Anna Kudinowa: Karl Popper und die Renaissance des Faschismus in Europa

Popper-BildRechtsextremisten, Neonazis, aber auch einige unberatene Intellektuelle haben sich jüngst wieder einmal als Fans und Verehrer eines gewissen Dr. phil. Karl Popper geäußert, letztere wohl ohne die ganze menschenverachtende Gedankenwelt dieses angeblich „bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts“ überhaupt zu kennen. Das ist umso schlimmer, da sich einige der gängigsten Phrasen und Begriffe Poppers aufgrund ihrer scheinbaren Plausibilität, vom Sprachgebrauch der faschistischen „Eliten“, über deren Propagandazentralen, unmerklich auch ins Bewußtsein der Volksmassen eingeschlichen haben. Ja, Karl Popper war ein militanter Antikommunist. Er gehörte, wie vor ihm schon Oswald Spengler (einer der geistigen Wegbereiter des Faschismus) zu den Erneuerern der faschistischen Ideologie nach 1945.

Anna Kudinowa

Popper und andere

Am 9. April 2015, genau einen Monat vor dem 70. Jahrestag des Großen Sieges der Sowjetunion über dne deutschen Fraschismus, haben die faschistischen Bandera-Anhänger in der Werchowna Rada der Ukraine etwas Ungeheuerliches getan.

Faschismus in der Ukraine

Zunächst verabschiedete die Werchowna Rada ein Gesetz „Über den rechtlichen Status und das Gedenken an die Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert“. Die OUN, die UPA, die Armeen der UNR und der ZUNR, die Ukrainische Helsinki-Gruppe sowie die ukrainischen Emigrantenregierungen erhielten den offiziellen Status von Unabhängigkeitskämpfern. Der Verfasser des Gesetzentwurfs ist Juri Schuchewitsch, der Gründer der UNA-UNSO und Sohn des „UPA-Oberbefehlshabers“ Roman Schuchewitsch. Insgesamt stimmten 271 Abgeordnete für das Gesetz, wobei eine Mindestanzahl von 226 Stimmen erforderlich war.

Eine kriminelle Gleichsetzung

Neben sozialen Garantien für die „Kämpfer“ sieht das Gesetz vor, „die Hauptrichtungen der staatlichen Politik zur Wiederherstellung, Bewahrung und Ehrung des nationalen Gedächtnisses dieses Kampfes zu definieren“. Gleichzeitig stimmte das ukrainische Parlament mit 254 Stimmen für ein Verbot der „kommunistischen und nazistischen totalitären Regime“ in der Ukraine. Von nun an werden ukrainische Bürger für die „öffentliche Leugnung des kriminellen Charakters dieser totalitären Regime“ und für die „öffentliche Verwendung und Propagierung ihrer Symbole“ bestraft.

Politische Wende zur Konfrontation

So wurde in der Ukraine das Projekt jener antikommunistischen Kräfte verwirklicht, die Mitte der 1940er Jahre (der Krieg war noch nicht zu Ende!) im rasanten Aufstieg der Sowjetunion als Hauptkämpferin gegen den Faschismus – und in der weltweiten Verbreitung von Sympathien für die kommunistische Ideologie – eine extreme Gefahr sahen. Um diesen Prozessen entgegenzuwirken, wurde dann ein Konzept entwickelt, das die rote Gesinnung durch die Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus diskreditierte.

Vorbereitung auf eine neue Doktrin

Die westliche Öffentlichkeit, die darauf nicht vorbereitet war, mußte darauf vorbereitet werden, indem man ihr suggerierte, der Kommunismus sei nicht der Antipode des Nationalsozialismus, sondern sein Zwilling. Eine befreundete Gruppe so genannter Philosophen (in Wirklichkeit zwielichtige und zynische Propagandisten) hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese schändliche Gleichsetzung zu vollziehen. Das einflußreichste Mitglied dieses „freundschaftlichen Kollektivs“ war ein Herr Popper.

Die geistigen Brandstifter entkamen

Am Vorabend des 70. Jahrestages des Sieges setzte die Werchowna Rada um, was von Popper und anderen angeregt worden war. Von da an wurden vom russischen Fernsehen und in der russischen Presse die kriminellen Handlungen der Werchowna Rada vehement und zu Recht verurteilt. Aber wurden auch diejenigen verurteilt, die diese kriminelle Handlung begünstigt hatten? Ganz im Gegenteil. Darüber hinaus werden auch weiterhin die Ideen des Herrn Popper und der anderen Mitgliedern des besagten „Kollektivs“, die diese vergifteten Früchte herangezüchtet hatten, von denjenigen verherrlicht, die die Russische Föderation als antisowjetischen Staat aufzubauen gedachten und meinten, daß Popper dazu beitragen würde, einen solchen Staat zu installieren.

