Alexander Sinowjew: Der größte Verrat in der Geschichte der Menschheit

Verrat_GorbiNur selten wurde in einer solch schonungslosen Offenheit über die Tragödie eines Volkes und deren Auswirkungen für die Menschheit gesprochen, wie in dem nachfolgenden Beitrag des sowjetischen Philosophen und Soziologen Alexander Sinowjew. Der Verrat ist ein Vertrauensmißbrauch. Und Verräter haben den Tod verdient, wenn ihre ruchlose Tat den Tod eines oder mehrerer Menschen zur Folge hatte. Doch trifft das immer zu? Gibt es einen „ehrlichen“ Verrat? Es ist zweifellos eine Frage der Moral. Und was ist, wenn der Verrat gemeinsam und in aller Öffentlichkeit begangen wurde, und wenn all jene, die daran beteiligt waren, davon überzeugt sind, richtig gehandelt zu haben? Was ist, wenn es niemanden mehr gibt, der die Verräter zur Rechenschaft ziehen könnte? Es gibt keine übergeordnete Moral. Die in einer Gesellschaft herrschende Moral ist die Moral der jeweils herrschenden Klasse. Sie ist darauf gerichtet, durch entsprechende Werte und Normen die bestehende Ordnung zu rechtfertigen.  Wie war das nun mit dem Verrat in der Sowjetunion vor und während der Konterrevolution?

Einer der wichtigsten Faktoren, der die Zerstörung des sowjetischen Kommunismus verursachte, war der Faktor des Verrats. Wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurde dieser Faktor von denjenigen, die die Zerstörung des russischen Kommunismus beabsichtigten, nicht nur im Voraus in Betracht gezogen, sondern er wurde in großem Maßstab als Faktor des Evolutionsprozesses geplant und geschaffen. Er verdient also als eines der Merkmale einer geplanten und geleiteten Geschichte unser Interesse.

Der Begriff des Verrats

Was man unter Verrat versteht, das ist irgendwie einleuchtend. Doch nur „irgendwie“. Und auch nur in den einfachsten und häufigsten Fällen. Ein Mensch wurde zum Spion für ein anderes Land, zum Verräter. Er ging im Krieg auf die Seite der Feinde über, er wurde also zum Verräter. Aber selbst in solchen Fällen sind die Bewertungskriterien entweder unsicher oder werden häufig verletzt. So wird zum Beispiel der Verräter General Wlassow zum Helden, zum ideologischen Kämpfer gegen den Stalinismus gemacht. Und die offensichtlichen Vertreter der „fünften Kolonne“ im Westens der Sowjetunion und in Rußland leben ungestraft auf russischem Boden und blühen sogar auf – sie gehören zu den oberen Schichten der russischen Gesellschaft und zu ihrer höheren Macht.

Die Bedingungen des Verrats

Und es gibt nichts Einleuchtendes, wenn es um Gruppen von Menschen, große menschliche Vereinigungen oder um ganze Völker geht. Ebenso wenig wie es ein bestimmtes Verhalten von Menschen gibt, wenn es aus einer Vielzahl von Handlungen unter schwierigen und sich verändernden Bedingungen entsteht. Darüber hinaus ändern sich die Art der Handlungen der Menschen und die Kriterien für ihre Bewertung mit der Zeit. In Bezug auf die Entwicklung des Verrats ist die Menschheit von einigen wenigen primitiven und offensichtlichen Formen des individuellen Verrats zu massenhaften, ausgeklügelten und verborgenen Formen übergegangen. Und all dies muß man bei der Bestimmung des wissenschaftlichen Begriffes dieser Erscheinung berücksichtigen.

Unterschiedliche Formen

Beim Verrat muß man unterscheiden zwischen einer moralisch-rechtlichen und einer soziologischen Herangehensweise an das Problem. Die erstere ist ausreichend im Hinblick auf individuelle Handlungen von Menschen in einfachen Situationen. Die zweite ist notwendig für das wissenschaftliche Verständnis des Verhaltens von einer großen Anzahl, von Massen und von Vereinigungen von Menschen in komplexen historischen Prozessen. Gerade ein solcher Fall ereignete sich in den Jahren der Vorbereitung, Durchführung und Konsolidierung der Ergebnisse des konterrevolutionären Putsches in der Sowjetunion.

