War die DDR bankrott?

DDR-EmblemDummheit müßte eigentlich bestraft werden, zumindest wenn dadurch die Verbreitung unwahrer Tatsachenbehauptungen verhindert werden könnte. Aber wie es in der BRD nunmal so ist, kann jeder Trottel sagen und schreiben was er will, insbesondere dann, wenn damit die nicht mehr vorhandene DDR angeschwärzt und die lesende Bevölkerung vorsätzlich belogen wird. Ehrenrührig ist es allemal, wenn da erklärt wird, die DDR sei bereits 1983 bankrott gewesen und habe sich noch sechs weitere Jahre durchwursteln können, ehe sie endlich beendet worden sei. Ehrenrührig deswegen, weil damit die Leistungen eines 17-Millionen-Volkes in den Dreck getreten werden. Denn in der DDR gab es das Recht auf Arbeit, und die Arbeit selbst war eine Ehrensache. Arbeitslosigkeit gab es in der DDR nicht. Doch sei es, wie es ist – wenn solche Aussagen von jemandem getroffen werden, der von nichts eine Ahnung hat, was die DDR-Volkswirtschaft betrifft, so wird es hier wohl auch keine Kläger geben.

Hier nun vier Argumente, die beweisen, daß die o.g. Aussage, die DDR sei bankrott gewesen, falsch ist:

1) Der Strauß-Kredit von 1983 als „Anfang vom Ende“(?) der DDR

Zu einem Artikel im „Freitag“ vom 25. Juli 2008

„Zum banktechnischen Effekt des Strauß-Kredits von 1983“
„Der im Zuge der deutschen Entspannungspolitik möglich gewordene „Strauß-Kredit“ von 1983 in Höhe von 1 Mrd. DM wurde zunächst dazu verwendet, die zeitweilige Kreditverweigerung der westlichen Banken – die damals gegenüber Polen, Ungarn und Rumänien ebenso bestand – zu durchbrechen. Dies wurde dadurch erreicht, dass einerseits die DDR diesen Kredit nicht direkt zur Importfinanzierung beanspruchte, sondern als Liquiditätsguthaben im westlichen Bankensystem deponierte. Andrerseits kam eine Bürgschaft der Bundesrepublik für diesen Kredit dadurch zustande, dass die DDR ihre vertraglich mit der BRD vereinbarte Berlin-Transitpauschale als Sicherheit einsetzte. Der „Strauß-Kredit“ diente als Türöffner bei den privaten Banken und verminderte die politische innerdeutsche Verkrampfung mitten im Kalten Krieg.

Der deutschlandpolitische „Strauß-Kredit“ kostete den westdeutschen Steuerzahler also praktisch nichts, worauf Strauß selbst verwiesen hat…. Die Bundesbank kommentierte die Sachlage dann wie folgt:

„…daß es den Verantwortlichen in der DDR nach dem Beginn der achtziger Jahre relativ schnell gelungen ist, ein respektables Liquiditätspolster aufzubauen. Ende 1981 betrugen die Forderungen (Guthaben) gegenüber dem NSW noch 3,2 Mrd. VM, bis Ende 1985 waren sie auf 30,2 Mrd. VM abgewachsen. Sie setzten sich zum großen Teil aus Guthaben der DDR-Banken, daneben aus Handelskrediten der Unternehmen sowie in relativ geringem Umfang aus Regierungskrediten zusammen … Aber Ende 1989 lagen sie immerhin noch bei 29 Mrd. VM und deckten 59,3 % der Verschuldung ab. Das Verhältnis der Auslandsaktiva zu den Importen belief sich auf 158 %, das heißt sie entsprachen den Einfuhren 1 1⁄2 Jahren.“ (Bundesbank, Sonderbericht, 58)

Damit entdramatisiert die Bundesbank manche politisch motivierten Aussagen zur DDR-Verschuldung.“


2) Im November 1983 führte Peter Scholl-Latour (Stern) mit Erich Honecker ein Interview. Scholl-Latour kam auch auf den Milliarden-Kredit zu sprechen. Ich zitiere:

Peter Scholl-Latour/Stern: Die Bonner Regierung hat es bisher vermieden, in der Öffentlichkeit einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Milliardenkredit und menschlichen Erleichterungen herzustellen. Unausgesprochen wird jedoch die politische Absicherung weiterer Bankenkredite von einer Veränderung beim Mindestumtausch abhängig gemacht. Wann können und wollen Sie die Bonner Erwartungen erfüllen?

