Was wir uns alle wünschen: „…daß die Arbeit aus einer Last zu einer Lust wird“ (Reinhold Miller)

MillerIn dem kleinen Büchlein „ABC des Marxismus“ schreibt der marxistische Philosoph Prof. Dr. habil. Reinhold Miller: Die Frage nach dem Zusammenhang von Arbeit und Lebensweise hat die Menschen schon immer beschäftigt. Die Antworten jedoch, die sie darauf fanden, sind äußerst unterschiedlich. Sie hängen wie vieles andere davon ab, von welchem weltanschaulichen und Klassenstandpunkt aus die Antwort erfolgt. Bekanntlich hat die Arbeit den Menschen erst zum Menschen gemacht, sie ist zu allen Zeiten die wichtigste Grundbedingung des menschlichen Lebens überhaupt. Sie ist der Prozeß, in dem die Men­schen die Mittel für ihre Existenz sichern, alle für ihr Leben notwendigen materiellen und geistigen Güter schaffen und in dem sie zugleich ihre produktiven Kräfte und Fähigkei­ten, ihre wesentlichen menschlichen Eigenschaften heraus­bilden und auf immer höherer Stufe reproduzieren.

Die Arbeit – historisch betrachtet

Doch Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Ihr Inhalt ist ge­schichtlich konkret bestimmt und in den einzelnen Gesell­schaftsordnungen nicht nur sehr unterschiedlich, sondern er trägt oft auch direkt antagonistischen Charakter. Im Kapitalismus ist die Arbeitskraft, dieses wichtigste aller menschlichen Vermögen, eine Ware, die man, wie jede andere Ware, kaufen und verkaufen kann — und, sofern man der Arbeiterklasse angehört, sogar verkaufen muß, um existieren und leben zu können.

Die wichtigste Lebenstätigkeit des Menschen

Die Arbeitskraft und ihre produktive Betätigung ist die wichtigste Lebensäußerung des Arbeiters. Karl Marx schreibt in „Lohnarbeit und Kapital“:

„Und diese Lebenstätigkeit verkauft er an einen Dritten, um sich die nötigen Lebensmittel zu sichern. Seine Lebenstätigkeit ist für ihn also nur ein Mittel, um existieren zu können. Er arbeitet, um zu leben. Er rechnet die Arbeit nicht selbst in sein Leben ein, sie ist vielmehr ein Opfer seines Lebens. Sie ist eine Ware, die er an einen Dritten zugeschlagen hat.“ [9]

Ist die Arbeit nur ein „Mittel zum Zweck“?

Hier haben wir den ersten Aspekt der generellen Trennung von Arbeit und Leben für die Arbeiterklasse im Kapitalismus die Reduzierung der Arbeit auf ein Mittel, das allein der Existenzsicherung dient. Daraus erwächst die Auffassung des Arbeiters, daß Arbeit „Opfer seines Le­bens“ ist. Doch verfolgen wir diesen wichtigen Marxschen Gedanken weiter. „Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit.“ [10] Der Zweck, den allein er verfolgt, ist der Arbeitslohn. Seine eigentliche Tätigkeit, weben, spinnen, bohren, drehen, bauen usw. usf. – all dies ist für den Arbeiter nicht eine wichtige Äußerung seines Lebens, seiner produktiven Fähigkeiten, sondern allein Mittel zur Sicherung des Arbeitslohns. „Das.Leben fängt da für ihn an“, schrieb Marx, „wo diese Tätigkeit aufhört, am Tisch, auf der Wirtshausbank, im Bett.“ [11] Und all seine Arbeit hat für ihn nur den einen Sinn: „Verdie­nen, das ihn an den Tisch, auf die Wirtshausbank, ins Bett bringt.“ [12]

Ein sinnloses Leben im Kapitalismus…

In der Sinnentleerung seiner wichtigsten Le­bensäußerung, der Arbeit, und in der antagonistischen Entgegensetzung von Produkt der Tätigkeit und Zweck der Tätigkeit haben wir den zweiten wichtigen Aspekt der kapitalistischen Trennung von Arbeit und Leben. Hierauf gründet sich auch der antagonistische Gegensatz der Tätigkeit des Arbeiters in der Arbeitszeit und in der Freizeit im Kapitalismus. Der Arbeiter empfindet die Arbeit daher unter den Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung, wie Marx zeigte, als für sich nicht wesentlich, als für sich äußerlich, als eine Tätigkeit, die „seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert“, eben als erzwungen, als Zwangsarbeit, denn sie ist ihm „nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen“. [13]

Wer sind die „Dirigenten der Produktion“?

