Das Buchenwaldkind – Die Spur führte nach Tel Aviv

Apitz BuchEs ist schon ein bewegender Moment, wenn man jenes berühmte Buch in den Händen hält, das auch die jüdische Kommunistin Charlotte Holzer vor fast genau 58 Jahren in Tel Aviv dem Vater des kleinen Stephan-Jerzy Zweig übergab, dem die Kommunisten des Internationalen Lagerkomitees von Buchenwald das Leben retteten, indem sie ihn vor dem Zugriff der faschistischen Unmenschen verbargen. Bruno Apitz schrieb darüber ein erschütterndes Buch. Sorgsam hatte jemand dieses Buch von 1958 aufbewahrt und einen Zeitungsausschnitt beigelegt, der dieses fast unglaubliche Wiedersehen der Genossin Holzer mit dem Vater des Kindes dokumentiert. Die DDR-Zeitung „Volkswacht“ berichtete darüber folgendes: Die Berlinerin Charlotte Holzer sucht und findet das Buchenwaldkind Stephan aus dem Roman „Nackt unter Wölfen“. Im Auftrag der „BZ am Abend“ in Israel. Dramatische Begegnung mit dem Vater Dr. Zacharias Zweig: Er hat die Leiden und die Rettung des kleinen Stephan-Jerzy im Konzentrationslager von Anfang an miterlebt. Im September 1963 fährt die Berlinerin Charlotte Holzer zu Verwandten nach Israel. In ihren Reisepapieren befindet sich eine Vollmacht der „BZ am Abend“: Frau Holzer ist durch unsere Redaktion beauftragt, der Spur des Buchenwald-Kindes nachzugehen.

… eine erste Spur beim Filmfestival in Moskau

Der Anfang der Spur war in Mos­kau entdeckt worden. Als dort beim vorjährigen Festival der Film nach Bruno Apitz‘ Roman „Nackt unter Wölfen“ lief, meldeten sich sowje­tische Bürger: Ja, das Buchenwald-Kind hat es wirklich gegeben. Wir sind Verwandte von ihm. Es heißt Stephan-Jerzy Zweig. Der Vater ist mit ihm nach Israel ausgewandert. Nach dem Krieg kam von dort, aus Tel Aviv, ein Brief, Seitdem aber wissen wir nichts mehr.

Die kommunistische Widerstandsgruppe um Herbert Baum

Charlotte Holzer weiß auch nicht mehr, als sie die Suche aufnimmt. Sie ist eine der drei Überlebenden der Baum-Gruppe, jener anti­faschistischen Untergrundorganisation, in der sich junge kommunistische Juden um den Studenten Herbert Baum sammelten, und die – Fanal der Widerstandes – im Mai 1942 eine antisowjetische Hetzausstellung im Berliner Lustgarten in Brand setzte. Lesen Sie· jetzt, wie Charlotte Holzer die Spur von Stephan­ in Tel Aviv wiederfand:


Ein Auftrag der DDR-Zeitung „BZ am Abend“

Ich habe eben am Telefon den Auftrag der „BZ am Abend“ angenommen. Eine große Erregung ergreift mich. Soll es stimmen, soll es wirklich noch zu finden sein, das Kirid um das so viele Menschen beim Lesen des Buches und beim Erleben des Films „Nackt unter Wölfen“ gebangt haben? Aus aller Welt haben Bruno Apitz und auch die Redaktion Briefe erhalten: Was ist aus dem Kind geworden, das so viel Menschlichkeit in einer Hölle geweckt hat? Und wie soll ich das Glück haben, das Kind vielleicht zu finden? Wo soll ich suchen in einem Lande in das von 1948 bis 1960 über eine Million Menschen einwanderten? Wie werde ich es finden? – Jerzy muß ja schon ein Mann sein! Der Vater soll auch noch leben. Werde ich mit ihm reden können?

Die Reise nach Israel

In den ersten zwei Wochen in Israel habe ich Zeit, mir meine Aufgabe gut zu überlegen. Es sind hohe Feiertage, und der Verkehr ruht. Ich wohne bei meiner Tochter in einer kleinen Siedlung auf dem Lande. Dann aber kommt der Tag, an dem mein Schwiegersohn nach Jerusalem fährt. Als Landeskundiger geht er zu den Behörden, bei denen alle Einwanderer seit der Gründung Israels registriert werden. Er kommt mit einer wunderbaren Nachricht zurück: Vater und Sohn Zweig sind tatsächlich in Israel eingewandert und zu Verwandten nach Tel Aviv gezogen.

Auf der Suche nach Stephan in Tel Aviv

Gleich am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg. Die Maaze-Straße in Tel Aviv ist lang, und wie es einem meistens ergeht, fange ich am verkehrten Ende an, nach der richtigen Hausnummer zu suchen. Ich gehe dicht an den Häusern entlang, nutze jeden kleinen Schatten, der vor der weißen Sonne Schutz bietet. In mir ist alles voller Spannung. End­lich, da ist. die Nummer 66, ich bin am Ziel.