Erich Honecker: Als einem Manne von Welt ist es Ihnen nicht unbekannt, daß die internationalen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen unmöglich wären ohne die Einschaltung der Banken. Sie spielen im zwischenstaatlichen Handel, ob man das nun wahrhaben will oder nicht, eine fördernde oder eine bremsende Rolle. Bei dem Geschäft zwischen der Außenhandelsbank der DDR und einem Bankenkonsortium der BRD mit Sitz in Luxemburg handelt es sich um eine kommerzielle Vereinbarung, wofür die Bürgschaft praktisch vom Finanzminister der DDR gegeben wurde. Das hatte zweifellos einen günstigen Einfluß auf das Klima zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland. Daraus Erwartungen abzuleiten, die mit den Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen der DDR und der BRD nichts zu tun haben, ist fehl am Platze. Die DDR wird, wie in der Vergangenheit so auch in Zukunft, nicht bereit sein, bei der Entwicklung ihrer Handels- und Wirtschaftsbeziehungen einem Junktim mit politischen Forderungen zuzustimmen. Wir sind für eine breite Ausdehnung der Handels- und Kreditbeziehungen zwischen der DDR und der BRD entsprechend dem Grundsatz des beiderseitigen Vorteils.“

Für Kapitalisten ein ganz normaler Vorgang. Ihr eingesetztes Kapital brachte Zinsen, wurde vorzeitig wieder zurückgezahlt, was will ein Kapitalist mehr? Kapitalisten leben halt nach dem Motto: „Geld stinkt nicht“.

War die DDR demnach bankrott. Für mich liest sich das etwas anders.


3) Am 7.12.1987 ab die Bayerische Landesbank in München folgende Erklärung ab:

„DDR hat Kredit von 1983 zurückgezahlt
Die DDR hat ihren, 1983 aufgenommenen Milliardenkredit voll zurückbezahlt klärte DPA zufolge ein Sprecher der Bayerischen Landesbank Girozentrale, München. Die Bayerische Landesbank war zusammen mit der Deutschen Bank AG, Frankfurt, Konsortialführer des Kredits, der am 1. Juli 1983 in Kraft trat und vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Joseph Strauß mitinitiiert wurde. Die mittlere Laufzeit des Kredits habe bei 2,75 Jahren gelegen.“


Ende Juli 1989 ging folgende Meldung durch den Blätterwald:

4) Milliardenkredit verhindert Staatsbankrott

USA-Regierung muß sich 70 Milliarden Dollar borgen
„Der Finanzausschuß des Repräsentantenhauses hat der USA-Regierung angesichts der leeren Staatskasse erlaubt, sich weitere 70 Milliarden Dollar zu borgen, um eine Zahlungsunfähigkeit der Administration zu verhindern. Wie Ausschußvorsitzender Dan Rostenkowski sagte, wolle man der Regierung damit über eine kritische Zeit helfen und es ihr ermöglichen, unter anderem die Gehälter von Beamten und Kongreßabgeordneten zu überweisen. Mit der neuen Kreditgenehmigung erhöht sich die Grenze, bis zu der die Regierung Finanzmittel borgen darf, auf 2,8 Billionen Dollar. Diese Summe akkumulierter Schulden wird voraussichtlich im August erreicht.“


Zum Abschluß noch eine Anmerkung zur finanzpolitischen Bildung:

Milliardenkredite der USA, aber auch der Alt-BRD, wurden durch Neuaufnahme von weiteren Milliardenkredit getilgt. Im Gegensatz zur DDR. Die DDR tilgte diesen Milliarden-Kredit nicht durch Aufnahme neuer Milliarden-Kredite, nein – die DDR konnte tilgen, dank der Arbeitskraft der Menschen in der DDR. Punkt.

