wehe, deren Leben und Tod da­her von dem Wechsel der guten und schlechten Geschäfts­zeiten, mit einem Wort, von den Schwankungen der Kon­kurrenz abhängt.

Frage 8. Es hat also nicht immer Proletarier gegeben?
Antwort. – Nein. Arme und Arbeiterklassen hat es immer gegeben; auch waren die Arbeitenden fast immer die Armen. Proletarier aber hat es nicht immer gegeben, ebensowenig wie die Konkurrenz immer frei war.

Frage 9. Wie ist das Proletariat entstanden?
Antwort. – Das Proletariat ist hervorgegangen aus der Einführung der Maschinen, welche seit der Mitte des vori­gen Jahrhunderts erfunden wurden und von denen die hauptsächlichsten sind: die Dampfmaschine, die Spinn­maschine und der mechanische Webstuhl. Diese Maschi­nen, welche sehr teuer waren und also nur von reichen Leuten angeschafft werden konnten, verdrängten die da­maligen Arbeiter, indem man mittelst der Maschinen die Waren wohlfeiler und schneller liefern konnte, als dies den bisherigen Arbeitern auf ihren unvollkommnen Spinn­rädern und Webstühlen möglich war. Die Maschinen lie­ferten dadurch die Industrie gänzlich in die Hände der großen Kapitalisten und machten das wenige Eigentum der Arbeiter, das hauptsächlich in ihren Werkzeugen, Webstühlen pp. bestand, völlig wertlos, so daß der Kapi­talist alles, der Arbeiter nichts übrig behielt. Damit war das Fabriksystem eingeführt. Als die Kapitalisten ein­sahen, wie vorteilhaft ihnen dies war, suchten sie es auf immer mehr .Arbeitszweige auszudehnen. Sie teilten die Arbeit mehr und mehr unter die Arbeiter, so daß die letzteren, die früher jeder ein ganzes Stück Arbeit ge­macht, jetzt jeder nur einen Teil dieses Stücks machten. Die so vereinfachte Arbeit lieferte die Erzeugnisse schnel­ler und daher wohlfeiler, und erst jetzt fand man fast in jedem Arbeitszweige, daß auch hier Maschinen angewandt werden könnten. Sowie nun ein Arbeitszweig fabrikmäßig betrieben wurde, geriet er, gerade wie die Spinnerei und Weberei, in die Hände der großen Kapitalisten, und den Arbeitern wurde aber letzte Rest von Selbständigkeit ent­zogen. Allmählich sind wir dahin gekommen, daß fast alle Arbeitszweige fabrikmäßig betrieben werden. Dadurch ist der bisherige Mittelstand, besonders die kleinen Handwerksmeister, mehr und mehr ruiniert, die frühere Lage der Arbeiter gänzlich verändert, und zwei neue, allmählich alle übrigen Klassen verschlingende Klassen [sind] geschaffen worden. Nämlich:

I. Die Klasse der großen Kapitalisten, welche in allen fortgeschrittenen Ländern fast ausschließlich im Besitz der Lebensmittel und derjenigen Mittel (Maschinen, Fabri­ken, Werkstätten pp.) sind, womit diese Lebensmittel er­zeugt werden. Dies ist die Klasse der Bourgeois oder die Bourgeoisie.
II. Die Klasse der gänzlichen Besitzlosen, welche darauf angewiesen sind, der ersten Klasse, den Bourgeois ihre Arbeit zu verkaufen, um nur dafür die Lebensmittel von ihnen zu erhalten. Da bei diesem Arbeitshandel die Parteien nicht gleichgestellt, sondern die Bourgeois im Vorteil sind, so müssen die Besitzlosen sich den von den Bourgeois gestellten schlechten Bedingungen fügen. Diese von den Bourgeois abhängige Klasse heißt die Klasse der Proletarier oder das Proletariat.

Frage 10. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier von dem Sklaven?
Antwort. – Der Sklave ist ein für allemal verkauft. Der Proletarier muß sich selbst täglich und stündlich ver­kaufen. Der Sklave ist Eigentum eines Herrn und hat eben deshalb eine gesicherte Existenz, so elend sie sein mag. Der Proletarier ist sozusagen Sklave der ganzen Bourgeoisklasse, nicht eines Herrn, und hat daher keine gesicherte Existenz, indem ihm niemand seine Arbeit ab­kauft, wenn er sie nicht nötig hat. Der Sklave gilt für eine Sache, nicht für ein Mitglied der bürgerlichen Gesell­schaft. Der Proletarier ist als eine Person, als ein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt. Der Sklave kann also eine bessere Existenz haben als der Proletarier, aber dieser steht auf einer höheren Entwicklungsstufe. Der Sklave befreit sich dadurch, daß er Proletarier wird und von allen Eigentumsverhältnissen nur das Verhältnis der Sklaverei abschafft. Der Proletarier kann sich nur da­durch befreien, daß er das Eigentum überhaupt abschafft.

