„Hilfe, Polizei!“ – Ein Bericht aus der Wochenpost Nr.19 von 1955. Westdeutscher Polizist schießt Arbeiter nieder.

Hilfe Polizei_0006Über die brutalen Methoden der westdeutschen Polizei ist schon oft berichtet worden. Meist waren nach 1945 auch diejenigen wieder in „Amt und Würden“ gelangt, die auch schon vordem in der Nazi-Polizei beschäftigt waren. In der DDR war das anders – da wurden sämtliche Polizisten des damaligen faschistischen  Staates aus Ämtern und Funktionen entfernt. In der Zeitschrift „Wochenpost“ erschien 1955 ein Beitrag aus der West-Zeitschrift „Der Stern“ über einen Vorfall in Passau, der ein erschreckendes Licht auf die westdeutsche Polizei wirft. Unmittelbar nach Erscheinen wurde die gesamte Auflage des „Stern“ beschlagnahmt und vernichtet. Hier nun der ungekürzte Beitrag…

Max Kohl hat acht Stunden schwere Nachtarbeit in der Zahnradfabrik hinter sich. Er ist hundemüde und will nach Hause. Er wohnt drau­ßen hinter dem Berg, in Grünet, an der Straße von Passau nach Neu­berg. Sein kleines Motorrad tuckert mühsam den Berg hinauf. Plötzlich stirbt der Motor. Na, er kennt das schon. Das ist die Zündkerze. Max Kohl steigt ab, hockt sich hin, nimmt die Zündkerze raus und reinigt sie. Da fährt er auf. Zwei Männer stehen neben ihm, wie aus der Erde ge­wachsen. Eine Taschenlampe blitzt. „Papiere!“ Die beiden sind in Zivil. ,Autobanditen, Straßenräuber‘, zuckt es Kohl durch den Kopf. Er verlangt auch ihre Ausweise. Sieht ganz flüchtig eine grüne Karte.

Stand da ,Kommissar‘? Ist das ein echter Aus­weis? Die beiden prüfen, verglei­chen, wühlen seine Taschen durch mit der Thermosflasche, der Brot­büchse und dem Werkzeug, Max Kohl hat Angst. Doch – Gott sei. Dank – sie geben ihm die Papiere zurück und gehen mürrisch davon. Den Berg hinauf. Dem Staatsbürger Max Kohl ist die Begegnung unheimlich. Waren das Banditen? War das wirklich Polizei? – „Die Polizei, – Dein Freund, Dein Helfer“ – na, er kennt den Spruch. Max Kohl schiebt seine Maschine wieder an, im Laufschritt den Berg hinunter. Der Funke zündet, Da schreit es hin­ter ihm her. „Herrgott – also doch Banditen“ denkt er und läuft. Es ist hundekalt. Er hat eine Wollmütze auf und seine Lederkappe drüber.

Aber er hört das Schreien und sieht, wie die beiden ihm nachlaufen. Und plötzlich peitscht ein Schuß. Er rennt um sein Leben, schmeißt die Maschine weg und quetscht sich an die nächste Hauswand. „Hilfe, Hilfe, Polizei“ ruft er. Und noch einmal knallt ein Schuß, und Sand spritzt ihm um die Beine. Da sind sie heran. Dreschen auf ihn ein mit Knüppeln, Er hält seine Hände über den Kopf und brüllt vor Schmerz. Im Haus wird Licht. Der Hauswirt läuft im Nachthemd die Treppe hinunter und reißt die Tür auf. Er erkennt die beiden Polizisten aus dem Revier trotz ihres Zivils. Und der Mann, der da geprügelt wird, schreit wie ver­rückt nach der Polizei. Na, die hat er ja.

Max Kohl drängt sich durch, die Haustür, läuft in ein Zimmer. Die Meute hinter ihm her. Kohl lehnt sich gegen die Tür. Er wird zurück­gedrückt, stürzt, schlägt mit dem Kopf gegen den Ofen. Üher ihm sind die bösen Gesichter der Banditen von da draußen. Und da reißt der eine die Pistole hoch und jagt dem Mann am Beden aus einem Meter Entfernung eine Kugel in den Bauch. Jetzt ist Kohl am Ende. Sie zerren ihn hoch und schieben den Mann, der stöhnt und, sich vor Sehmerzen. krümmt, vor siich her auf die Wache. Kohl sackt zusammen. „Hände hoch! Gesicht zur Wand“, schreien sie ihn an, die Ordnungs­hüter. Anderthalb Stunden quälen sie ihn noch. Dann liegt Staatsbür­ger Kohl, umgelegt von den Passauer Polizisten Max Wilhelm und Gün­ther Henke, im Städtischen Kran­kenhaus.

