Gottfried Stiehler: Wer war G.F.W. Hegel?

HegelHeute vor 250 Jahren wurde Hegel geboren. Immer wieder erweckt das Werk dieses großen deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel das Interesse verschiedenster Wissenschaftler und Publizisten. Darunter sind auch solche, die nicht einmal ansatzweise begriffen haben, welche Bedeutung die bahnbrechenden Erkenntnisse Hegels über die Dialektik für die spätere Entwicklung in der Philosophie hatten. Natürlich ist es unsinnig, Hegel als einen „Philosophen der Freiheit“ oder als Begründer einer auf dem Markt fußenden sozial gerechten Gesellschaft zu betrachten. Ebenso belanglos für die Wissenschaft sind auch irgendwelche Details seiner beruflichen „Karriere“. Hegels Philosophie bildet den Höhepunkt und das Ende des klassischen deutschen Idealismus. Ihre Bedeutung für die nachfolgenden Philosophen ist groß. Auch die Entwicklung zum Marxismus-Leninismus wurde von Hegel und der Kritik an ihm beeinflußt. Hegel hatte ein universelles, Natur, Gesellschaft und Denken in ihrer Entwicklung umgreifendes System geschaffen. Zugleich war mit der von Hegel entwickelten dialektischen Methode, durch die die Bewegung innerhalb des Systems begriffen werden sollte, ein Mittel geschaffen, mit dem dieses System selbst zu sprengen war. Seine Philosophie wurzelt im welthistorischen Prozeß der Entwicklung des Kapitalismus, im Prozeß der Ablösung der feudalen durch die bürgerliche Gesellschaft.

„Meine dialektische Methode“, schrieb Karl Marx, „ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“

(Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1968, Bd.23, „Das Kapital“, Bd.I, S.27.)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (27. 8. 1770 Stuttgart – 14. 11. 183 Berlin): Repräsentant der klassischen deutschen idealistischen Philosophie. Auf der Grundlage von Denkanstößen Kants, Fichtes und Schellings und unter Verarbeitung der Resultate der gesamten bisherigen Philosophie u. a. Bereiche der Wissenschaften schuf Hegel ein System des objektiven Idealismus, das durch seinen Gedanken- und Erkenntnisreichtum vor allem auf dem Gebiet der Dialektik, bis heute fortwirkt. Marx und Engels empfingen von Hegels Philosophie starke Impulse. Unter dem Einfluß Feuerbachs haben sie sich prinzipiell mit dem philosophischen Idealismus auseinandergesetzt, sich ein materialistisches Verständnis der Dialektik erarbeitet und die fruchtbaren Erkenntnisse Hegels im dialektischen und historischen Materialismus aufgehoben.

Sein Werdegang

Die wichtigsten Stationen seiner philosophischen Entwicklung: 1788 wurde Hegel als Theologiestudent im Tübinger Stift immatriku­liert; nach Abschluß des Studiums 1193 wurde er Hauslehrer bei der Familie Steiger in Bern. In dieser Zeit beschäftigte er sich viel mit der Philosophie Kants und arbei­tete an einer Kritik der herrschen­den christlichen Religion und Kirche, Nach einer weiteren Hauslehrertätigkeit in Frankfurt a.M. über­nahm Hegel 1801 eine Lehrtätigkeit an der Universität Jena. Hier stand er zunachst in freundschaftlicher Ver­bindung mit Schelling, mit dem er gemeinsam 1802 das „Kritische Journal der Philosophie“ herausgab.

Sein Wirken als Philosoph

1807 erschien die „Phänome­nologie des Geistes“, das erste große Werk des Philosophen. Nach einer Tätigkeit als Zeitungsredakteur in Bamberg wurde Hegel 1808 Direktor des Gymnasiums in Nürnberg. 1816 übernahm er eine Professur in Heidelberg. Vom Jahre 1818 bis zu seinem Tode lehrte Hegel in Berlin; hier zog er eine wachsende Anhängerschaft an sich, und es entstand die Hegelsche Schule. In Berlin hielt Hegel Vorlesungen über alle Gebiete der Philoso­phie. 1827 kamen unter seiner Leitung die „Jahrbücher für wissen­’schaftliche Kritik“ heraus. Am 14. November 1831 starb Hegel an der Cholera.


