Perestrojka oder „schwindender Glaube“ an den Sozialismus…

BrotschlangeAn den Sozialismus muß man nicht „glauben“ – entweder er existiert oder nicht. Nicht erst seit Beginn der 1980er Jahre konnten wir DDR-Bürger in der Sowjetunion deutliche Veränderungen feststellen. Vieles im Land machte zunehmend einen verwahrlosten Eindruck. Es gab Streiks, gab es Pepsi-Cola am Automaten, gab lange Warteschlagen vor den Läden, gab Hippies, Schönheitswettbewerbe und eine Gleichgültigkeit, die uns mißfiel – der Westen hielt langsam Einzug. Nicht jedem war sogleich klar, was das bedeutet – „Perestrojka“. In der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ erschienen mehr und mehr Artikel, in denen die Geschichte der Sowjetunion schlechtgeredet wurde. Immer öfter wurde davon gesprochen, daß der „Stalinismus“ so viele „unschuldige Opfer“ gekostet habe. Ja, und überhaupt: „stalinistisch“ war ein Schimpfwort, war gleichbedeutend mit „Gewaltherrschaft“, mit „Bürokratie“ und mit „Personenkult“….

SuffWer zuvor die Sowjetunion aus eigenem Erleben kennengelernt und die langjährige, herzliche Freundschaft der Sowjetbürger zu unserer sozialistischen DDR erlebt hatte, der konnte alles das nicht glauben, was da vor sich ging. Viel später erst, als es schon zu spät war, fiel es den meisten wie Schuppen von den Augen: Es war eine Konterrevolution im Gange! Und jetzt wußten wir, warum diese Halunken Gorbatschow, Schewardnadse und Jakowlew allmählich Lebensmittelknappheit, eine Unordnung, eine schier unübersehbare Bürokratie und einen Haß auf Stalin erzeugt und provoziert hatten, An die Spitze der KPdSU und der Sowjetunion war ein übles antikommunistisches Gesindel gekommen. Sogar einige Sowjetbürger hatten begonnen, am Sozialismus und an ihrer eigenen Geschichte zu zweifeln…

Ein Leserbrief

Moskau (ADN). Die „Prawda“ veröffentlicht in Ihrer Ausgabe vom 15. Februar 1988 einen Leser­brief des Moskauer Hochschul­lehrers W. Kornilow. Der Brief ist – wie in einem redaktionel­len Vorspann mitgeteilt wird – eine Stellungnahme zu dem Brief von 0.Wetscher, einer Mutter von drei Kindern aus Minsk, den die „Prawda“ am 18. Januar unter der Überschrift „Um den Glauben nicht zu ver­lieren“ in der Rubrik „Diskus­sionstribüne der Leser“ gebracht hatte.

Kann man da den „Glauben“ verlieren?

Der Beitrag Kornilows trägt die Überschrift „Von der Geschichte lernen“ und hat fol­genden Wortlaut:

Den Brief unter der Über­schrift „Um den Glauben nicht zu verlieren“ habe ich gelesen. Meiner Meinung nach wird hier eine Frage von außerordent­licher Bedeutung aufgeworfen:

Wie kann den Jugendlichen der Glaube an den Sozialismus, an dessen Ideale, anerzogen wer­den, wenn unter den Bedingun­gen der Offenheit auch Beiträge in die P.resse kommen. die jeg­licher Verantwortung entbehren und hemmunglose Kritik, ja selbst direkte Verfälschungen unserer Geschichte enthalten. Die Verfasserin des Briefes schr:elbt: …ich persönlich bin in meinem Glauben schwankend geworden. Und das mir, die je­dem an die Gurgel gegangen wäre, der unsere sozialistische Ordnung angeschwärzt und die kapitalistische gerühmt, hätte.“ Wie soll es in diesem Falle den Jugendlichen gehen, bei denen sich das Bewußtsein noch nicht gefestigt hat, die mitunter die Wahrheit von Hirngespinsten nicht unterscheiden können? Wir wollen auch nicht die Tätig­keit der dem Soziollsmus feind­lich gesinnten Rundfunksender, Ihre zügellose Hetze vergessen.

