Günter Radczun: Wie Dr. Karl Marx zum Kommunisten wurde…

Karl_MarxStudiert man heute das Leben dieses größten deutschen Gelehrten und Philosophen, so kann man nur voller Hochachtung feststellen, mit welcher Akribie und Gewissenhaftigkeit er alles ergründete, bis ins kleinste Details untersuchte, und so zu kühnen Schlußfolgerungen und Erkenntnissen gelangte, die noch Generationen nach ihm die Welt grundlegend veränderten. Karl Marx, der geniale Begründer der wissenschaftlichen Weltanschuung des dialektischen und historischen Materialismus leistete ein wahrhaft titanisches Werk, um die unterdrückten und ausgebeuteten Volksmassen vom Joch der kapitalistischen Lohnsklaverei zu befreien. Doch es blieb nicht nur bei der Theorie. Nachdem die Pariser Kommune gescheitert war, leitete die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Rußland die Epoche des Übergangs von Kapitalismus zum Sozialismus ein…

Der Aufbau des Sozialismus

Wir, die heute 50- bis über 80-Jährigen, in der DDR geborenen, hatten das riesige Glück am Aufbau des Sozialismus mitzuwirken. Hier fand die Theorie von Marx ihre Bestätigung. Nicht immer war uns damals schon bewußt, welches gewaltige Aufbauwerk uns damit übergeben worden war. Die Befreiung der Arbeiterklasse vom Kapitalismus war und ist das Lebensziel von Millionen Kommunisten auf der ganzen Welt. Nachdem Karl Marx in Berlin sein Studium der Philosophie Hegels fortgesetzt und in Jena 1841 zum Doktor der Philosophie promoviert worden war, folgte er dem Ruf eines Freundes nach Köln und wurde Redakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“.

rheinischezeitung.48

Darüber berichtet der Autor Günter Raczun:

Der 26-jährige Karl Marx als Chefredakteur

Schon wenige Monate nach dem Erscheinen der ersten Nummer der »Rheinischen Zeitung« erwog der Minister des Innern das Verbot der Zeitung. Das Verbot wurde noch einmal aufgeschoben, jedoch wies der Minister den Oberpräsidenten der Rheinprovinz an, die »Rheinische Zeitung« schärfer zu überwachen. Jeden Mittag mußte nun Marx mit der Nummer der Zeitung, die am anderen Morgen in Köln erscheinen sollte, in das Regierungs­gebäude gehen und sie dem Zensor vorlegen, der den Zeitungstext streng auf staatsgefährdende Gedanken überprüfte. Aber es gelang Marx immer wieder, den Zensor zu überlisten, und vieles schlüpfte durch, was der Zensor eigentlich hätte streichen müssen. Marx kämpfte mit viel Geschick für die Freiheit des Wortes; denn die Presse sollte das Volk erziehen, sich selbst, ohne fürst­liche Bevormundung, regieren zu können.

Ein bayerisches Provinzblättchen regt sich auf…

Im Oktober denunzierte die »Augsburger Allgemeine Zeitung« die »Rheinische Zeitung« öffentlich in einem Artikel bei der preußischen Regierung wegen Verbrei­tung kommunistischer Ideen. Moses Heß hatte in einem Artikel über den französischen Kommunismus berichtet und geschrieben, daß der Kampf des Proletariats gegen das Privateigentum der Fabrikanten zu einer sozialen Revolution führen werde.

Wie gefährlich ist der Kommunismus?

Marx als Chefredakteur mußte die Entgegnung schrei­ben. Die Antwort fiel ihm nicht leicht, da er mit einem Mal erkannte, daß eine neue kommunistische Theorie von Männern geschaffen worden war, die jenem Stand helfen wollten, der mit den großen Fabriken in England und Frankreich entstanden war und der nichts besaß. Von dieser neuen Theorie kannte er sehr wenig, fast gar nichts.

Eine Utopie – oder der Weg zur Veränderung?

Gewiß, der Regierungsrat von Westphalen hatte mit ihm über die Pläne und Gedanken des Franzosen Saint-Simon gesprochen; sie waren ihm dann wieder in den Vorlesungen bei Professor Gans in Berlin begegnet. Er hatte über die Ideen Saint-Simons auch nachgedacht, aber weit mehr über die Philosophie. Zweifel bestürmten ihn. Hatte er sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu viel in der Philosophie herumgekramt, zu sehr danach gestrebt, aus Büchern die Welt und den Menschen zu erkennen, und damit die wirkliche Welt und den wirk­lichen Menschen nicht begriffen?

Kritik setzt das Studium voraus!