Der einfachste Fall von Verrat ist die Beziehung zwischen zwei Menschen. Insofern hängt das Schicksal der einen Person wesentlich von der anderen ab. Ein Mensch vertraut einem zweitem und ist überzeugt, daß der zweite die Verpflichtungen in Bezug auf ihn einhalten wird. Der Zweite hat bestimmte Verpflichtungen gegenüber Ersteren, ist sich dieser Verpflichtungen bewußt und weiß auch, daß der erste ihm vertraut, und er setzt in dieser Beziehung alle seine Hoffnung auf ihn. Diese Beziehung kann durch ein gegebenes Wort, ein Versprechen, einen Schwur, durch Tradition, Gewohnheit oder durch die öffentliche Meinung, durch Regeln der Moral oder juristische Gesetze befestigt sein. Wenn der zweite Mensch seine Pflichten in dieser Beziehung nicht erfüllt, so spricht man von „Verrat“ – d.h. die zweite Person verrät die erste.
1. Kompliziertere Fälle von Verrat liegen vor, wenn es sich bei den Partnern entweder um eine Person und eine Gruppe von Menschen oder um Gruppen von Menschen auf beiden Seiten oder um Vereinigungen von vielen Menschen, große Menschenmassen, ganze Völker oder Länder handelt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn es um das Verhältnis zwischen einer Regierung und der Bevölkerung eines Landes geht, oder um das Verhältnis zwischen einer Parteiführung und den Parteimitgliedern, bzw. zwischen einer Partei und der Klasse, die sie vertritt, usw. Ein davon „abweichender“ Fall liegt vor, wenn sich eine Person, eine Gruppe von Personen oder eine menschliche Vereinigung im Allgemeinen verrät. Aber selbst in diesem Fall gibt es eine Doppelung – eine Person oder eine Vereinigung von Personen wird unter verschiedenen Aspekten betrachtet oder zu verschiedenen Zeiten aufgenommen. Beispielsweise kann eine Person ihre Lebensprinzipien um anderer Ziele willen verraten oder unwissentlich Handlungen begehen, die in Bezug auf sie selbst eine verräterische Rolle spielen (zu einer anderen Zeit oder in anderer Hinsicht). Der Selbstverrat menschlicher Vereinigungen ist auf die gleiche Weise möglich.
2. Unter einem weiterem Aspekt ist die Kompliziertheit der Verratssituation darauf zurückzuführen, daß eine dritte Komponente berücksichtigt werden muß – der Feind (Person, Gruppe, große Vereinigung), zu dessen Gunsten der Verrat begangen wird, der den Verrat provoziert, erleichtert, ausnutzt. Klassisches Beispiel – zwei sich bekriegende Länder, die Bürger des einen von ihnen verraten ihr Land zugunsten des Feindes.
3. Ein dritter Grund für das Kompliziertwerden der Verratssituation ist, daß die Teilnehmer des Verrates eine unterschiedliche Einstellung zum Verrat haben, daß die Zahl, Dauer und Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten zunimmt usw. Ein Beispiel dafür ist, daß die Führung eines Landes gegenüber seinem Land eine verräterische Politik zugunsten eines anderen Landes verfolgt, das ihm feindlich gesinnt ist. Zu den Handlungen dieser verräterischen Führung können auch solche gehören, die für sich genommen nicht verräterisch sind, deren Gesamtheit aber den Verrat darstellt.

Wer trägt Verantwortung für den Verrat?

Im einfachsten Falle von individuellem Verrat ist es ganz offensichtlich die Person, die den Verrat selbst begangen hat. Es gibt keine Schwierigkeiten, hier moralische und rechtliche Kriterien anzuwenden. Aber was ist, wenn die Teilnehmer einer solchen Situation große menschliche Vereinigungen sind? Zum Beispiel, wenn eine ganze Armee kapituliert, wie es im Krieg von 1941-1945 geschah. Wenn das Kommando befiehlt, die Waffen niederzulegen, und die Soldaten diesen Befehl ausführen – sind sie dann Verräter oder nicht? Und wie ist das Verhalten des Kommandos zu bewerten, das entscheidet, daß der Kampf nutzlos ist?

  • Es gibt Situationen, in denen Menschen nicht in der Lage sind, ihren Eid einzuhalten. Hier gibt es Schwierigkeiten bei der Bewertung des Verhaltens von Menschen. Und im Falle eines ganzen Landes und seiner Führung wird die Situation natürlich sehr kompliziert. Es gibt keine universellen Kriterien für die Einschätzung des Verhaltens. Moralische und rechtliche Normen verlieren hier tatsächlich ihre Bedeutung. Jedenfalls gibt es keinen allgemein akzeptierten und gesetzlichen Normenkodex für solche Fälle. Es gibt die öffentliche Meinung, politische Erwägungen und Traditionen.
  • Es gibt einen Verrat, bewußt und unbewußt, absichtlich und unbeabsichtigt. Bei jedem komplexen und bedeutsamen Verrat, an dem viele Menschen beteiligt sind und der aus vielen Handlungen in einem langen Zeitintervall besteht, kann man sowohl Bewußtheit und Absicht, als auch Unbewußtheit und Unfreiwilligkeit in unterschiedlichem Ausmaß und in verschiedenen Kombinationen feststellen. Das macht es schwierig, die Erscheinung insgesamt zu beurteilen, vor allem dann, wenn es diesbezüglich keine ausreichend strengen Kriterien gibt und nicht der Wunsch besteht, die Erscheinung objektiv zu verstehen.
  • Die meisten Fälle von Verrat hängen mit solchen Erscheinungen zusammen. Sie werden meist nicht als Verrat bewertet, nicht bestraft oder nur schwach bestraft, und sie belasten auch nicht das Gewissen der Verräter. Und es geht nicht um einen gewissen Verfall der Moral (obwohl es ihn gibt), sondern um Lebenssituationen, für Moral und Rechtsnormen keine Gültigkeit besitzen.

Um das Verhalten von Menschen als Verrat zu werten, brauchen wir Menschen, die über ihnen stehen oder in gewisser Hinsicht von ihnen unabhängig sind. Um bestimmte Menschen wegen ihres Verrats zu bestrafen, brauchen wir andere, die die Macht und eine Rechtfertigung dafür haben. Solange es keine Richter und Verurteilung gibt, der Verrat nicht öffentlich aufgedeckt wird, bleibt er ungesühnt. Der Verrat der höchsten und mächtigsten Menschen wird oft nicht als solcher bewertet und bestraft.


Der größte Verrat in der Geschichte

Der Verrat ist sowohl im Privatleben der Menschen als auch in historischen Prozessen eine weit verbreitete Erscheinung. Er ist ein immerwährender Faktor der menschlichen Existenz. Der Fortschritt der Menschheit ist ein widersprüchlicher Prozeß. In jener Sphäre, auf den sich der Verrat bezieht, hat er sich offenbar zuungunsten von Loyalität, Treue und Zuverlässigkeit erwiesen. Und der Höhepunkt des menschlichen Fortschritts war diesbezüglich erreicht mit dem Verrat, der in der Sowjetunion mit dem Machtantritt Gorbatschows geschah und in Rußland mit der Konterrevolution der Jahre 1991-1993 unter Jelzin endete.