Das Mietshaus in der Maaze-Straße

Ein kleiner Vorgarten, ein vierstöckiges Mietshaus. Herrliche Kühle umfängt mich. Ich atme auf. Doch wo nun weitersuchen? Schon auf den ersten Treppenabsätzen sechs Wohnungen. Alle Türschilder sind hebräisch beschriftet – ich kann sie nicht lesen. Voller Aufregung steige ich hoch bis zum vierten Stock und wieder hinunter. Dann klingele ich auf gut Glück an irgendeiner Tür.

Eine kleine Enttäuschung…

Ein etwa 12jähriges Mädchen öffnet. Sie stellt eine Frage in der Sprache ihres Landes. Ich antworte deutsch, ohne Erfolg; Ich ver­suche es mit englisch, nun verstehen wir· uns. „Ja, hier gleich nebenan wohnt Dr. Zweig. Aber er kommt erst abends nach Haus, er arbeitet bei der Verwaltung.“ Die Tür geht zu. Eine kleine Enttäuschung bleibt zurück. Hatte ich doch gehofft, gleich und hier der Familie Zweig gegenüberzutreten.

Ein kleiner Zettel – unter der Tür durchgeschoben

Ich schreibe im Hausflur einen Brief, worin ich den Zweck meines Besuches. andeute und um ein Zusammentreffen bitte. Leise Zweifel: Werde ich Antwort erhalten? Es gibt in Israel so viele Menschen, die den Faschismus in Auschwitz oder Buchenwald erlebt haben und deren Familien von Deutschen ausgerottet wurden. Sie wollen die deutsche Sprache nicht mehr hören und lesen, Sie wollen nicht an die grauenvollen Jahre ihres Lebens erinnert werden. Gehören die Zweigs auch zu diesen Menschen? Ich schiebe meinen Brief durch den Schlitz unter der Wohnungstür.

Zwei Fremde kommen zu Besuch

Am nächsten Tag weht der Chamsin, der heiße trockene Wüstenwind, der die Menschen erschlafft und sie in den Schatten der Häuser treibt. Doch zur Mittagsstunde, als die Sonne am höchsten steht und der Wind am heißesten bläst, kommen zwei Fremde, zwei ältere Herren, in unsere Siedlung. Sie fragen nach mir, finden den Weg zu unserem Haus, und dann stehen sie mir gegenüber: Dr. Zacharias Zweig, der Vater des Buchenwald-Kindes, und sein Bruder.

Der Jurist Dr. Zacharias Zweig

Am Abend zuvor, bei der Heimkehr von der Arbeit, hat Dr. Zweig meinen Brief gefunden. Als er die Grüße. von den Kameraden aus Buchenwald gelesen hat, kann er die Nacht nicht schlafen. Die Erinnerung ist wach. Gleich am Morgen macht er sich auf den Weg. Jetzt, wo wir uns begegnen, wechseln wir nur wenige Worte. Dr. Zweig spricht deutsch, wir können uns gut verständigen, aber unsere Herzen sind übervoll.

… deutsche Kommunisten retteten das Kind

Noch ist ihm gar nicht klar, von welcher Seite Deutschlands ich komme. Voller Erregung spricht er:

„Eines möchte ich Ihnen gleich sagen, ob es Ihnen recht ist oder nicht, das Leben meines Kindes haben die Buchenwaldhäftlinge gerettet, das Internationale Lagerkomitee, und das waren hauptsächlich deutsche Kommunisten!“

Grüße aus der DDR – aus dem guten Deutschland!

Ich sage, daß ich aus der DDR komme. Ich überreiche Dr. Zweig das Buch von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“. Er kennt es nicht! Er blättert in den Seiten, liest den Klappentext, bemerkt plötzlich, daß es das Schicksal seines Kindes beschreibt. Tief aufgewühlt ruft er laut:

„Helfen Sie mir! Sagen Sie mir: Wie kann ich meine Dankbarkeit denen bezeigen, die Jerzy gerettet haben, die für die Rettung ihr Leben wagten und umkamen? Wie kann ich in Buchenwald für sie einen Kranz niederlegen lassen? Denn sie sind die Helden, nicht mein Kind, das ihnen seine Rettung verdankt!“

Stephan-Jerzy1 Stephan-Jerzy Zweig

Stephan-Jerzy Zweig – ein geachteter junger Mann

Nun frage ich nach dem Sohn, voller Hoffnung, ihn bald zu sehen. Dr. Zweig: „Nein, mein Sohn ist nicht in Israel. Er studiert in Lyon. Er ist ein guter Sohn und hat mir nur Freude gemacht. Hier in Israel wird er von seinen Kameraden sehr geschätzt. Sie müssen wissen, er ist 1,83 m groß geworden und ein guter Sportler, der schon Preise für sein Land ­geholt hat. Man nennt ihn Etan, das heißt ,Der Starke‘. Er ist meine Freude.“

„Ich möchte dem Autor die Hand drücken…“

Zwei Tage später treffen wir uns wieder. Dr. Zweig hat in den Nächten das Buch von ­Apitz gelesen. „Ja, so ist es und so war es“, sagt er, „nie hätte ich gedacht, daß das alles noch einmal zum Leben gebracht wird. Ich möchte dem Autor die Hand drücken.“

Er zeigt mir ein Heftchen mit Fotografien, die die Entwicklung Stephan-Jerzys vom kleinen Kind bis zum jungen Mann zeigen. Ich betrachte das Bild des jetzt Dreiundzwanzigjährigen. Er hat ein gutes Gesicht, und das macht mich froh.