Mich als Hochschullehrer be­unruhigt dieses Problem auch sehr. Sensation, Halbwahrhei­ten der 20er, 30er und 40er Jahre, das Abgehen von der Analyse der 70er Jahre können auch einem standhaften, doch ungenügend sachkundigen Menschen Furcht einflößen. Ich stimme Ihnen zu, 0. Wetscher, daß man nicht alles verleumden, schlecht machen, in den Schmutz ziehen darf. Der Jugend müssen häufiger jene heroischen, ich scheue mich nicht zu sogen in ihrem Heldentum phantastischen Seiten unserer Geschichte in Er­innerung gebracht werden. War­um schweigen wir uns so be­scheiden darüber aus? Warum wird manch einer von ihnen so unangenehm berührt? Das nützt unseren Klassenfeinden, welche uns alle zu Iwans machen möch­ten, die sich nicht auf Ihre hel­denhafte Herkunft besinnen.

Es gibt, teure 0.Wetscher, in allen Etappen der 70jährigen Geschichte der Sowjetmacht positive Beispiele (und die posi­tiven Beispiele machen die über­wiegende Mehrheit aus). Es gibt viel, womit wir unsere junge Ge­neration erziehen können.

Herbst 1920. Zerrüttung, Typhus, Hunger, Kälte, Blockade. In der Eisen- und Gußeisenpro­duktion wurde Rußland auf den Stand der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts zurückgeworfen. Im imperialistischen und im Bürger­krieg verlor es ein Drittel sei­nes Natlonalreichtums. Der große Utopist Wells, der damals Rußland besuchte, strich unser Land aus der Zahl der zivilisier­ten Staaten und nannte W.I. Lenin In seinem Buch „Schatten über Rußland“ den Träumer im Kreml, dessen Ideen irreal seien. Doch schon in der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurde im Lande das Fundament des Sozialismus errichtet. Bis zum Jahre 1940 rückte die UdSSR bei den wich­tigsten ökonomischen Kennzif­fern auf den ersten Platz in Europa und auf den zweiten in der Welt vor. Triebkräfte dieses erstaunlichen Fortschritts waren der Sozialismus, der beispiellose Elan des Volkes und die Stacha­now-Bewegung.
Der Große Vaterländische Krieg. Schwere Prüfungen, eine Zerreißprobe für den sozialisti­schen Vielvölkerstaat, sein Volk und seine Partei. Bis Dezember 1942 verloren wir ein Territorium, auf dem etwa 50 Prozent der Be­völkerung des Landes lebten. Der Feind, der elf Länder mit einer BevöIkerung von 140 Mil­lionen Menschen okkupiert hatte, produzierte mehr als wir: das Vierfache an Roheisen und Stahl, das Sechsfache an Kohle, das 4,5foche an Energie usw. Aber bereits gegen Ende der Schlacht um Stalingrad, im März 1943, lieferte unser Hinterland doppelt soviel Panzer, Flug­zeuge, Artillerie und überhaupt schwere Rüstungen an die Front wie der gesamte europöische Kontinent. der für den Feind ar­beitete. Nach Aussage von Georgi Shukow hätte kein an­derer Staat der Welt einem sol­chen Schlag standgehalten, wie ihn Deutschland und seine Satelliten 1941 gegen die So­wjetunion führten. Der Sozialis­mus und seine Ideen, die vom Volk Besitz ergriffen hatten, hiel­ten stand, und wir zerschlugen den „Faschismus faktisch allein“. 1947 bauten wir die Volkswirt­schaft wieder auf und übertrafen in der Industrie den Stand von 1940.

Man stelle sich nur vor, wel­che Höhen hätten wir erreichen können ohne die bedauerlichen Fehlgriffe in der Innenpolitik, die subjektiven Charakter trugen. Für sie sind konkrete Personen, Ihre maßlose Selbstsicherheit, ihre Abkehr von den Leninschen Normen des Parteilebens, lhre persönliche Anmaßung und In­kompetenz verantwortlich. Ja, wir sind für Demokratisierung und Offenheit, aber nur unter einer Bedingung: mehr Sozialismus, mehr Leninismus! Unsere Wahr­heit muß uneingeschränkt sein, sich auf alles erstrecken. Nur dann wird sie die Qualitat der absoluten Wahrheit erreichen.