Lange überlegte Marx, wie er der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« antwor­ten sollte. Am 16. Oktober fanden die Leser die Antwort. Marx bekannte sich noch nicht zum Kommunismus, aber er sah, daß die elenden Verhältnisse, in denen die Arbeiter lebten, beseitigt werden mußten. Der Kommunismus war deshalb für ihn eine wichtige Zeitfrage, nicht nur für Frankreich und England, sondern für ganz Europa, und er schrieb, daß die »Rheinische Zeitung« den Kom­munismus weiter kritisch besprechen werde, aber die Kritik setze das gründliche Studium voraus.

Die gescheiterten Hoffnungen französischer Sozialisten

Marx studierte den Kommunismus. Er las Werke und Schriften von französischen Kommunisten und Soziali­sten, die an den Mißständen der kapitalistischen Gesell­schaft Kritik übten. Sie wollten die Lage der Proletarier verbessern und die Kapitalisten davon überzeugen, das Privateigentum freiwillig aufzugeben. Ihre Pläne schei­terten jedoch, weil sie den Klassenkampf ablehnten und die Kraft des Proletariats nicht erkannten.
Karl Marx nahm für diesen Kommunismus nicht Partei.

Man muß die Gesellschaft neu organisieren!

Die Not der Arbeiter in den großen Fabrikstädten wie Manchester, Paris und Lyon, die in diesen Werken be­schrieben wurde, erschütterte ihn sehr. Aber die Vor­slellungen der kommunistischen Schriftsteller von der Beseitigung des sozialen Elends erschienen dem jungen Marx zu phantastisch. Er war noch revolutionärer Demokrat, er lehnte die feudalen Verhältnisse ab und hoffte auf ihre Veränderung durch den Staat, dessen Aufgabe es sei, die Gesellschaft neu zu organisieren.

Die Zahl der interessierten Leser nimmt zu…

Die Zeit verrann. Marx hatte nicht viele Tage oder gar Wochen und Monate zum Studieren. Er mußte eine große Tageszeitung herausgeben, und die Auflage stieg; von Monat zu Monat fand das Blatt neue Leser im Rhein­land. Marx hatte mit seiner Arbeit Erfolg. Viele Menschen kamen in die Redaktion in der Holzmarktgasse, die einen, um sich beraten zu lassen, die anderen, um ihre Mitarbeit anzubieten. Den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen.

Der junge Fabrikantensohn Friedrich Engels

Eines Tages betrat der junge Fabrikantensohn Fried­rich Engels die Redaktion. » Ich fahre nach England, nach Manchester«, sagte er, »dort soll ich im Kontor einer Großspinnerei arbeiten, die meinem Vater gehört. Der Vater will aus mir einen guten Kaufmann machen, wozu ich wenig Lust habe. Ich möchte für die ,Rheinische Zeitung‘ über England berichten.« – Marx hörte den jungen, hochaufgeschossenen Mann mit dem fast knabenhaften Gesicht mürrisch an. Was kann der schon über England berichten, dachte er, nickte mit dem Kopf und sagte: »Schicken Sie mir Ihre Artikel und Korrespondenzen. Wenn sie brauchbar sind, kommen sie in die ,Rheinische Zeitung‘, wenn sie nichts taugen, in den Papierkorb. Manuskripte werden nicht zurückgeschickt.«

Moses Heß war begeistert

Moses Heß begrüßte den jungen Engels ganz anders. »Sie fahren nach England, junger Mann«, rief er begeistert aus. »Große Dinge spielen sich jetzt dort ab. Sie fahren in das Land der sozialen Revolution, sehen Sie sich das Land genau an, studieren Sie ernsthaft jeden Winkel.« Welche Überzeugung spricht aus diesen Worten, dachte Engels und war froh, daß Moses Heß ihn so empfing. Warum England das Land der sozialen Revo­lution sein sollte, das wußte Moses Heß allerdings nicht richtig zu erklären. Das sollte Engels erst selbst aufspüren.

Die wilden Studenten von Berlin…

Marx war dem jungen Engels nicht allzu freundlich gesinnt, weil er erfahren hatte, daß dieser Fabrikan­tensohn aus Barmen in Berlin mit den »Freien« verkehrte, die in Weinstuben oder Bierwirtschaften saßen, tranken und lärmten. Sie verachteten jede politische Tat und glaubten allein durch das großsprecherische Wort die alte Welt umstürzen und vernichten zu können. Sie schickten Marx Artikel aus Berlin für die Zeitung, die er unmöglich veröffentlichen konnte, ohne das Verbot der »Rheinischen Zeitung« heraufzubeschwören, Artikel, die niemandem etwas nutzten, die die Bewegung für die Verbesserung des preußischen Staates keinen Schritt vor­an brachten.

