Moskau Okt. 1941: Der Militärarzt B.I. Mischin und andere…

MilitärärzteUm die sowjetischen Menschen beurteilen zu können, muß man ihre Geschichte kennen. Im Vorwort zu einem spannenden Buch des sowjetischen Militärarztes William Giller schreibt der deutsche Arzt, Kommunist und Schriftsteller Dr. med. Friedrich Wolf, der 1933 mit seiner Familie aus Hitlerdeutschland emigrieren mußte und nun in der Sowjetunion Aufnahme gefunden hatte: „Im September 1941 [kurz nach dem heimtückischen und vertragsbrüchigen Überfall der faschistischen deutschen Wehrmacht auf die friedliebende Sowjetunion] mußte das Feldlazarett nach Wjasma umziehen. Sie markierten deutlich überall das Rote Kreuz, sogar an dem Schornstein einer zerschossenen Fabrik. Es half nichts. Die Stukas stürzten sich gerade darauf.“ Das ist nur eines die nie geahndeten Verbrechen der deutschen Wehrmacht! Friedrich Wolf berichtet daraufhin über ein Gespräch, das beide miteinander hatten:

William Giller: „Wir hatten sechs Tote und dreizehn Verwundete unseres Personals und der Belegschaft. Aber das hinderte unsre Arbeit nur vorübergehend. Wir arbeiteten Tag und Nacht. Man mußte wirklich gute Nerven haben. Wir haben auch deutsche Verwundete behandelt, verwundete deutsche Flieger sogar, ganz junge Kerle. Machen die sich denn überhaupt keine Gedanken? Wie ist so eine Figur wie dieser Hitler nur möglich? So ein Unmensch! Wie ertragen bloß die Deutschen selbst einen solchen Blutsäufer?“

Friedrich Wolf: „Die alte, leider zu berechtigte Frage. Aber langsam beginnt jetzt der Widerstand. Die deutschen Nazizeitungen selbst berichten von einer Anzahl Todesurteile gegen Deutsche wegen Sabotage, wegen Landesverrats … die ersten Anzeichen einer Freiheitsbewegung.“

William Giller: „Zu langsam geht das!“ – Kann man ihm unrecht geben? – „Immer wieder frage ich mich, hat dieses Volk mit einer ehemals so großen Kultur, dieses Volk, das sich selbst ,das Volk der Dichter und Denker‘ nennt, vällig das selbständige Denken verlernt? Ja, die Deutschen verstehen es, mit den Waffen umzugehen. Aber dabei haben Sie verlernt, die schärftste Waffe zu gebrauchen: ihren Kopf, ihr Gehirn! Sie haben vergessen, daß gerade zum Denken der größte Mut gehört. Über eine Sache richtig nachzudenken, dazu gehört oft ein größerer Mut, als gegen eine Maschinengewehrstellung anzurennen.“

Friedrich Wolf: „Das deutsche Volk hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen.“

William Giller (schaut mich an und meint): „Nun, das hoffen wir auch.“


Der sowjetische Militärarzt William Giller schreibt:

…wer mußte die Termine für die Operationen von Schädel- und Brustverletzten festlegen, die Methoden des Transports von Schußverletzten bestimmen, Verfahren zur Ernährung von Kieferverletzten erarbeiten, sich mit der Prophylaxe der Gas­gangräne beschäftigen, sich um die Verhinderung abermaliger Verwundungen und um die Sortierung je nach Schwere der Verwundung und Genesungsdauer kümmern? Selbstverständ­lich der Arzt! Aber zugleich auch der Administrator. Diese Fragen verlangten ihrer Natur nach eine komplexe Lösung, exakte chirurgische Organisation und die Konzentration der vielsträngigen Verwaltung in einer Hand.

Mischin: Arzt, Chirurg und Organisator

Ich war fest davon überzeugt, daß Boris Iwanowitsch Mischin diese Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit würde leisten können. In seiner Person vereinten sich aufs beste die Qualitäten eines Chirurgen und eines Administrators. – Mischin war von der Reserve zur Armee gekommen und konnte auf eine langjährige Tätigkeit in einem Institut zurückblicken. Er besaß eine phantastische professionelle Intuition. Manchmal schien er eine Krankheit zu wittern, bevor sich ihre Symptome zeigten. Seine Energie und Leistungsfähigkeit hätten für drei gereicht. Zeit hatte er natürlich nie.

Einige unleserliche Notizen des Arztes

Eines Tages fing Snamenski ihn ab, als er gerade irgendwohin eilte, und fragte ihn: „Lesen Sie mir doch mal vor, mein Lieber, was hier geschrieben steht! Es ist nicht zu entziffern.“ Er hielt ihm ein Blatt Papier hin, das mit grotes­ken Schnörkeln bedeckt war. Mischins rundes Gesicht mit den Fältchen in den Augen­winkeln rötete sich, und die alte Narbe auf der linken Wange färbte sich dunkelrot. Es war seine Handschrift, aber er konnte sie auch nicht sofort lesen.