Rußland tanzt aus der Reihe

Es stellte sich aber heraus, daß die Russische Föderation als Staat von denjenigen, die einst Poppers Projekt der Gleichsetzung von Nazismus und Kommunismus in Auftrag gaben, überhaupt nicht mehr gebraucht wurde. Die Aufforderung an die russische „Elite“ („Wir brauchen euch absolut nicht, ergebt euch und bereitet euch auf die Versklavung und Zerstückelung vor!“) hat beim patriotischen Teil unserer „Elite“ eine ziemlich wütende Empörung ausgelöst. Aber dennoch verbindet diese „Elite“ nicht das, was in der Ukraine passiert ist und die fundamentale westliche Russophobie mit dem, was Popper und Co. verbrochen haben.

Der Nährboden des geistigen Abschaums

Außerdem hält es diese „Elite“ für möglich, einerseits Popper weiterhin zu loben und andererseits die Werchowna Rada, die am Vorabend des 70. Jahrestages des Sieges Kommunismus und Nazismus gleichgesetzt hat, zu verfluchen. Deshalb ist es jetzt besonders wichtig, nicht nur den kriminellen Beschluß der Werchowna Rada zu verfluchen, der von den Banderafaschisten initiiert wurde, sondern sich auch mit dem Nährboden zu befassen, der alle diese Arten von Abschaum hervorgebracht hat. Darunter auch diejenigen, die solche kriminellen Beschlüsse fassen. Deshalb ist es heute notwendiger denn je, über Popper und andere zu sprechen.

Wissenschaftsfeindlichkeit unter britischer Krone

Sir Karl Raimund Popper gilt als einer der einflußreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er ist bekannt für seine Schriften über die Philosophie der Wissenschaft und für seine Kritik an der klassischen Auffassung über eine wissenschaftliche Methode. Für Popper, einen Anhänger von Alfred Tarski [1], dem polnisch-amerikanischen Mathematiker, der die formale Theorie der Wahrheit schuf, ist jede klassische Wissenschaft von Natur aus totalitär. Denn sie setzt die Existenz einer übergreifenden Wahrheit voraus, der sich die Wissenschaftler allmählich nähern.

Zwei destruktive Erfindungen

Aber in diesem Artikel habe ich einfach nicht das Recht, vom Hauptthema abzuschweifen und die Verbindung zwischen Poppers eher destruktiver Kritik an der wissenschaftlichen Methode und einigen seiner noch destruktiveren Ideen zu diskutieren. Meiner Meinung nach gibt es jedoch zwei davon. Das eine ist die „offene Gesellschaft“, das andere ist die Gleichsetzung des Nazismus mit der kommunistischen Gesellschaft, die aufgrund einer gemeinsamen Eigenschaft, die Popper „Totalitarismus“ nennt, gleichermaßen am absolut Bösen beteiligt seien. Wenn etwas für das von Popper erfundene Phantom namens „Totalitarismus“ relevant ist, dann ist es die Theorie der „offenen Gesellschaft“, die Popper beschreibt und anpreist.

Wie ist das mit der Kollektivität bei Popper?

In Poppers „offener Gesellschaft“ sollte es überhaupt keine Kollektivitäten geben dürfen. Einschließlich derjenigen, auf die sich die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte verlassen hat. In einer solchen Gesellschaft kann es im Großen und Ganzen keine stabile Familie geben. Denn eine Familie – das ist Kollektivität. Und wo es Kollektivität gibt, da gibt es auch Totalitarismus. Denn zuerst braucht man man für die Existenz einer stabilen Familie eine Familienidentität, wovon Alexander Blok sprach („Ein kurzes Stück Abstammung – zwei oder drei Glieder – und schon sind die Gebote aus dunkler Vorzeit klar…“ [2]). Und dann, nachdem man „die Gebote aus dunkler Vorzeit“ kennengelernt hat, beginnt man, nicht eine familiäre Identität zu bilden, sondern eine, die einen größeren Rahmen hat. Zum Beispiel, oh, wie schrecklich! – eine nationale Identität.