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Glatter Durchschuß, stellt der Arzt fest. Und Gehirnerschütte­rung. Aber schon fünf Stunden spä­ter läßt er es zu, daß die Staats­anwaltschaft den Verwundeten ver­hört. Mitleidslos. Man schiebt dem Kranken ein Protokoll unter. Kohl unterschreibt nicht. Das ist nicht seine Aussage. Man hat es eilig mit ihm, Schon nach drei Tagen wirft man ihn mit noch eiternder Wunde aus dem Krankenhaus, Und nun ist er ein kranker und gebrochener Mann.

Und die Herren Ordnungshüter, die „Freunde und Helfer“ Wilhelm und Henke? Wilhelm ist nur wegen „fahrlässiger Körperverletzung“ an­geklagt. Und Komplice Henke? Der ist gar nicht angeklagt, der ist Zeuge und sagt für Wilhelm aus. Aus dem Banditenanschlag wird auf diese Weise ein kleiner „Betriebsunfall“ konstruiert. Und morgen schon werden die brutalen Schläger in Uniform wieder auf arglose Staatsbürger losgelassen.

Hilfe Polizei

Hier ein Ausschnitt aus der Wochenpost Nr.19/55, Seite 20:

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Siehe dazu auch:
Die Polizi der BRD – Machtinstrument der Monopole
Die Volkspolizei der DDR

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4 Antworten zu „Hilfe, Polizei!“ – Ein Bericht aus der Wochenpost Nr.19 von 1955. Westdeutscher Polizist schießt Arbeiter nieder.

  1. Weber Johann schreibt:

    Hier der Urteilsspruch aus zwei verschiedenen Zeitungen. Einmal aus der „Passauer Neuen Presse“ vom 2.5.1955 und dann aus der „Berliner Zeitung“ vom 3.5.1955.

    „Passauer Neue Presse“ vom 2.5.1955:

    Festnahme darf sich niemand widersetzen
    Passauer Polizeibeamter freigesprochen, der einen Unschuldigen anschoß
    Passau (Eigen. Bericht). Die Große Strafkammer Passau fällte am Samstag nach dreitägiger Verhandlung das erste Urteil zum neuen Polizeiaufgabengesetz. Sie sprach einen Polizeibeamten, der irrtümlich einen Unschuldigen verfolgte, ihn angeschossen und mit einem Gummiknüppel geschlagen hatte, von der Anklage der fahrlässigen Körperverletzung bzw. Körperverletzung im Amt frei. Dabei berücksichtigte das Gericht die besonderen, nach sachverständiger Meinung von Oberpolizeirat Kohler aus Regensburg einmaligen Umstände dieses Falles: ein Passant läuft in sinnloser Flucht davon, nachdem ihn eine Polizeistreife nachts kontrolliert hatte. Als Grund gab er später an, er hätte die beiden Beamten für Banditen gehalten. Der Vorfall trug sich am 21. Januar 1955 gegen 4 Uhr morgens zu. Damals beunruhigte eine geheimnisvolle Einbruchsserie die Bevölkerung von Passau. Die Passauer Polizei führte eine verstärkte Streifentätigkeit durch und hatte den Auftrag,den Ausweis jedes Passanten zu kontrollieren. Bei einer solchen Streife kontrollierte Oberkommissar Wilhelm und Kommissar Henke den Metallfräser Kohl aus Neukirchen a. I. Der Mann verlangte die Papiere der Beamten zu sehen, da Beamten in Zivil waren.
    Wilhelm zeigte ihm sofort seinen Dienstausweis, daraufhin wies sich auch der Mann aus und gab an, auf der Heimfahrt von der Nachtschicht zu sein.

    Als die Beamten weitergingen, riß Kohl plötzlich sein Motorrad herum und rannte in Richtung Stadt zurück. Auf die Anrufe der Polizei blieb Kohl nicht stehen und auch einige Warnschüsse brachten ihn nicht zum Stehen. Kohl wollte sich laut um Hilfe schreiend in ein Haus flüchten. Am Hause schließlich hatte Wilhelm einen dritten Schuß auf Kohl abgefeuert, der diesen nur leicht streifte. Hier billigte das Gericht dem Beamten Putativ-Notwehr (vermeintliche Notwehr) zu. Nach Wilhelms Angaben hatte Kohl seine Hände in der Nähe der Tasche und er habe befürchten müssen, daß Kohl eine Pistole ziehe. Wilhelm lag noch zur Last, daß er den sich bis zuletzt sträubenden Kohl mit dem Gummiknüppel geschlagen hatte. Auch das sei das Recht des Polizeibeamten, entschied das Gericht. Kein Staatsbürger dürfe sich der Festnahme widersetzen.“
    https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1955-05-02.all/bsb00064950_00003.html?zoom=1.25

    Und jetzt aus der „Berliner Zeitung“ vom 3. Mai 1955:

    Gangster in Uniform freigesprochen
    Passauer Gericht schützt Arbeitermörder / Schießgesetz vorweggenommen
     Passau (ADN/Eig. Ber.). Die Passauer Große Strafkammer hat Sonnabend den Polizei-Oberkommissar Max Wilhelm freigesprochen, der am 21. Januar zusammen mit dem Polizei-Kommissar Günter Henke den von der Nachtschicht heimkehrenden Metallarbeiter Max Kohl nach Gangstermanier überfallen und angeschossen hatte. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt, daß Wilhelm richtig handelte, als er den Arbeiter niederschoß, da er habe „befürchten“ müssen, daß der unbewaffnete Arbeiter „eine Waffe stehen“ würde. (!)

