Konspiration der Banditen

SturmgeboreneManchmal ist es ausgesprochen lehrreich, sich wieder einmal mit der Geschichte des 1. Weltkriegs und der Zeit kurz vor der Großen Sozialistische Oktoberrevolution zu befassen, zumal die Verhältnisse in Europa heute sehr denen jener Jahre ähneln. Die Klassengegensätze zwischen den Milliardären, den „Eliten“, und dem Volk sind schärfer geworden als jemals zuvor. Die Brutalität der Unterdrückung ganzer Völker hat sich enorm zugespitzt. Auch wenn es heute noch keine revolutionäre politische Kraft gibt, die uns aus dem gegenwärtigen Elend herausführt. So sind doch die handelnden Figuren der herrschenden Klasse, nicht anderes als damals, die erbittertsten Feinde jeglicher Revolution. Sie sind Feinde des gesellschaftlichen Fortschritts und fürchten nichts mehr als den Zorn der unterdückten Völker. Damals waren es die russischen Bolschewiki, die die geknechteten Völker Rußlands und Sibiriens in die Freiheit führten, auf sie konzentrierte sich der Haß des Zarenregimes und des polnischen Adels, der Faschisten und später der neoliberalen, neofaschistischen „Eliten“ der USA und Westeuropas…

Darüber schrieb der berühmte sowjetische Schriftsteller Nikolaj Ostrowski im Jahre 1936 in einem unvollendet gebliebenem Roman „Die Sturmgeborenen“.

Personen:
– Edward, Oberst – der älteste Sohn des polnischen Grafen Kasimir Mogielnicki
– Pater Hieronymus – ein polnischer Geistlicher, Jesuit, Spitzel des polnischen Hochadels
Ort der Handlung: in einem geheimen Séparée auf dem Rittergut des Grafen Mogielnicki in Ost-Polen
Zeitrahmen: 1915-1919

„Nun also, Pater Hieronymus“, begann Edward fast flüsternd. „Sie kennen natürlich die Aufstellung der deutschen Armee?“
„Ja, in allgemeinen Zügen…“

Edward zog aus seiner Seitentasche eine geographische Karte und breitete sie auf dem Tisch aus. Beide beugten sich darüber. Edwards Finger glitt langsam vom Schwar­zen Meer bis zur Ostsee.

Polenkarte

„Die deutsche Okkupationsgrenze verläuft annähernd so: Rostow am Don, Charkow, so ziemlich die ganze Ukraine…, geht hier nach Polen, dann nach Bjeloruß­land, Litauen, Lettland und endet in Estland – ein Ge­biet, fast dreimal so groß wie Deutschland selbst. Ich spreche nur von Deutschland“, setzte Edward hinzu, „weil Österreich-Ungarn hier eine zweitrangige Rolle spielt … Nach den genauen Angaben des französischen Generalstabs verfügt das österreichisch-deutsche Korn­mando auf dieser Ausdehnung über nicht weniger als neunundzwanzig Infanterie- und drei Kavallerie­divisionen. Die Gesamtstärke ihrer Armee beträgt drei­hundertzwangzigtausend Mann.“

Pater Hieronymus lächelte kaum merklich.
„Sie lächeln, Pater Hieronymus – ich verstehe. Sie denken, daß es riicht lohnt, Paris zu verlassen, um aus­zurechnen, wieviel hunderttausend Soldaten Deutschland auf einem Territorium besitzt, auf dem Frankreich vorläufig noch keinen einzigen hat. Ich sage ,vorläufig‘, weil der Krieg weitergeht … Der Krieg, Pater Hieronymus, schafft nicht nur neue Grenzen, sondern auch neue Staaten. Und nun sage ich Ihnen, was meine Reise hierher veranlaßt hat und was noch militärisches Geheimnis ist – erstens: Deutschland hat den Krieg bereits verloren…“

„Den Krieg verloren…?“ Pater Hieronymus ver­barg sein Erstaunen nicht. „Hat die Entente Deutschland etwa an der Westfront geschlagen?“

