Nur ein Mensch…

Eggerath_MenschIn seinem Buch „Nur ein Mensch“ beschreibt der Antifaschist Werner Eggerath (1900-1977) die unvergeßliche Begegnung mit bemerkenswerten Persönlichkeiten, die auch sein Leben geprägt hatten. Die Nazis hatten Eggerath 10 Jahre lang, 1935 – 1945, im Zuchthaus eingekerkert. Nach der Befreiung vom Faschismus durch die Sowjetunion war Eggerath 1947 – 1952 Ministerpräsident in Thüringen und danach bis 1960 Botschafter und Staatssekretär der DDR. Werner Eggerath schrieb:

Vier Männer bildeten die Landesleitung der Kommunisti­schen Partei in der Illegalität. Die Fäden des Kampfes gegen die Hitlerdiktatur liefen in dieser Leitung zusammen, und von dort spannen sie sich zu den Stützpunkten im Ausland. Ein Einbruch der Gestapo in diese Leitung und das Ver­sagen eines dieser Männer hätte viele, viele tapfere Kämpfer gefährdet.

Vom Tage der Verhaftung an hing das Damoklesschwert über mir, daß irgend jemand eine Aussage machte, die mich erneut in die Hände der Gestapo gab, und deshalb hieß es: schweigen um jeden Preis! Es war keine Kleinigkeit, die ganzen Jahre zu schweigen, seine Sorgen mit niemandem be­sprechen zu können, und nur einem vertraute ich mich an:

Das war mein Freund Hans Kolodzik, mit ihm konnte ich mich aussprechen, und das brachte Erleichterung und neue Festigkeit, wenn die Gedanken einmal ausbrachen.

Dazu kam, daß die anderen Gefangenen auf mich schauten, wenn sie irgendwie schwankend wurden. Ich durfte am wenigsten die Festigkeit verlieren, zum mindesten nicht den Anschein erwecken, daß auch ich schwankend würde, weil ich dadurch den anderen den Halt genommen hätte, und ganz offen gebe ich es zu: Es gab Stunden, wo auch ich innerlich verzweifelte, und ich durfte doch keine Zweifel äußern. Mit niemandem konnte ich reden, alles mußte ich mit mir selbst abmachen. Nur mit meinem Freund Hans konnte ich mich offen aussprechen. – Er war Mechaniker. Während der schwersten Zeit der Ge­fangenschaft reparierte er die Nähmaschinen in der Schnei­derei des Zuchthauses, wo wir beide beschäftigt waren. Und diese Tätigkeit nutzte er aus, um zwischen den politischen Gefangenen in den einzelnen Zellen die Verbindung auf­rechtzuerhalten, Informationen und Richtlinien auszutau­schen. Er war am meisten gefährdet, und eine Unbesonnen­heit, eine Fahrlässigkeit von ihm hätte uns alle ans Messer gebracht.

Seine eiserne Ruhe und seine Kaltblütigkeit, seine Un­erschrockenheit ließen ihn nie versagen. Er stand wie ein Turm, der nicht zu erschüttern war, als die Wellen der Er­eignisse über uns zusammenzuschlagen drohten, als die wil­desten Gerüchte von einer Zelle zur anderen jagten, als die Aufseher triumphierten und in ihrem Siegestaumel die voll­ständige Vernichtung der Roten Armee und die Unter­jochung der halben Welt sahen. In diesen Tagen, als selbst viele unserer Besten ihre Verzweiflung nicht mehr verber­gen konnten – ging Hans Kolodzik von Zelle zu Zelle, repa­rierte die Nähmaschinen und ließ sich nicht beirren: Unser Tag kommt doch! Eine Welle von Mut und Standhaftigkeit ging von ihm aus, aus ihm sprach die Festigkeit des Prole­tariers, der nichts zu verlieren hat als seine Ketten und der weiß, daß der Sieg der Arbeiterklasse nicht zu verhindern ist. – Und ob wir dann noch leben werden?

„Leben wird die Partei.“- Es gab viele Hans Kolodziks.

Quelle: Werner Eggerath „Nur ein Mensch“. Dietz Verlag Berlin, 1961, S.16f.


Siehe auch:
Werner Eggerath: Leben im Dunkel – Als Kommunist im faschistischen Deutschland

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5 Antworten zu Nur ein Mensch…

  1. Pingback: Nur ein Mensch… — Sascha’s Welt | Schramme Journal

  2. Hanz29 schreibt:

    Und heute? Wo sind all diese mutigen Menschen geblieben? Gibt es doch mehr zu tun denn je…
    RT-deutsch hat wieder eine Kommentarfunktion. Und was lese ich gleich dort? Da schreibt einer: „Adolf war kein Rassist!“. Interessant. Das weist nach, dass Brecht recht behalten hat: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“. Da haben wir es mit dem gleichen Typus zu tun wie im Falle der deutschen Regierung, die gerade versucht, dort anzuschließen, wo Adolf aufgehört hat: Mit deutschen Waffen wieder Russen töten – zusammen mit Asow, Aidar, Rechter Sektor usw., die „die Rasse der Slawen“ – gemeint, alle, die russisch sprechen – vernichten möchten.
    Ich hatte nie Zweifel daran, dass die Naziideologie in vielen deutschen Köpfen weiter wuchert, auch wenn die gern mit einer anderen Farbe, z.B. grün, angemalt wird.
    In „diesem unserem Land“ (Kohl) gäbe es nach wie vor sehr viel aufzuräumen. Das wurde bekanntlich nach 1945 in der BRD versäumt und so sitzen wir immer noch „auf Bergen von ideologischem Müll“ und – das ist wahrlich gefährlich – handeln (Staat, Medien, große Teile der Bevölkerung) auf Basis dieser „Denkweise“ (Eine Form des „Nicht-Denkens“ in bewusstloser „Nachfolge“).

  3. Hanz29 schreibt:

    Nachtrag: Die genannte, nazifaschistische Ideologie, heute meist in irgendwelchen bunten Tarnfarben angemalt, hat unterdessen die TOTALE MACHT (Totalitarismus) in diesem Land erreicht. Die Bevölkerung sitzt dabei herum und macht ein Schafsgesicht während kleinere Teile irgendwie „demonstrieren“, wobei das eine den Mächtigen so recht ist, wie das Andere, denn es berührt die Ausübung der TOTALEN MACHT nicht.
    Und irgendwo sind da noch wir…

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