Quelle: Neues Deutschland, 17. Februar 1988, Seite 2.

880217 ND Geschichte

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9 Antworten zu Perestrojka oder „schwindender Glaube“ an den Sozialismus…

  1. Dirk Leinher schreibt:

    Die kürzlichen Ereignisse haben viele Menschen aus dem Schlaf gerissen, der Klassenkampf wird geführt, nicht etwa um Mächtige wie Soros, Bill Gates, die Rothschilds und andere Kriminelle zu entmachten, sondern um deren Macht weiter zu festigen. Wir haben bereits mehrmals Gedanken ausgetauscht und ich bin der Ansicht, dass du aus ehrbaren Gründen Kommunist bist, der grundsätzlich das Wohl der Menschen anstrebt. Nun, dieser Ansicht bin ich auch. Ein passender Aufruf dazu sehe ich in diesem Video:
    https://kla.tv/17179

    • sascha313 schreibt:

      …ich habe mir nicht die Mühe gemacht, das alles durchzulesen, aber schon bei den ersten Zeilen wurde mir klar: Antikommunismus und Dummheit sind alte Verwandte. Wir werden nicht mit Faschisten diskutieren, auch nicht mit Antikommunisten und erst recht nicht mit Leuten, die uns darüber belehren wollen, was wir am Kommunismus „nicht verstanden haben“. Kommt hinzu, daß wir hier nicht über den Sozialismus/Kommunismus „philosophieren“, wie der Blinde von der Farbe. Wir hatten in der DDR 40 Jahre Zeit, alles durchzustudieren und praktisch zu erproben. Es hat uns zu Erfolgen geführt, um die uns auch heute noch viele Menschen beneiden. Ganz abgesehen davon ist weder der zweifelnde Leserbrief, noch die m.E. etwas „unausgegorene Antwort“ geeignet, Zweifel darüber auszuräumen, die junge Menschen heute daran haben, ob der Sozialismus überhaupt eine Alternative zum Kapitalismus ist. Aber das nur nebenbei… So gesehen, sind also die heutigen Querdenken-Demo’s kein Klassenkampf! (aber was nicht ist, kann ja noch werden)

      Dirk, das ist jetzt kein persönlicher Angriff, denn in diesem Punkt sind wir uns sicher einig: Das „Wohl der Menschen“ anzustreben ist sicher ehrenwert, aber zu unkonkret. Denn es geht um eine Auseinandersetzung zwischen Klassen (und nicht um irgendwelche einzelnen Menschen – ob Milliardär Rothschild oder Arbeiter Krause. Jeder Versuch auf eigene Faust eine Revolution zu veranstalten ist eine Dummheit. Und ebenso ist es eine Dummheit, den Kapitalismus beibehalten zu wollen. Wer aber nicht erkennt, daß es ausschließlich darum geht, woher das Geld kommt, der hat nichts begriffen. Viele sehr schöne alte Villen in der DDR, die etwas heruntergekommen waren, aber als Kinderheim, als Erholungsort für dei Arbeiter dienten, sind heute wunderschön hergerichtet… aber in Privatbesitz. Alles, was bisher dem Volke diente, wurde „rückübertragen“ und dient heute wieder als profitable Geldanlage. Und der Profit landet – na, wo schon? – in den Taschen der Kapitalisten. … Aber wer kann den Zustand nun ändern? Nicht der Hartzvierer, nicht der Wohlfahrtsempfänger, sondern nur die Arbeiterklasse -und nur auf organisierte Weise! Das ist es, was die Kapitalisten immer verhindern wollten! Denn ohne Arbeiter gibt es keinen Profit, und ohne Organisation ist jede Aktion nur ein Sturm im Wasserglas.

      • S. Erfurt schreibt:

        Natürlich sind auch Hartz-IV-Empfänger der Arbeiterklasse zugehörig, wie alle diejenigen die hier von Almosen leben müssen. Nur sind die sich ihrer Klassenzugehörigkeit gar nicht bewusst, was wohl sicher auch daran liegt daß die tägliche Propaganda dem ja ständig entgegenwirkt um die Herausbildung des Klassenbewusstsein zu unterdrücken. MFG

      • sascha313 schreibt:

        Richtig. Alle jetzigen und früheren Lohnempfänger gehören irgendwie zur Arbeiterklasse. Allerdings ist der Einfluß letzerer sehr begrenzt.