Intoleranz gegenüber Andersdenkenden

Popper haßte jegliche nationale Identität und hielt sie für das Hauptrefugium des Totalitarismus. Als Jude (der aus Österreich, wo nationalsozialistisches Gedankengut an Popularität gewann, bis nach Neuseeland geflohen war) verachtete Popper den Zionismus und hielt ihn für den giftigsten aller Nationalismen. Wenn jemand glaubt, daß Poppers „offene Gesellschaft“ tolerant gegenüber Andersdenkenden sei, dann irrt er sich. Übrigens antworten die meisten, die mit Poppers Phänomen nur oberflächlich vertraut sind, auf die Frage, wie Poppers wichtigstes Buch heißt, „Die offene Gesellschaft“. Das Buch trägt den Titel „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“.

Permanente Bedrohung durch Feindbilder

Gleichzeitig besteht Popper darauf, daß eine offene Gesellschaft im Gegensatz zu allen anderen Gesellschaften nur durch das Bild des Feindes und die Bedrohung durch einen feindlichen Angriff gefestigt werden kann. Und es ist klar, warum. Denn in der offenen Gesellschaft sind alle Verbindungen, die sie von innen heraus befestigen, zerstört. Doch irgendwie muß sie zementiert werden. Und wenn nicht von innen, dann von außen. Aber wie kann eine Gesellschaft von außen gefestigt werden? Nur durch ein Feindbild, die ständige Information und psychologische Terrorisierung der Bürger durch die Androhung eines Angriffs durch den Feind, die Unmenschlichkeit des Feindes, die offene oder heimliche Ausdehnung des Feindes und so weiter.

Die Propaganda und die Inquisition

Poppers „offene Gesellschaft“ kann ohne Inquisition und Propagandaministerium nicht existieren. Popper demonstriert, was Propaganda und Inquisition sind, indem er nicht nur Marx, sondern auch Hegel und Plato verunglimpft. Damit fordert Popper den Ausschluß von Hegel und Platon aus den Reihen der Gelehrten, deren Schriften von den Mitgliedern einer offenen Gesellschaft nicht nur dazu benutzt werden könnten, den Leser gegenüber den Feinden einer offenen Gesellschaft zu empören, sondern auch für andere Zwecke.

Unter dem Dach der Fabier…

Nachdem er 1945 die britische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, zog Popper 1946 von Neuseeland nach England. Von 1946 bis Mitte der 1970er Jahre war er Dekan der Fakultät für Philosophie, Logik und wissenschaftliche Methode an der London School of Economics and Political Science, einer Abteilung der Universität London. Diese Schule wurde 1895 von den so genannten Fabiern gegründet, zu denen auch der berühmte George Bernard Shaw gehörte.

Wer sind die Fabier?

Die Fabier strebten im übrigen auch einen gewissen Sozialismus an. Sie glaubten jedoch, daß der Weg zum Sozialismus über die Verbreitung sozialer Ideen in der Gesellschaft führt, und standen nicht nur den revolutionären Marxisten, sondern auch den reformorientierten Sozialdemokraten feindlich gegenüber, die ihnen ebenfalls zu radikal waren. Eine eingehende Analyse des Wesens des Fabianismus ist in diesem Artikel nicht möglich. [3] Dies wäre jedoch insofern notwendig, als Popper nicht so sehr mit dem Fabianismus als solchem in Verbindung gebracht wird, sondern mit dem spezifischen elitären fabianistischen Hintergrund, der für Forscher ziemlich offensichtlich ist.

Die verleumderische Fulton-Rede Churchills

Poppers zweibändiges Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ wurde während des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Popper versuchte, es in den USA zu veröffentlichen, aber es erschien ihm wahrscheinlich zu pro-nazistisch und antikommunistisch. Es wurde 1945 in London veröffentlicht. Den Fachleuten zufolge unter der direkten Schirmherrschaft Churchills und in direktem Zusammenhang mit seiner berüchtigten Fulton-Rede von 1946, in der der sowjetische Kommunismus, der offensichtliche Retter der Welt vor dem Nazismus, zum Hauptfeind erklärt wurde.

„Wie ist das möglich“, so sagten sich sehr, sehr viele, „wir hatten doch gerade gemeinsam mit den Russen gegen den Nazismus gekämpft. Schließlich haben die Russen die Menschheit vor dem Nazismus gerettet, und das wissen wir. Dafür sind wir ihnen dankbar. Wie kann man sie jetzt nicht nur als geopolitische Konkurrenten, sondern auch als Feinde der Menschheit bezeichnen?“

Ein brauchbarer kalter Krieger und Psychoterrorist

Selbst Churchill konnte kaum erklären, wie genau das geschehen sollte. Er brauchte Popper. So entpuppte sich Poppers Buch als ein erweitertes Propaganda-Handbuch, wie man einen informationspsychologischen Krieg gegen den Kommunismus führen kann. Poppers nächstes Buch, das noch propagandistischer und hintergründig menschenfeindlicher war, trug den Titel „The Poverty of Historicism“. Er war voller Haß auf alle, die davon überzeugt sind, daß die Menschheit ein Ziel hat. Dazu gehören nach unserem Verständnis alle religiösen Gemeinschaften und Bewegungen.