(Vielen Dank an Johann Weber für diese Zusammenstellung der Argumente!)

DDR-Schulden

Der DDR-Finanzökonom Dr. Siegfried Wenzel schrieb dazu folgendes:

Zur Inlandsverschuldung und zum Wert der Mark der DDR

Wenzel-DDRNach offiziellen Angaben der Bundesregierung wurden mit dem Inkrafttreten der Währungsunion, d.h. mit dem ökonomischen Anschluß der DDR an die BRD am 1.7.1990, folgende Schulden des Staates und der volkseigenen Wirtschaft der DDR von der BRD übernommen:

Danach betragen die übernommenen Schulden je DDR-Bürger (pro Kopf) 13.540 DM. Wenn man die veröffentlichten Schulden der Altbundesrepublik im Jahre 1990 zugrunde legt, kommt man auf eine Pro-Kopf-Verschuldung der Bürger in den alten Bun­desländern in Höhe von 15.000 DM.

Das fordert zu folgenden Überlegungen heraus:
Von den für die DDR ausgewiesenen Schulden machen die sog. Altschulden der der Treuhand zugeordneten Betriebe mit 104 Mrd. DM fast die Hälfte aus. Es waren Verpflichtungen der Staatsbe­triebe der DDR gegenüber der Staatsbank bzw. dem Staatshaus­halt der DDR. Wenn man die Zentralverwaltungswirtschaft des Realsozialismus, wie häufig behauptet wird, als ein zentralistisch geleitetes Gesamtsystem betrachtet, dann handelte es sich hierbei um innere Verrechnungen im Rahmen dieses Systems. Es wird mit Recht kritisiert, daß es keine voll ausgebildete wirtschaftliche Rechnungsführung der wirtschaftlichen Einheiten wie Kombi­nate, Betriebe usw. gab. Sie wurden über den Staatshaushalt mit den erforderlichen Mitteln für Investitionen und Geldumlauf aus­gestattet.

Es waren also keine Schulden selbständiger wirtschaft­licher Einheiten. Die Verrechnung vollzog sich innerhalb des Eigentumsträgers der gesamten Wirtschaft einschließlich des Staatshaushaltes. Da die BRD das gesamte öffentliche Eigentum, also sowohl das gesamte produktive Eigentum, das volkseigene Wohnungseigentum und anderes Staatseigentum einschließlich der Staatsbank übernahm, handelte es sich demzufolge um inne­re Verrechnungen, die sich im Rahmen eines Eigentumssubjektes ausgleichen. Diese Verbindlichkeiten der volkseigenen Betriebe sind in den Abschlußbericht der Treuhand als sog. „Altkredite“ übernommen und damit Bestandteil der Abschlußbilanz des ehe­mals volkseigenen Produktivvermögens, die durch die Treuhand zu vertreten sind.

In Übereinstimmung mit anderen Ökonomen vertrete ich die Auffassung, daß die Abschlußbilanz eines vierzig Jahre souverän existierenden Staates und seiner Wirtschaft nur zwei Positionen umfassen kann:

  • Die Auslandsschulden, d.h. im vorliegenden Falle die von der Bundesbank ausgewiesene Nettoauslandsverschuldung in Höhe von 23,3 Mrd. DM.
  • Die Verbindlichkeiten des Staatshaushaltes gegenüber den Spar­einlagen der Bevölkerung, soweit sie als Kredite des Staatshaushaltes z.B. für die Finanzierung des Wohnungsbaus in Anspruch genommen wurden; nach Verlautbarung der Bundesregierung 38 Mrd. DM.

Das sind pro Kopf der Bevölkerung der DDR Schulden in Höhe von 3.625 DM.

Selbst wenn man die in der Verlautbarung der Bundesregierung zur Währungsunion aufgeführten Positionen „28 Mrd. DM inter­ne Schulden des Staatshaushaltes“ und „26 Mrd. DM Restaus­gleichsposten aus der Währungsumstellung“, deren Inhalt jedoch nicht öffentlich dokumentiert wurde, noch hinzuzieht, ergibt sich eine Schuldensumme in Höhe von 12,7 Mrd. DM.