„Nein, noch halten sich die Fronten, aber das ist schon die Agonie. Ihr Untergang kommt von innen. Unser militärischer Aufklärungsdienst meldet eine ganze Reihe von Arbeiter- und Soldatenkundgebungen in Österreich, desgleichen in Berlin und Hamburg. Auf einem der Panzerkreuzer ist ein Aufstand ausgebrochen. Mit jedem Tag mehren sich die Meutereien, und die kaiserliche Regierung ist schon nicht mehr imstande, mit ihnen fertig zu werden. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die nächsten Tage die Nachricht von einer Revolution in Österreich und Deutschland bringen werden.

Die Deutschen sind erschöpft. Nichts hat ihnen geholfen: weder die Besitzergreifung fruchtbarster Ge­biete noch die Wegführung von Getreide und Vieh aus der Ukraine in das ausgehungerte Deutschland. Die Armee ist nicht mehr imstande, den Krieg weiterzu­führen, da ihr Hinterland in Flammen steht. Osterreich hält sich aber überhaupt nur noch mit Deutschlands Hilfe. Wie Sie sehen, geschieht in Deutschland dasselbe wie in Rußland. Es wäre Torheit zu glauben, daß die Seuche der Revolution nicht in Europa eindringt. Sie ist schon eingedrungen! Ludendorff selbst hat zugegeben, daß die deutschen Truppenteile, die von der Ukraine an die französische Front hinübergeworfen wurden, vom Bolschewismus angesteckt und darum kampfunfähig, ja sogar gefährlich seien, weil sie die anderen zersetzen…“

„Sagen Sie, Pan Edward, bezieht sich das nur auf Deutschland?“ unterbrach der Pater.
Einige Sekunden Schweigen. Edward spürte erst jetzt, daß es kalt war in dem ungeheizten Zimmer. Er hörte Ludwiga auf dem Flügel spielen. Das Warme, Zarte, von der Musik Herüberwehende abschüttelnd, be­wegte er sich schwer im Sessel, sein Gesicht verfinsterte sich, und dumpf und hart antwortete er:

„Der Bolschewismus kann die ganze zivilisierte Welt verschlingen, wenn er nicht im Keim vernichtet wird!“

In der Stimme Edwards klang schroffe Entschlossenheit und auch – nur dem scharfen Spürsinn des vor ihm sitzenden Jesuiten wahrnehmbar – Angst. Edward stand auf, machte einige Schritte, und vor Pater Hieronymus stehenbleibend, fuhr er fort:

„Das ganze Gebäude des deutschen Imperiums stürzt zusammen … Es ist schwer zu sagen, was dort weiter werden wird. Wenn Berlin Moskau nachahmt und auch bei sich Sowjets schafft, so wird das eine schreckliche Gefahr. Denn die Truppen der Entente in ein von der Revolution erfaßtes Land zu führen, würde bedeuten, daß sich an ihnen das Schicksal der Deutschen in der Ukraine wiederholt. Wenn jedoch die Sozialdemokraten – ich spreche von den rechten – die Macht in die Hände bekommen, dann löst nur die demokratische Henne den Kaiseradler ab, und Deutschland hört für Jahre hinaus auf, die Rolle einer Großmacht zu spielen!“

Edward las in den Augen des Paters eine Frage.
„Sie fragen, warum ich hierhergekommen bin, da mich doch die Deutschen als französischen Spion erschießen könnten?“

„Ich habe, mein‘ ich, nicht davon gesprochen… Aber ich gebe zu: es interessiert mich.“
,,Ausgezeichnet! Verzeihen Sie die lange Einleitung, Pater. Also, warum ich hier bin? … Sobald in Berlin die Feuersbrunst ausbricht, wird sich die deutsche Armee in der Ukraine und in Polen auflösen … Die Deutschen werden abziehen, und das ganze von ihnen besetzte Ge­biet wird in die Hände der Roten Armee übergehen. Können Sie sich vorstellen, was dabei herauskommen wird? Rotes Moskau – rotes Berlin … Das ist das Ende Europas! Weder Frankreich noch England können das zulassen. Die Situation verändert sich jäh. Bisher hat die österreichisch-deutsche Armee als Schranke gedient, die Europa vorn kommunistischen Rußland schied. Jetzt bricht diese Schranke zusammen. Wenn wir an ihrer Stelle nicht eine andere errichten, werden die Sowjets alles überschwemmen.“

„Wie kann man das verhindern?“ fragte der Pater, der gespannt zugehört hatte.
Edward nahm die Karte in die Hand.