Popper als Wegbereiter des erneuten Faschismus

Genauso verhaßt für Popper war jeder, der an die Existenz jeglicher Ganzheitlichkeit glaubte. Popper erklärt, daß die beiden Feinde einer offenen Gesellschaft der Holismus mit seiner Auffassung von der Existenz verschiedener Arten von Ganzheiten und der Historismus mit seinem Zeitstrahl sind. Popper forderte, daß die Menschheit beides aufgibt. Aber nachdem die Menschheit die zeitliche Entwicklung aufgegeben hat, kann sie nur noch auf die Idee von Nietzsches „ewiger Wiederkehr“ kommen. Das heißt, zum fundamentalen Faschismus. Denn man kann nicht einfach zur Idee der ewigen Wiederkehr zurückkehren.

Das geistige Vakuum eines Egomanen…

Hier muß man alles in einem Paket nehmen – die Idee der ewigen Wiederkehr, die Idee der fundamentalen Ungerechtigkeit und der fundamentalen Vereinzelung, sowie die Idee eines Übermenschen, der nur grundlegende Ungerechtigkeit und grundlegende Vereinsamung ertragen kann: Die Idee der absoluten Bedeutung des Willens zur Macht. Es muß gesagt werden, daß Popper Nietzsches Ideen nie direkt bewundert hat. Er bewunderte nur unmittelbar seine eigenen Ideen und die seiner engsten Vertrauten. Aber Popper konnte nicht verstehen, daß er, wenn er etwas zerstört, ein Vakuum schafft, und daß dieses Vakuum mit etwas gefüllt werden muß.

 * * *

Noch einmal: Poppers „offene Gesellschaft“ ist keineswegs eine klassische liberale Gesellschaft. Es ist ein sehr beängstigendes und menschenfeindliches Gespenst. Es ist eine unheilvolle und höchst gefährliche Utopie.

Karl Popper – ein antikommunistischer Großinquisitor

Da nicht nur Hegel oder Platon, Christus und andere Schöpfer dieses oder jenes Messianismus für Popper historisch sind, sondern auch Marx mit seinem säkularen „Messianismus“, begann Poppers Inquisition, die eine Hexenjagd auf viele Hexen ausgerufen hatte, tatsächlich nur die eine Hexe zu jagen – die sowjetisch-kommunistische. Die anderen von Popper gejagten Hexen waren aus verschiedenen Gründen kein Leckerbissen für diejenigen, die diese Jagd organisierten.

Quelle: „Das Wesen der Zeit“, Zeitung Nr. 123 / 15. April 2015
(Übersetzung: Florian Geißler – Kommunisten-Online)
https://rossaprimavera.ru/article/popper-i-drugie

Anmerkungen:
[1] Alfred Tarski ((1901-1983), poln. Mathematiker und Logiker, einer der Hauptvertreter der Warschauer Logikschule vor dem 2. Weltkrieg, wurde 1926 Dozent an der Universität in Warschau, emigrierte 1939 in die USA, veröffentlichte zahlreich grundlegende Arbeiten zur Logik, zur Mengenlehre, zur Metamathematik, zur Modelltheorie, Algebra und Geometrie; Mitbegründer der logischen Semantik. 
[2] aus: Александр Блок – Возмездие, «Коротенький обрывок рода — два-три звена, — и уж ясны заветы темной старины…» siehe: https://rustih.ru/aleksandr-blok-vozmezdie/
[3] Siehe auch: Wider den kleinbürgerlichen Reformismus


Karl Raimund Popper

(28.7.1902 in Wien, 17.9.1994 in London) war ein britischer Philosoph österreichischer Herkunft; Begründer des „kritischen Rationalismus“, den er in Auseinander­setzung mit dem logischen Positi­vismus des Wiener Kreises (Schlick, Carnap) entwickelte, blieb aber in seiner Wissenschaftstheorie und Methodenlehre selbst im Neopositivismus befangen. In seinen sozialphilosophischen Anschauungen war er ein Antikommunist und militanter Gegner des Marxismus. Er lehnte die Anerken­nung der historischen Gesetzmäßigkeiten ab, war Verfechter seiner sog. „Sozialtech­nik“ und Reformtheoretiker des Kapitalis­mus durch sein sog. „Stückwerktechnik“.