Das sind pro Kopf der Bevölkerung 7.050 DM.

Damit betrugen die Schulden pro Kopf, die die DDR-Bürger in die Vereinigung eingebracht haben, nicht einmal 50% derjenigen, die auf jedem Bürger der alten Bundesländer lasten. Juristisch ste­hen aber die DDR-Bürger für das Abtragen dieser Schuldenlast der „Westbürger“ mit in der Pflicht. Es sollte natürlich vermerkt werden, daß solche pauschalen Ver­gleiche problematisch sind. Aber zunächst ergeben sie sich aus der Gegenüberstellung der Angaben, die die Treuhand hinterlassen hat. Die Verbindlichkeiten des Staatshaushaltes betrugen, wie bereits dargelegt, 123 Mrd. Mark der DDR.

Diese erstaunlich soliden Zahlen der Verschuldung des Staates DDR werden – sicher unfrei­willig – durch Angaben des ehemaligen Bundesfinanzministers T. Waigel belegt. Er stellte am 22.5.1990 in einer Sitzung des Bun­desrates fest:

„Die entstehenden Finanzdefizite … sollen zu rund einem Drittel von der DDR selbst finanziert werden. Diese Selbst­beteiligung ist zumutbar, weil die DDR mit 40 Mrd. DM – rund 13% des Bruttosozialproduktes – eine vergleichsweise geringe Aus­gangsverschuldung aufweist.“

Das waren die richtigen Fakten und eine richtige Bewertung dazu. Gleichzeitig wird damit in einer anderen, viel diskutierten Frage offiziell Position bezogen; nämlich zur Höhe des Bruttosozial­produktes der DDR in D-Mark zum Zeitpunkt der Wende. Die Angaben des Bundesfinanzministers führen zu einem Brutto­sozialprodukt der DDR im Jahre 1989 in Höhe von 313 Mrd. DM. (…)

Zumindest sollte man zugeben, daß das laute und immer wieder neu aufgetischte Pleite-Geschrei auch vom Standpunkt der inne­ren Verschuldung der sachlichen Grundlage entbehrt. Die Ver­fechter dieser Verleumdung eines zwar untergegangenen, aber immerhin 40 Jahre existierenden Staates sollten endlich die Fak­ten akzeptieren und damit auch die Arbeit und die Lebensleistung von 16,5 Mio Deutschen. Dazu brauchen sie nur die soliden Ein­schätzungen ihrer eigenen Politiker und Wissenschaftler zur Kennt­nis zu nehmen.

Quelle: Siegfried Wenzel „Was war die DDR wert?“. Das Neue Berlin, 2000, S. 28-31.
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11 Antworten zu War die DDR bankrott?

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  2. Erfurt schreibt:

    Es wird mit Recht kritisiert, daß es keine voll ausgebildete wirtschaftliche Rechnungsführung der wirtschaftlichen Einheiten wie Kombi­nate, Betriebe usw. gab.

    Das verstehe ich nicht so ganz. „Rechnungsführung und Statistik“ (RuSt) war ein Studienfach an jeder akademischen Einrichtung der DDR.

    MFG

    • sascha313 schreibt:

      Ich kann einige Aussagen von Siegfried Wenzel auch nicht nachvollziehen. Für meine Begriffe sind seine Darlegungen unmarxistisch, wenn er den westlichen „Argumenten“ Glaubwürdigkeit bescheinigt und gewissermaßen Selbstkritik übt, wo wir doch die eigenen Mängel gut genug kannten. Er scheint vergessen zu haben, daß wir es von Anfang an mit dem Klassenfeind zu tun hatten! Eine derart devote Haltung gegenüber den Machenschaften der „Treuhand“ ist unwürdig. Wo doch von Anfang an klar war, daß es sich dabei um einen Betrügerverein handelte.

