Im Rundfunkprogramm der DDR von 1955: Friedrich Engels – ein Lebensbild, und andere interessante Sendungen

Friedrich_EngelsIm Unterschied zu den Rundfunksendern des Westens, in denen die meiste Zeit Unterhaltungsprogramme liefen, die von den alltäglichen Sorgen der Menschen ablenkten, und wenn nicht das, so wurden bis spät in die Nacht hinein Propagandasendungen gebracht – Hetze gegen die DDR. Der Demokratische Rundfunk der DDR hingegen, mit seinen Sendern Berlin – 1. und 2. Programm, sowie Deutschlandsender war weltoffen, bildend und interessant. Ein Blick in die wöchentlich erscheinende Rundfunkzeitung gibt uns einen interessanten Eindruck von der Vielfalt des Programms. Neben Mitschnitten von Konzerten, Hörspielen, Berichten über fremde Länder, sportliche Ereignisse und den Fortgang des Aufbaus des Sozialismus in der  DDR konnte man sich informieren über berühmte Persönlichkeiten. Eine Sendung war zum Beispiel dem 60. Todestag von Friedrich Engels gewidmet. Daraus nun der folgende Auszug:

Engels

Durch die schmutzigen, verwahrlosten Stadtviertel der englischen Industriestadt Manchester geht an einem regengrauen Herbsttag des Jahres 1842 ein junger, gut gekleideter Mann. Auffallend an ihm sind zwei helle, prüfende Augen in einem charaktervollen, jugendlichen Gesicht, die sich so sehr unterscheiden von dem oberflächlichen, allzu lebenslustigen Blick, den die jungen, gut angezogenen Leute der herrschenden Klasse auf ihren Spazier­gängen durch die gepflegten Alleen der Residenz­städte jener Zeit zumeist haben.

Das Leben der Arbeiterklasse in England

Überhaupt – hatten die Slums von Manchester einen Herrn wie diesen jemals gesehen, der doch offensichtlich ein Angehöri­ger jener Kreise war, deren Gewinn sich gerade in der Arbeit der ärmsten Menschen Manchesters, eben der Elendshöhlenbewohner, begründete? Der junge Mann, den wir auf diesem Gang begleiteten, be­gnügte sich jedoch nicht damit, die schmutzigen Vor­stadtviertel zu besuchen. Bis in die späte Nacht hin­ein las er alle Bücher; die jemals über die Lage der englischen Arbeiter geschrieben worden waren. Sorg­fältig studierte er unzählige amtliche Dokumente.

Ein Fabrikantensohn auf den Spuren der Ausbeutung

Er hieß Friedrich Engels und hielt sich damals im Auftrage seines Vaters, eines deutschen Fabrikanten aus Barmen in der Rheinprovinz, für zwei Jahre in England auf, um in Manchester, dem Zentrum der dortigen Industrie, als Angestellter in das Handels­haus einzutreten, dem sein Vater als Teilhaber angehörte. Dem zweiundzwanzigjährigen, an der revo­lutionären Lehre Hegels geschulten Bürgerssohn gingen hier im klassischen Land der Entwicklung der modernen Ökonomie die Augen auf. Seine philo­sophischen materialistischen Erkenntnisse wurden durch die konkreten englischen Tatsachen wesentlich besser und tiefer ergänzt, als sie es durch ein lang­jähriges abstraktes Universitätsstudium an deutschen Akademien hätten werden können.

Beginnende Freundschaft mit Karl Marx

Ergebnis seiner. abendlichen Spaziergänge in Manchester und seiner theoretischen Studien war das Buch „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“, in dem er zum ersten Male allen Zeitgenossen voraus die Not des Proletariats in allen Zusammenhängen richtig deu­tete. In ihm gab er den Arbeitern den Rat, sich selbst zu helfen. Diese revolutionäre Forderung des hinreißend geschriebenen und erschütternd auf seine Leser wirkenden Buches war das erste Ergebnis der beginnenden Freundschaft zu dem gleichfalls noch jungen deutschen Revolutionär Karl Marx, den Engels auf der Durchreise in Paris persönlich ken­nengelernt hatte.

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“

Sein Buch wurde durch ein Ge­meinschaftswerk beider, „Die heilige Familie“, er­gänzt, das bereits die Grundgedanken des revolutio­nären materialistischen Sozialismus enthielt, zu des­sen Schöpfern Marx und Engels in den folgenden Jahren heranreiften. In Brüssel und Paris trieb Engels weitere wissenschaftliche Studien und legte mit Marx die Grundprinzipien des Kampfes der Ar­beiterklasse im „Manifest der Kommunistischen Par­tei“ fest.

Begegnungen und gemeinsame Arbeit in London

Während der Revolution von 1848 kämpfte Friedrich Engels in den Reihen der bewaffneten deutschen Volkskräfte. Man weiß von ihm, daß er tapfer und mutig stritt und zu den besten Kämpfern des Freikorps Willich zählte. Nach der Niederschla­gung der Revolution durch die Fürstenheere traf er Marx in England wieder. Engels lebte in Manchester und Marx in London. Täglich gingen Briefe zwischen ihnen hin und her.
Seit 1870 lebten die Freunde in London zusammen.