G.W.F. Hegel und die Französische Revolution

Hegel vertrat mit seiner Philosophie die Interessen der progressiven Bourgeoisie des damaligen Deutschlands. Unter dem Druck der Entwicklung der Produktiv­kräfte und beeinflußt von der Fran­zösischen Revolution und ihren Resultaten war Deutschland in die Epoche der bürgerlichen Umwäl­zung eingetreten. Die deutsche Bourgeoisie besaß nicht die politi­sche Geschlossenheit der französi­schen Bourgeoisie und nicht den ökonomischen Reifegrad der engli­schen. Darum tendierte sie zu einer allmählichen Abschaffung der feu­dalen Verhältnisse auf dem Wege von Reformen. Hegel nahm mit den meisten bürgerlichen Ideologen des damaligen Deutschlands eine ablehnende Haltung zur Revolu­tion „von unten“ durch Bewegung und Kampf der Volksmassen ein.

Eine Herrschaft des Schreckens?

Die Jakobinerdiktatur verun­glimpfte er als „Herrschaft des Schreckens“. Er plädierte für eine Revolution „von oben“, auf Initia­tive der herrschenden Kreise. Mit dieser Vorstellung verband sich das Eintreten für bürgerliche Frei­heiten, für die Abschüttelung der feudalen Beschränkung der Ent­wicklung der Gesellschaft und des Individuums. Diese Einstellung veranlaßte Hegel in seiner Berliner Zeit mitunter zu unangemessenem Lob der in Preußen bestehenden Verhältnisse, denen er einen Grad der Entwicklung bürgerlicher Frei­heiten attestierte, der noch keines­wegs erreicht war. Hegel trat für die konstitutionelle Monarchie ein; zu den gegen Aristokratie und Königtum gerichteten politischen Bestre­bungen verhielt er sich ableh­nend.


Hegel als universeller Wissenschaftler

Hegel verarbeitete in seiner Philoso­phie ein immenses Wissen aus al­len Bereichen der wissenschaftli­chen Erkenntnis. Er beschäftigte sich mit Ökonomie, Geschichts- und Rechtswissenschaft, Mathe­matik und Naturwissenschaften und besaß eine gründliche Kennt­nis der Literatur und Kunst. In sei­nen Vorlesungen behandelte er na­hezu den gesamten Wissensstand der damaligen Zeit; er trachtete da­nach, ihn auf den philosophischen Begriff zu bringen und das in ihm enthaltene Weltanschaulich-Allge­meine herauszupräparieren. Dabei machte sich Hegel allerdings nicht sel­ten spekulativer Konstruktionen schuldig, indem er z.B. den Natur­wissenschaften ihre Resultate aus der Sicht des Philosophen vorzu­schreiben trachtete, anstatt von den vorliegenden Resultaten aus­zugehen und sie philosophisch zu interpretieren.

Der philosophische Standpunkt Hegels

Hegel war ein Vertreter des objektiven Idealismus. Seiner Ansicht nach ist Philosophie nur als idealistische möglich, weil sie das Allgemeine zum Gegenstand habe, und das Allgemeine sei ideell. Hegel ging da­mit kritiklos vom Materiebegriff des metaphysischen Materialismus aus, indem er als materiell nur das Sinnlich-Gegenständliche ansah. Er entwickelte die Idee, daß die na­türliche und geschichtliche Welt von einem geistigen Prinzip – der absoluten Idee, dem Weltgeist – durchdrungen sei, das in Natur und Gesellschaft in Erscheinung trete, „sich entäußere“. Hegel faßte die Idee, den Geist, als tätiges Wesen auf, das durch einen dialektischen Zeugungsakt die Welt aus sich hervorbringe. Hier ist die Nähe zur theologischen Weltauffassung unübersehbar, wie ja überhaupt der Idealismus, und auch derjenige Hegels, in enger geistiger Beziehung zur Religion steht.

Hegel und seine Vorstellungen über die Welt

Die Vorstellung, daß die Welt von einem geistigen Prinzip durchdrungen sei, hat Hegel nach dem Modell der menschlichen Tätigkeit gebildet, die er gleichsam ins Kosmische übertrug. Die Bewegung dea Geistes definierte er als den Fortgang vom Ansichsein über das Außersichsein zum Fürsichsein. Im Ansich ist die Idee erst im Zustand der Realpotenz, der Möglichkeit, enthalten. Aufgrund des Wirkens innerer Widersprüche geht sie von der Möglichkeit in die Wirklichkeit, außer sich über, legt sie sich in Raum und Zeit, in Natur und Gesellschaft auseinander. Die Natur ist nach Hegel die Idee in ihrem Anderssein; in der Gesellschaft kommt die Idee im Fortschreiten der geschichtlichen Entwicklungsformen zum Bewußtsein ihrer selbst und erreicht ihr Fürsichsein im absoluten Idealismus.