Frage 11. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier von dem Leibeignen?
Antwort. – Der Leibeigene hat die Benutzung eines Stückes Boden, also eines Produktionsinstruments, gegen Abgabe eines größeren oder geringeren Teils des Ertrags. Der Proletarier arbeitet mit Produktionsinstrumenten, die das Eigentum eines andern sind, der ihm für seine Arbeit einen durch die Konkurrenz bestimmten Anteil der Pro­dukte abtritt. Der Anteil des Arbeiters wird bestimmt durch seine eigne Arbeit, also durch ihn selbst beim Leibeigenen. Beim Proletarier wird er bestimmt durch die Konkurrenz, also zunächst durch den Bourgeois. Der Leib­oigne hat eine gesicherte Existenz, der Proletarier hat sie nicht. Der Leibeigene befreit sich, indem er seinen Feu­dalherrn verjagt und selbst Eigentümer wird, also in die Konkurrenz tritt und sich einstweilen der besitzenden Klasse, der privilegierten Klasse anschließt. Der Proleta­rier befreit sich, indem er das Eigentum, die Konkurrenz und alle Klassenunterschiede aufhebt.

Frage 12. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Handwerker?
Antwort. – Der im Unterschiede vom Proletarier soge­nannte Handwerker, wie er noch. im vorigen Jahrhundert fast überall und jetzt noch hie und da existiert, ist höch­stens eine Zeitlang Proletarier. Sein Zweck ist, selbst Kapital zu erwerben und damit andre Arbeiter zu exploi­tieren. Diesen Zweck kann er oft erreichen, wo die Zünfte noch existieren oder wo die Gewerbefreiheit noch zu kei­ner fabrikmäßigen Betreibung des Handwerks, zu keiner heftigen Konkurrenz geführt hat1. Sobald aber das Fabrik­wesen in die Handwerke eingeführt worden und die Kon­kurrenz in voller Blüte steht, fällt diese Aussicht weg, und der Handwerker wird mehr und mehr Proletarier. Der Handwerker befreit sich also, indem er entweder Bourgeois wird oder überhaupt in den Mittelstand über­geht, oder indem er durch. die Konkurrenz zum Proleta­rier wird (wie dies jetzt meistens geschehen) und sich nun der Bewegung des Proletariats, d. h. der mehr oder minder bewußten kommunistischen Bewegung, anschließt.

Frage 13. Ihr glaubt also nicht, daß die Gütergemein­schaft zu jeder Zeit möglich war?
Antwort. – Nein. Der Kommunismus ist erst entstan­den, seitdem es die Maschinen und andern Erfindungen möglich machten, allen Mitgliedern der Gesellschaft eine allseitige Ausbildung, eine glück.liehe Existenz in Aussicht zu stellen. Der Kommunismus ist die Lehre von einer Befreiung, die nicht den Sklaven, den Leibeignen oder den Handwerkern möglich war, sondern erst den Proletariern, und daher gehört er notwendig dem neunzehnten Jahr­hundert an und war zu keiner früheren Zeit möglich.

Frage 14. Kommen wir auf die sechste Frage zurück. Wenn Ihr die Gemeinschaft durch Aufklärung und Ver­einigung des Proletariats vorbereiten wollt, so verwerft Ihr also die Revolution?
Antwort. – Wir sind nicht nur von der Nutzlosigkeit, sondern sogar von der Schädlichkeit aller Verschwörun­gen überzeugt. Wir wissen ebenfalls, daß Revolutionen nicht absichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umständen sind, welche von dem Willen und der Leitung einzelner Parteien wie ganzer Klassen ganz und gar nicht abhängen. Wir sehen aber auch, daß die Ent­wicklung des Proletariats in fast allen Ländern der Welt von den besitzenden Klassen gewaltsam unterdrückt und daß hierdurch auf eine Revolution von den Gegnern der Kommunisten gewaltsam hingearbeitet wird. Sollte hier­durch das unterdrückte Proletariat zuletzt in eine Revo­lution hineingejagt werden, so werden wir dann ebenso­gut mit der Tat, wie jetzt mit dem Wort, die Sache des Proletariats verteidigen.

Frage 15. Wollt Ihr an die Stelle der jetzigen Gesell­schaftsordnung mit einem Schlage die Gütergemein­schaft einführen?
Antwort. – Wir denken nicht daran. Die Entwicklung der Massen läßt sich nicht dekretieren. Sie wird bedingt durch die Entwicklung der Verhältnisse, in denen diese Massen leben, und geht daher allmählich vor sich.

Frage 16. Auf welche Weise glaubt Ihr, daß der Über­gang aus dem jetzigen Zustande in die Gütergemeinschaft zu bewerkstelligen sei?
Antwort. – Die erste Grundbedingung zur Einführung der Gütergemeinschaft ist die politische Befreiung des Proletariats durch eine demokratische Staatsverfassung.

Frage 17. Welches wird Eure erste Maßregel sein, sobald Ihr die Demokratie durchgesetzt habt?
Antwort. – Die Sicherung der Existenz des Proletariats.