Im soziologischen Sinne

Ich erinnere Sie daran, daß ich das Wort „Verrat“, als wissenschaftliches Begriff, im soziologischen Sinne verwende. Die Frage ist, warum hier nicht ein anderes Wort verwendet werden kann, da doch das Wort „Verrat“ eine große moralische und rechtliche Bedeutung hat. Ich bestehe jedoch gerade auf diesem Wort, da in diesem Fall der wissenschaftliche Begriff eine Explikation (Erscheinungsform und Präzisierung) des intuitiven Wortgebrauchs ist. Er beinhaltet im Grunde schon die moralisch-juristische Bewertung.

Der Verrat der Führung der KPdSU

Es genügt, sich an das Verhalten der höchsten Partei- und Staatsführung des Landes zu erinnern, an deren Spitze Gorbatschow und Jelzin standen, Parteifunktionäre von Millionen Parteimitgliedern, die zwar einen Treueeid gegenüber der Partei, dem Land und den Idealen des Kommunismus usw. abgelegt hatten, die aber auf Befehl und unter dem Beifall der Feinde diesen Eid brachen und die sowjetische Gesellschaftsordnung, die sowjetische Staatsmacht, die Partei und die Ideale des Kommunismus usw. zerstörten. Und durch keinen verbalen Trick ist dieses verräterische Verhalten zu rechtfertigen – es ist sowohl im moralischen als auch im rechtlichen Sinne verräterisch.

Die Hierarchie der Gesellschaft

Dieser besagte Verrat ist ein außerordentlich komplexes Geflecht aus einer großen Menge unterschiedlicher Aktionen einer großen Anzahl von Menschen. Und er ist in einen komplexen historischen Prozeß des Lebens des Landes eingebunden, der Teil des Lebens der Menschheit ist. Er hat eine komplexe Struktur in vielen Dimensionen. Er hat insbesondere eine „vertikale“, hierarchische Struktur: Die Gorbatschow-Clique hat den restlichen Teil der Parteispitze verraten, dieser verriet den gesamten Parteiapparat, der Parteiapparat wiederum verriet das gesamte Machtsystem und die Partei, alle verrieten die untergeordnete Bevölkerung. Die Sowjetunion verriet die Verbündeten im sozialistischen Lager, das sozialistische Lager verriet denjenigen Teil der Menschheit, der mit seiner Unterstützung gerechnet hatte.

Was führte zu dem Verrat?

Auch in anderen Dimensionen gibt es eine komplexe Struktur. Es liegt auf der Hand, daß der intuitive Mißbrauch von Worten nicht auf diese soziale Epidemie ausgedehnt werden kann. Es bedarf besonderer kognitiver Werkzeuge, um dieses große soziale Phänomen geistig hervorzuheben und zu analysieren. Zu diesem Zweck muß professionelle soziologische Forschung betrieben werden. Was ich hier vorschlage, ist nur der erste, suchende Schritt in diese Richtung. Dieser Verrat ergab sich in keiner Weise aus den gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten der sowjetischen Ordnung (des realen Kommunismus), noch war er natürlich oder unvermeidlich. Das hätte er auch nicht sein können. Er war das Ergebnis einer einzigartigen Kombination historischer Umstände.

Eine Inszenierung

Aber der Verrat war auch nicht zufällig in dem Sinne, was vom ganzen Verlauf der sowjetischen Geschichte her und nach der Absicht der Herren der westlichen Welt vorbereitet war, um einen bestimmten Teil des sowjetischen Volkes zum Verrat zu bewegen; doch er fiel hier auf fruchtbaren Boden. Im folgenden werden wir einige (bei weitem nicht alle) Komponenten und Meilensteine des Prozesses der Vorbereitung dieses schicksalhaften Verrats während der sowjetischen Periode der russischen Geschichte betrachten.


Die Stalinperiode

Beginnen wir mit der Orgie der Denunziationen, die in den 1930er Jahre begann. Eine Denunziation ist an und für sich kein Verrat. Aber sie kann unter bestimmten Bedingungen Schule machen und zu einer Form, zu einem Mittel des Verrats werden. Die Denunziation ist eine allgemeinmenschliche Erscheinung, sie ist weder spezifisch sowjetisch, noch kommunistisch. Sie hatte im vorrevolutionären Rußland, in napoleonischem Frankreich, und in Hitlerdeutschland eine Blütezeit.

Die Denunziation*

JudasIm Westen ist sie als soziale Erscheinung zusammen mit dem Christentum entstanden (erinnern Sie sich an Judas!). In der jahrhundertealten Geschichte des Christentums hat sie die Rolle nicht weniger bedeutend, als in der kurzzeitigen Geschichte des russischen Kommunismus gespielt (erinnern Sie sich an die Inquisition und die Nutzung der Beichte!). Auch in der sowjetischen Geschichte spielten Denunziationen eine große Rolle, und die 30er und 40er Jahre waren Jahre zügelloser Denunziation. Sie wurden zu einem wichtigen Mittel der Regierung des Landes.

Recht oder Unrecht?

Die Haltung gegenüber Denunziationen war zwiespältig. Einerseits galten sie als eine unmoralische Erscheinung. Und wenn sie nahestehende Menschen (Verwandte, Freunde, Kollegen; Weggefährten) betrafen, wurden sie als Verrat angesehen. Auf der anderen Seite wurde in großem Maßstab künstlich von oben dazu angeregt und ermuntert. Den Zuträgern wurde gesagt, daß sie ihre heilige Pflicht gegenüber dem Land, dem Volk, der Partei und den Idealen des Kommunismus erfüllen würden. Und ob die Behörden es wollten oder nicht, das System des massenhaften Zuträgertums wurde für Millionen Menschen zu einer staatlich organisierten Schule des Verrats. Der Verrat verschwand aus der Sphäre moralischer und rechtlicher Normen.