Hegel und sein Begriff von der Freiheit

Der dia­lektische Idealismus und die kon­stitutionelle Monarchie erschienen Hegel als sich gegenseitig bedingende und ergänzende Formen der Selbsterfassung und Selbstverwirk­lichung der absoluten Idee. Nach Hegel ist die Freiheit das Fürsichsein des Geistes, wo er von nichts Frem­dem mehr abhängig ist. Dieser Zustand wird in der adäquaten Er­kenntnis und in der dieser Erkennt­nis gemäßen Gestaltung der gesell­schaftlichen Lebensverhältnisse erreicht.


Hegel und die Grundgesetze der Dialektik

Hegel gab vom Standpunkt des objek­tiven Idealismus eine tiefschür­fende Kritik des subjektiven Idea­lismus, wie er damals in der Philo­.ophie Kants und Fichtes vorlag. Den objektiven Idealismus entwickelte Hegel als die Identität der Dia­lektik des Denkens und der Dialek­tik der realen Welt. Dabei machte er sich in besonderem Maße um die Ausarbeitung der allgemeinen, und undlegenden Formen der Dialektik verdient. Hierzu gehören die Idee der Entwicklung und die Grundgesetze der Dialektik.

Die Wissenschaft der Logik

Hegel wollte den Idealismus nicht einfach behaupten, sondern ihn als Resultat der gesamten bisherigen Entwicklung der Erkenntnis und der geschichtlichen Wirklichkeit beweisen. Dieses Ziel setzte er sich in der „Phänomenologie des Geistes“. In der „Wissenschaft der Logik“ stellte er den Entwicklungszusammenhang der Kategorien, ihr Ineinanderübergehen dar, wobei er die Strukturen und Formen des Denkens als Grundlage der objek­tiven Wirklichkeit auffaßte. Innerhalb dieser idealistischen Verkehrung und notwendigerweise durch sie begrenzt ist in der „Wissenschaft der Logik“ ein außerordentlicher Reichtum an fundamentalen Erkenntnissen über die Dialektik enthalten.

Der Begriff der Entwicklung

Hegel überwand zahlreiche Antinomien und Denkschwierigkeiten des metaphysischen, undialektischen Herange­hcns an die Wirklichkeit, indem er an die Stelle des abstrakten, vereinseitigenden, mit fixen Kategorien arbeitenden Denkens das synthetisch-konkrete, mit flüssigen, be­weglichen Kategorien arbeitende Denken setzte. Grundlage dafür waren die Idee der Entwicklung und die Idee der Durchdringung der Gegensätze. Die Entwicklung faßte Hegel in der „Wissenschaft der Logik“ freilich primär nur als logische, als Ent­wicklung des Denkens. Dennoch war seine Erkenntnis der Entwick­lung als Selbstbewegung durch in­nere Widersprüche von nachhalti­ger fruchtbarer Wirkung.

Kategorien und Grundgesetze der Dialektik

Das me­taphysische Denken, das solche korrelativen Begriffe wie Einzelnes und Allgemeines, Notwendigkeit und Zufall, Endliches und Unend­liches, Wesen und Erscheinung starr und unvermittelt gegenüber­stellte, überwand Hegel durch die Er­kenntnis der dialektischen Einheit, der Durchdringung der Gegen­sätze. Dadurch hob er die philoso­phische Erfassung dieser Zusam­menhänge auf eine höhere Stufe. Die Erkenntnis der Selbstbewe­gung und die Erkenntnis der Ein­heit und Durchdringung der Ge­gensätze waren sowohl Ausgangs­punkt als auch Resultat der Formu­lierung der Grundgesetze der Dia­lektik.

Das Gesetz vom Widerspruch

Hegel überwand die präformi­stische, das quantitative Moment verabsolutierende Entwicklungs­auffassung durch die Einsicht in die Dialektik quantitativer und qualitativer Veränderungen. Ent­wicklung ist für ihn nicht bloßes Größer- oder Kleinerwerden, son­dern Übergang in höhere Qualitä­ten durch Akkumulation quantita­tiver Veränderungen. Erkenntnisse über die Gegensätzlichkeit in der objektiven Wirklichkeit und im Denken, die bereits vor ihm ge­wonnen worden waren, aufneh­mend und fortführend, gelangte Hegel zu tiefen Einsichten in die Rolle des dialektischen Widerspruchs als Quelle und Inhalt aller Bewegung und Entwicklung.