Biografisches
Popper wurde in einer großbürgerlichen Fa­milie in Wien geboren. Sein Vater war vom jüdischen Glauben zum Protestantismus übergetreten. Nach dem ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie schloß sich der junge Karl Popper den Sozialisten an. Den dialektischen Begriff vom sich zuspitzenden Klassenkampf lehnte er ab. Er hielt ihn für eine intellektuelle und moralische Anmaßung. Popper erlernte das Tisch­lerhandwerk, studierte in Wien Psychologie bei Karl Bühler, arbeitete als Lehrer für Mathematik und Physik und war zeitweise auch als Erzieher tätig.

Beruf und Ausbildung
1928 promovierte Popper zum Dr. phil., 1937 wurde er aufgrund seiner 1934 erschienenen „Logik der For­schung“ als Dozent nach Neusee­land berufen. Dort lebte er wäh­rend des zweiten Weltkrieges und verfaßte „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ und „Das Elend des Historizismus“, die aber erst nach Kriegsende veröffentlicht wurden. Von 1945 bis zu seiner Emeritie­rung 1969 war er Professor für Lo­gik und Methodologie der Wissen­schaften an der London School of Economics. 1965 wurde Popper geadelt. Häufig übernahm er Gastprofes­suren in den USA und Australien. Er starb zurückgezogen in Buckinghamshire bei London.

Ideen und Theorien
Popper begründete seine Wissenschaftstheorie und Methodenlehre damit, daß alle Theo­rien Hypothesen seien, die widerlegt werden können. Eine wis­senschaftliche Methode sei nach Poppers Ansicht ein Sy­stem willkürlicher Festlegungen; die vom jeweiligen Gegen­stands getrennt sei. Methodische Regeln seien unabhängig von Erkenntnissen der Wirklich­keit. Popper reduziert seine Erkenntnistheorie auf bloße Methodologie. Dabei unterschied er zwi­schen Wissenschaft und Pseudo­wissenschaft. Krite­rium für eine wissenschaftliche Theorie müsse ihre Falsifizierbar­keit sein. Dieses Falsifikations­prinzip steht für ihn über der Relativi­tät der Erkenntnis.

Der Neopositivismus Poppers
Der Ausgangspunkt von Poppers Neopositivismus war der sog. Wiener Kreis, der sich aus Philosophen und philosophisch interessierten Wissenschaftlern um M. Schlick bildete und zu dem u.a. R.Carnap, O.Neurath, H.Feigl u.a. gehörten. In ihren theoretischen Auffassungen gingen die Neopositivisten wesentlich von D.Hume aus; bedeutenden Einfluß hatten auch die Ideen L.Wittgensteins, der als erster die These aufstellte, daß die Philosophie keine Wissenschaft, keine Theorie, sondern eine Tätigkeit sei, deren Ziel darin bestehe, die Sätze der Wissenschaft „klarzumachen“.  Da die Grundideen des Positivismus sich unter Berufung auf die Wissenschaft objektiv gegen den dialektischen und historischen Materialismus, gegen ein wissenschaftlich begründetes Handeln

Ein widersinniger Denkansatz
Da sich bei Popper, wie bei allen Positivisten, immer nur verschiedene Theorien gegen­überstehen, die gesellschaftliche Praxis des Menschen als Erkenntniskriterium aber ausgeschaltet bleibt, ist die logisch-theoretische Falsifikation keineswegs vor den Schwierigkeiten geschützt, mit de­nen die logisch-theoretische Verifikation zu kämpfen hat. Popper über­sieht außerdem, daß jede schlüs­sige Falsifikation immer schon eine bestimmte Verifikation vor­aussetzt.

Subjektiv-idealistische Weltanschauung
Für Popper ist die Erfahrung das prinzi­piell Unzuverlässige, sie bleibt da­her aus seiner Wissenschaftstheo­rie völlig ausgeschaltet. Grundle­gende Aussagen (Basissätze) wer­den durch Beschluß, durch Fest­setzung anerkannt, ein empi­risch-wissenschaftliches System muß an Festsetzungen scheitern können. Mit der Ausschaltung der Erfahrung suchte Popper den „Psycho­logismus“ des empirischen Positi­vismus zu überwinden, blieb aber durch Negierung der objektiven Erfahrung und der gesellschaftli­chen Praxis prinzipiell auf positi­vistischen Positionen. Die Aner­kennung der willkürlichen Festset­zung wissenschaftlicher Basissätze entzog auch seiner Falsifikations­theorie jede objektive Grundlage, da die Falsifikation gleichfalls der „Entscheidung“ (Dezisionismus) des Wissenschaftlers überlassen wurde.