Eine Tatsache…

Ich will die Leser auf die Tatsache hinweisen, daß die Hauptpersonen bei dieser Orgie von Denunziationen nicht die geheimen Informanten der Organe der Staatssicherheit waren (es gab nicht allzuviele davon), sondern wohlmeinende Enthusiasten, die bei den Behörden und Institutionen der Massenmedien unzählige Denunziationen einreichten, die aber auch öffentliche Denunziationen verfaßten, in Form von Reden auf allen möglichen Versammlungen und durch Veröffentlichungen (Bücher, Artikel).

Das gewöhnliche Zuträgertum

ZutraegerDas ganze Land hatte sich in eine Arena der Denunziationen verwandelt. Gleichzeitig wurde der Verrat an Freunden, Verwandten, Kollegen und Bekannten zu einem gewöhnlichen Element der Denunziation. Diese oben beschriebene Zuträgertum war zu einem Massenphänomen geworden, wurde aber von jeder Person individuell durchgeführt. Diese Epidemie des individuellen Verrats fand gleichzeitig mit dem kollektiven Verrat statt.

Kritik und Selbstkritik

Das Leben des sowjetischen Volkes war voll von Versammlungen aller Art. Und es war Kritik und Selbstkritik, wenn man Mängel und die Schuldigen aufdeckte und mißbilligte, wenn Entscheidungen getroffen, Mitglieder von Kollektiven zu tadeln usw. Was in dieser Hinsicht in Macht- und Verwaltungsorganen, in den schöpferischen Organisationen, in Bildungseinrichtungen usw. geschah, ist heute schwer vorstellbar. Kollektive Pogrome der Kollegen entbanden jedes einzelne Kollektivmitglied von der Verantwortung.

Ist der Ehrliche der Dumme?

Worttreue und Freundschaft, Ehre, Zuverlässigkeit und andere Eigenschaften eines anständigen Menschen waren für den Menschen zu einer ungewöhnlichen, unvorteilhaften und sogar gefährlichen Erscheinung geworden. Im Falle eines kollektiven Verrats sahen oder fühlten sich die einzelnen Mitglieder des Kollektiv nicht als Verräter. Die Verantwortung lag bei denen, die das Kollektiv leiteten. Und sie wurde ihnen dadurch abgenommen, daß sie Anordnungen von oben befolgten.

Die ,Stalinschen‘ Repressionen

GulagIm Lichte dessen, was in Rußland nach 1985 geschah, halte ich es für notwendig, die Bewertung der Stalinschen Repressionen in den 1930er Jahren zu revidieren. Natürlich gab es dabei Überspitzung, viele Unschuldige haben darunter gelitten, und alle möglichen Ganoven haben sich ihre Hände daran gewärmt. Aber sie hatten ihre Gründe in der Realität selbst. Der Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung fand unter den Bedingungen des Kampfes der unterschiedlichen Kräfte statt. Dieser Kampf führte zu einer Spaltung der Menschen in feindliche Lager. Gegner der Stalinschen Politik wurden durch die Logik des Kampfes selbst in das Lager der Feinde, auf den Weg des Verrates gedrängt.

Das schlechte Beispiel

Aber Stalinschen Repressalien, die die Tätigkeit der aktuellen und potentiellen Verräter unterdrückten, schufen die Voraussetzungen für die zukünftigen Verräter. Und überhaupt hat die gesamte Tätigkeit der Sowjetmacht zur Herausbildung und Stärkung einer neuen Gesellschaftsordnung gleichzeitig die zukünftigen Verräter dieser Ordnung geschmiedet. Und zwar in großer Zahl. Vergessen Sie nicht, daß die höchsten sowjetischen Verräter (Gorbatschow, Jakowlew, Jelzin und viele andere) die Grundschule des Verrats im Komsomol und in der Partei während der Stalinperiode absolviert haben.

Unzuverlässige Einheiten

Zu Beginn des Krieges 1941-1945 haben sich kampffähige Truppenteile und sogar ganze Armeen in Gefangenschaft begeben. Was war da los? Sowjetfeinde und Antikommunisten „erklärten“ es mit ihrem Haß auf die sowjetische Gesellschaftsordnung (auf den Kommunismus). Natürlich war dieser Haß teilweise vorhanden, aber nur bei einem winzigen Teil der Menschen. Ich versuchte es damit zu erklären, daß die Soldaten in der Masse nicht in der Lage waren, ihre Feinde einzeln zu bekämpfen. Und zum Teil ist das auch richtig. Aber nur zum Teil. Ich selbst war Zeuge von Fällen, in denen es möglich gewesen wäre, gegen die Deutschen zu kämpfen, und ganze Einheiten ergaben sich freiwillig und legten ohne Befehl der obersten Führung ihre Waffen nieder. So daß bei unzuverlässigen Einheiten der Einsatz besonderer Sperrabteilungen im Hinterland durch Stalin eine absolut richtige Abwehrmaßnahme war. Und die sowjetischen Soldaten begannen mutig und selbstlos zu kämpfen, nachdem sie sich sahen, daß ihnen bei einer Weigerung zu kämpfen der Tod drohte.

Das Heldentum des Großen Vaterländischen Krieges

Was ist es also? Ich denke, daß die Qualität des menschlichen Materials eine Rolle gespielt hat. Verschiedene Völker haben unterschiedliche Neigungen zum Verrat. Wir Russen haben eine ziemlich starke Neigung zum Verrat. Die russische Unterwürfigkeit, de Gehorsam gegenüber der Macht, die Chamäleonhaftigkeit usw. verwandelten sich unter entsprechenden Bedingungen natürlich auch in Verrat. Und das Heldentum?! Und die Matrossows, die Panfilows, die Verteidiger von Brest?! Eines schließt das andere nicht aus. Auf einen Matrossow kommen Tausende Feiglinge, Egoisten und Parasiten.

Was waren die Hauptgründe für den Sieg?