„Seien Sie mir nicht böse, das werden wir gleich haben“, murmelte er und fuhr sich mit den jodgebräunten Fingern durchs ohnehin zerzauste Haar. „Wissen Sie, das hab ich in der Hitze des Gefechts geschrieben, fünf Minuten vor einer Bauch­höhlenoperation.“

…sie liebten ihren Chirurgen

Die angespannte praktische Tätigkeit legte nie seinen stets regen Geist lahm. Langsam, aber beharrlich sammelte er Material für eine große wissenschaftliche Arbeit. Er operierte zu jeder Tages- und Nachtzeit und brachte es manchmal fertig, in den kurzen Pausen zwischen den Operationen, auf einem Stuhl sitzend, zu schlafen. Er ruinierte seine Gehilfen, Ärzte und Schwestern buchstäblich. Aber sie liebten ihren Chirurgen und ertrugen geduldig sowohl sein Schelten während der Operatio­nen als auch seine unverblümte Schroffheit. Sie wußten; daß sie unter seiner Leitung eine hervorragende Schule absolvierten.

* * *

Es war Ende Oktober. Moskau führte das angespannte Leben einer frontnahen Stadt. Was für schwere Verluste unsere Armee erlitt, konnten wir nur aus der Tatsache schließen, daß der Zustrom von Verwundeten ständig anschwoll.

Die Belagerung von Moskau

Am 19. Oktober trat in Moskau und den umliegenden Ray­ons der Belagerungszustand ein. Die Verteidigung der Haupt­stadt übernahm Armeegeneral Georgi Konstantinowitsch Shukow. Tagelang marschierten Jugendliche, Arbeiter und Angestellte durch die Straßen. Die besten Soldaten und Kom­mandeure traten in die Partei ein. An diesem Tag fand bei uns eine Sitzung des Parteibüros des Lazaretts statt. Boris Iwanowitsch Mischin wurde in die Partei aufgenommen.

Der Arzt Mischin bittet um die Aufnahme in die Partei

Ein wenig erregt, stand er feierlich gestimmt vor uns und schilderte uns sein Leben, das typische Leben eines Menschen, dem die Sowjetmacht alles gegeben hatte. Bis zu seinem fünf­zehnten Lebensjahr war Boris Knecht gewesen und im Winter zu der Schule gegangen, die zwölf Kilometer von seinem Dorf entfernt lag, Während des Bürgerkrieges hatte er in Einheiten zur besonderen Verwendung gekämpft. Anschließend Arbeiter­fakultät, Institut…

„… mit Freuden stimme ich zu!“

Als er auf die jüngsten Jahre und seine Tätigkeit im Lazarett zu sprechen kam, sagte ein Mitglied des Büros: „Nun – das wissen wir selber.“ – Es fand sich unter unseren Kommunisten kein einziger, der auch nur ein Wort gegen Mischin hätte vorbringen können. Er war ein gradliniger Mensch, einer von denen, die, ohne ihr Leben zu schonen, entschlossen gegen die Feinde des Vater­landes kämpfen wollten. „Ich stimme mit Freuden für Mischins Aufnahme als Kan­didat in die Reihen unserer Partei“, sagte Snamenski als erster. Wir erhoben unsere Parteibücher.

* * *

Blicke ich heute auf die lange Kette der harten Wintertage des Jahres 1941 zurück, kann ich mich nur mit größter Hochachtung der sowjetischen Menschen, der Schüler, Studenten und Arbeiterinnen, erinnern, die uns geholfen haben. Sie schnitten den Verwundeten die Haare, wuschen sie Tag und Nacht in den Badewannen und Duschräumen, versorgten sie mit Essen, schrieben für sie Briefe, lasen ihnen Zeitungen und Bücher vor.

Die mutigen sowjetischen Mädchen

Viele Mädchen, bescheidene, schüchterne, scheue Mädchen, schämten sich in der ersten Zeit und liefen rot an, wenn sie die Verwundeten auszogen, wuschen und neu einkleideten. Aber es kam nie vor, daß eine von ihnen launisch wurde und sich zu tun weigerte, was vielleicht wirklich schwer, unerfreulich oder auch widerwärtig war. Diese Mädchen. verdienen es, erwähnt zu werden. Sie haben nicht an der Front gekämpft, aber geholfen, für das Leben zu kämpfen.