Trennung von Theorie und Realität
Poppers Bestehen auf einem absolut ra­tionalistischen Erkenntnismodell führt zur völligen Trennung von Erfahrung und Theorie. Er be­hauptet ein „psychologisches oder genetisches Apriori“, d.h., es gebe dem Menschen „angeborene Er­wartungen“, in der Welt Regelmä­ßigkeiten zu finden. Diese rein lo­gische Konstruktion ist nicht im­stande, die Erfahrung als in der gesamten gesellschaftlichen Praxis des Menschen akkumulierte Er­fahrung zu begreifen und sie als jenes Glied der wissenschaftlichen Erkenntnis zu verstehen, das die Theorie mit der objektiven Reali­tät verbindet.

Popper als Erfinder dümmlicher Sprüche
Wie für den gesamten Positivis­mus, so ist auch für Popper charakteri­stisch, daß er den „Realismus“ des Alltagsbewußtseins von der Erkenntnistheorie, der Wissen­schaft trennt. Er ist zuversichtlich, daß die Sonne morgen über Lon­don aufgehen wird: „Doch als Theoretiker weiß ich, daß es auch anders kommen kann.“ (Objektive Erkenntnis, Hamburg 1973, S. 114)

Herr Popper redet über die Natur
Popper leugnet die Objektivität der Na­turgesetze, sie sind für ihn „menschliche Erfindungen“. Wenn Popper für den „Alltagsver­stand“ eine bewußtseinsunabhän­gige Realität anerkennt, so ist er in der Erkenntnistheorie nicht bereit, diese Realität gelten zu lassen. In den wissenschaftlichen Begriffen sieht Popper sprachliche Konventionen, die keine Entsprechung in der ob­jektiven Realität haben.

Herr Popper redet über die Gesellschaft
Popper hat versucht, seine Wissen­schafts- und Methodenlehre auf Gesellschaft und Politik auszudeh­nen. Er verwendet seine methodo­logischen Prinzipien zur Illustra­tion der gesellschaftlichen Wirk­lichkeit. Das Gesetzmäßige in der Gesellschaft wird auf ideelle, so­zialpsychologische Faktoren, auf das Handeln von Individuen in „situationslogisch“ erklärbaren Umständen reduziert. Dabei blei­ben die gesellschaftlichen Bedin­gungen für das Handeln der Indi­viduen unerklärt, der Zusammen­hang zwischen Individuum und Klasse bzw. sozialer Gruppe, zwi­schen Interessen und Handeln wird völlig ignoriert. Poppers Gesellschaftsauffassung und seine politischen Ideen haben vor allem wegen ihres Antimarxismus in den kapitalistischen Ländern weite Verbreitung gefunden. Popper be­kämpft in seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ den Marxismus – neben Platon und Hegel – als „hi­storizistisch“, als Hauptfeind der „offenen Gesellschaft“ und des „rationalen“ politischen Denkens,

Herr Popper „philosophiert“ über den Marxismus
Er sieht sich selbst als großen „Vernichter“ des Marxismus. Historizistisch nennt er, ungeachtet der sozialen und erkenntnis­theoretischen Grundlagen, alle Auffassungen, die historische Gesetze, Entwicklungstendenzen und die Möglichkeit geschichtlicher Prognosen anerkennen, wobei der Marxismus-Leninismus immer der entscheidende Gegner bleibt. Er ist bestrebt, die materialistische Geschichtsauffassung als unbeweisbare geschichtliche Prophezeiung und Utopie zu denunzie­ren, verzichtet aber von vornherein auf die Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Grundthesen des historischen Materialismus. Popper unterstellt dem Marxismus „unbedingte Prophezeiungen“ seine Marx-Rezeption ist äußerst willkürlich und oberflächlich.

„Die offene Gesellschaft“ – eine leere Phrase
Als politisches Ziel einer rationalen Wissenschafts- und Gesell­schaftsauffassung proklamiert Popper die „offene Gesellschaft“, worun­ter er die bürgerlich-parlamentari­sche Demokratie versteht. Als Ver­fechter einer abstrakt-liberalen bürgerlichen Staatsauffassung leugnet Popper den Klassencharakter der bürgerlichen Demokratie und wird, obwohl er selbst eingesteht, die „Logik der Klassensituation“ sei äußerst wichtig für die Erklärung politischer Institutionen, zum reinen Apologeten des kapitalisti­schen Staates.