Wir haben den Krieg gewonnen. Aber der Hauptfaktor für den Sieg waren meiner Meinung nach die sowjetische Gesellschaftsordnung und die Stalinsche Führung. Dem ist es zu verdanken, daß eben dieses menschliche Material der wichtigste Faktor für den Sieg war. Die Stalinsche Führung blieb dem Land und den Idealen des Kommunismus treu. Sie erklärte allen Arten von Verrat den rücksichtslosesten Kampf. Was wäre Ihrer Meinung nach passiert, wenn die Stalinsche Führung gezogert und sich auf den Weg des Verrats begeben hätte? Offensichtlich wären wir schon 1941 besiegt worden.

Unbesiegbar?

Dies ist ein beredtes Beispiel dafür, daß eine wissenschaftliche Erklärung solch herausragender gesellschaftlicher Erscheinungen, wie der betrachtete Verrat, die Kombination von Faktoren in ihrem Zusammenspiel berücksichtigen muß, nicht diese Faktoren für sich genommen, und nicht aus einem einzigen Blickwinkel. Die Neigung des sowjetischen Volkes zum Verrat wurde von den Organisatoren des Kalten Krieges gleich zu dessen Beginn (1946) bemerkt. Aber dann entschieden sie (was auch stimmt!), daß man die Russen in einem „heißen“ Krieg niemals besiegen kann. Und sie setzten auf Verrat als wichtigsten Faktor des Kalten Krieges, als die entstandenen Voraussetzungen dafür gegeben waren, ich denke — Anfang der achtziger Jahre.


Der Chruschtschowismus

Die Stalin-Ära endete mit der Entstalinisierung durch Chruschtschow. Ich will im Zusammenhang mit unserem Thema nur einen Aspekt hervorheben, dem fast niemand Beachtung geschenkt hat: Angeführt von Chruschtschow (und er war selber ein Stalinlakai!) haben Millionen von Stalinanhängern blitzschnell ihren Führer Stalin verraten und sich in aktive Antistalinisten verwandelt. Ich erinnere mich an keinen einzigen Fall in all den Jahren, in dem jemand öffentlich seinen Verrat gegenüber Stalin und der Sache Stalins zum Ausdruck gebracht hätte. Die gesamte Entstalinisierung verlief schließlich wie ein massenhafter Verrat, dessen Initiative von der obersten Instanz der Macht ausging und zu dem fast die ganze aktive sowjetische Bevölkerung hinzugezogen wurde. Sie war eine Art Generalprobe zu jenem schicksalhaftem allgemeinen Verrat, auf Initiative von Gorbatschow und dann von Jelzin durchgeführt werden sollte.

Ein Dummkopf und Abenteurer

Der Verrat von Chruschtschows betraf nur einige Aspekte der sowjetischen Gesellschaft und ließ ihre soziale Ordnung unverändert. Und deshalb war er nicht so verhängnisvoll. Darüber hinaus wurde der außer Rand und Band geratene Chruschtschow abgeblockt und von der Macht entfernt. Aber seine Aktivitäten hatten die Verwundbarkeit des ideologisch-moralischen Zustands der sowjetischen Gesellschaft und die zerstörende Kraft des sowjetischen Machtsystems offenbart, wenn es von Dummköpfen und Abenteurern verwaltet wird. Die Epidemie des Verrats am Stalinismus brach auf Kommando an der Spitze der Macht aus und verbreitete sich blitzschnell, wurde allumfassend und massenhaft. Die Masse der Bevölkerung erwies den Machthabern auch dann besonderen Gehorsam, als deren Anforderungen an die Massen, die zur Erhaltung ihrer sozialen Organisation notwendig gewesen wären, schwächer wurden, d.h. auf dem Wege zur Gleichgültigkeit im historischen Kampf um den Kommunismus. Und all das war von den westlichen Organisatoren des „Kalten Krieges“ bemerkt und berechnet worden.


Die Jahre unter Breshnew

Während der Breshnew-Jahre wurde die von Chruschtschow ausgelöste Epidemie des Verrats gestoppt und unterdrückt. Aber die Viren dieser Krankheit waren noch nicht völlig abgetötet. Sie begannen sich rasch zu vermehren und infizierten den sowjetischen Gesellschaftsorganismus über viele andere Kanäle. Die wichtigsten dieser Kanäle waren die liberale Intellektuellenfront, die Dissidentenbewegung, das „Samisdat“-Verlagswesen, die im Ausland verlegte Dissidenten-Literatur („Tamisdat“) und die Emigrationswelle.

Der Klassenfeind

Man muß immer daran erinnern, daß unser Land einen mächtigen Feind hat – die westliche Welt, und daß es einen „Kalten Krieg“ gab. Unsere inneren Verräter wurden von diesem Feind ausgebildet, von ihm unterstützt und von ihm bestochen. Sie ließen sich von diesem Feind leiten. Ohne ihn oder wenn er schwächer und weniger aktiv gewesen wäre, hätte es eine solche Epidemie des Verrats nicht gegeben. Sie hätte verhindert werden können.

Die Technologie der Unterwanderung

Die westlichen Geheimdienste des Kalten Krieges rechneten bewußt mit diesem Verrat. Sie beschäftigten qualifizierte und sachkundige Männer. Der Verrat aus der Stalinzeit war ihnen gut bekannt. Sie wußten von der Kapitulation von Millionen sowjetischer Soldaten zu Beginn des Krieges von 1941-1945. Sie wußten um die Entstalinisierung in Form von Massenverrat. Die westlichen Dienste stellten sich direkt die Aufgabe, in der Sowjetunion eine „fünften Kolonne“zu schaffen. Sie hatten eine Technologie für diese Arbeit entwickelt.

Dissidenten

Eine der Methoden ihrer Arbeit bestand beispielsweise darin, besondere Persönlichkeiten hervorbringen, insbesondere auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Kultur und der Ideologie. Diese Persönlichkeiten wurden der übrigen Masse ihrer Kollegen und der Kollegen entgegengestellt. Im Westen wurden sie von den Medien gelobt, andere wurden gedemütigt und zum Objekt der Verspottung gemacht. Man druckte ihre Werke im Westen, Ausstellungen wurden für sie arrangiert, man lud sie zu sich ein und zahlte ihnen das große Geld. Aufgrund der Logik dieser inneren Wechselbeziehungen wurden die Ersteren freiwillig oder unfreiwillig zu Verrätern, die andere mit Neid und mit dem Geist des Verrats ansteckten.