Hegel und der Begriff der Entwicklung

Gegen den meta­physischen Ausschluß der Gegen­sätze und Widersprüche aus der Wirklichkeit formulierte er die Er­kenntnis, daß nur das, was einen Widerspruch in sich hat, sich be­wegt, Trieb und Tätigkeit besitzt. Hegel führte auch die Idee der Ent­wicklung durch neue, dialektische Einsichten und Fragestellungen fort; seine Dialektik ist ihrem We­sen nach Lehre von der Entwick­lung in reich differenzierter Fas­sung.

Ein beachtlicher Erkenntnisgewinn!

Zwar legte Hegel der Entwick­lungsauffassung idealistisch-teleo­logische Vorstellungen zugrunde, doch entfaltete er innerhalb dieser Schranken einen großen Reichtum wirklicher Erkenntnisse. Er faßte die Entwicklung als gesetzmäßigen Prozeß der Negation der Negation auf. Die Einsicht in die positive Rolle dialektischer Negation, die auf Ideen Kants und Schellings zu­rückging, bildete einen beachtli­chen Erkenntnisgewinn. Auf sie ge­stützt, konnte Hegel die Entwicklung als Fortschritt vom Niederen zum Höheren fassen und zeigen, daß sich in der gesellschaftlichen und natürlichen Entwicklung ein Reichtum an Formen, Differenzie­rungen, Beziehungen herausbildet, der jeweils zu dem durch die bishe­rige Entwicklung Hervorgebrach­ten qualitativ Neues hinzufügt.


Vom Idealismus zum Materialismus

Mit der Erkenntnis der Gesetzmäßig­keit der Negation der Negation ex­trapolierte Hegel das Modell des Be­wegungsverlaufs von Widersprü­chen auf die Entwicklung insge­samt und enthüllte ein Moment ih­rer inneren Struktur. Die Erkenntnisse Hegels zur Dialektik waren allerdings in ein ideali­stisch-spekulatives Weltbild einge­fügt. Ihre materialistische Kritik durch den Marxismus-Leninismus, bedeutet daher eine Kritik der spe­kulativen und metaphysischen Komponente in Hegels Dialektik. Hegels Texte materialistisch lesen hieß Er­kenntnisse herausfiltern, die in die­ser Form nicht oder nur im Ansatz in ihnen enthalten sind.

Der objektive Idealismus Hegels

Durch den Idealismus sind auch Hegels erkenntnistheoretische Auffassungen bestimmt. Hegel kritisierte den Agnostizismus, wie ihn Hume und Kant vertraten, und bekannte sich zur Erkennbarkeit der Welt, Allerdings verstand sich diese für ihn, seinem Idealismus zufolge, von selbst, da er das Wesen der Wirklichkeit als Denken auffaßte und somit die Identität des subjek­tiven Denkens und des objektiven Seins (Denkens) proklamierte. Hegel hat keine selbständige Erkenntnis­theorie ausgearbeitet, sondern seine erkenntnistheoretischen An­sichten innerhalb der „Philosophie des Geistes“ entwickelt. Er verwarf die Einseitigkeit des sensualisti­schen Empirismus, erklärte aber zugleich das Ausgeben von der Er­fahrung als ein großes und frucht­bares Prinzip in der Philosophie. Die Kenntnis der Erscheinungen sei unerläßlich für die Gewinnung von Erkenntnissen über das Wesen der Dinge.

Die Verkehrtheit der idealistischen Ansichten Hegels

Gleichzeitig arbeitete Hegel die besondere Rolle des Begriffs in der Erkenntnis heraus, dessen Funktion in der Aufdeckung des Allgemeinen, des Wesens, bestehe. Dabei folgte er der Linie des Apriorismus mit der These, im Erkennen erzeuge das Denken sich seinen Gegenstand selbst. Hegels Naturphilosophie war durch den spekulativen Grundstandpunkt bestimmt, die Natur sei die Idee in ihrem Anderssein. Die Ver­kehrtheiten der idealistischen Betrachtung zeigten sich hier besonders kraß; spekulative Konstruktionen traten vielfach an die Stelle exakter Analyse.

Der Begriff der Materie

Trotzdem enthält auch die Naturphilosophie Hegels wertvolle Ideen, namentlich hin­sichtlich der Erfassung der objektiven Dialektik der Natur. Dazu gehört die Kennzeichnung der wider­sprüchlichen Beziehungen von Teil und Ganzem im lebenden Organismus sowie die Analyse der Dialektik des Allgemeinen und des Einzelnen, die Hegel mit dem Begriff des allgemeinen Typus zu verdeutlichen suchte. Hegel kam nahe an die Erkenntnis der Einheit von Materie und Bewegung heran; er faßte die Materie als sich selbst bewegend und bestimmte das Wesen der Bewegung als die unmittelbare Einheit des Raums und der Zeit.