Herr Popper als „Wunderheiler“ des Kapitalismus
Als Weg zur Erreichung und Verbesserung der „offenen Gesellschaft“ verkündet Popper „Sozialtechnik“ (social engineering) und „Stückwerktechnik“ (piecemeal engineering). Popper stellt die „Sozialtechnik der Einzelprobleme“, die er für die einzig rationale erklärt, der „universalistischen“ oder „utopistischen“ Sozialtechnik ge­genüber. Die stillschweigende Vor­aussetzung der „Sozialtechnik“ Poppers ist der Status quo, ist die Ver­ewigung der kapitalistischen Ge­sellschaft.

Poppers geadelte Dummheit und deren rechte Nachahmer…
Alle antikapitalistischen, auf eine sozialistische Um­wälzung gerichteten Ideen sind für ihn „ideologisch“ und „uto­pisch“; „rational“ sind nur Stück­werkreformen, die die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse unangetastet lassen. Gerade dadurch hat die Philosophie Poppers im rechten Flügel der sozialdemokratischen Parteien als ideologische Grundlage für eine staatsmonopolistische Reformpo­litik viele Anhänger gefunden.

Werke und Beiträge: Logik der Forschung, 1935; Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 2 Bde., 1945; Das Elend des Historizis­mus, 1965; Conjectures and Refuta­tions, 1963; Objektive Erkenntnis, Hamburg 1973; The Self and its Brain, 1977 (mit J.C.Eccles), Das Ich und sein Gehirn, München 1982. „Kriege führen für den Frieden“, Interview, Der Spiegel 13/1992; J.Große „Umgrenzte Freiheit“, Das Blättchen Nr.19/2019; Freidenker-Brief September 2021 Extra.

Literatur über Karl Popper:
Philosophen-Lexikon, Dietz Verlag Berlin, 1982, S.166-169.
Hermann Ley: Karl R. Poppers Historizismus und erkenntnistheoretischer Mechanizismus. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie (DDR) Nr.7, 1968


Aus dem BI-Universal-Lexikon, Leipzig, 1987.
Popper-BI-Lexikon


pdfimage Kudinowa – Karl Popper und Faschismus

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16 Antworten zu Anna Kudinowa: Karl Popper und die Renaissance des Faschismus in Europa

  1. Erfurt schreibt:

    Das wirklich Neue am heutigen Faschismus ist, daß er weltweit finanziert wird und damit nicht auf eine Nation beschränkt ist.

    Stalin 1945: Das Deutsche Volk ist nicht das Hitlervolk! Aber es muss erkennen wer die Schuldigen sind und daß deren Wurzeln im Kapitalismus stecken.

  2. Ulrike schreibt:

    Danke, Sascha, endlich werden dem Antikommunisten Popper hier konkret die Hosen runter gezogen und entlarvt wird. Eine brillante Analyse die dem historischen Strang folgend und gut verständlich zur Einordnung noch dazu eine Erwähnung Wert ist..

    • sascha313 schreibt:

      Danke, Ulrike! Dummheit wäre dem geadelten Herrn Professor Popper wohl schwerlich nachzuweisen gewesen; man kann viel eher von bösartigen, antimarxistischen Absichten ausgehen

      • Harry56 schreibt:

        „viel eher von bösartigen“…. ? Na ja, lieber Sascha, ich selbst verzichte schon seit langen Zeiten auf rein moralische Kategorien im Zusammenhang mit Ökonomie und Politik. Daher halte ich dieses „bösartig“ für keinesfalls hilfreich, würde im Zusammenhang mit diesem Popper schlicht und einfach, rein bürgerlich-sachlich- kaufmännisch von GEKAUFT sprechen!
        Und aus diesen GEKAUFTEN besteht im Grunde fast die gesamte bürgerlich-imperialistische Meute aus Politkern und Medienleuten, einem Großteil aller heutigen bürgerlichen Intellektuellen.
        Was wollen wir mit denen denn wirklich überhaupt diskutieren?
        Das ist doch ebenso lächerlich, wie etwa ein Bordell aufzusuchen um mit den dortigen Damen über Gleichberechtigung, Emanzipation des weiblichen Teils der Menschheit, „wahre Liebe“ zwischen Frau und Mann „aufklären“ zu wollen!

        Nüchterne Grüße!

      • sascha313 schreibt:

        ))) da kannste recht haben, lieber Harry… diese gekauften Subjekte, laufen wie die Ratten nach dem Kadaver.

      • Thomas Artesa schreibt:

        In der BRD studierte man ehedem Soziologie zur geistigen Erleuchtung. In der DDR dafür Marxismus/Leninismus für das gesellschaftliche Begreifen. Heute studiert man in Gross-Deutschland wie der Faschismus demokratisch verkauft werden kann. Es muss sich nun mal alles immer rechnen an der Börse – oder?