Diese antagonistische Entgegensetzung von Arbeit und Leben in der kapitalistischen Gesellschaft hat ihre tiefste sozialökonomische Quelle im kapitalistischen Privateigen­tum an den Produktionsmitteln, das die gesellschaftliche Funktion des Eigentümers und die des „Dirigenten der Produktion“, die der Leitung und der Machtausübung von der des Produzenten trennt und verschiedenen sozialen Klassen zuweist, die Arbeitskraft in eine Ware verwandelt, von deren Verkauf abhängt, ob und wie der Arbeiter leben kann.

Wem gehören die Produktionsmittel?

Die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft verändert diese Voraussetzungen des Lebens der Werktätigen von Grund auf. Die Schaffung sozialistischer Eigentumsverhält­nisse hat zur Folge, daß die gesellschaftlichen Funktionen des Eigentümers an den Produktionsmitteln, des Produzen­ten und Konsumenten sowie der Leitung der Gesellschaft und der politischen Machtausübung wieder miteinander vereint und durch die Arbeiter und die anderen sozialisti­schen Werktätigen verwirklicht werden. Das verändert nicht nur den Charakter der Arbeit grundlegend, sondern besei­tigt auch die historisch überkommene Trennung von Arbeit und Leben.

Ein selbstbestimmtes Leben im Sozialismus

Im Sozialismus kann die Arbeit daher erstmalig zur bewußten und wichtigsten individuellen Lebensäuße­rung des Werktätigen werden, in der die Tätigkeit in der Arbeitszeit und in der Freizeit miteinander in Übereinstim­mung gelangen und auch das Produkt und der Zweck der Tätigkeit ein einheitliches Ziel haben, eben die immer bessere Befriedigung der materiellen und geistigen Bedürf­nisse aller Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft.

Keiner darf auf Kosten anderer leben!

Der neue Charakter der Arbeit, der sich nur allmählich mit dem Prozeß der Entwicklung und Festigung der soziali­stischen Produktionsverhältnisse in Industrie und Landwirt­schaft herausbildet, ist vor allem durch folgende Momente gekennzeichnet:

  • Die sozialistische Arbeit ist erstens all­gemeine, von Ausbeutung freie Arbeit. Dies bedeutet, daß jedes arbeitsfähige Mitglied der Gesellschaft ein in der Verfassung verankertes Recht, aber auch die moralische Pflicht zur Arbeit hat. Es gilt der Grundsatz, daß keiner, der selbst arbeitsfähig ist, auf Kosten der Arbeit des anderen leben kann. Dementsprechend haben alle das gleiche Recht auf Konsumgüter gemäß der Quantität und Qualität der von ihnen geleisteten Arbeit. Ebenso haben sie das gleiche Recht auf Bildung und Qualifizierung.
  • Die sozialistische Arbeit ist zweitens unmittelbar gesell­schaftliche Arbeit. Das heißt, sie wird einerseits direkt und unmittelbar für die Gesellschaft als Ganzes geleistet, und diese lenkt über ihre staatlichen und wirtschaftsleitenden Organe die Verausgabung und Entwicklung der Arbeitskraft entsprechend dem gesellschaftlichen Bedarf in den einzel­nen Zweigen der Volkswirtschaft. Andererseits wird die Arbeit als betriebsindividuelle Arbeit geleistet, d.h. von und in bestimmten Betrieben, deren materiell-technische Ausstattung und Arbeitsbedingungen außerordentlich unterschiedlich sein können. Damit sind auch in der heuti­gen Entwicklungsphase der Gestaltung des entwickelten Sozialismus noch erhebliche Unterschiede und Widersprü­che zwischen einfacher und komplizierter, körperlicher und geistiger, körperlich schwerer und leichter Arbeit verbun­den, die unter bestimmten Umständen als echte Schranken wirken können, daß der einzelne den neuen Charakter der Arbeit selbst spürt und begreift. Drittens schließlich ist
  • die sozialistische Arbeit ihrem Wesen nach zutiefst schöpferi­sche Arbeit, die allen Werktätigen vielfältige Möglichkeiten bietet, ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, ihre Talente und Erfahrungen voll zu entfalten und zum Nutzen aller schöpferisch anzuwenden. Diese schöpferische Potenz der sozialistischen Arbeit hat tiefe Wurzeln im Wesen der sozialistischen Produktionsverhältnisse, die durch kamerad­schaftliche Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe, durch echte sozialistische Kollektivität gekennzeichnet sind. Sind nicht gerade das Neuererwesen und die breite Entfaltung des sozialistischen Wettbewerbs überzeugende Beweise ebendieses schöpferischen Charakters der Arbeit im So­zialismus?