    • S. Erfurt schreibt:

      Neulich wieder bin ich mit dem Satz „DDR Bürger hatten keine Freiheit, sie waren eingesperrt“ konfrontiert worden. Dem zu entgegenen habe ich ersteinmal festgestellt, daß wir als DDR Bürger bis zum Pazifik hätten reisen können, also von wegen eingesperrt. Um die Grenze und deren Sinn zu verstehen, muss man sich schon etwas mehr mit der Geschichte befassen und natürlich auch mit der westlichen Propaganda die mit Vorliebe den Begriff der Freiheit missbraucht. Niemand hatte die Absicht eine Mauer zu bauen, natürlich nicht. Aber der Westen hat uns keine andere Wahl gelassen und selbst im vorwiegend katholischen Eichsfeld waren die Menschen der Partei- und Staatsführung dankbar darüber daß sie wegen einer Arbeit ihre Heimat eben nicht verlassen mussten, so wie das ihre Vorfahren jahrhundertelang tun mussten. MFG

      • sascha313 schreibt:

        Das müßte eigentlich jeden überzeugen. Doch dieser „Narrativ“ (also dieses Märchen) vom „eisernen Vorhang“ klebt wie Pech an den Hirnen mancher wenig belesener, einseitig informierter Westbürger. Selbst wer von uns DDR-Bürgern nicht im Urlaub herumgereist ist, der frage mal eine einfache Bäuerin als dem Allgäu, ob sie jemals schon aus ihrem Dorf herausgekommen ist. Im Kapitalismus waren Urlaubsreisen in ferne Länder schon immer ein Privileg der Begüterten.

  2. tommmm schreibt:

    Wer ist denn verantwortlich dafür das die „wirtschaftliche Rechnungsführung“ eingeführt wurde?

    Wer ist dafür verantwortlich das den DDR Bürgern die Intershops vor die Nase gesetzt wurden? Hier wurden doch Konsumwünsche erzeugt.

    Es immer nur auf äußere Einflüsse zu schieben ist meiner Meinung nach zu bequem. Es ist schon eine Mischung von inneren und äußeren Handlungen, die schließlich zur Niederlage der DDR führten.

    • sascha313 schreibt:

      Die Dialektik der jeweiligen Situation zu erkennen, bedeutet eben auch, daß man marxistisch an die Sache herangehen muß!

    • S. Erfurt schreibt:

      Was die D-Mark wert war erfuhr ich Anfang 1990, als ich mich, nachdem ich ein paar Münchener durch Erfurt geführte hatte, dazu überreden ließ, 150 Mark Ost gegen 50 D-Mark zu tauschen. Die Touristen aus München wollten sich nur ein paar Souveniers kaufen, wie zum Beispiel Kittelschürzen, Brotbüchsen aus Aluminium und Einkaufsnetze die sie ganz toll fanden und für D-Mark nicht bekamen.

      Mit den 50 D-Mark jedenfalls konnte ich zu diesem Zeitpunkt gar nichts anfangen, mit 150 Mark Ost hingegen konnte ich meine Familie gut 3 Wochen mit Lebensmitteln versorgen, den Freitags-Stammtisch mit Bier und Skat inklusive.

      Im Intershop jedenfalls gab es nichts, was wir nicht ohnehin schon hatten, also auch nichts was da irgendwelche Begehrlichkeiten geweckt hätte. Und ein ganzes Brot für EVP-,59M, ein Bier für EVP-,40M oder ein Brötchen gar für EVP-,05M … sowas hatte kein Intershop im Angebot.

      Erst kürzlich zeigte mir einer die Speisekarte der Mitropa, ich dachte erst, es sei die Rechnung eines Einzelnen. Thüringer Klöße mit Rouladen für 3,20M Sonntags in der Bahnhofsgaststätte Saalfeld, dafür könnte man glatt seinen Zug verpassen.

      MFG

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