Alexander Graf Stenbock-Fermor: „Deutschland von unten“

Graf Stenbock-FermorSein Leben ist so abenteuerlich wie kaum ein anderes. Alexander Graf Stenbock-Fermor wurde am 30.1.1902 auf Schloß Nitau in Livland geboren. Er entstammte einem alten baltischen Adelsgeschlecht. Nach dem Beginn der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917 meldete er sich als Freiwilliger zur Baltischen Landeswehr und beteiligte sich auf Seiten der Weißgardisten an der Konterrevolution. Danach emigrierte Stenbock-Fermor im März 1920 nach Mecklenburg, wo er ein Ingenieurstudium am Technikum in Alt-Strelitz begann. Geldsorgen, Abenteuerlust und Neugier bewogen ihn daraufhin, eine Anstellung als Bergarbeiter im Ruhrgebiet zu suchen. Darüber berichtete er in seinem Buch „Meine Erlebnisse als Bergarbeiter“. Er begann sich sozialistischen Gedanken zu nähern, wurde freiberuflicher Schriftsteller, trat dem Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller bei. 1929 erschien sein Buch „Freiwilliger Stenbock“, ein autobiographischer Bericht über seine Zeit bei der Baltischen Landeswehr.  Durch seine Begegnungen mit der Arbeiterklasse wurde der Graf mit der Zeit zum überzeugten Kommunisten. Die Nazis hatten ihn ins Gefängnis geworfen, der sowjetische Stadtkommandant beförderte ihn nach der Befreiung vom Faschismus zum Oberbürgermeister von Neustrelitz. In den späteren Jahren bis zu seinem Tode 1972 war Stenbock-Fermor ein vielgefragter Drehbuchautor und Szenarist bei der DEFA, der volkseigenen Deutschen Film-AG. In diesen Jahren hat Alexander Stenbock-Fermor den Aufbau des Sozialismus in der DDR entscheidend mitgeprägt. Im Jahre 1973 erschien im Verlag der Nation Berlin (DDR) seine Autobiografie.

Das dritte Buch: „Deutschland von unten“

Es war Frank Thieß, der mir die Idee zum dritten Buch gab. Auf einem Spaziergang in Berlin meinte er nebenbei, ich solle eine Reise und Wanderung durch Deutschland machen, das Deutschland der Armen, und ein Buch darüber schreiben. „Schreib ein Buch, etwa unter dem Titel ,Deutschland im Schatten‘ oder besser: ,Deutschland von unten‘.“ Die Idee faszinierte mich auf der Stelle, ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Schnell schrieb ich eine Skizze an den Engelhorn Verlag; Spemann reagierte zustimmend, der Vertrag kam zustande – ich sollte ein Jahr reisen, Material sammeln, schreiben. Ein größerer Vorschuß war in Monatsraten vor­gesehen.

Aus dem Leben der Arbeiterschaft

Ich hatte nun nichts anderes mehr im Kopf als das neue Buch. Gedanken flogen mir zu. Ich plante schließlich, ein großes Werk in mehreren Bänden zu schreiben: „Deutschland von unten“, „Deutschland von der Mitte“, „Deutschland von oben“. Im ersten Buch wollte ich bei einer Reise durch „die proletarische Provinz“ besonders das Leben und die Arbeit der Heimarbeiter darstellen, jener Schicht von Männern und Frauen ohne entwickeltes gesellschaftliches Bewußtsein, kaum betreut, abseits der Industriezentren. Im zweiten Teil des ersten Buches: Leben der klassenbewußten Arbeiterschaft in den großen Indu­striezentren, wie ich es als Bergarbeiter erfahren hatte. Hier würde es darauf ankommen, die neue Welt aufzuzeigen, die im Schoße der alten Welt entsteht, auch schon die Ansätze, den Beginn einer Arbeiterkultur – das politische Lied, Theater, Kabarett.

Weitere schriftstellerische Pläne…

Im zweiten Buch: Leben breiter Mittelschichten, Welt der Angestellten, Bauern, Handwerker, Wissenschaftler, Lehrer, Künstler, Kaufleute, mittleren Unternehmer, Rentner. Im dritten Buch: Leben der alten und neuen führenden Schicht – Welt der Industriellen, Konzernherren, Großgrundbesitzer – Eigentümer von Produktionsmitteln; jener Schicht, die – nach Marx – als herrschende Klasse auch die herrschenden Ideen der Zeit herstellt. Natürlich würde das Arbeit für Jahre ergeben, ich mußte zunächst mit Deutschland von unten über die Runde kom­men.

