Vorrede erspart Nachrede

SprichwortMit diesen knappen Worten brachten die Autoren jenes kleinen Büchleins aus der DDR in Erinnerung, daß ein kluges Vorwort oft Mißverständnisse und Irrtümer beseitigen hilft, wenn der Leser weiß, mit wem er es zu tun hat, und was der Verfasser beabsichtigt. Unsere Absichten sind es, den Lesern bewußt zu machen, wie wichtig es ist, auf klare Worte zu achten, sich unmißverständlich auszudrücken, nicht jede x-beliebiege Phrase nachzuahmen, die uns von den Medien eingeimpft wird. Das vorliegende Büchlein „Das kleine Sprichwörterbuch“, erschienen 1973, wurde nach 1990 „aus dem Verkehr gezogen“. Es wurde „ausgeschieden“, wie die neuen Herren der Bibliotheken zu formulieren beliebten. Wer denkt da nicht sofort an „Ausscheidung“ (oder lateinisch: excrementum). Jeder kann sich seinen Reim darauf machen, mit welchen Wertmaßstäben die Okkupanten 1990 an die kulturellen Schätze unseres sozialistischen Vaterlandes, der DDR, herangegangen sind…

Das Sprichwort

Das Sprichwort ist ein kurz und prägnant gefaßter, volks­tümlicher und bildhafter Ausdruck weitverbreiteter, mensch­licher, oft zeitbedingter Wahrheit ohne bekannten Urheber. Das Sprichwort ist durch seine Entstehung aus den jeweiligen Erfahrungen und Erkenntnissen des Volkes, die es unmittel­bar zum Ausdruck bringt, auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse.

Volksweisheiten für die Nachgeborenen

Jcde Zeit bringt ihre Sprichwörter hervor, auch die heutige. Aber die meisten unserer deutschen Sprichwörter sind sehr alt. Sie sind in Zeiten entstanden, in denen das Volk von der Wissenschaft ferngehalten wurde. Schlichte Bauersleute oder Handwerker gaben in bildhafter Rede ihre Erfahrungen wei­ter, sicher oft in erzieherischer Absicht für die Nachkommen. Bei Volksweisheiten, wie „Ehrlich währt am längsten“ oder „Arbeit ist des Alters beste Zukost“ oder „Fleiß erwirbt, Faulheit verdirbt“, haben wir es mit ganz allgemeinen Er­kenntnissen zu tun.

Kritik an der Unmoral der Ausbeuterklasse

Das Sprichwort verkündet aber auch anderes: „Der Satte glaubt dem Hungrigen nicht“, „Einer ist des anderen Teu­fel“, „Beim Geschäft hört die Freundschaft auf“ oder „Rei­ten und Rauben ist keine Schande, es tun’s die Edelsten im Lande“. Hier dokumentiert sich offen die Kritik des Volkes an der egoistischen, unmoralischen, letzten Endes menschen­feindlichen Haltung der Ausbeuterklassen.

Der Untertanengeist der Ausgebeuteten

Eine weitere Kategorie von Sprichwörtern läßt sich durch die Beispiele kennzeichnen: „Schimmlig Broad givt kloare Oogen“, „Armut schändet nicht“, „Trocken Brot macht Wan­gen rot“. Ohne Zweifel drücken diese Sprichwörter nicht die wahren Interessen des Volkes aus, sondern es sind durch die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse unter den recht­los gemachten Menschen hervorgerufene und bedingte Auße­rungen.

Der Freiheitswille des Volkes

Viele dieser Dokumente der Knechtseligkeit und einer falschen Bescheidenheit gehen noch im deutschen wie im Sprichwortgut anderer Völker um – Zeugen einer bei uns in der DDR zum Glück überwundenen Zeit. Wir finden aber auch Zeugnisse des Stolzes, des Freiheits­willens, der Selbstbehauptung, etwa in den Sprichwörtern „Lewer düad as Slav“ (Lieber tot als Sklave), „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, „Je dümmer der Junker, je größer der Prunket“.

Knechtung, Resignation und Opportunismus

Doch die Zahl der Sprichwörter, die Resignation oder gar geistige Korruption ausdrücken, ist nicht gering. Jahrtausende raffinierter Unterdrückung und Knechtung, die bis in die intimsten Sphären des menschlichen Lebens reichten, sind nicht in einigen Jahrzehnten zu überwinden und zu ver­gessen.