„Indem man eine polnische Republik mit einer nationalen Armee schafft, die den Roten den Weg nach Westen versperrt. Lettland und Estland werden die ,Selbständigkeit‘ erhalten und zusammen mit Polen und Rumänien unter dem Protektorat Frankreichs eine Kette bewaffneter Pufferstaaten zwischen Rußland und dem Westen bilden. England wird sich mit Murmansk und Archangelsk beschäftigen. Landungstruppen der Entente werden die Roten im Norden, die Flotte aus der Ostsee verdrängen. Eine zweite englische Zone ist der Nord­kaukasus, Baku und Mittelasien.

Die französische Flotte aber wird bei erster Gelegenheit ins Schwarze Meer ein­laufen und Odessa und andere Häfen besetzen. Die Japaner haben sich Wladiwostoks bemächtigt und marschieren bereits nach Sibirien. In derselben Richtung operieren die russische weißgardistische Armee und das tschechoslowakische Korps. Polen wird zur selben Zeit versuchen, die Ukraine rechts des Dnepr, Litauen und Bjelorußland zu besetzen oder, wenn das nicht gelingen sollte, dort sowjetfeindliche Regierungen zu schaffen. Derartig eingekesselt, wird Moskau ersticken!

Aber wir Polen müssen uns beeilen, solange das Chaos nicht auch unser Land erfaßt hat. Es müssen Streitkräfte vor­bereitet werden, die imstande sind, alle die, denen es nach dem Abzug der Deutschen gelüsten könnte, in Polen Räte oder ähnliches zu bilden, mit Feuer und Schwert auszumerzan! Für uns ist es wichtig, Zeit zu gewinnen, Kräfte zu sammeln, sie zu bewaffnen, Verwaltungsorgane und Gendarmerie zu schaffen. Frankreich gibt uns Munition und Waffen auf Kredit und schickt uns etwa anderthalbtausend Offiziere. Dann werden wir anders reden! Jetzt gilt es zu handeln, und zwar auf das entschiedenste. Um so mehr, als dies ja nicht allein eine Frage der allgemeinen Politik, sondern auch unser beider Schicksal ist: wenn wir die polnischen ßolsche­wiki nicht vernichten – werden sie uns vernichten!“

Edward verstummte und betrachtete die Karte. Dann fügte er, als ob er sich auf etwas besänne, hinzu:
„Übrigens hat Seine Eminenz der Kardinal mich be­auftragt, Ihnen mitzuteilen, daß, falls Ihre Arbeit sich als erfolgreich erweist, er keinen passenderen Generalvikar für Wolhynien finden könne als Sie…“

Die kleinen Augen des Jesuiten behielten ihren gewohnten Ausdruck.
„Ich erwarte Ihre Anordnungen, Pan Edward.“

„Ausgezeichnet!“ Edward setzte sich. „Also lassen Sie uns handeln … In etwa zwei Tagen fahre ich nach Warschau zu einer Beratung. Während dieser Zeit werden Sie Ihre Amtsbrüder im Bezirk über die Lage informieren. Aber gehen Sie vorsichtig zu Werke!“
Edward bemerkte die ungeduldige Handbewegung des Paters und begriff, daß die Mahnung überflüssig war. „Vorläufig kein Wort über meine Ankunft und meine Mission! Und weiter: In drei Wochen ist der Geburtstag meiner Frau. Unter diesem Vorwand werden wir hier die besten Familien der Umgebung und die wohlhabend­sten Leute, die an unseren Aktionen interessiert sind, versammeln. Zum gleichen Zeitpunkt werden Sie bei sich eine Beratung der katholischen Geistlichen einberufen. Bemühen Sie sich außerdem, persönlich mit den örtlichen Politikastern zusammenzutreffen und mit ihnen zu sprechen. – Wer führt denn jetzt bei Ihnen das große Wort?“