Reisevorbereitungen und Literaturstudium

Ich vergrub mich in der Staatsbibliothek, um Vorstudien für meine Reise und künftige Bücher zu machen, blätterte in Fachzeitschriften, Statistiken, Büchern der Gesellschaftswis­senschaften, Soziologie, Ökonomie. Bei der Fülle und Wider­sprüchlichkeit des zu verarbeitenden Materials wurde mir immer deutlicher bewußt, daß ich diese komplizierte Aufgabe nicht ohne exakte wissenschaftliche Theorie lösen könnte. In aller Ruhe begann ich nun auch marxistische Werke zu studieren. Ich las Marx, Engels, Mehring, Plechanow, Luxem­burg.

Wer war Karl Marx?

Was wußte ich von Karl Marx? Zuerst hatte ich seinen Namen in Kinderjahren gehört. Als ich aus Übermut einen Eimer mit schmutzigem Wasser umkippte, rief das lettische Dienstmädchen: Wenn du nicht artig bist, holt dich der Karlis Marxis!“ Der erschien mir, Kind der Oberschicht, als zorniger Geist mit wehenden Locken und Riesenbart. Was mit ihm zusammenhing, mußte „das Böse“ sein. In der russischen Revolution tauchte sein Name in Zeitungen und Schriften auf; immer mehr Menschen bekannten sich zu seiner Lehre.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Als junger freiwilliger im Bürgerkrieg stieß ich einmal auf Flugblätter und Broschüren, darunter eine theoretische Schrift über den „Marxismus“. Grade seine philosophische Seite begann mich zu interessieren. Einige Prinzipien seines Denk­systems leuchteten mir schon früh ein: Es gibt keine un­wandelbare, ewige, absolute Wahrheit, sondern nur das Werden und Vergehen. Erkenntnis darf nicht statisch bleiben, muß kritisch sein, „dialektisch“. Die Welt ist nicht ein Komplex von fertigen Dingen, sondern von Prozessen. Aber erst die Bergleute im Ruhrgebiet, besonders mein Freund Heinrich, brachten mir die Theorien des wissenschaftlichen Sozialismus nahe. Wissensdrang trieb mich dann dazu, nun auch die Wurzel kennenzulernen, Vorgeschichte, Vorformen. Nicht umsonst las ich bei Karbe die Bücher der Utopisten – sie waren die Vorläufe:-. die der Wissenschaft den Weg bahnten.

Der Sozialismus – von der Utopie zur Wissenschaft…

Engels schrieb im „Deutschen Bauernkrieg“, der theoretische Sozialismus werde nie vergessen, daß er auf den Schultern diese Männer stehe, die bei aller Phantasie und bei allem Utopismus zu den bedeutendsten Köpfen aller Zeiten gehören und zahllose Wahrheiten genial antizipierten, deren Richtigkeit „wir jetzt wissenschaftlich nachweisen“. In einem Artikel im „Demo­kratischen Wochenblatt“ vom 21. und 28. März 1868 schrieb er, wertvoll, wie die Schriften eines Owen, Saint-Simon, Fourier sein und bleiben werden – erst Marx „war es vorbehalten, die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Gebiet der moderne:: sozialen Verhältnisse klar und übersichtlich daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der auf der höchsten Kuppe steht“. Die Bücher von Marx beeindruckten mich tief – Sprachge­walt, Stil, Scharfsinn, Witz, Transparenz der Gedanken.

Studium der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels

In der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, so schien mir, war das ganze spätere Gedankengebäude wie in eine Bauskizze vorgezeichnet. In den „Elf Thesen über Feuerbach“ ­stand der berühmte Satz in der elften These, Philosophen hätte:: die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern. In der „Deutschen Ideologie“- mit Engels verfaßt – fand ich den progressiven Menschen als treibende Kraft in der Geschichte dargestellt, nicht „abstrakte Ideen“. Bewußtsein könne nie etwas anderes sein als das bewußte Sein. und Sein der Menschen sei ihr wirklicher Lebensprozeß. Die „Gesellschaft“, so begriff ich, sei nicht eine von den sie bildenden Menschen unabhängige Realität, Mensch und Ge­sellschaft bilde ein sich gegenseitig beeinflussendes Ganzes. Jeder der beiden Begriffe impliziere den anderen.

Nachdenken über die Gesellschaft

Der „Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“- eine de: geistvollsten Schriften – enthüllte mit schneidender Ironie die Karriere eines Abenteurers zum Diktator, der auf den Schultern von Lumpenproletariern und konservativen Parzellenbauern. Kaiser der Franzosen werden konnte – Napoleon III. Ich überlegte: Würde Hitler nicht von ähnlichen Kräften an die Spitze getragen werden? Im „Kapital“ gab es die schärfste Analyse der neuen Epoche der bürgerlichen Gesellschaftsentwicklung, in der „alles Leben vorwiegend Wirtschaftsleben geworden ist und alle Dinge, Begriffe, Gefühle und Ideen sich in Waren verwandelt haben“.