JENEN ZEITEN WAREN WIR BEREITS ENTRONNEN…
Die repräsentativsten Worte aus jener Zeit sind geeignet – im Sinne der Mahnung Bertolt Brechts –, uns die dunklen Zeiten nicht vergessen zu lassen, denen wir ent­ronnen waren. Doch auch in den Köpfen so mancher Menschen, die eine neue, humanistische Menschheitsordnung aufbauten, lebten noch manche Vorstellungen aus der vergangenen Zeit.

Das bildhafte und volkstümliche Sprichwort kann den Menschen erzieherisch wirkungsvoll mit seinen überlebten Anschau­ungen konfrontieren und ihm zur richtigen Einsicht ver­helfen.

Erziehung eines neuen Menschen

In diesem Sinne auch wollen die Herausgeber den Zweck ihrer Sprichwortsammlung verstanden wissen. Neben den Gründen der Erhaltung alten wertvollen Volksguts – Gründe, die uns auch die Volkspoesie in Märchen und Liedern zu pflegen veranlassen –, will diese Sammlung aktuelle Bedeu­tung bei der Entwicklung und Erziehung des neuen Men­schen haben, indem sie mit der nötigen Einsicht und Klug­heit angewandt wird.

Sprachliche Diamanten…

Der Vergleich der Sprichwörter mit Edelsteinen liegt nahe. Auch diese scheinen oft zunächst nichts weiter als Glas zu sein, aber aus der richtigen Posi­tion betrachtet, beginnen sie zu funkeln und zu strahlen. Den richtigen Blickwinkel beim Lesen der gesammelten Sprich­wörter zu finden, ist eine der vergnüglichen Aufgaben, die dem Leser gestellt sind und der hiermit ausdrücklich zur Mitarbeit aufgefordert ist. Auch wenn die Sprichwörter unter anderen Verhältnissen entstanden sind, vermögen sie uns noch sehr viel zu sagen.

Aus dem Vorgesagten ergibt sich, daß unsere Sammlung weit davon entfernt ist, Ansprüchen, die an ein wissenschaftliches Werk zu stellen sind, zu genügen. Im Hinblick auf die Pro­duktion des VEB Bibliographisches Institut, die im allge­meinen wissenschaftlichen Zielen verpflichtet ist, scheint die­ser Hinweis notwendig zu sein. Für Leser, die Interesse und auch Gelegenheit haben, sich eingehender mit dem Sprich­wort, seiner Entstehung und seiner historischen Gebunden­heit zu beschäftigen, fügen wir unserem Büchlein ein von Dr. Petermann, Leipzig, Institut für Volkskunstforschung, er­arbeitetes Verzeichnis weiterführender Sammlungen an. Herrn Dr. Kurt Petermann sei an dieser Stelle für seine wichtige fachliche Hilfe herzlich gedankt.

Hier einige nun ausgewählte Sprichwörter:

VON EHRLICHKEIT UND UNEHRLICHKEIT

  • Ehrlich währt am längsten.
  • Ein gut Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.
  • Ehrlichkeit kann nicht weichen, sie ist Holz von Eichen.
  • Rede wenig, rede wahr, zehre wenig, zahle bar.
  • lß, was gar ist, trink, was klar ist, sprich, was wahr ist.
  • Eines Ehrenmannes Wort· ist lebendig. (persisch)
  • Ehrlichkeit ist die beste Politik. (englisch)
  • Der Spiegel sagt immer die Wahrheit.
  • Was nicht von Herzen kommt, geht nicht zu Herzen.
  • Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen.
  • Was die Flut bringt, nimmt die Ebbe wieder.
  • Besser arm in Ehren, als reich in Schanden.
  • Unrecht Gut hat kurze Währ, der dritte Erbe sieht‘ s nicht mehr.
  • Unrecht Gut gedeihet nicht.
  • Wer anfängt mit Lügen, hört auf mit Betrügen.
  • Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrbeit spricht.
  • Ein reiner Mund und reine Hand passieren frei durch alle Land.
  • Schlechte Wacht macht viele Diebe.
  • Gelegenheit macht Diebe.
  • Im Trüben ist gut fischen.
  • Ein Spitzbube bietet Schmiergelder, ein Halunke nimmt sie.
  • Wenn zwei Diebe sich zanken, kommt das Diebesgut zutage.
  • Wer die Leiter hält, ist so schuldig wie der Dieb.
  • Finden und verhehlen ist so gut wie stehlen.
  • Der Hehler ist schlimmer als der Stehler.
  • Wer tausendmal trügt, wird wohl auch einmal selbst betrogen.
  • Lügen haben kurze Beine.
  • Eine Lüge schleppt zehn andere nach sich. Lügner muß ein gutes Gedächtnis haben.
  • Mit der Lüge kommt man durch die ganze Welt, aber nicht wieder zurück. (Polnisch)
  • Aus einem Körnchen Wahrheit bäckt die Lüge einen Laib Brot.
  • Jeder zahle seine Zeche.

