Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit.

DietrichBonhoefferDietrich Bonhoeffer war ein kompromißloser Gegner des Hitlerfaschismus. Er wurde in den letzten Tagen des Krieges, am 9. April 1945, im Alter von nur 39 Jahren im KZ Flossenbürg von der Gestapo ermordet. Bonhoeffer stammte aus dem wohlhabenden Bürgertum, seine Eltern waren Ärzte und Wissenschaftler, so daß der Beruf eines Geistlichen für ihr sechstes Kind als „unpassend“ galt. Doch in seinen Plänen für die Zukunft zeigte sich Bonhoeffer sehr entschlossen. Seine Gedanken erscheinen uns heute als kraftvoll und tiefgründig, wenn auch von einer seltsam unerklärlichen Gottgläubigkeit, vor allem wenn man die Umstände in Betracht zieht, in denen er sich befand und denen er selbst eine zunehmende Religionslosigkeit zuerkennt. Als Pfarrer in Deutschland bemerkte er zwar die Veränderungen in den Köpfen der deutschen Bürger zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg, doch auch er erkannte nicht die sozialökonomischen Hintergründe einer sich rasant auf infernalische, faschistische Verhältnisse zubewegenden, kapitalistischen Gesellschaft. Zusammen mit Pastor Niemöller hatte er die bekennende Kirche gegründet. Noch während des Krieges kehrte Bonhoeffer von längeren Auslandsaufenthalten zurück nach Deutschland. Er beteiligte sich an einem Komplott zur Ermordung Hitlers. Sein tragisches Schicksal ist das eines einsamen und zutiefst beunruhigten Menschen, der es gewagt hatte, gegen den Faschismus seine Stimme zu erheben, und der dabei zugrunde ging.

Von der Dummheit.

von Dietrich Bonhoeffer

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden.

Die Dummen sind unbelehrbar…

Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich. Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen.

Menschen sind manipulierbar

Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.

Dummheit ist eine gesellschaftliche Erscheinung

Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz.

Ein verdummtes Volk ist leichter beherrschbar

Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.

Die Dummen sind zu allem Bösen fähig…

Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Mit den Dummen zu diskutieren ist sinnlos!

Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

„Gottesfürchtigkeit“? – hier irrt Bonhoeffer!

In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Man darf die Menschen nicht für so dumm halten…

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.

(Dietrich Bonhoeffer, Aufsatz »Nach zehn Jahren«, in: Widerstand und Ergebung, München 1956, 17-20; Zwischenüberschriften wurden eingefügt – N.G.)


Nachbetrachtung

Nicht die Dummheit ist das Problem, sondern der Kapitalismus!

Einem seiner Bücher gab Bonhoeffer den Titel „Widerstand und Ergebung“. Es sind zwei mögliche Seiten, mit denen der Mensch den Widrigkeiten des Lebens begegnet. In der heutigen Corona-Zeit ist dieses Verhalten offensichtlich: Die einen ärgern sich und gehen demonstrieren. Die anderen ergeben sich und warten, bis es wieder besser wird. Dennoch ist es zutreffend, wie Bonhoeffer schreibt, daß letztlich die äußere „Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben“, wie sie nur wenige Tage nach seiner Ermordung, durch den Sieg der Sowjetunion über den deutschen Faschismus am 8. Mai 1945 stattfand, die einzige wirkliche Befreiung des Menschen – und damit die Überwindung der Dummheit – war, wenn auch nur in einem Teil Deutschlands, in der DDR. Und auch da nicht gänzlich.

Ja, die Dummheit muß überwunden werden und das geht nur durch eine allgemeine Volksbildung. Ebenso muß die Bosheit überwunden werden, und das geht wiederum nur in einer menschlichen und sozial gerechten Gesellschaftsordnung, wo der Mensch im Mittelpunkt steht, wo die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer beseitigt ist und wo das, was des Volkes Hände schaffen, auch des Volkes Eigen ist. So stand es in der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik.

Und was noch in der Verfassung stand: (Artikel 14): „Privatwirtschaftliche Vereinigungen zur Begründung wirtschaftlicher Macht sind nicht gestattet.“  – Schließlich hatte in der DDR jeder Bürger das Recht auf Arbeit und auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung, das Recht auf Bildung und auf Teilnahme am kulturellen Leben usw.  Diese Verfassung war am 6. April 1968 beschlossen worden.

Und noch etwas:

Die Wahrheit ist immer konkret!

„Läßt man den Dummen freie Bahn, so machen sie den Klugen das Leben zur Hölle.“
(M.J. Saltykow-Schtschedrin: „Die idealistische Karausche“. In: Die Tugenden und die Laster. Märchen für Kinder gehörigen Alters, Leipzig, 1976, S.334)

Dummheit

Oligophrenie:= Schwachsinn
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3 Antworten zu Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit.

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Bonhoeffer hat, wie mir scheint, seine zwei Seiten. Soviel mir bekannt ist, hatte er mit dem britischen Geheimdienst zusammengearbeitet, von daher vermutlich die Pläne zur Ermordung Hitlers. Was seine Religiosität angeht, so war er Priester, einer, der das Wort der Bibel ernst nahm und es so stark verinnerlicht hatte, dass es all sein Handeln bestimmte. Er war ganz bestimmt ein aufrechter Mensch, der sich auf keine Kompromisse mit seinen faschistischen Feinden eingelassen hat, ein bürgerlicher Mann, dessen Welt 1933 zugrunde gegangen war.

    Er wurde im KZ Sachsenhausen am 9. April 1945 von SS-Standartenführer Walter Huppenkothen zusammen mit Hans von Dohnanyi hingerichtet. Dieser Huppenkotten wurde 1949 nach zwei Freisprüchen zu lediglich sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Interessant dabei: Der BGH hatte die Standrechtsverfahren der SS 1952 noch als Unrecht erkannt, urteilte aber 1956 in einem zweiten Verfahren, es handle sich bei den Taten Huppenkothens um „Staatsnotwehr“.

    Ich habe ein Buch „Verantwortung und Hingabe“ von Bonhoeffer, es enthält Gebete und Texte, die er in der Zeit der KZ-Haft geschrieben hat. In diesen Gebeten setzt er sich mit der Verantwortung des Menschen vor Gott auseinander, so sich selbst prüfend. Er entwirft ein neues Gottesbild, das nicht mehr dem starken und allmächtigen Gott ergeben ist, so nunmehr seine Zweifel an Gott bündelnd.

    Wir als Atheisten haben für Bonhoeffers Religiosität vermutlich nicht allzuviel Verständnis, zu Bonhoeffers Zeit aber war die Gläubigkeit die Nische, in die sich viele Menschen zurückzogen, weil sie glaubten, so dem Faschismus Widerstand leisten zu können, obwohl die Nazis die kirchliche Religiosität ja nicht verboten hatten. Siehe auch das Konkordat zwischen Vatikan und Nazis.

    • sascha313 schreibt:

      Danke Hanna! Mir ist auch aufgefallen, daß Bonhoeffer mit seinem kleinen Traktat gegen die Dummheit merkwürdig allgemein bleibt. Sowohl Dummheit, wie Bosheit sind keine philosophischen Begriffe, man kann sie also ebensowenig klassifizieren, wie den Begriff des Gefühls oder den der Gier. Ganz abgesehen davon, daß soziale Fragen niemals von einer neutralen Warte aus beurteilt werden können – sie sind immer mit einer Wertung, mit einer Parteinahme für die eine oder andere Seite verbunden. Sie sind historisch konkret zu betrachten… Aber sicher war Bonhoeffer das auch bewußt!

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