Albert Schweitzer: „Ehrfurcht vor dem Leben“

Albert_Schweitzer„Albert Schweitzer, der Urwaldarzt von Lambarene, gehört zu den großen humanistischen Persönlichkeiten unseres Jahrhun­derts. Sein Prinzip der «Ehrfurcht vor dem Leben», seine Arbeit für das Glück des Menschen und für den Frieden zwischen den Völkern haben überall in der Welt Widerhall gefunden. Eine besonders starke gesellschaftliche Wirkung und Ausstrahlungs­kraft erfuhren seine Ideen und sein Vorbild bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik und in anderen sozialisti­schen Ländern. Sein Streben nach Bruderschaft zwischen den Menschen und nach Eintracht zwischen den Nationen befindet sich in einer tiefen inneren Übereinstimmung mit entscheiden­den Grundsätzen und Zielen unseres eigenen Handelns für so­ziale Gerechtigkeit und für die Überwindung aller Kriegsgefahr.“  Diese Worte schrieb der spätere Präsident der Volkskammer der DDR, Gerald Götting, anläßlich des Erscheinens seines Buches im Jahre 1969, über den hervorragenden Arzt und Humanisten Dr. Albert Schweitzer.

Seither hat sich viel in der Welt verändert: Ärzte wurden zu gewissenlosen Kommis der Pharmaindustrie, zu raffgierigen Vollstreckern einer „Gesundheitsdiktatur“, und imperialistische Politiker zu inquisitorischen Herrschern über das Schicksal der Völker. Und es herrscht wieder Krieg in Europa. Der Kapitalismus hat sich der Moral bemächtigt und zieht seine verderblichen Spuren um die halbe Welt. Aus der „Ehrfurcht vor dem Leben“ wurde Verachtung und Geringschätzung der Menschlichkeit durch die neuen Nazis… ein Zustand, der sich nur noch mit der radikalen Beseitigung des kapitalistischen Unrechtssystems beheben läßt.

Doch weiter schreibt Gerald Götting in seinem Buch:

„So ist es erklärlich, daß ungezählte Bürger unserer Republik – Christen wie Nichtchristen – der Persönlichkeit und dem Wir­ken Albert Schweitzers über sein Grab hinaus in Hochachtung und Sympathie verbunden sind, daß viele Fäden Lambaréné und unser Land miteinander verknüpfen, daß Schweitzers Werk in unserem Staat nachhaltige Unterstützung erfährt. Albert Schweitzer selbst hat die Entwicklung der Gesellschafts­zustände und der Menschen in unserem Laude vor allem in den letzten Jahren seines Lebens stets mit Aufmerksamkeit und innerer Anteilnahme beobachtet. Er war froh darüber, daß in Gestalt unserer Republik ein deutscher Staat entstanden und herangewachsen ist, der dem Faschismus und allen anderen antihumanistischen Kräften und Tendenzen der Vergangenheit endgültig und von Grund auf den Abschied bereitet hat, den drohenden Gefahren eines neuen Krieges entschieden entgegentritt und in seiner gesamten Politik ständig darauf bedacht ist, allen Bürgern die freie Entfaltung ihrer Gaben und ein fried­volles, glückliches Leben zu gewährleisten.“ [1]

Tatsächlich war der Wunsch und die Ethik Albert Schweitzers in der DDR Wirklichkeit geworden. Auch in der Sowjetunion war man dem Wirken des „Urwalddoktors“ eng verbunden und nicht wenige Hilfssendungen aus den sozialistischen Ländern trafen im fernen afrikanischen Gabun ein. In einer Biografie dieses großen Arztes und Humanisten schreibt Boris Michailowitsch Nossik:

„Es kam das Weihnachtsfest. Als die Kerzen an der kleinen Palme, die als Weihnachtsbaum diente, halb heruntergebrannt waren, blies der Doktor sie aus. Wer weiß, ob sie nicht noch für das nächste Jahr reichen müssen. Schweitzer glaubte nicht an das Ende der Welt. Aber er glaubte auch nicht an eine plötzliche Heilung der Menschheit. Er war Positivist, Optimist – er glaubte an die Möglichkeit der Regeneration der Kultur“  [2]

Und Boris Nossik führt weiter aus:

„Schweitzer war davon überzeugt, daß «der von der Wahrheit erzeugte Geist stärker ist als die Umstände». Die Menschheit, so glaubte er, erleidet nur das Schicksal, das sie sich durch ihre geistigen und intellektuellen Bemühungen bereitet. Deshalb glaubte er nicht daran, daß die Menschheit diesen Weg des Untergangs bis zu Ende gehen werde.

Wenn sich die Menschen des Westens gegen den Geist der Gedankenlosigkeit erheben, wenn sie sich als genügend gesunde und tiefe Persönlichkeiten erweisen, um die Ideale des sittlichen Fortschritts als bewegende Kraft zu verbreiten, so meinte Schweitzer, dann wird eine Bewegung des Geistes einsetzen, die stark genug ist, um eine neue geistige Strömung in der Menschheit zu erzeugen.