VON LEBEN UND LEBENSERFAHRUNG

  • Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
  • Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
  • Vorsicht ist besser als Nachsicht.
  • Bekümmert Herz treibt selten Scherz.
  • Verdrossen hält alles für Possen.
  • Wer von der Hoffnung allein lebt, wird nicht dick. (sizilianisch)
  • Armut ist aller Künste Stiefmutter.
  • Wer stets zu den Sternen aufblickt, wird bald auf der Nase liegen.
  • Abgeredet vor der Zeit, gibt nachher keinen Streit.
  • Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.
  • Schmiede das Eisen solange es glüht.
  • Wer weit kommen will, der spare seine Kräfte.
  • Wirf die alten Schuhe nicht weg, eh‘ du neue hast.
  • Leb‘, als wolltest du täglich sterben, schaff‘, als wolltest du ewig leben.
  • Leid währt nicht immer, Ungeduld macbt’s schlimmer.
  • Tugend schmückt den Leib, Reichtum das Zimmer.
  • Ein Zwerg bleibt immer ein Zwerg, und stünd‘ er auf dem höchsten Berg.
  • Einer allein ist nicht einmal gut im Paradiese.
  • Es ist kein Fisch ohne Gräte und kein Mensch ohne Fehler.
  • Es gibt keinen Flachs ohne Abfall, noch eine Frau ohne Fehl.
  • Wer Frauen ohne Fehler sucht und Pferde ohne Mängel, hat nie ein gutes Pferd im Stall, im Bett nie einen Engel.

ARBEITERWORT – GESTERN UND HEUTE

  • Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
  • Wie die Arbeit, so der Lohn.
  • Wer gut baut, soll auch gut wohnen.
  • Wenn der Brigadier den Wein verehrt, ist er keinen Groschen wert. (sowjetisch)
  • Wenn nur Brot da wär‘ zum Essen, Zähne würden sich schon finden. (russisch)
  • Trocken Brot macht Wangen rot, Schinkenbröter noch viel röter.
  • Der Satte versteht den Hungrigen nicht. (russisch)
  • Das Brot ist teuer, wenn kein Geld da ist. (russisch)
  • Der Reiche hat die Rinder, der Arme hat die Kinder. (russisch)
  • Der Arme fängt den Fuchs, der Reiche trägt den Pelz.
  • Wer heute aussperrt, sperrt morgen ein.
  • Gestrenge Herren regieren nicht lange.
  • Wer spinnt, hat ein Hemde, wer nicht spinnt, hat ihrer zwei. (italienisch)
  • Alte Schneider sind seltener reich als alte Wucherer.
  • Wie die Leistung, so das Ansehn. (sowjetisch)
  • Gemeinnutz geht vor Eigennutz.
  • Wie wir heute arbeiten, so werden wir morgen leben.
  • Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.
  • Was schief und krumm ist, macht der Stempel nicht gerade. (sowjetisch)
  • Reden sind Silber, Gespräche sind Gold.