     Das Gericht versuchte gleichzeitig, das rechtswidrige und brutale Verhalten der westdeutschen Polizei gegenüber der Bevölkerung zu legalisieren. Indem es laut DPA erklärte, daß Wilhelm „auch die Schläge mit dem Gummiknüppel nicht als strafbare Handlung angerechnet werden können“. Damit stellte sich das Gericht auf den Boden des — in erster Lesung vom Bundestag behandelten — ungeheuerlichen Schießgesetzes und machte es faktisch zur Grundlage seines Urteilsspruches.

    Max Kohl war am 21. Januar nach Schichtende auf dem Heimweg von den beiden Passauer Polizisten In Zivil Wilhelm und Henke, deren Echtheit er Infolge der Situation anzweifelte, kontrolliert worden Nachdem sie ihn bereits mit seinem Motorrad hatten weiterfahren lassen, veranstalteten die Gangster eine regelrechte Jagd auf den Arbeiter. Wie die westdeutsche Illustrierte „Der Stern“, die am 27. April wegen ihres Berichtes über den Überfall beschlagnahmt worden war, mitteilt, schossen die Polizisten hinter Kohl her. Nachdem er in ein Haus gestürzt war, riß der eine die Pistole hoch und jagte dem Mann am Boden aus einem Meter Entfernung eine Kugel in den Bauch. Später wird er auf der Wache noch eineinhalb Stunden gequält, ehe man ihn ins Krankenhaus bringt.“

  2. Weber Johann schreibt:

    Hier das Schußwaffengesetz der Bundesregierung, dass genau in dieser Zeit als der Polizist Wilhelm in Passau freigesprochen wurde, im Bundestag zur Bearbeitung vorgelegt wurde.

    Passauer Neue Presse vom 30.4.1955:

    Wann darf die Polizei zur Pistole greifen?
    Neue Bundes-Rechtsanwaltsordnung in erster Lesung beraten Beisitzern zu übertragen. Alle Verfahren gegen Rechtsanwälte sollten bei den Ehrengerichten der Anwaltskammern eingeleitet werden. Soweit jedoch ein Ausschluß zu erwägen sei, müßten die Verfahren an die sogenannten Ehrengerichtshöfe bei den Oberlandesgerichten überwiesen werden,

    Der Entwurf über den Schußwaffengebrauch der Vollzugsbeamten wurde vom Bundesinnenminister Schröder eingebracht.
    Die Vollzugsbeamten dürfen nach dem Entwurf zur Schußwaffe greifen
    – bei Notwehr,
    – bei der Verhinderung von Verbrechen,
    – beim Stellen eines bewaffneten Verbrechers,
    – bei einer gewaltsamen Gefangenenbefreiung,
    – gegen eine gewalttätige Menschenmenge
    – und bei der Vereitelung der Flucht einer Person, die sich einer gerichtlich angeordneten Sicherheitsverwahrung entziehen will,
    – Personen, die sich im Gewahrsam von Vollzugsbeamten befinden, dürfen gefesselt werden, wenn sie die Beamten oder dritte Personen angreifen, zu fliehen versuchen oder wenn Selbstmordgefahr besteht.

    Schröder erklärte, daß der Gesetzentwurf sowohl dem einzelnen Staatsbürger wie dem Vollzugsbeamten Schutz gewähren solle.
    Durch das Gesetz werde leider keine bundeseinheitliche Regelung geschaffen, weil in den einzelnen Ländern für die Vollzugsbeamten der Länder eigene Gesetze bestehen blieben. Doch werde das Bundesgesetz dann auch für die Polizeikräfte der Länder gelten, wenn sie in besonderen Fällen den Weisungen des Bundes unterstellt sind“
    https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1955-04-28.42554-0/bsb00039725_00756.html?zoom=1.5

  3. sischramme schreibt:

    Da hat sich bis heute nichts geändert.

  4. sascha313 schreibt:

    Mitleidlos, brutal und mörderisch! Den Polizisten sitzt der Colt locker im Gurt. Es wird geprügelt, geschossen – ohne Rücksicht auf Verluste! Und die westdeutsche Presse lügt sich den Vorfall zurecht…

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