„Ein PPS-Mann* – Advokat Sładkiewicz.“
„Was, der ist schon Sozialist? Das ging ja schnell! Ein durchtriebener Mann! Seien Sie mit ihm besonders vorsichtig, Pater Hieronymus! Bis die Lage sich klärt, ist dieser Bursche imstande, uns dreimal an die Deut­schen zu verkaufen … Ich werde aus Warschau einige Offiziere mitbringen, die man in anständigen Familien unterbringen muß. Wir werden mit der Auslese von Leuten beginnen und sie allmählich bewaffnen … Einer Ihrer Amtsbrüder könnte in seiner Predigt zum Kampf für das Vaterland und für ein Großpolen aufrufen … Selbst wenn man ihn verhaftet – macht nichts, wir holen ihn wieder raus! Ich bringe Geld mit … Einstweilen sind hier fünfzehntausend Mark. Übrigens: lnformieren Sie alle, die es angeht, über den bevorstehenden Zu­sammenbruch der deutschen Währung. – In Warschau werde ich mit dem päpstlichen Nuntius zusammen­kommen und ihn um Rat fragen, wie Sie weiterhin handeln sollen. Aber jetzt ist die Hauptsache, Kräfte zu sammeln … Das ist alles, was ich Ihnen sagen wollte . Ich bitte ich Sie noch, zum Fürsten Zarnojski zu fahren und ihm diesen Brief zu übergeben.“

Beide erhoben sich.

Quelle:
Nikolai Ostrowski: „Die Sturmgeborenen“, Verlag Neues Leben Berlin, 1951, S.23-29.

*Polska Partija Socialistyczna (PPS) – Polnische Sozialistische Partei.


Zur Geschichte Polens

Der Kampf des polnischen Volkes um nationale Unabhängigkeit führte 1930/31 zum Aufstand gegen die soziale und nationale Unterdrückung durch den Za­rismus. Auf Grund der Schwäche der polnischen Bour­geoisie hatte der Adel die führende Rolle. Nach sei­nem Mißlingen sammelten sich die Konservativen und Liberalen in der „Großen Emigration“ um A.J. Czartoryski, die revolutionär-demokratischen Kräfte in der Polnischen Demokratischen Gesellschaft um J. Lelewel.

Die polnische Freiheitsbewegung

1848/49 beteiligten sich zahlreiche polnische Freiheits­kämpfer (J. Bern, L. Mierosławski, A. Mickiewicz, H. Dembinski) an den revolutionären Bewegungen in Deutschland, Österreich, Ungarn und Italien. Charakteristisch für die revolutionäre Bewegung in Polen wurde in zunehmendem Maße das Bündnis mit den revolutionären Kräften Rußlands. 1863/64 kam es unter Führung der „Partei der Roten“ (niedere Schlachta, Intelligenz, Stadtarmut, Teile der Bauernschaft) erneut zum Aufstand. Er scheiterte infolge der reaktionären Zielsetzung der am Aufstand beteiligten „Partei der Weißen“ (Großgrund­besitzer, Schlachta, Bourgeoisie). Nach seiner Nie­zerschlagung setzte in Kongreß-Polen eine Zeit schärfster Russifizierungsmaßnahmen ein und in den von Preußen annektierten Gebieten eine brutale Germanisierungspolitik.

Befreiung von der Leibeigenschaft

Im Ergebnis der durch den Aufstand und die ökomische Entwicklung erzwungenen Aufhebung der Leibeigenschaft (Bauernreform von 1864) setzte sich der Kapitalismus im Königreich Polen rasch durch. Es entstanden die großen Industriezentren Dąbrowa Górnicza, Łódź, Warschau sowie die Berg­werks-, Metall- und Hüttenindustrie in Śląsk. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts begann sich die revolutionäre Arbeiterbewegung herauszubilden. Die er­sten Streiks und Gewerkschaftsorganisationen, Ar­beiterzeitungen und illegalen Zirkel bereiteten die Gründung sozialistischer Organisationen vor.