«Ich glaube an die Zukunft der Menschheit», schrieb er, «weil ich von der Kraft der Wahrheit und der Kraft des Geistes überzeugt bin.» Die ethische Weltauffassung schließt nach Schweitzer den optimistischen Willen und die Hoffnung, die man niemals verlieren darf, ein. Man darf sich niemals durch die traurige Wirklichkeit einschüchtern lassen, man darf sich niemals davor fürchten, ihr direkt ins Gesicht zu schauen. [3]

Kurz vor seinem Tode schreibt Albert Schweitzer noch einmal einen persönlichen Brief an Gerald Götting, der seit 1960 Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates und später von 1969 bis 1976 Präsident der Volkskammer der DDR ist [4]:

8.8.1965

Lieber Freund,
Verzeih, daß ich Dir so lange nicht mehr geschrieben habe. Der Hauptgrund ist, daß mir das Schreiben immer beschwerlicher fällt wegen des Schreibkrampfes. Die Hand verlangt, daß ich immer kleiner schreibe, um die Anstrengungen des Schreibens zu vermeiden. Diese kleine Schrift wird aber mehr und mehr unleserlich. Ich mache, was ich kann, um die Idee des Friedens in der Welt zur Macht kommen zu lassen. Daß Johnson in der Nachfolge von Frankreich in Vietnam Krieg führt, kann ich nicht verste­hen.
Bonn wird nicht aufhören, Atomwaffen zu verlangen, obwohl die Sache aussichtslos ist. Dein Buch hat mich erschüttert. Ich ahnte nicht, daß in Westdeutschland so viele Hitleranhänger noch in leitenden Stellungen sind, während sie bei Euch keine Rolle mehr spielen. Erst durch das Buch, das Du mir geschickt hast, habe ich dies erfahren. Es hat mich erschüttert. Ich habe in der Nacht bis zum Morgengrauen drin gelesen. Was wird nun kommen?
Mit der Schreibkrampfhand geht es zur Zeit nicht gut. Es hängt damit zusammen, daß ich so viele Geburtstagsbriefe zu beant­worten habe. Dieser Pflicht kann ich mich nicht entziehen und will ich mich nicht entziehen.

Mit besten Gedanken
Dein Albert Schweitzer

Zitate
[1] Gerald Götting „Albert Schweitzer – Pionier der Menschlichkeit“, Union Verlag Berlin (DDR), 1979, S.   5f.
[2] Boris Michailowitsch Nossik „Albert Schweitzer. Ein Leben für die Menschlichkeit“. S.Hirzel Verlag, Leipzig; BSB B.G. Teubner Verlagsgesellschaft, Leipzig, 1977, S. 181.
[3] ebd. S.216.
[4] Gerald Götting „Albert Schweitzer…“ a.a.O.  S. 183f.

Schweitzer-Biogr  Schweitzer

Außerdem war Albert Schweitzer, was man nicht vergessen darf, Musikwissenschaftler und ein hervorragender Organist und Bach-Interpret. Davon zeugt auch die 1961 in der UdSSR erschienene Melodija-Schallplatte:

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8 Antworten zu Albert Schweitzer: „Ehrfurcht vor dem Leben“

  1. hb schreibt:

    Heute wäre ihm schon lange die Approbation entzogen worden, falls er diese Gedanken, die er in seinen Briefen äußert, lautwerden ließe. Und einen Vergleich mit meinem Hausarzt (Impfarzt) darf ich gar nicht erst anstellen.

  2. Erfurt schreibt:

    Damit es keine Mißverständnisse gibt: Ärzte ohne Grenzen e.V. (*) verfolgt in Afrika ganz andere Ziele. Es mag sein daß da Ärzte dabei sind die an medizinische Hilfe glauben aber ganz sicher hat dieser eingetragene Verein nicht das Ziel Menschen gesundheitlich zu versorgen.

    Und auch diejenigen die in Afrika Brunnen bohren haben nicht das Ziel Menschen mit Wasser zu versorgen. Sehen Sie, auch in Afrika leben seit Jahrtausenden Menschenvölker. Würde es afrikanische Nationen geben wenn sie für ihre Trinkwasserversorgung auf die Hilfe fremder Mächte angewiesen wären!? Ganz sicher nicht! Und genausowenig brauchen die Philipinen einen Andreas Kieling und die Oran Utas einen Hannes Jänicke!

    *) Ein eingetragener Verein ist nur die Unternehmensform, sowas wie eine GbR

    • sascha313 schreibt:

      Seit Kolumbus „Indien“ entdeckte, waren die Kolonisatoren an fremden Reichtümern interessiert… Albert Schweitzer war eine Ausnahmeerscheinung mit humanistischen Grundsätzen!

  3. „Und auch diejenigen die in Afrika Brunnen bohren haben nicht das Ziel Menschen mit Wasser zu versorgen.“

    Das stimmt leider.
    Ich habe eine Farm in Uganda. Da wurde auch mal ein Brunnen gebohrt. Offiziell um meine Nachbarn mit Wasser zu versorgen, obwohl man wußte, daß dieses Wasser viel zu viel Schwefel enthält.

    In Wirklichkeit ging es dabei um die Erforschung von Bodenschätzen.
    Der Brunnen geht 62 Meter in die Tiefe; alle 50 Zentimeter wurden Bodenproben entnommen.

    • Erfurt schreibt:

      Danke Dir für diese Information!!

      • Erfurt schreibt:

        PS: Auch in Deutschland hat kein einziges Unternehmen vor, Menschen zu versorgen. Die Großen sowieso nicht und die Kleinen sehen zu daß sie selbst über die Runden kommen.

        Krankenhäuser, Intensivstationen, Med. Gerät usw. sind nur Waren die als Kapitalanlage entweder maximale Rendite abzuwerfen haben oder maximale Gewinne beim Verkauf. Und ob Herz-Lungen-Maschinen in Kontainern auf den Ozeanen der Welt umherschwimmen oder in deutschen Universitätskliniken Strom verbrauchen ist den Herren Investoren völlig Wurscht!

        Schönen Sonntag.

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