Die Dialektik der Natur bei Hegel

Den Zusammenhang von materieller Bewegung und Entwicklung vermochte Hegel nicht zu enthüllen; unter dem Zwang des idealistischen Prinzips seiner Philosophie bezeichnete er die Idee der Ent­wicklung in der Natur als falsche Vorstellung. Entwicklung erkannte er nur dem Geist zu. Innere Funktionszusammenhänge der Natur suchte Hegel mit dem Zweckbegriff zu erfassen, wobei er keine äußerliche Zweckbeziehung, sondern den in­neren Zweck im Auge hatte, wie er z.B. als der Keim einer Pflanze auftrete. Vom Organismus versicherte Hegel, er sei sich selbst Zweck und Mittel. Diese Betrachtungsweise enthielt wertvolle Ansatzpunkte eines dialektischen Verständnisses der Natur. Hegel kenn­zeichnete das Organische als sich in sich selbst unterscheidend und dabei die Mannigfaltigkeit in der Einheit enthaltend. Diese Idee war eng mit der Vorstellung der dialek­tischen Totalität verbunden, wel­che der Erfassung ganzheitlicher Zusammenhänge diente.


Hegels Verständnis von der Geschichte

Der Freiheitsbegriff bei Hegel

Hegels Geschichtsphilosophie war vom Idealismus geprägt; Hegel sah in der Geschichte einen Prozeß der Selbstentfaltung der Idee, der zu immer vollkommeneren gesell­schaftlichen Zuständen führe. Nach seiner Ansicht ist die Weltge­schichte der Fortschritt im Be­wußtsein der Freiheit. Hegel interpre­tierte die Geschichte von der Warte bürgerlicher Zukunftsvorstellun­gen und sozialer Erwartungen aus, die er in die Form allgemeiner We­sensmerkmale des Menschen brachte. Er bestimmte die Freiheit als das Wesen des Geistes und ver­allgemeinerte damit die bürgerli­chen Ideale zu sozialen Daseins­formen überhaupt.

Die Geschichte und die Tätigkeit des Menschen

Zugleich aber betonte Hegel die strenge Gesetzmäßigkeit der Ge­schichte – die er als deren Ver­nunft interpretierte – und arbeitete mit den Mitteln idealistischen Denkens einige Züge und Mo­mente objektiver geschichtlicher Dialektik heraus. Er faßte die Ge­schichte als den Prozeß tätigen menschlichen Wirkens und ge­langte zu fruchtbaren Erkenntnis­sen über die Rolle der Arbeit und der Produktionsinstrumente. Hegel zeigte, daß der Mensch sich in der Geschichte durch seine produktive Tätigkeit mehr und mehr über die Natur erhebt, seine Kräfte belebt und entwickelt.

Gibt es eine „List der Vernunft“?

Da in der jeweils besonderen Tätigkeit die Indivi­duen auf ihre nächstliegenden Be­dürfnisse und Interessen be­schränkt bleiben, ergab sich für Hegel die Frage, wie aus dieser Pluralität von Bestrebungen und Interessen eine fortschreitende Bewegung, eine Höherentwicklung resultiere. Er beantwortete diese Frage mit der Einführung der spekulativen Kategorie der List der Vernunft. Dieser Begriff setzt ein überindivi­duelles, transzendentes Subjekt – den Weltgeist, die Idee – voraus, das sich der Leidenschaften, Inter­essen, Bestrebungen und Aktionen der Menschen bedient, um der ge­schichtlichen Notwendigkeit in ih­rer progressiven Bewegung Bahn zu brechen. Während die einzelnen Individuen nur nächstliegenden Zwecken nachstreben, ordne die Vernunft der Geschichte ihre Ak­tionen auf ein übergreifendes uni­verselles Ziel: den Fortschritt der Freiheit.

Die historischen Persönlichkeiten

Hegel nahm die „welthistorischen In­dividuen“, diese „Heroen der Ge­schichte, von der Spontaneität ge­sellschaftlichen Tuns aus; sie wüß­ten, was jeweils die historisch zu lö­sende Aufgabe sei und wirkten da­her als Vermittler zwischen dem Weltgeist und den Aktionen der In­dividuen. Der Überhöhung der Rolle historischer Persönlichkeiten entsprach die Abwertung der Volksmassen, denen Unkenntnis großer geschichtlicher Zusammen­hänge angelastet wurde.