Die erste polnische Arbeiterpartei

1882 ent­stand die erste marxistische polnische Arbeiterpartei, das Große Proletariat (L. Waryński), 1888 das II. Prole­tariat und 1889 der Bund Polnischer Arbeiter (J. Marchlewski und A. Warski-Warszawski). 1892 wurde die Polnische Sozialistische Partei (poln. Abk. PPS) gegründet, die in sich gespalten war und unter reformistischen Einflüssen der damaligen sozialdemokratischen Parteien Westeuropas stand. 1893 bildete sich die Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens (poln. Abk. SDKPiL). Zu ihren hervorragenden Vertretern gehörten u.a. R. Luxemburg, J. Marchlewski, F. Dzierżyński , L. Jogiches-Tyszka, B. Wesołowski.

Revolutionäre Erhebungen

In den anderen Teilungsgebieten entstanden der PPS nahestehende sozialistische Parteien. Gegen Ende des Jahrhunderts bildeten sich auch bürgerliche Par­teien wie 1897 die Nationaldemokratische Partei (R. Dmowski), die sich zu einer konservativen, nationalistischen Partei entwickelte. Die revolutionären Erhebungen 1905/07 im Königreich Polen waren Bestandteil der russischen Revolution und erfaßten alle Teilungsgebiete. Sie griffen auf die Bauernschaft sowie auf Schüler und Studenten über (Juni 1905 bewaffneter Aufstand der Arbeiter in Łódź, Oktober/November 1905 Streiks im Becken von Dąbrowa Górnicza und in Warschau). Unter dem Einfluß der revolutionären Ereignisse schritt der Polarisierungsprozeß in der polnischen Gesellschaft voran.

Die Teilungen Polens

Es vertiefte sich der Konflikt innerhalb der PPS, und 1906 entstand die PPS-Linke, die sich der SDKPiL, deren Einfluß wuchs, annäherte. Gewerkschaftsorganisationen bildeten sich. Die polnische Bourgeoisie orien­tierte sich teils auf Rußland und die Entente (R. Dmowski), teils zusammen mit der reforrnistischen PPS (J. Piłsudski) auf die Mittelmächte. Nur die SDKPiL und die PPS-Linke standen auf einer inter­nationalistischen Position und erstrebten revolutionäre Veränderungen. Im Sommer 1915 besetzten deut­sche und österreichisch-ungarische Truppen das Königreich Polen; die Okkupanten proklamierten am 5.11.1916 ein angeblich selbständiges Königreich. Unter dem Einfluß der Februarrevolution 1917 in Rußland er­lebte die revolutionäre Bewegung in Polen einen neuen Aufschwung.

Die Oktoberrevolution und die polnische Selbständigkeit

Der Sieg der Großen Sozialist. Oktoberrevolution und die Niederlage Deutschlands und Österreich­Ungarns im 1. Weltkrieg ermöglichten dem um seine nationale Befreiung kämpfenden polnischen Volk die Errichtung eines unabhängigen Staates. Der Rat der Volkskommissare bestätigte am 15.11.1917 die „Deklaration der Rechte der Völker Rußlands“, die das Recht jeder Nation auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung und Bildung eines eigenen Staates verkündete. In einem Dekret vom 29. 8. 1918 wur­den alle vom zaristischen Rußland geschlossenen Ver­träge über die Teilungen Polens annulliert und das un­bestreitbare Recht des polnischen Volkes auf Unabhän­gigkeit und Einheit anerkannt.

