Walter Berg: Gustave Le Bon und sein Buch über die „Psychologie der Massen“

Gustve Le BonWeitbreitet und mitunter sogar als eine Art „Lehrbuch“ verstanden, besitzt das dubiose, präfaschistische Buch des französischen Arztes und Buchautors Gustave Le Bon „Psychologie der Massen“ bei bürgerlichen Ideologen heute immer noch eine gewisse Priorität. Im Vorwort zur 1982 erschienenen Neuauflage schreibt Professor Hofstätter, die Thesen von Le Bon seien „so sehr zum Gemeingut der gebildeten Welt geworden…, daß manche es gar nicht mehr für nötig halten, es auch zu nennen, wenn sie ihre eigenen Urteile ganz unwillkürlich in die Worte des französischen Autors kleiden.“ – Ja, ja –  die „gebildete Welt“! – Auch die Nazis bevorzugten seine Thesen, um ihre faschistische Ideologie zu begründen…

Wer war Gustave Le Bon?

(*7. 5. 1841 Nogent-le-Rotroù, +15. 12. 1931 Paris) französischer Völkerpsychologe und Soziologe, Mitbegründer der bürgerlichen Massenpsychologie. Le Bon entstammt einer Adelsfamilie. Er studierte Medizin, übte den Arztberuf aber nur im Krieg 1870/71 aus. Nach 1871 befaßte sich mit Archäologie, Anthropologie und Ethnologie, Politik un4 Psychologie. Im Auftrag der Regierung unternahm er Forschungsreisen nach Indien, um dort die buddhistische Architektur zu studieren. Seine ersten Werke beschäftigen sich mit der Kultur der Araber und des Orients. Danach wendet er sich der Völkerpsychologie zu.

Die „Psychologie der Massen“

Einfluß und Wirkung Le Bons beruhen hauptsächlich auf seinem 1895 erschienenen Werk „Psychologie der Massen“. Le Bon versucht hier, die im letzten Drittel des 19. Jh. im­mer mächtiger werdenden historischen Aktivitäten der Volksmassen, deren Kern die Arbeiterklasse geworden war, auf einen bestimm­ten psychologischen Zustand der Massenseele zurückzuführen. Da­durch wird es möglich, ein einheit­liches und massenhaftes Auftreten der Arbeiter als moralisch verwerfliche Erscheinung zu deuten.

Ein Feind des Proletariats

Le Bon weist sich mit seinem Werk als Gegner der Arbeiterbewegung, als Gegner des frühbürgerlichen Den­kens, des Rationalismus, der bür­gerlichen Gleichheitsideen aus. Die weltanschaulich-philosophische Grundlage seines Denkens bildet ein an → Spengler anklin­gender geschichtsphilosophischer Pessimismus und ein individualistischer Irrationalismus.

…ideologische Beschränkheit  

Mit seiner „Psychologie der Massen“ – die als erste Gesamtdarstellung der hürgerlichen Massenpsychologie gewertet wird – beeinflußt Le Bon die noch heute üblichen Denksche­mata der bürgerlichen Ideologie gegenüber den Volksmassen. Ausgehend von der Beschreibung zufälliger Massenansammlungen und Massenerscheinungen verallgemeinert er dabei festgestellte Ei­genschaften, die unzulässigerweise auch auf die proletarischen Mas­sen und deren politische Aktivitä­ten übertragen werden.

Von Erregung befallen: die „Seele der Massen“

Bei der Darlegung seiner Auffas­sungen geht Le Bon von einer „psy­chologischen Masse“, die als spon­tane, latente, konkrete, abstrakte Masse auftritt, und einer „Massen­seele“ aus. Unter „psychologi­scher Masse“ versteht Le Bon eine Vielzahl von Menschen, die auf­grund ihrer Zahl, gemeinsamer In­teressen, Eigentümlichkeiten usw. von Erregung oder Affekten befal­len und dadurch zu einer neuen psychischen Einheit zusammenge­schlossen werden und nach den spezifischen Gesetzen dieser psy­chischen Einheit handeln. Da­durch erhält der einzelne Eigen­schaften, die er außerhalb der Masse nicht besitzt. Dabei ist es unwesentlich, ob diese neue Ein­heit durch konkretes Zusammen­sein (spontane Masse) oder durch gemeinsame Auffassungen (latente Masse) entsteht. Le Bon bezeichnet dieses Phänomen auch als „Mas­senseele“.