Der Widerspruch als Triebkraft der Entwicklung

Über die dialektische Struktur der geschichtlichen Progression äu­ßerte Hegel bemerkenswerte Gedan­ken. So postulierte er einen stufenweisen Fortschritt in der Geschichte durch dialektische Negation; den Hauptetappen ordnete „weltgeschichtliche Völker“ – z.B. Perser, Griechen, Römer – zu. Die Entwicklung dieser weltgeschichtlichen Völker beschrieb er als Fortschritt und schließliche Niedergang durch die Bewegung innerer und äußerer Widersprüche. Die großen Kollisionen der Weltgeschichte, in denen ein altes und ein neues Prinzip aufeinandersto­ßen, sah Hegel als die Knotenpunkte des geschichtlichen Fortschritts an. Dies war eine fruchtbare und fol­genreiche Erkenntnis, die einer, wissenschaftlichen Geschichtsbe­trachtung den Weg ebnete, um so mehr, als Hegel auch den inneren Spannungen zwischen den sozialen Gruppen als Konzentrat objektiver Widersprüche Aufmerksamkeit widmete. Allerdings faßte er die Konflikte wesentlich in ihrer politisch-ideologischen Aus­drucksform und begriff letztere nicht als Reflex materieller Bedin­gungen.


Hegel und die Bedeutung der Religion

Zur Religion stand Hegels Philosophie in einem kritisch-affirmativen Ver­hältnis; die Auffassung von der Verwirklichung der Idee in Natur und Geschichte war der philosophische Widerschein der religiösen Lehre von der Allmacht und Schöpferrolle Gottes. Hegel wandte sich gegen die aufklärerische Kritik an Religion und Kirche und suchte diesen zu erneuter Geltung zu verhelfen. Das entsprach seiner politischen Linie eines Klassenkompromisses zwischen Bourgeoisie und Aristokratie. Hegels Positionj bedeutete jedoch keineswegs eine Rückkehr zu den feudalen Institutionen der Religion und Kirche, sondern strebte deren Durchdringung mit bürgerlichen Prinzipien an.

Der Wert des menschlichen Denkens

Hegel stellte die Vernunft, das Denken, über den bloßen Glauben. Die Religion erschien ihm als Element der Versöhnung des Menschen mit einer in sich zerrissenen Wirklichkeit, sie war bürgerliche Formierungs- und Immunisierungsideologie. In einer an bürger­lichen Idealen orientierten Religion erblickte Hegel eine Kraft progressiver Umgestaltung der deutschen Verhältnisse. Insofern mischten sich in seinem Religions­verständnis Rückschritt und Fortschritt, politische Akkomodation und soziale Erneuerung.


Hegel und die Bedeutung der Moral

In seiner Moralauffassung wandte sich Hegel gegen die Reduzierung der Ethik auf eine Sammlung von Nomen, eine Auffassung, die in der Philosophie Kants und Fichtes dominierte. Die Moralität, die Beschränkung der Ethik auf Pflichtgebote, verwickelt sich, wie Hegel ausführlich zeigte, in unlösbare Widersprüche. Nach seiner Auffassung ist die Moral nicht ein System von Regeln und Forderungen, sondern ein reales gesellschaftliches Ver­hältnis, das er als Sittlichkeit be­zeichnete. Er definierte sie als Ein­heit von Recht und Pflicht, als be­wußte praktische Betätigung der moralischen Tugenden, wie sie den gegenseitigen Beziehungen der In­dividuen objektiv innewohnen. Dies war die Destruktion der bloßen Sollens-Ethik, allerdings auf der Grundlage des objektiven Idealismus, denn die Sittlichkeit war für Hegel ein ideelles Verhältnis: real gewordener Begriff, der sich in den sittlichen Verhältnissen der Familie, der Korporation und des Staates Wirklichkeit gab.


Über die Ästhetik

Folgenreich war auch Hegels Ästhetik. Hegel wandte sich gegen einen platten Naturalismus mit der Erklärung, die Kunst sei keine Nachahmung der Natur, in ihr sei das geistige Prinzip das Wesentliche. Der Kunst wies er die Stellung eines versöhnenden Mittelgliedes zwi­schen Sinnlichkeit und Gedanken zu. Als ihren eigentlichen Gegen­stand betrachtete er das Menschli­che. Hegel wandte die dialektische Be­trachtungsweise auf die Kunst an, indem er das Kunstganze als Tota­lität faßte und den verschiedenen Stufen der geschichtlichen Ent­wicklung der Kunst nachging.