Harte Klassenkämpfe in Polen

Die Entente sah sich zum Handeln herausgefordert. USA-Präsident T. W. Wilson mußte in das Vierzehn-Punkte-Programm die Bildung eines selbständigen polnischen Staates auf­nehmen. Am 7.11.1918 wurde in Lublin die Provi­sorische Regierung unter I. Daszyński (PPS) gebildet, die ein demokratisches Programm entwickelte, die revolutio­nären Arbeiter und Bauern aber nicht zur Abwehr der Reaktion und zur Umsetzung dieses Programms aufrief. Die Wiedererrichtung des selbständigen Staates erfolgte unter Führung der poln. Bourgeoi­sie. Durch harte Klassenkämpfe konnten die Arbei­terräte jedoch Teilerfolge bei der Durchsetzung so­zialer Forderungen (Achtstundentag, Mieterschutz, Krankenversicherung) erreichen, die sich im Ent­wurf der bürgerlich-demokratischen Verfassung von 1921 widerspiegelten. Die am 16.12. 1918 durch den Zu­sammenschluß von SDKPiL und PPS-Linke ge­gründete Kommunistische Arbeiterpartei Polens (ab 1925 KP) führte einen opferreichen Kampf gegen die zu­nehmend antidemokratische Innenpolitik und die reak­tionäre Außenpolitik.

Interventionskriege und der polnische Faschismus

Polen beteiligte sich an der Inter­vention gegen Sowjetrußland und sicherte sich 1921 im Frieden zu Riga die Annexion Westbeloruß­lands und der Westukraine. Im Mai 1926 unter­nahm J. Piłsudski unter der Losung der „Sanierung“ (Sanacja) einen Staatsstreich und errichtete eine Militärdiktatur (Sanacja-Regime). 1935 wurde eine neue reaktionäre Verfassung beschlossen, die das Parlament dem Präsidenten unterstellte und dem Senat auf Kosten des Sejms größere Rechte einräumte. Die KP entwickelte, gestützt auf die Volksfrontkonzeption des VII. Weltkongresses der KI, eine breite Bündnispolitik und nahm Einfluß auf die Streiks und Bauerndemonstrationen 1936/37. Die im Sommer 1938 vom EKKI auf Grund später (1956) als falsch erkannter Anschuldi­gungen beschlossene Auflösung der KP kompli­zierte die Lage der Arbeiterbewegung. Die polnischen Kommunisten setzten ihren Kampf auch nach Auf­lösung der Partei fort.

Die deutsch-faschistische Aggression

Am 1.9.1939 überfiel das faschistische Deutschland Polen, das von seinen Bündnispartnern Frankreich und Großbritannien keine Unterstützung erhielt. Die deutschen Faschisten teilten das Land in das Ge­neralgouvernement und die „eingegliederten Ge­biete“. Während des Krieges verlor Polen 6 Millionen Men­schen, die der systematischen Vernichtung durch die Faschisten zum Opfer fielen. Im besetzten Polen ent­wickelte sich die antifaschistische Widerstandsbewe­gung, die zunehmend bewaffnete Parti­sanenaktionen einschloß, jedoch politisch gespalten blieb. Zahlreiche bewaffnete Einheiten, u.a. die Ar­mia Krajowa (Landesarmee) und die Bataliony Chłopskie (Bauernbataillone) standen unter dem Einfluß der bürgerlichen polnischen Exilregierung in London. Die 1942 auf Initiative der polnoschen Kommunisten und der KI gegründete Polnische Arbeiterpartei (poln. Abk. PPR) stellte eigene bewaffnete Einheiten auf, die Gwardia Ludowa (Volksgarde), ab 1944 die Armia Ludowa (Volksarmee)….

Quelle: BI-Universal-Lexikon (5 Bde.), VEB Bibliographisches Institut Leipzig (DDR), Bd.4, 1987, S.224f.

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Eine Antwort zu Konspiration der Banditen

  1. Ulrike schreibt:

    Vielen, vielen Dank für Nikolai Ostrowski und auch für die Informationen zur Einordnung der polnischen Geschichte. Da geht noch „Wie der Stahl gehärtet wurde“ durch den Kopf und durchs Herz.
    Sehr spannend und informativ.

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