Zitate:
[9] Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital. In: Marx/Engels: Werke, Bd.6, S.400.
[10] Ebenda.
[11] Ebenda, S.401.
[12] Ebenda.
[13] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: Marx/Engels: Werke, Ergänzungsband. Erster Teil, S.514.

Quelle:
Reinhold Miller: „Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten um zu leben?! In. ABC des Marxismus, Dietz Verlag Berlin 1978, S.24-28. (Zwischenüberschriften eingefügt – N.G.)

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4 Antworten zu Was wir uns alle wünschen: „…daß die Arbeit aus einer Last zu einer Lust wird“ (Reinhold Miller)

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    „Doch Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Ihr Inhalt ist ge­schichtlich konkret bestimmt und in den einzelnen Gesell­schaftsordnungen nicht nur sehr unterschiedlich, sondern er trägt oft auch direkt antagonistischen Charakter. Im Kapitalismus ist die Arbeitskraft, dieses wichtigste aller menschlichen Vermögen, eine Ware, die man, wie jede andere Ware, kaufen und verkaufen kann — und, sofern man der Arbeiterklasse angehört, sogar verkaufen muß, um existieren und leben zu können.“

  2. Erfurt schreibt:

    Die gesellschaftliche Arbeit (Produktion) ist die Grundlage für die Existenz der Menschen, also der gesamten Menschheit und damit gleichermaßen ein menschliches Bedürfnis. Heute (2010/3) befinden wir uns in einer Phase in der kaum noch produziert wird, weil der ganze Globus vollgemüllt ist mit Produkten, über die nunmehr die Spekulationsgeschäfte blühen. Die Zirkulation des Kapitals findet somit hauptsächlich auf den Finanzmärkten (Börse) statt. Und dabei gibt es sehr viele Verlierer, auch in gutbürgerlichen Kreisen. Die Herren des Kapitals schreien nach einer Neuaufteilung der Welt und zwar mit Waffengewalt.

    • sascha313 schreibt:

      Ja, sie würden ganz gerne… stimmt, aber ganz so einfach geht das nicht. Die Drohungen der poteniellen Gegner (China, Nordkorea, Rußland…) sind durchaus ernst gemeint!

    • … sollen sie danach schreien, bis sie heiser sind.
      Die Herren des Kapitals werden doch aber sicherlich erkannt haben, daß man die einzige wirkliche militärische Supermacht mit Waffengewalt nicht schlagen kann, oder? Ein Krieg mit der VR-China wird höchstens einen Tag dauern … und dann war es das mit dem Kapitalismus. … alleine die U-Boot-Flotte der DVR-Korea kann alle Flugzeugträger der USA innerhalb einer Stunde versenken – mit was wollen die USA denn dann ihre Truppen in China anlanden? … oder wollen die China mit Atomraketen vernichten? – muß kläglich scheitern: keine Atomrakete kann China treffen (okäi, theoretisch selbstverständlich) …
      und der biochemische Angriff mit den SARS-Corona-Viren in Wuhan ist auch gründlich daneben gegangen – „war ein Schuß, der nach hinten losging“ …
      Der Kapitalismus marschiert in immer größeren und mit immer schneller werdenden Schritten auf sein historisches Grab zu. Seine Uhr ist abgelaufen.

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