Die philosophischen Vorlesungen Hegels

Hegels Ansichten über die philoso­phiehistorische Entwicklung sind in den „Vorlesungen über die Ge­schichte der Philosophie“ nieder­gelegt. In ihnen arbeitete er die ge­samte Geschichte der Philosophie vom Standpunkt des dialektischen Idealismus auf. Er erblickte in ihr nicht eine Sammlung zufälliger Meinungen, sondern eine innere Notwendigkeit des Gedankenfort­schritts. Dabei formulierte er das Prinzip der Einheit des Logischen und des Historischen. Die Notwendigkeit des geschichtlichen Fort­schreitens der Philosophie begrün­dete Hegel aus ihren inneren Voraus­setzungen, aus der Dialektik der Prinzipien. Die Entwicklung der Philosophie war für ihn der Prozeß dialektischer Negation, in dem al­les Wertvolle vergangenen Den­kens der fortschreitenden Entwick­lung der Philosophie integriert wird, in ihr aufgehoben bleibt.

Welche Vorbilder hatte Hegel?

Hegel verstand seine Philosophie als Kul­minationspunkt des Idealismus; den bedeutenden Vertretern des idealistischen philosophischen Denkens wie Platon und Leibniz widmete er große Auf­merksamkeit, während er die Ver­treter des Materialismus meist geringschätzig behandelte. Haupt­sächlich setzte er sich mit seinen unmittelbaren Vorläufern, mit Kant, Fichte und Schelling, ausein­ander, die er einerseits von den Er­kenntnissen seiner Philosophie ausgehend kritisierte, zu deren idealistischer Gesamtauffassung er sich andererseits zustimmend äu­ßerte.


Die Hegelsche Philosophie und die Gegenwart

Die Wirkungsgeschichte der Hegelschen Philosophie verläuft – über die Trennung in Junghegelia­ner (Bruno Bauer, Feuer­bach und Strauß) und Althegelianer – einerseits in die kritische Aufhe­bung ihrer Resultate in der marxi­stisch-leninistischen Philosophie und Weltanschauung, andererseits in die bürgerliche Rezeption, die das Hegelsche Denken als eine Alter­native zur Philosophie des Marxis­mus-Leninismus zur Geltung zu bringen suchte. Dabei wird die Dialektik, soweit überhaupt aner­kannt, als Bewegung des reinen Denkens hingestellt und der Ver­such unternommen, gestützt auf Hegelsche Prinzipien, die angebliche Überlegenheit des Idealismus über den Materialismus zu beweisen. (Dilthey, Windelband, Croce)

Werke: Differenz des fichteschen und schellingschen Systems der Philosophie in Beziehung auf Reinholds Beiträge zur leichteren Übersicht des Zustandes der Philosophie zu Anfang des neun­zehnten Jahrhunderts; l 801 ; System der Wissenschaft. Erster Teil: Die Phänomenologie des Geistes, 1807; Wissenschaft der Logik. Erster Band: Die objektive Logik, 1812/1813, zweiter Band. Die subjektive Logik, 1816; Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, 1817; Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821; Werke (Freundesvereinsausgabe) 1832-1840, 1887: Sämtliche Werke, Jubiläumsausgabe, Hrsg. Hegel Glockner, 1927 ff., 1949’l ff.; Hegel Glockner: Hegel-Lexikon, 4 Bde. [Werke in zwanzig Bänden, Hrsg.] E. Moldenhauer/K. M. Michel, Frankfurt a.M. 1969-71; Hegel Reinicke, Register zu Werke in 20 Bänden, Frankfurt: a. M. 1979; Briefe von und an Hegel, Hrsg. J. Hoffrneister, Berlin 1970.
Literatur: K.Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1; K.Marx, Ökonornisch-. philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW EB I; K. Marx/F. Engels, Die heilige Familie, MEW 2; F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21; W.I. Lenin, Konspekte und Fragmente, LW 38; W. R. Beyer, Zwischen Phänomenologie und Logik, Frankfurt a.M. 1955; M. Buhr, Der Übergang von Fichte zu. Hegel, Berlin 1965; R. 0. Gropp, Zu Fragen der Geschichte der Philosophie und des dialektischen Materialismus; Berlin 1959; A. A. Piontkowski, Hegels Lehre über Staat und Recht und seiner Strafrechtstheorie, Berlin 1960; J. d’Hondt, Hegel in seiner Zeit, Berlin‘ 1973; J. d’Hondt, Verborgene Quellen des Hegelschen Denkens, Berlin 1972; G. Stiehler, Der Idealismus von Kant bis Hegel, Berlin 1970; Hegel und wir, Hrsg. E. Lange, Berlin 1970; Zum Hegel-Verständnis unserer Zeit, Hrsg., H.Ley, Berlin 1972; A. Gulyga, G.W. F. Hegel, Leipzig 1974; G. Biedermann, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Leipzig 1981; K. Rosenkranz G. W. F. Hegels Leben, Berlin 1844 W. Dilthey, Die Jugendgeschichte Hegels, Berlin 1905; T. Haering, Hegel, Sein Wollen und sein Werk, Leipzig Berlin 1929-1938; Hegel Glockner, Hegel-Stuttgart 1929-1940; A. Kojeve, Introduction a la lecture de Hegel, Paris 1947; J. Ritter, Hegel und die französische Revolution, Köln 1957.