Über die Entstehung des Kapitals

Mit der Entdeckung des Mehrwerts wurde „hier plötzlich Licht geschaffen“ (Engels). Marx untersuchte die Verwandlung von Geld in Kapital, eine Verwandlung, die auf dem Kauf und Verkauf der Arbeitskraft beruhe. Dem Arbeiter würde nicht seine Arbeit bezahlt, sondern nur der „Aufwand, den er zur Reproduktion – Möglichkeit der Selbsterhaltung und Fort­pflanzung – seiner Arbeitskraft selber bedarf“. Der Arbeiter verkaufe nicht Arbeit, sondern seine Arbeitskraft. Die Arbeits­kraft würde „ausgebeutet“, indem die Arbeit unbezahlt bliebe. In der „unbezahlten Arbeit“ liege die Quelle des Mehrwerts, das Erhaltungsmotiv der gesamten kapitalistischen Gesellschaft, die damit in Gang gehalten werde. Die „Profitrate“ sei die treibende Macht in der kapitalistischen Produktion, und es würde nur produziert, was und soweit es mit Profit produziert werden könne. Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaft­lichen Arbeit sei die historische Aufgabe des Kapitals. Sie schaffe damit – unbewußt – die materiellen Bedingungen einer höheren Produktionsform.

Reform des Bewußtseins

Es wurde mir klar: Beim Marxismus handelte es sich nicht mehr um Verkündung eines neuen Dogmas oder einer soundso­vielten neuen Vision. Hier ging es um das Gegenteil: Der abstrakte Charakter von Utopien sollte überwunden werden. Marx: „Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien … Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man der Welt ihr Bewußtsein inne werden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt“ (Brief an Ruge, 1843).

Über das Wesen der Dialektik

Hauptlehre für mich: Ohne Dialektik – keine Erkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhänge, keine Möglichkeit, Ge­schichte zu begreifen, vergangene und werdende. Dialektik im Sinne der Lehre von Einheit der Gegensätze, nach der Hegelformel, Triade von These, Antithese, die in der Synthese gipfelt – Negation der Negation. Aber während für Hegel Dialektik mit Metaphysik zusammenfiel, stützte sich Marx auf dialektische Gesetze der Natur. Plechanow. Für Hegel wäre der Gang der Dinge durch den Gang der Ideen bestimmt, für Marx bestimme – umgekehrt – der Gang der Dinge den Gang der Ideen, der Gang des Lebens den Gang des Gedankens. In ihrer mystifizierten Form, schrieb Marx, verkläre die Dialektik das Bestehende (was wirklich ist, das ist vernünftig). In ihrer rationellen Gestalt dagegen gebe sie zugleich Ver­ständnis für das Bestehende und seine Negation, den not­wendigen Untergang einschließend. Nur diese Art von Dialektik vermöge jede gewordene Form im Flusse der Bewegung zu erkennen, also auch nach der vergänglichen Seite hin; sei damit kritisch und revolutionär (aus dem Nachwort zur 2. Auflage des 1. Bandes des „Kapitals“).

Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft

Mir erschloß sich eine neue Welt des Denkens. Ich wußte, das ist nur der Anfang, ich hatte noch viel zu lernen, verstand vieles noch unvollständig. Aber ich erkannte: Die brauchbarste Me­thode, die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft planmäßig zu durchleuchten. Die Betrachtung der Dinge nur in ihrer Bewegung, als veränderliche Bestände. Die Einsicht vom Gesetz der Wechselwirkung, der antithetischen Natur des Seins und des Bewußtseins, der Ambivalenz aller Beziehungen und Vor­stellungen…

Von der Theorie zur Praxis…

1930 nahm ich Abschied von Frau und Freunden, ging au; Reisen. Dr. Kracauer hatte mir eine Empfehlung von der Gewerkschaftszentrale verschafft, jede Ortsgruppe sollte mir unter den Arbeitern Vertrauensleute stellen, die mich her­umführen und über die sozialen Fragen unterrichten könnten. Ich wanderte und reiste kreuz und quer durch die Provinz. besuchte Dörfer im Frankenwald, in Schlesien, weilte unter den Webern im Eulengebirge, den Spielzeugschnitzern im Erz­gebirge, den Glasbläsern im Thüringer Wald. Überall, wohin ich kam, steigendes Elend, steigende Verbitterung, steigende Ver­zweiflung. Eine Welt der Armut und des Hungers und der Ausbeutung. Ich lernte Deutschland von unten kennen.

Quelle:
Alexander Stenbock.Fermor: „Der rote Graf – Eine Autobiografie“. Verlag der Nation, Berlin, 1975, S.280-284.

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