Der Faktor Neid

Ich denke, daß der Wunsch, den Dissidenten und Regimekritikern ihren Weltrang abzulaufen – also der Neid eine wichtige Rolle dabei gespielt hat, um Gorbatschow in einen epochalen Verräter zu verwandeln. Die Dissidenten erhielten viel Publicity im Westen und für die Propaganda in der Sowjetunion, Kampagnen zu ihrem Schutz, erhielten sie materielle Mittel. Es gab sogar politischen und wirtschaftlichen Druck auf die sowjetischen Behörden. Für Emigranten wurden im Voraus Arbeitsplätze geschaffen und gute Zuschüsse ausgereicht. Es wurde auch der Nationalismus aufgebläht. Es entstanden besondere nationalistische Zentren und Organisationen. Mit einem Wort, es wurden viele Jahre geduldiger Arbeit geleistet, um die sowjetische Gesellschaft mit dem Virus des Antisowjetismus und Antikommunismus zu infizieren, um in der sowjetischen Bevölkerung massenhaft die Bereitschaft für einen solchen Verrat von epochalem Ausmaß zu schaffen.


Der Höhepunkt des Verrates

Die gesamte Entwicklung des Verrats, über den wir gesprochen haben, konzentrierte sich auf den Verrat von Gorbatschow und Jelzin. Neu war hier, daß der Verrat als Bestandteil der westlichen Diversion zur Beendigung des „Kalten Krieges“ umgesetzt wurde. Gorbatschow hat als Partei- und Staatschef das Verbot des Verrates zurückgenommen, und die vorbereitete Lawine des Verrates zermalmte das Land. Wer ist dafür verantwortlich?

Wer ist schuldig am Verrat?

Offensichtlich die oberste Macht des Landes, angeführt von Gorbatschow. Doch was sind nun die Kriterien für eine solche Beurteilung? Um das Verhalten der höchsten Sowjetmacht als verräterisch zu bewerten oder eine solche Bewertung abzulehnen, ist es einerseits notwendig, von der Pflicht der Machthaber gegenüber der ihnen untergeordneten Bevölkerung auszugehen. Diese Pflicht besteht darin, die etablierte Ordnung zu bewahren und zu stärken, die territoriale Integrität des Landes zu verteidigen, die Souveränität des Landes in allen Aspekten seiner gesellschaftlichen Organisation (Macht, Recht, Wirtschaft, Ideologie, Kultur) zu stärken und zu schützen, die persönliche Sicherheit seiner Bürger, das System der Erziehung und Bildung, die sozialen und bürgerlichen Rechte zu gewährleisten, kurz gesagt — alles zu beschützen, was in den Sowjetjahren erreicht wurde und zu einer gewohnten Lebensweise der Bevölkerung wurde. Die Behörden wußten das. Und die Bevölkerung war zuversichtlich, daß die Behörden ihre Pflicht erfüllen würden, und vertraute den Behörden. Haben die Machthaber diese Pflicht erfüllt oder nicht? Wenn nicht, warum nicht? Andererseits muß aufgeklärt werden, ob die Sowjetmacht unabhängig war oder von außen manipuliert wurde, ob ihr Verhalten von jemandem außerhalb des Landes geplant wurde oder nicht, ob die Machthaber in der Sowjetunion im Interesse äußerer Mächte handelten oder nicht.

Äußere und innere Kräfte

Die Realität der sowjetischen Geschichte nach 1985 ist so beschaffen, daß die Beurteilung des Verhaltens der sowjetischen Machthaber als Verrat an ihrer untergeordneten Bevölkerung für einen objektiven Beobachter über jeden Zweifel erhaben ist. Hier haben wir ganz offensichtlich ein klassisches Beispiel für verräterisches Verhalten. Eine solche Einschätzung wurde nicht von irgendeiner maßgeblichen Seite geäußert, da es eine solche Autorität weder gab noch gibt. Die äußeren Kräfte, die die Sowjetmacht manipulierten, förderten absichtlich den Verrat, indem sie ihn in der Propaganda in einer falschen Form als etwas Gutes darstellten, und es gab keine Kräfte, die in der Lage gewesen wären, die Machthaber als Verräter anzuklagen und diesbezüglich so zu handeln, wie es mit Verrätern zu geschehen hat.

Der unbemerkte Verrat

Der Verrat blieb unbemerkt und ungesühnt, weil die Initiatoren und Anführer des Verrats viele Millionen sowjetischer Menschen in die Situation des Verrats verwickelten, indem sie ihren persönlichen Verrat in dem massenhaften Verrat „ertränkten“ und sich damit ihrer Verantwortung entzogen. Die Bevölkerung wurde entweder zur Komplizin und zu einem Werkzeug des Verrats gemacht oder sie blieb ihm gegenüber passiv (gleichgültig). Die meisten Menschen hatten überhaupt nicht begriffen, was geschah. Und als sie begannen, etwas zu verstehen, hatte der Verrat bereits stattgefunden.

Die Last der historischen Mission

Auch die Tatsache, daß das sowjetische Volk siebzig Jahre lang die schwere Last der historischen Mission zu tragen hatte, spielte eine Rolle. Die Menschen hatten es einfach satt. Sie nahmen den konterrevolutionären Putsch als Befreiung von dieser historischen Last und unterstützten den Putsch oder verhinderten ihn zumindest nicht, ohne sich über die Folgen dieser „Befreiung“ im klaren zusein. Es kam damals niemandem in den Sinn, daß das sowjetische Volk, indem es die Last der historischen Mission abwarf, dadurch kampflos vor dem Feind kapitulierte und somit Verrat an sich selber beging.