Gottfried Stiehler

Quelle: Philosophen-Lexikon, Dietz Verlag, Berlin, 1982, S.344-353

Siehe auch: Hegel und die Dialektik

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4 Antworten zu Gottfried Stiehler: Wer war G.F.W. Hegel?

  1. Atomino schreibt:

    sehr schöner Beitrag ! Für den heutigen, Medien“konsumenten“ nicht unbedingt gewinnbringend zu verkaufen, aber doch so unendlich wichtig für das Verständnis unserer Welt. Bisher konnte niemand seit Marx / Engels die Richtigkeit der materialistischen Weltanschauung widerlegen. Ob dies jetzt die Ultima Ratio ist … who cares. Alles entwickelt sich, auch die Philosophie.
    Ist jetzt eigentlich die (bevorzugte) Festlegung auf den Materialismus schon dogmatisch oder könnte da außer einem Rückfall in den Idealismus auch noch etwas anderes kommen ?
    Eingepeitschter Nihilismus z.B. ?
    Denn gerade seit dieser Kakophonie mit Covid19 beschleicht mich das Gefühl, dass dieser Rummel nur dazu dient, uns zu vereinzeln und zu verunsicherten Zombies zu machen. Wir schmachten nach den neuesten Meldungen, nur um sie aus dem Bauch heraus von vornherein anzuzweifeln. Bzw. nur genau das zu glauben, was uns gerade in den Kram passt.
    Wie nennt man soetwas ? Ferngesteuert ?

    • sascha313 schreibt:

      Danke Atomino. Ich las gerade gestern einen Zeitungsbeitrag von irgendsoeinem bedeutungslosen Jenaer Professor, der ein Buch geschrieben hat (was auch sonst!), und der zu der wahrhaft umwerfenden „Erkenntnis“ gekommen ist, daß Hegel der „Begründer der Idee einer auf dem Markt fußenden, sozial und gerecht gestalteten modernen Gesellschaft“ gewesen sei. Ja, und der Marxismus habe versucht, „seinen Idelaismus als falsche Weltsicht hinzustellen“. Dümmer geht’s nimmer!

      Man braucht nur einen solchen „Philosophen“ und hundert seiner Bücher, um 500 Lesern den Kopf zu verdrehen. – Aber Du hast recht – ferngesteuert, eingeschüchtert und zombifiziert, das ist das Weltbild, nachdem die Bourgeoisie heute ihre Sklaven zu formen gedenkt. Wird aber nicht gelingen! 🙂

    • S. Erfurt schreibt:

      Ja natürlich will man uns vereinzeln das hast Du schon richtig erkannt 😉

      So bringen soziale Medien die Menschen ja eher auseinander als zusammen. Haben wir früher ein Smartphone gebraucht? Nee, wenns was zu bequatschen gab, trafen wir uns auf der Milchrampe, auf der Brücke, vorm Konsum oder in der Kneipe. Heute werden Familien auseinandergerissen und Versammlungen verboten! Migranten, Abenteuerer, Scharlatane, Nepper, Schlepper, Bauenfänger, Glücksritter, Raubritter und Betrüger fluten unser Heimatland. Und die Herren des Preußischen Feudaladels, Hitlers Nachkommenschaft die in Niedersachsen, in NRW und im Münsterland der Enteignung enkommen sind, sind alle wieder da und zerstören die Natur, unsere Heimat und unsere Wälder.

      Proletarier Deutschlands erhebt Euch endlich und jagt dieses elende Pack zum Teufel! Das sind die richtigen Worte, nicht Hegel, nicht Gott oder Mohammed sondern Marx, Engels, Lenin und Stalin sind unsere Propheten!

      MFG

  2. S. Erfurt schreibt:

    Religion als Bestandteil einer modernen Gesellschaftsordnung, wieviel hahm’sen dafür gegeben!? Wie auch immer, die herrschende Klasse hat ihre Philosophen schon immer gut bezahlt 😉

    MFG

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