      Bei der Rechnungsführung und Statistik waren klar definierte Aufgaben vorgegeben, die in den Betrieben, Kombinaten , Bereichen und Territorien bis hin zur staatlichen Leitung und Planung umzusetzen waren. Die staatliche Zentralverwaltung für Statistik organisierte, daß die Informationen nach einheitlichen Grundsätzen und Vorschriften erfaßt und verarbeitet wurden. Der Staatlichen Plankommission oblag die Entwicklung der Volkswirtschaft und die Kontrolle der Durchführung der Pläne.

      • Erfurt schreibt:

        Danke Sascha! Im Wesentlichen und in seiner Kernaussage ist der Artikel dennoch interessant.

        Viele Grüße!

  3. Johann Weber schreibt:

    Wer an einer ehrlichen Aufarbeitung unserer gemeinsamen Geschichte interessiert ist, darf auch folgendes nie vergessen:

    „Neues Deutschland“ vom 15.4.1965
    100 Milliarden

    „Vor einigen Tagen hat der westdeutsche Ökonom und Bundestagsabgeordnete der SPD, Professor Fritz: Baade, nachgewiesen, daß die Bundesrepublik der DDR mindestens 100 Milliarden Mark schuldet. Davon entfallen 25 Milliarden auf die Reparationen, die von uns in der schwersten Zeit für ganz Deutschland geleistet wurden. Bis 85 Milliarden Mark betragen die Schäden, die uns in den Jahren der offenen Grenze zugefügt wurden. ….
    Baade ist also im Unterschied zur Masse der Diätenabsitzer im Bonner Bundeshaus jemand, der weiß, wovon er redet. Wer ihn — wie das gewisse SPD-Führer jetzt tun — einen Ignoranten nennt, kommt auf den Adenauer. Der hatte bekanntlich die Elite der westdeutschen Naturwissenschaftler als Ignoranten beschimpft, aber seinerseits den ersten Sputnik mit den klassischen Worten quittiert: „Dat jlaube ich nich.“

    Die Zahlen, die Professor Baade übrigens in einem Interview mit der tschechoslowakischen Zeitschrift „Internationale Politik“ — veröffentlichte, bestätigen, was Walter Ulbricht bereits im 1962 darlegte: Wir haben in der Auseinandersetzung bis zum 13. August große ökonomische Verluste erlitten. Durch organisierte Republikflucht und den Währungsschwindel wurden uns die Milliardensummen geraubt, die wir in den zehn Jahren vorher zusätzlich hätten investieren müssen, um eine hochmoderne, neu ausgerüstete, leistungsfähige Industrie zu besitzen. Es mag damals manchen gegeben haben, der das für „Propaganda“ oder auch für eine Entschuldigung hielt, weil bestimmte Ziele nicht im vorgesehenen Tempo erreicht wurden.
    Jetzt sind diese Angaben von einem Mann erhärtet und sogar wesentlich erweitert worden, dem man schwerlich unterstellen kann, ein „Propagandist“ der DDR zu sein. Was also dem einen oder anderen seinerzeit als bloße politische Polemik erscheinen mochte, ist jetzt als wissenschaftlich geprüfte Tatsache bestätigt.

    Jedoch bestätigen die Untersuchungen von Baade damit noch mehr. Sie decken auf, aus, welchen Quellen eigentlich dieses bundesdeutsche „Wirtschaftswunder“ sprudelte: Aus denen amerikanischer Honorare für den Ausverkauf des nationalen Selbstbestimmungsrechtes ebenso wie aus denen des Betrugs und des offenen Raubes. …

    Professor Baades Zahlen bestätigen noch etwas anderes. Halten wir sie gegen das, was wir heute sind, dann wird deutlich: Wir sind es erstens trotz der schlechteren Ausgangssituation.
    Wir hatten kein Ruhrgebiet, ausländische Beobachter nannten die junge DDR einen großen Kartoffelacker, und wir zahlten trotzdem Reparationen im Gegensatz zu Westdeutschland. Wir sind es zweitens trotz der 85 Milliarden Mark, die uns Bonn über die offene Grenze raubte. Darum sind wir, was Sehende heute in aller Welt „das wahre deutsche Wunder“ nennen. ….