Frage 18. Wie wollt Ihr dies durchführen?
Antwort. – I. Durch eine solche Beschränkung des Pri­vateigentums, welche seine allmähliche Verwandlung in gesellschaftliches Eigentum vorbereitet, z.B. durch Pro­gressivsteuern, Beschränkung des Erbrechts zugunsten des Staats usw.
II. Durch Beschäftigung der Arbeiter in Nationalwerkstätten und -fabriken sowie auf den Nationalgütern.
III. Durch Erziehung sämtlicher Kinder auf Staatskosten.

Frage 19. Wie werdet Ihr es in der Übergangsperiode mit dieser Erziehung einrichten?
Antwort. – Sämtliche Kinder werden von dem Zeit­punkt an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbeh­ren können, in Staatsanstalten erzogen und unterrichtet.

Frage 20. Wird mit Einführung der Gütergemeinschaft nicht zugleich die Weibergemeinschaft proklamiert?
Antwort. – Keineswegs. Wir werden uns an das Privat­verhältnis zwischen Mann und Frau und überhaupt in die Familie nur insoweit einmischen, als durch die Beibehaltung der bestehenden Einrichtung die neue Gesellschaftsord­nung gestört würde. Im übrigen wissen wir sehr gut, daß das Familienverhältnis im Laufe der Geschichte nach den Eigentumsverhältnissen und Entwicklungsperioden Modifikationen erlitten hat und daß daher auch die Aufhebung des Privateigentums den bedeutendsten Einfluß haben wird.

Frage 21. Werden im Kommunismus die Nationalitäten fortbestehen?
Antwort. – Die Nationalitäten der nach dem Prinzip der Gemeinschaft sich verbindenden Völker werden durch diese Vereinigung ebensosehr genötigt sein, sich zu ver­mischen und dadurch sich aufzuheben, wie die verschie­denen Stände- und Klassenunterschiede durch die Auf­hebung ihrer Grundlage, des Privateigentums, wegfallen.

Frage 22. Verwerfen die Kommunisten die bestehenden Religionen?
Antwort. – Alle bisherigen Religionen waren der Aus­druck geschichtlicher Entwicklungsstufen einzelner Völ­ker oder Völkermassen. Der Kommunismus ist aber die­jenige geschichtliche Entwicklungsstufe, die alle bestehen­den Religionen überflüssig macht und aufhebt.

Namen

Quelle:
Friedrich Engels: „Grundsätze des Kommunismus“, Dietz Verlag Berlin, 1973, S.43-50


Anmerkung:
Interessant ist auch die Antwort auf Frage 14: „Wir sind nicht nur von der Nutzlosigkeit, sondern sogar von der Schädlichkeit aller Verschwörun­gen überzeugt. Wir wissen ebenfalls, daß Revolutionen nicht absichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umständen sind, welche von dem Willen und der Leitung einzelner Parteien wie ganzer Klassen ganz und gar nicht abhängen.“ Sowie die Antwort auf Frage 15: „Die Entwicklung der Massen läßt sich nicht dekretieren. Sie wird bedingt durch die Entwicklung der Verhältnisse, in denen diese Massen leben, und geht daher allmählich vor sich.“


Siehe auch:
Unsere Zukunft heißt Kommunismus
Gab es einen Sozialismus in der DDR?
Kurz gefaßt: Was ist Marxismus-Leninismus?

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2 Antworten zu Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus

  1. Ines schreibt:

    Wenn man sich mit uninformierten Menschen unterhält, dann hört man immer von Gleichmacherei im Sozialismus, was insofern absurd ist, da das kapitalistische System nicht die Entfaltung des Menschen als Ziel hat, sondern seine Unterwerfung und durch Anpassung nach Aussen einen Konformitätsdruck erzeugt, der über den Sozialdarwinismus eine Art gesellschaftliche Kaste installiert, die durch Privatisierung aller Bereiche und Kommerzialisierung jeden zum Kreditnehmer werden lässt und so zum Lohnsklaven d.h. durch Zwänge die nicht nötig wären und diesen Kreislauf bis zum ökologischen Kollaps weiterführt. Durch den Sozialismus der den erarbeiteten Mehrwert wieder in die Gesellschaft zurückführt und so die Möglichkeit gibt die soziale Bedürfnisse und gesellschaftlichen Bereiche kostenlos zur Verfügung zu stellen und der Mensch sich nicht mehr dem ewigen Überlebenskampf ausgesetz sieht und sich dadurch auf sich selbst und seine freie Entfaltung konzentrieren kann und keiner Gleichmacherei oder dem äusserlichen Konformdruck (Mode, nutzlose Güter) ausgesetzt ist. Es wird immer vom Egoismus als Grundidee des kapitalistischen Menschen gesprochen, würden wir in allen Bereichen diese Idee verwirklichen würden wir noch in Höhlen leben oder schon ausgestorben sein. Ines

  2. Osti schreibt:

    „Durch den Sozialismus der den erarbeiteten Mehrwert wieder in die Gesellschaft zurückführt…“

    Genau das ist der entscheidende Unterschied! Privatunternehmer führen nämlich gar nichts in die Gesellschaft zurück.

    Denke für den Hinweis!

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