Wer hatte die Macht in der Sowjetunion?

Es versteht sich von selbst, daß die soziale Ordnung unseres Landes auch im Verhalten der Bevölkerung eine Rolle spielte. Das System der Macht war so organisiert, daß den Massen der unterstellten Bevölkerung die soziale und politische Initiative vollständig entzogen worden war. Letzteres war das unumstrittene Monopol der Machthaber. Und selbst in diesem Rahmen konzentrierte sich die Macht auf ihre Spitzen und war nur zum geringsten Teil auf ihre hierarchischen Stufen verteilt. Die Bevölkerung war vollständig daran gewöhnt, den Behörden zu vertrauen. Und innerhalb der Macht vertraute man auf deren Spitze. Es kam den Menschen nicht in den Sinn, daß die Spitzen den Weg des Verrats einschlagen könnten. Und als der Verratsprozeß begann, wurde er von der Bevölkerung als ein behördliches Ereignis wahrgenommen, und der Aspekt des Verrats blieb unbemerkt.

Internationalismus oder Kosmopolitismus?

Auch hat die Ideologie zur Vorbereitung des Verrates ihr Scherflein beigetragen. Bekanntlich war eines der Prinzipien der sowjetischen Ideologie der Internationalismus. Einerseits wuchs er für einen großen Teil der Bevölkerung, vor allem für die gebildeten, wohlhabenden und nicht-russischen Menschen, zu einem gewissen Kosmopolitismus aus. Stalins Versuche, den Kosmopolitismus zu bekämpfen, waren gescheitert. Andererseits trug der Internationalismus dazu bei, daß sich die ethnischen Russen in der Sowjetunion von allen in der miserabelsten Lage befanden.

Das Nationalbewußtsin der Russen

Die nationale Machtpolitik war im Grunde antirussisch, sie wurde weitgehend auf Kosten der Russen umgesetzt, was zur Störung oder zumindest zur Unterbewertung des nationalen Selbstbewußtseins der Russen – zu einer russischen Entnationalisierung – führte. Und das wiederum führte dazu, dass das russische Volk dem Verrat der Dissidenten, der Emigranten, der höchsten Führer, der Kulturschaffenden (die zumeist Nicht-Russen waren) und anderen kosmopolitischen Kategorien von Bürgern gleichgültig gegenüberstand.


Der entscheidende Faktor

Hat dieser Verrat nun eine entscheidende Rolle beim Zusammenbruch des sowjetischen Sozialsystems und des Landes als Ganzes gespielt? Wenn man das Wort „entscheidend“ in dem Sinne versteht, daß ohne diesen Verrat das Gesellschaftssystem der Sowjetunion und die Sowjetunion selbst überlebt hätten und das Land der Katastrophe entgangen wäre, dann dürfte die Antwort auf die gestellte Frage ja lauten. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ausgangs des „Kalten Krieges“ wurde dadurch erhöht, daß die westliche Strategie in der letzten Phase des Krieges zu fast hundert Prozent auf diesem Verrat aufbaute. Die sowjetische (russische) Konterrevolution vollzog sich in einer konkreten historischen Form des Verrats – eines Verrats, der der Sowjetunion von ihren Feinden von außen aufgezwungen, von der ideologisch herrschenden Elite des Landes organisiert worden war, der vom sozial aktiven Teil der Bevölkerung unterstützt und von den übrigen Massen der passiven Bevölkerung kampflos hingenommen wurde.

Eine niederschmetternde Charakteristik

Der Verrat der Gorbatschow-Jelzin-Clique ist in allen seinen Hauptparametern der größte Verrat in der Geschichte der Menschheit: nach der Zusammensetzung der daran beteiligten Personen, nach dem Massencharakter, nach dem Grad der Bewußtheit und der Absichten, nach seinem konkret-historischen Inhalt, nach dem sozialen Niveau, nach senen Folgen für viele Länder und Völker und nach seiner Bedeutung für die Entwicklung der gesamten Menschheit. Wenn uns, den Russen, das Recht auf die Rolle der Entdecker eines neuen, kommunistischen Weges bei der sozialen Evolution der Menschheit gestohlen wurde, dann sollten wir zumindest als Vorkämpfer auf dem Gebiet des Verrats anerkannt werden. Aber ich fürchte, auch in dieser Hinsicht werden wir bei den globalen Operationen der Herren der westlichen Welt (einer globalen Supergesellschaft) auf das Niveau von Marionetten zurückfallen, und die Anführer unseres beispiellosen epochalen Verrats – Gorbatschow und Jelzin – werden als intellektuelle Kretins und als moralischer Abschaum in die Geschichte eingehen, wie sie es verdienen.

Eine Tragödie für die Menschheit

Der katastrophale Ausmaß unserer russischen Tragödie vergrößert sich dadurch, daß sie nicht in einer heroischen, erhabenen und selbstlosen Form, sondern auf unwürdige, feige, demütigende und irrwitzige Weise stattfand. Wir verlassen die historische Arena auf dem Weg ins Nichts nicht in einem erbitterten Kampf um das Leben und die Würde einer großen Nation, wie es in der antiken Tragödie angebracht war, sondern indem wir die Füße eines seelenlosen Feindes küssen, der uns in unserer Unterwürfigkeit ermutigt und uns erbärmliche Almosen zuwirft. Unsere Tragödie ist beispiellos in ihrer Schande.

März 1999

Quelle: http://www.rpw.ru/lib/Zinovev.html (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)
(Übersetzung: Florian Geißler)

*Die Denunziation

Schon vor über 150 Jahren wurden Denunzianten großzügig belohnt! In einer Wochenzeitung vom 13. Januar 1863 heißt es, daß Hundehalter ihre Hunde anzumelden haben, da ansonsten eine Strafe in Höhe von 1 bis 2 Gulden fällig ist, „wovon die Hälfte dem Denuntianten zukommt„.