Intensive wissenschaftliche Arbeit

Während Marx am „Kapital“, dem größten Werk auf dem Gebiet der politischen Ökonomie arbeitete, schuf Engels seinen „Anti-Düh­ring“. Es folgten „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, „Ludwig Feuer­bach“ und viele, andere grundlegende Beiträge zur Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus. Nach dem Tode von Marx setzte er dessen Werk entschie­den fort, leitete die deutsche Arbeiterklasse an, be­riet das Proletariat der ganzen Welt in seinem Kampf und gab, noch auf dem Krankenbett intensiv arbeitend, den zweiten und dritten Band des „Kapital“ heraus.

Eine unvergängliche Freundschaft

Lenin ehrte die großen Deutschen, indem er sagte: „Antike Sagen berichten von manchen rührenden Beispielen der Freundschaft. Das europäische Proletariat kann sagen, daß seine Wissenschaft von zwei Gelehrten und Kämpfern geschaffen worden ist, deren Verhältnis die rührendsten Sagen der Alten über menschliche Freundschaft in den Schatten stellt.“ – In unserer Sendung „Prosa und Lyrik der Völker“ lesen wir eine Episode aus dem interessanten Roman des bedeutenden holländischen Schriftstellers Theun de Vries: „Die Feuertaufe“.

Hier der Bericht:

Engels

Um einen kleinen Einblick in des Programm der DDR-Sender zu bekommen, dazu nun folgende Ausschnitte:

rundfunk

Sogar Grüße von Ost nach West und von West nach Ost wurden im Rundfunk der DDR übermittelt. Nachfolgend die Ankündigung einer Hörspielsendung von Maxim Gorki:

rf-zeitung_0002

Neben Berichten über andere Länder wurden auch die Frequenzen der in der DDR zu empfangenden Auslandssender mit ihren Programmen mitgeteilt:

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Und auf der Titelseite – beliebt und bekannt – die Volksmusikanten Herbert Roth und Waltraut Schulz („Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land…“)

Herbert Roth

30 Jahre später erschien im DDR-Fernsehen der Film „Der Flug des Falken“:

(Vielen Dank, Joachim, für den wertvollen Hinweis!)

 

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6 Antworten zu Im Rundfunkprogramm der DDR von 1955: Friedrich Engels – ein Lebensbild, und andere interessante Sendungen

  1. Joachim schreibt:

    Bei der Gelegenheit möchte ich auch auf zwei DDR-Filme über Engels aufmerksam machen.
    Momentan sind sie beide noch auf youtube zu sehen.
    Der Flug des Falken
    Marx und Engels – Stationen ihres Lebens
    Es ist nicht der Müll der uns hier in der imperialistischen BRD vorgesetzt wird.
    Das Buch zu „Der Flug des Falken“ von Walter Baumert ist allerdings noch besser, es ist günstig neu zu kaufen und am Liebsten würde man es am Stück lesen.

    • sascha313 schreibt:

      Danke, Joachim! ( das erste habe ich mal verlinkt) – stimmt: die Fernsehserien der DDR waren nicht nur gut gemacht, sondern vor allem lehrreich! Diese Filme kannte ich leider nicht – es ist ein reicher Erkenntnisgewinn!

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Wuppertal bereitet sich auf den 200. Geburtstag von Friedrich Engels vor. Die Politik in dieser Stadt will offensichtlich mit allerlei Brimborium (sie kommt um Engels ja leider nicht herum), die Persönlichkeit von Engels banalisieren und entpolitisieren. Verschiedene Vereine organisieren dagegen eigene Veranstaltungen, so sei eine Demonstration durch Wuppertal zu Ehren von Engels geplant.

    Was aber den Rundfunk der DDR angeht, so hat er sich selbst auch im Laufe der Zeit in gewisser Weise zwar nicht entpolitisiert, aber öfter mal, bedingt durch die revisionistische Zeitströmung,
    nicht so klassenbewusst wie in den fünfziger Jahren gesendet. Und das geschah im Grunde beinah unbemerkt von der allgemeinen Hörerschaft. Dies war mir ein paarmal aufgefallen. Es wurde mehr Wert auf Unterhaltung zum Beispiel gelegt, was bedeutete, dass es sehr viel mehr Musiksendungen gab in Anlehnung an die Sendungen der Westsender, in der Überlegung, gerade die Jugendlichen von Westsendern fernzuhalten. Das hatte aber einen Preis. Den wir alle heute bezahlen.

  3. Harry56 schreibt:

    Das Wirken von Marx und Engels scheint die Bourgeoisien vieler Länder auch heute noch zu beunruhigen, daher müssen bezahlte Schmierfinken ans Werk, um mit völlig belanglosen Annekdoten das Werk von Beiden zu diskreditieren, von ihren bahnbrechenden Leistungen abzulenken:

    https://de.sputniknews.com/panorama/20200805327642422-marx-engels-intim/

    • sascha313 schreibt:

      Danke Harry – das ist ja wirklich infam! Da weiß man sofort, daß sputniknews ein entfernter Verwandter von Goebbels ist! An den Kommentaren sieht man dann auch, was für ein Drecksgesindel sich um diese Verleumder herum ansammelt…

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