Nur der politische Kampf kann die Welt verändern

Marx hatte gehofft, daß Bruno Bauer, der wieder nach Berlin zurückgekehrt war, mit diesem Unsinn aufräumen würde. Doch er irrte: Bauer schloß sich den »Freien« an. Marx brach mit dem ehemaligen Freund. Daß Engels sich jedoch längst von den »Freien« getrennt hatte, das wußte Marx nicht. Vielleicht wäre er ihm dann anders begegnet. Karl Marx war davon überzeugt, daß das hohle Wort die Welt nicht verändern konnte, sondern nur der poli­tische Kampf, der die wirklichen Mißstände der Gesell­schaft aufdecken mußte. Und diese konkreten sozialen Mißstände prangerte er in seinen Artikeln für die »Rhei­nische Zeitung« an.

Karl Marx ergreift Partei für die Unterdrückten

Er schrieb über das »Holzdiebstahlgesetz«, das im Landtag debattiert wurde. Er enthüllte, daß der Landtag die egoistischen Sonderinteressen der reichen Gutsbe­sitzer vertrete, daß er mit dem neuen Gesetz den armen Bauern das Gewohnheitsrecht verwehren wollte, in den Wäldern das dürre, trockene Holz aufzulesen. Marx nahm sich in der Zeitung der Not der Mosel­bauern an. Die kleinen Weinbauern konnten auf dem Markt ihren Wein nicht verkaufen und hatten kein Geld, um die Steuern zu bezahlen. Sie gerieten in die Hände von Wucherern und mußten oft Haus und Land verlassen. Marx klagte den Oberregierungspräsidenten an, daß er die Notlage der Moselbauern nicht beachte und ihre Klagen in der Presse unterdrücken lasse.

Die herrschende Klasse hat Angst vor einer Revolution

Der Präsident war empört, die »Rheinische Zeitung« wiegle die Bauern gegen die Regierung auf, meldete er nach Berlin. Aber Marx ließ nicht locker. Sein Herz schlug für die armen und entrechteten Menschen an der Mosel. Er schrieb neue Artikel, aber der Zensor strich sie aus der Zeitung, und der Präsident ordnete das Verbot der »Rheinischen Zeitung« an. Sie sollte am 31. März 1843 das letzte Mal erscheinen. Marx wollte die Zeitung retten und trat vorher aus der Redaktion aus, aber es nutzte alles nichts, die »Rheinische Zeitung« durfte nicht mehr erscheinen.

Quelle:
Günter Radczun: „Prometheus aus Trier“. Der Kindebruchverlag Berlin (DDR),1968, S.36-40.

km

Siehe auch:
Warum fürchten sich die Kapitalisten vor Karl Marx? Und warum hassen sie die Kommunisten?

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5 Antworten zu Günter Radczun: Wie Dr. Karl Marx zum Kommunisten wurde…

  1. S. Erfurt schreibt:

    Sascha, wir sind heute diejenigen die den politischen Kampf führen!

    Passend zum Thema: https://rolfrost.de/gammelfleisch.html
    Warum gerade jetzt der Fleischskandal im Münsterland?

    MFG

    • Nun, da die Leute in der Mehrheit nicht willens sind, auf Fleisch zu verzichten und Veganer zu werden, muß ihnen Angst gemacht werden. Was passt da besser, als wenn sich herum spricht, daß auch Schweine sich mit SARS-CoV-2 infizieren … Ähnliches wurde ja schon mal ausprobiert: „Rinderwahnsinn“ — da hat dann kaum noch einer – selbst hart gesottene Karnivoren nicht – Rindfleisch gekauft.

      • S. Erfurt schreibt:

        Angst erzeugen ist nur eines mehrerer Ziele dieser Skandalpresse. Das wichtigste Ziel was die haben ist, vom Wesen des Kapitalismus abzulenken und diesen einen Fleischproduzenten so hinzustellen als wäre das eine absolute Ausnahme, ein Skandal und ein persönliches Schicksal.

        Im Wirklichkeit wird unter kapitalistischen Bedingungen auf der ganzen Welt so produziert und die Mehrheit weiß das auch! Ähnlich verhält es sich mit dem Ibiza-Skandal, dem Fall Amthor usw. Die Lügenpresse stellt diese Politiker so hin als hätten die Lobbyismus betrieben und das hätten nicht machen dürfen. In Wirklichkeit haben diese Politiker auch nur das getan was alle anderen Politiker auch machen, nämlich die Interessen privater Unternehmer zu vertreten.

        Und natürlich sind Begriffe wie Gammelfleisch, Lobbyismus und Vetternwirtschaft bestens dafür geeignet das Wesen des Kapitalismus zu verschleiern, denn der brave Zuhörer soll ja unter diesen Begriffen etwas ganz anderes verstehen, nur nicht die Funktionsweise des Kapitalismus und die Rolle des kapitalistischen Staates. Genau das sind die Verdienste von Marx. Engels, Lenin usw. eben die Gesetzmäßigkeit dieser Entwicklung zu erkennen.

        Viele Grüße!

      • Auch dir viele Grüße und eine schönes Wochenende!

  2. Pingback: Günter Radczun: Wie Dr. Karl Marx zum Kommunisten wurde… – vakanz13blog

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