* * *

Eines Tages wurde ein Schub verwundeter deutscher Kriegs­gefangener eingeliefert. Sie waren abscheulich gekleidet: ein­reihige Militärjacken, die Hosen in viel zu weiten Knobelbechern. Mir gefielen lediglich ihre Soldbücher, die einen festen Deckel hatten und zahlreiche nützliche Eintragungen enthielten. Darin waren die Nummer ihrer Waffe, das Einberufungsjahr und ihre Heimatadresse verzeichnet. Unter den Gefangenen befanden sich auch Soldaten von „Elitetruppen“ – solchen, die in Paris, Rotterdam und Belgrad dabeigewesen waren.

Ein verwundeter faschistischer Pilot…

Ein Flieger hatte Angriffe auf London geflogen. Ich wurde Zeuge eines Gesprächs, das Jewgeni Iwanowitsch Charlamow mit diesem Mann hatte. Während Charlamow die letzte Naht zog, fragte er den Flieger: „Warum bombardiert ihr Lazarette? Sind die Rotkreuzflaggen aus der Luft etwa nicht zu sehen?“
„An der Front haben alle Objekte militärische Bedeutung“, erklärte der Deutsche.
„Und Lazarette?“
„Alle Mittel, die zum Sieg verhelfen, sind gut. Der Zweck heiligt die Mittel, so sagt unser Führer. In Lazaretten kurieren Sie Ihre Soldaten, damit sie wieder gegen uns kämpfen können. Ist es da nicht richtiger, ihnen diese Möglichkeit von vornherein zu nehmen? So lautet doch die Logik des Krieges!“
„Zum Teufel, was ist das für eine Logik!“ Charlamow wurde zornig. „Entsprechend dieser Logik müßte man Sie sofort umbringen, anstatt Sie zu operieren und zu pflegen.“
„Selbstverständlich! Ich wundere mich selber, daß Sie es noch nicht getan haben.“
„Wir sind nicht so wie ihr!“ entgegnete Charlamow knapp.
„Ich betrachte die Dinge einfach nüchtern“, erklärte der Flieger anmaßend.

Das ist kein Mensch, sondern eine Bestie!

„Warum lassen Sie sich mit dem überhaupt ein!“ stieß plötz­lich ein Sanitäter entrüstet hervor. „Ich verstehe zwar nicht, was er sagt, sehe ihm aber an seiner Visage an, daß er ein ein­gefleischter Bandit ist. Der ist imstande, den eigenen Vater umzubringen, wenn’s sein ,Führer‘ befiehlt, und Sie verstiegen sich dazu, den Kerl zu agitieren, Ist das etwa ein Mensch? Eine Bestie ist das, eine Bestie!“

Der sowjetische Arzt operierte den Faschisten

Charlamow trat vom Operationstisch zurück, während er sich rasch die Gummihandschuhe abstreifte, und sah den Flieger nicht mehr an, wandte sich sogar ab, als er an ihm vorüber­getragen wurde. Sein ärztliches Pflichtgefühl war stärker als sein schwelender Haß. Aber man sah ihm an, daß es ihm schwerfiel, sich zu beherrschen.

Quelle:
William Giller: „Und wieder in den Kampf. Erinnerungen eines sowjetischen Miltärarztes“. Verlag der Nation, Berlin, 1982, S. 108f., 151f., 162f.

William GillerWilliam Giller (23.6.1909-1981), ehemaliger Militärarzt der Sowjetischen Armee, Autor mehrerer Werke über die Ereignisse des Großen Vaterländischen Krieges, erzählt in diesem Buch von der Arbeit des Frontlazaretts Ende 1941. Eine wahre Geschichte über die schwere, selbstlose Zeit, Er beschreibt das tödliche Risiko, welches auf den Schultern der sowjetischen Ärzte, Krankenschwestern und, Sanitäter, Sie haben tausende von Leben gerettet und Ordnung in das Versorgungssystem der verwundeten sowjetischen Soldaten gebracht, das durch die ständigen brutalen Fliegerangriffe der faschistisch-deutschen Flugzeuge gezielt auf Lazarette und die ostwärts flüchtende Bevölkerung gerichtet war. Unter den Verwundeten befanden sich auch zahlreiche verwundete Deutsche, denen die sowjetischen Ärzte ihre Hilfe zuteil werden ließ…

Siehe auch:
https://kraeved-museum.ru/kraevedenie/personalii/marshal-voennoj-meditsiny/
http://900igr.net/prezentacija/istorija/voennaja-meditsina-v-gody-velikoj-otechestvennoj-vojny-1941-1945-g.-g-99456/gumanisticheskie-printsipy-sovetskoj-meditsiny-predusmatrivali-okazanie-19.html

Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, Geschichte, Geschichte der UdSSR, Kommunisten, Sozialistische Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s