      • sascha313 schreibt:

        traurig ist’s…

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    • sascha313 schreibt:

      Danke für’s Rebloggen. Ich halte diesen Artikel für sehr wichtig, zeigt er doch sehr deutlich, woher die Totalitarismus-Doktrin kommt. Gerade heute wird fast jeden Tag im Radio oder in den Zeitungen die DDR angeschwärzt und auf „Mauer“, „eingesperrt“ und „Schtasi“ reduziert. Für die Delegitimierung der DDR hat das BRD-Regime bisher über 6 (sechs!) Milliarden Euro an Steuergeldern verpulvert…

  5. Thomas Artesa schreibt:

    Das Elend des Popperismus

    Nicht nur der Kryptofaschist Popper auch die gesamten Schwätzer und Hohlköpfe der Frankfurter Schule gehören auf den Misthaufen der soziologischen Verdummungsgeschichte. Sie haben nie die Lehre des Marxismus-Leninismus oder gar Stalinismus verstanden oder gar richtig studiert. Eben nur bezahlte Spaltpilze im Sinne des faschistischen Kapitals und der ranzigen arroganten deutschen Kolonial-Geschichte neben dem Wirrkopf Dutschke, dem Wendehals Biermann, dem demenzkranken Sesselfurzer Marcuse und anderem trotzkistischen pseudolinken Gesockse im goldenen Westen der chauvinistischen Eitelkeiten und der verkauften 68er Generation!

    Schon merkwürdig, dass gerade in Zeiten von Corona-Verdummung und verbrecherischem Freiheitsentzug, auch immer wieder dieser elende Hypokrit George Orwell erwähnt und hochgejubelt wird – wie Mutter Teresa von Kalkutta mit ihren weinerlichen Zöglingen oder Danton der edelmütige Einfaltspinsel von seinem vorstalinistischen Robespierre auf das Schafott gebracht – der auch nur ein anderer verblödeter Stiefelknecht der Bourgeoisie gewesen ist. Es gab da noch ehedem diesen Sloterdijk oder heute den Precht als geduldete Hofnarren, die auch nur heiße Luft verkaufen können, aber dann doch lieber am Katzentisch mit sitzen möchten und die Reste aus dem geduldeten Schweinetrog in sich hineinschaufeln.

    Halleluja und wieder sind wir alle vereint in der Geschenketombola für die Opfer des „Terrorismus“. Welch Abschaum und Bodensatz der Heuchelei nach provozierten Kriegen rund um die Welt durch NATO, Finanzoligarchie und andere Weltenverbrenner! Wie gesagt: Dummheit und Barbarei liegen auf der Lauer auch in Tagen der vermeintlichen Stagnation und des trügerischen Friedens.

    Lesenswert ohne „Wenn und Aber“, erschienen bei offen-siv das Buch von:
    Michael Kubi
    Zur Geschichte der Sowjetunion
    Eine totalitäre Diktatur der Bürokraten?
    Kapitel: 2.2.5. Unwissenschaftliche Totalitarismus-Doktrin Teil 5:
    Das Elend des Popperismus

    • Erfurt schreibt:

      Danke Thomas!! Wenn ich Freunde, Bekannte, Verwandte und Schulkameraden anrufe, ist es entsetzlich, immer wieder festzustellen, was aus Vielen von denen geworden ist: Geistige Krüppel. Gottseidank nicht alle!

      MFG

      • Harry56 schreibt:

        Ach „Erfurt“, nach 1933 war es doch nicht anders, so wie heute bzw. nach der „Wende“ 1989 von „Kommunismus“ , „Staatsozialismus“ und DDR ganz allgemein, „distanzierten“ sich damals nicht wenige Leute von ihrer politischen oder sonstigen Vergangenheit V O R dem 30. Januar 1933, und natürlich, wenn immer opportun, auch schnell und lautstark von „Juden“ !
        Das ist alles normal, eine neue Gesellschaftsordnung ist immer ein sehr langer Kampf, Klassenkampf, und, vergessen wir nicht, das langsam zur vorherrschenden Macht drängende aufstrebende Bürgertum brauchte dafür Jahrhunderte, um den Adel ökonomisch- gesellschaftlich-politisch- Stück für Stück auf die Geschichtsbank zu drängen.

      • sascha313 schreibt:

        Klasse! Du sagst es, Harry!

      • Thomas Artesa schreibt:

        Mein Dank auch an Dich – Erfurt!

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