Ein bewegendes Finale

Ich erfahre, daß es Dr. Zacharias Zweig selbst war, der sein Kind im August 1944 mit in das Lager brachte, um es vor der Vernichtung zu bewahren. Stephan-Jerzy war erst einen Monat alt, als er zum ersten Mal in ein Ghetto kam. Es ist eine lange Geschichte. Dr. Zweig hat sie aufgeschrieben und beim Dokumenten-Zentrum des Staates Israel niedergelegt, wo alle Zeugnisse aus der Barbarei des Faschismus gesammelt werden.

(Übernommen aus der „BZ am Abend“)

Stephan
äApitz LeserbriefeApitz Klappentext

Quelle: „Volkswacht“-Antwortseite, Nr. 7 vom 8. Februar 1964 – Zwischenüberschriften eingefügt. (Abb. rechts: Klappentext des Buches „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, erschienen 1958 im Mitteldeutschen Verlag Halle/Saale, Satz: Karl-Marx-Werk Pößneck, Druck und Buchbinderei: Offizin Andersen Nexö, Leipzig.

Siehe auch:
Bruno Apitz: „Nackt unter Wölfen“! – Die wahre Geschichte
Bruno Apitz: Der Verrat der Gemäßigten am Proletariat

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6 Antworten zu Das Buchenwaldkind – Die Spur führte nach Tel Aviv

  1. Pingback: Bruno Apitz: „Nackt unter Wölfen“ – Die wahre Geschichte. | Sascha's Welt

  2. Erfurt schreibt:

    Danke! Ja, das I in ILK steht für International und nicht Illegal. Das hat mir schon mein Onkel Erwin erklärt, daß der Begriff „illegal“ die Sichtweise der Faschisten ist. Ich komme gerade von Weimar. Vor wenigen Stunden noch sah ich den Glockenturm vom Schlafzimmerfenster aus und den schönen Ettersberg von der B7 aus. Das Publikum in Weimar finde ich ganz schrecklich. Vor dem DNT afft sich das neue Bürgertum. Und dann raunzte mich gestern einer an, als ich ein Foto vom Kirms-Krakow-Haus machte. Ich lächelte und sagte ganz freundlich: Nun, wem das Haus heute gehört ist mir scheißegal. Für mich gehört das immernoch zum Nationalen Kulturerbe! Und das darf ich fotografieren solange und so oft ich will!

    Dem Arsch ist die Kinnlade runtergefallen.

    • sascha313 schreibt:

      Ja, danke Dir für den Hinweis – natürlich muß es heißen „Internationales Lagerkomitee“! … Aber da sieht man, wie die Zeit die Menschen schon verändert hat! Wir werden wieder lange brauchen, bis aus diesen Gestalten wieder Menschen werden – mit Herz und Verstand!

      • Erfurt schreibt:

        Danke zurück! J, Menschen mit Herz und Verstand haben wir auch getroffen in Thüringen und in Sachsen Anhalt.

        Hier ein paar Fotos https://rolfrost.de/bilder.html?lazy=1
        und was wäre unser Heimat ohne Menschen und ohne diejenigen die sich mit Herz und Verstand um das Erbe gekümmert hätten. Im Burgenland, entlang der Unstrut ist fruchtbares Land. In der DDR hatten dort alle eine Arbeit in den VEGs, LPGs und Konservernfabriken (Tükofa Buttstädt, Rastenberg, Kölleda, Kindelbrück usw. und sogar in dem kleinen Dorf Göllingen gab es eine Konservenfabrik). Da wurden auch die Gebäude genutzt um das Kloster Memleben und Burg Wendelstein (Fotos, Link s.o.).

        Die Wohnblocks, die noch zu DDR-Zeiten für die ungezählten Arbeiter gebaut wurden, stehen heute zum großen Teil leer. Die Stadt Wiehe gleicht einer Geisterstadt! Die Burganlage Wendelstein ist heute in Privatbesitz, das verkündet ein großes Schild am Eingang. Die ganze Anlage ist in einem bedauerlichen Zustand. Als die Traktoren dort noch in den Marställen standen, sah das anders aus! Und da war auch noch Leben auf den Dörfern!

        Grüße an Alle!!!

        Es war einmal ein blühendes Land:
        https://rolfrost.de/lpg.html

      • sascha313 schreibt:

        Sehr schöne Bilder! 🙂 Ja, und die DDR? Es waren eben 1990 noch viele, die noch eine „offene Rechnung“ mit der DDR zu begleichen hatten. Sie haben nicht nur ihre geraubten Güter einkassiert, sondern uns alle gleich noch mit ausgeplündert.

  3. roprin schreibt:

    Gänsehaut pur….

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