VON ÜBERLEBTEN MORALPRINZIPIEN

  • Der Mensch ist des Menschen Wolf.
  • Einer ist des andern Teufel.
  • Den letzten beißen die Hunde.
  • Wie du mir, so ich dir.
  • Schimmlig Broad givt kloare Oogen. (plattdeutsch)
  • Jeder leitet das Wasser auf seine eigene Mühle.
  • Was die Herrn tun, ist alles recht, Unrecht hat nur der Knecht.
  • Dien‘ wohl und fordre keinen Sold, so werden dir, die Herren hold.
  • Das Hemd ist mir näher als der Rock.
  • Selber essen macht fett.
  • Jeder ist sich selbst der Nächste.
  • Des einen Tod, des andern Brot.
  • Des einen Haus brennt, der andere wärmt sich daran. (englisch)
  • Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
  • Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
  • Wer Diener hat, hat unverhohlene Feinde.
  • Getreuer Diener ist ein verborgner Schatz.
  • 100 Schläge auf fremdem Rücken sind nicht viel.
  • Eine Hand wäscht die andere.
  • Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus.
  • In andrer Leute Garten ist gut grasen.
  • Es ist gut, den Schnitt an fremdem Tuch zu lernen.
  • Mit eigne, Peitsche und fremden Rossen ist gut fahren.
  • Aus gestohlenem Leder ist gut Riemen schneiden.
  • Wer da fällt, über den läuft alle Welt.
  • Geld regiert die Welt.
  • Ehre und Geld gehen nicht in denselben Sack. (spanisch)
  • In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf.
  • Beim Geschäft hört die Freundschaft auf.
  • Handel und Wandel kennt die Freundschaft nicht.
  • Großen Herren ist übel borgen.
  • Man riecht es nicht am Geld, womit es verdient ist.
  • Geld stinkt nicht.
  • Armut schändet nicht.
  • Der Arme ist wohl geborgen, denn er hat wenig Sorgen.
  • So geht es in der Welt – der eine hat den Beutel, der andre hat das Geld.
  • Der eine hat die Mühe, der andre hat die Brühe.
  • Gegen Kanonen gilt das Recht nicht.
  • Du kennst Deine Sippschaft? – Erb erst mit ihnen!
Quelle:
Anneliese Müller-Hegemann/Luise Otto: „Das kleine Sprichwörterbuch“. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1973

J. Stalin

Der Marxismus und die Frage der Sprachwissenschaft

Es gab bei uns einmal „Marxisten“, die behaupteten, die in unserem Lande nach der Oktoberumwälzung verbliebenen Eisenbahnen seien bürgerliche Eisenbahnen, es stehe uns Marxisten nicht an, sie zu benutzen, man müsse sie abtragen und neue, „proletarische“ Bahnen bauen. Sie erhielten dafür den Spitznamen „Troglodyten“…

Es versteht sich, daß diese primitiv anarchistische Auffassung von der Gesellschaft, den Klassen und der Sprache mit Marxismus nichts zu tun hat. Zweifellos aber besteht und lebt sie noch in den Hirnen einiger unserer Genossen, die sich verheddert haben. Natürlich trifft es nicht zu, daß die Gesellschaft infolge des Bestehens des erbitterten Klassenkampfes in ökonomisch nicht mehr miteinander in einer Gesellschaft verbundene Klassen zerfallen sei. Im Gegenteil.

Solange der Kapitalismus besteht, werden Bourgeois und Proletarier als Teile der einheitlichen kapitalistischen Gesellschaft durch alle Fäden der Wirtschaft miteinander verbunden sein. Die Bourgeois können nicht leben und sich bereichern, ohne Lohnarbeiter zu ihrer Verfügung zu haben, die Proletarier können nicht existieren, ohne sich den Kapitalisten zu verdingen. Der Abbruch jedweder wirtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen bedeutet die Einstellung jedweder Produktion, die Einstellung jedweder Produktion aber führt zum Untergang der Gesellschaft, zum Untergang der Klassen selbst.

Es versteht sich, daß sich keine Klasse der Vernichtung aussetzen will. Daher kann der Klassenkampf, wie scharf er auch sein mag, nicht zum Zerfall der Gesellschaft führen. Nur Ignoranz in Fragen des Marxismus und völliges Verkennen der Natur der Sprache konnten einige unserer Genossen auf das Märchen vom Zerfall der Gesellschaft, von „Klassen“sprachen, von „Klassen“grammatiken bringen.

Quelle:
J. Stalin: „Der Marxismus und die Frage der Sprachewissenschaft“. In: J. Stalin, Werke Bd. 15, Dortmund, S. 119f. (gekürzt)
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2 Antworten zu Vorrede erspart Nachrede

  1. Erfurt schreibt:

    „Ohne Fleiß kein Preis“ — Steht am Wasserschloss Mespelbrunn (Main-Spessart-Kreis). Das ist ungefähr so wie „Jedem das Seine“.

    Zynismus pur!

    Der Vollständigkeit halber mal eine Bauernregel aus Markkleeberg/DDR:
    „Ferkel sterben nicht in kalten Wintern, sondern in kalten Ställen!“

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