Denunziantenlohn

Übrigens hat schon der berühmte italienische Dichter Alighieri Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ den Verrätern ein ganzes Kapitel gewidmet – sie kamen alle in die Hölle: „Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreu’n,  die Frucht der Schande dem Verräter bringen…“ (Dante „Göttliche Komödie“, übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß, Leipzig, Druck und Verlag von Philipp Reclam jun., 1876, S.186.)

Siehe auch:

Ljubow Pribytkowa: Wie die KPdSU den Sozialismus in der Sowjetunion zerstörte

Rafik Kulijew: Wie kam es zur Perestrojka und zur Zerstörung der UdSSR? Gab es einen strategischen Plan?

Kurt Gossweiler: Gedanken eines Kommunisten nach der Niederlage des Sozialismus von 1989

Gerhard Feldbauer: Ein vorhersehbarer Verrat – Oder: Wer hat die DDR verraten und verkauft?

 

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5 Antworten zu Alexander Sinowjew: Der größte Verrat in der Geschichte der Menschheit

  1. S. Erfurt schreibt:

    Die SPD hat die Interessen ihrer Wähler, insbesondere die Interessen der Arbeiterklasse mehrfach und in Folge verraten. Das zeigt die Geschichte dieser Partei und auch, daß dieser mehrfache Verrat den Tod vieler Menschen zur Folge hatte. Erinnern wir uns an den Versuch der noch jungen SPD die gegen Ende des 19. Jh. den Dialog mit dem Preußischen Junkertum suchte, das Ergebnis waren Bismarcks Sozialistengesetze welche die Verfolgung der Führer der Arbeiterklasse legalisierten.

    Erinnert sei daran, daß die SPD im Deutschen Reichstag 1914 die Kredite für den 1. Weltkrieg bewilligte. Und auch daran, daß der Zeit der Weimarer Republik der Polizeiapparat sowie alle wichtigen Ämter von der SPD besetzt waren, siehe Noske, siehe Morde an Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Walter Rathenau. Und wir wissen auch, daß sich die im Reichstag verbliebenen SPD-Genossen im März 1933 geschlossen hinter Hitler stellten.

    Allein schon die Bezeichnungen „Sozial“ und „Demokratisch“ sind Verrat!

  2. S. Erfurt schreibt:

    Interessanterweise lese ich auch in linken Kreisen immer wieder, daß sich „die Mehrheit des Volkes der DDR“ dafür entschieden hat die DDR nicht mehr haben zu wollen. Das ist nicht nur falsch sondern auch unlogisch! Unlogisch deswegen, weil das Volk der DDR ja im Besitz der Produktionsmittel war, im Besitz der Volkseigenen Betriebe und damit im Besitz der Macht. Kein Volk der Welt würde dies freiwillig hergeben, denn das hieße ja, das Volk würde Verrat an sich selbst ausüben!

    Mit Sicherheit also kann es gar nicht eine Mehrheit gewesen sein die sich für die Vernichtung der DDR eingesetzt hat. Selbst Marx verstand unter Mehrheit immer die Arbeiterklasse. Ein ganzes Volk als Verrätervolk, das gehört in die Welt der Fabel!!!

    • sascha313 schreibt:

      Genauso falsch und unlogisch ist auch, was die KPD/ML (die Engel-Gärtner-Partei) seit langem vertritt. Diese Genossen erklären: „Der moderne Revisionismus der Ulbrichts und Honeckers läßt viele Menschen glauben, daß dieser Staat der Parteibonzen Sozialismus oder gar Kommunismus war.
“ (Hervorh. v.m.). Das ist natürlich Unsinn – es entspricht der immer wieder neu aufgelegten bürgerlichen Lüge von „SED-Staat“. Ja, und „glauben“ kann man in der Kirche! Niemand von uns hat behauptet, daß wir in der DDR schon den Kommunismus erreicht hätten.

      Und sie versteigen sich sogar zu der Behauptung: „Solange KPD-Genossen so ein unqualifiziertes Gedankengut wie ,Wer den Sozialismus in der DDR verunglimpft, singt das Lied des Klassenfeindes!‘ verbreiten, zeigen sie, daß sie nicht geeignet sind den Aufbau der bolschewistischen Partei des deutschen Proletariats voranzubringen.“ („Roter Morgen“, 10. Mai 2020)

      Abgesehen davon daß der Beitrag von Rechtschreibfehlern nur so strotzt: Das ist ebensolcher Unsinn, denn die DDR war bis 1990 ein sozialistischer Staat („real existierender Sozialismus“). Die Produktionsmittel befanden sich in den Händen des Volkes – sie waren Volkseigentum! Auch wenn in der DDR Revisionisten – wie wir ja gesehen haben – mit der Zeit immer größeren Einfluß gewonnen hatten (Modrow, Krenz, Wolf, Gysi u. Konsorten), insbesondere seit dem Erscheinen des Klassenverräters und Betrügers Gorbatschow an der Spitze der KPdSU. – Dieser hervorgehobene Satz ist also völlig richtig!

      In der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ wurden nach 1980 immer mehr aggressive Fälschungen über die Geschichte der Sowjetunion verbreitet. Und es ist bedauerlich, daß die Parteiführung diese revisionistische Zeitschrift in der DDR erst 1989 verboten hat.

      Angesichts der massiven Lügen und Verleumdungen, der Verunglimpfungen und Geschichtsfälschungen durch die Staatsmedien der BRD ist es geradezu ein Verrat am Aufbau einer bolschewistischen Partei (was diese Genossen ja vorgeben zu beabsichtigen!) …in den vergangenen 30 Jahren wurden in der BRD von seiten des bürgerlichen Staates allein aus Steuermittel etwa 5 (fünf!) Milliarden Euro ausgegeben, um die DDR zu delegitimieren.

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