Das Volk: „primitiv, dumm, suggestibel…“

Der Mensch in der Masse ist nach Le Bon primitiv, ungebildet, zeichnet sich durch mangelnde Intelligenz, Roheit, Zerstörungssucht und wei­tere negative Eigenschaften aus, wie Impulsivität, Suggestibilität, Überschwenglichkeit, Intoleranz, Wankelmütigkeit, Unzuverlässig­keit. Die „Massenseele“ sei nun um so weniger akzentuiert, je mehr die „Rassenseele“ ausgeprägt ist. Die sozialistischen Ideen sind nach Le Bon schon dadurch diskreditiert, daß sie zu den Massen gelangten. Den Volksmassen und ihren Füh­rern stellt Le Bon die intellektuelle Aristokratie gegenüber, die bisher alle Kulturen geschaffen und gelei­tet habe.

Die Zuneigung Le Bons zum Faschismus

Während die „Psychologie der Massen“ in der imperialistischen Welt auch heute in vielen Sprachen ständig neu erscheint, haben die weiteren Werke Le Bons keine Nach­auflagen oder Übersetzungen er­fahren. Eine Ausnahme bildet sein 1927 geschriebenes letztes Werk „Die gegenwärtige Entwicklung der Welt“. In diesem Werk, das den Anspruch erhebt, eine Analyse der Situation nach dem ersten Weltkrieg zu geben, werden profa­schistische Züge offensichtlich.

Ein großer Verehrer von Mussolini

Die Gewerkschaften werden als eine neu in die Welt getretene zer­störende Kraft bezeichnet, der So­zialismus als ein mystisches Ge­fühl, das unausrottbar sei, wie der Hunger und die Liebe. Wie in der „Psychologie der Massen“ wird das Seelenleben der Massen als Ur­sache für alle bedeutsamen ge­schichtlichen Ereignisse gewertet, auch als Ursache für den Faschis­mus, den Le Bon in diesem Werk in seiner italienischen Form bejaht und in der Person Mussolinis hoch verehrt.

Der lange Schatten der „Massenpsychologie“

Le Bon ist Mitbegründer der Ende des 19. Jh. entstehenden bürgerli­chen Massenpsychologie (weitere Vertreter: Tarde, Sighele), deren Einfluß bis in die Gegenwart reicht und die Argumente liefert, die sich heute noch für die bürgerliche Ideologie als brauchbar erweisen. Le Bons „Psychologie der Massen“ fand ihre Fortsetzung bei → Or­tega y Gasset, De Man und in ge­wissem Umfang bei einigen Vertre­tern der heutigen bürgerlichen Gruppendynamik.

Werke: Psychologie des foules, 1895, Psychologie der Massen, 1908; Psycho­logie du socialisme, 1898; Psychologie de l’education, 1902; Psychologie des temps nouveaux, 1920; A psychologia politica, 1921; L’evolution actuelle du monde, 1927, Die gegenwärtige Ent­wicklung der Welt, Wien 1930.
Literatur: E. Picard, Gustave Le Bon und sein Werk, Paris 1909; W. Schwa­lenberg, Gustave Le Bon und seine Psy­chologie des foules, Bonn 1919; P. Rei­wald, Vom Geist der Massen. Handbuch der Massenpsychologie, Zürich 1946; P. R. Hofstätter, Gruppendyna­mik, 1957; H. Hiebsch/M. Vorwerg.. Einführung in die marxistische Sozial­psychologie, Berlin 1967, 17/18.
Oswald Spengler (1880-1936): einer der miltantesten Vertreter kulturpessimistischer, geschichtsphilosophischer Auffassungen des deutschen Imperialismus.
José Or­tega y Gasset (1883-1955): spanischer spätbürgerlicher Philosoph, militanter Vertreter lebensphilosophischer und elitetheoretischer Anschauungen.

Siehe auch:
Hans Beyer: Antikommunismus und Massenpsychologie

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3 Antworten zu Walter Berg: Gustave Le Bon und sein Buch über die „Psychologie der Massen“

  1. S. Erfurt schreibt:

    Das Volk der DDR und die „Friedliche Revolution“: War es wirklich das Volk was DAS wollte? Ganz bestimt nicht: Kein Volk der Welt ist soo dumm und tritt sein Eigentum in die Tonne! MFG

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