    Vor allem aber hat man-in Bonn panische Angst vor den Schlußfolgerungen, die Professor Baade aus seinen Zahlen zieht. Er sagt, die Bundesrepublik schuldet der DDR 100 Milliarden Mark an Reparationen. Wenn aber die Reparationen verwirklicht würden, könnte das sozialistische System seine Vorteile bald voll beweisen, und dann würde auch „die Frage der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten einen großen Schritt zu ihrer befriedigenden Lösung vorwärtskommen“….“

  4. kaki1310 schreibt:

    Ich möchte hier noch anfügen, dass das erwähnte „Pleite-Geschrei“ auch aus den eigenen Reihen kam. Ich selbst hatte es von alten Genossen der SED, zum Teil Verwandten zweiten Grades, hören müssen. Ich erinnerte mich dann immer an ein altes Arbeiterlied von Hanns Eisler „Der schlimmste Feind“. Dieses Lied passt natürlich auch sehr gut auf die SPD und Die „Linke“. Viel erschreckender war für mich aber, dass genau diese Genossen die ersten waren, die über Aktiendepots verfügten und mir sagen wollten, wo ich denn mein Geld anlegen sollte. Da war mir einer der Gründe klar, warum die DDR untergegangen war.

    • Erfurt schreibt:

      Kulturschaffenden in der DDR hat man seitens des Westens immer vorgeworfen, daß ihre Werke politisch von der SED gelenkt seien. Es gab jedoch nicht einen Einzigen (*) der diesen Vorwurf als Mangel empfunden hätte sondern als Verpflichtung.

      *) Außer denen die sich vom Westen haben kaufen lassen.

  5. ralfbielefeld schreibt:

    Die Befreiung wird wie 1945 von außen kommen. 1945 gab es wenigstens eine
    KPD im Untergrund. Heute besteht die linke aus 2 stramm antikommunistischen
    Fraktionen. Die junge Welt wird auch immer antikommunistischer. Aber wie 1917 ist
    Russland das schwächste Glied in der imperialistischen Kette.

  6. Johann Weber schreibt:

    „1945 gab es wenigstens eine KPD im Untergrund“. Wer erinnert sich heute noch?
    Fällt das Wort „Kommunist“, ist jede Diskussion beendet.
    Deshalb ein Zeitzeugenbericht, der aufzeigt wie Kommunisten, andersdenkende in der Alt-BRD verfolgt wurden. Etwas lang, aber den verfolgten Alt-BRD-Kommunisten zur Erinnerung.

    Hannelore Nowak schildert in ihrem Bericht „Über das Schicksal politisch Verfolgter“, entnommen aus dem Buch „Freiheitliche demokratische Grundordnung II“ von Erhard Denninger, sehr eindrucksvoll welchen Verfolgungen Menschen in der Alt-BRD ausgesetzt waren, die gegen die Politik dieser Regierungen auftraten. Dieser Bericht von Hannelore Nowak ist deshalb so interessant, weil hier im Grunde das ganze Spektrum dieser Verfolgung Andersdenkender beschrieben ist. Aber lassen wir Hannelore Nowak zu Wort kommen:

    „Mit Interesse habe ich die Konferenz verfolgt, die sich mit dem Problem der Wiederzulassung der Kommunistischen Partei Deutschlands befaßt.
    Das Verbot brachte Hunderten von Menschen viele Monate Gefängnis. In den meisten Fällen sind es Kommunisten, die ihrer Freiheit beraubt wurden und noch werden. Für den Betroffenen ist es schwer, Monate im Gefängnis zu verbringen. Aber schwer ist es auch für die Familie, die sehr hart in Mitleidenchaft gezogen wird.
    Mein Mann erhielt in zwei Prozessen, 1962 und 1965, insgesamt 30 Monate Gefängnis. In beiden Fällen wurde er wegen »Verstoßes gegen das KPD-Verbot« verurteilt. 1962 reichte die Zeugenaussage eines einzelnen, um ihn zu 16 Monaten Gefängnis zu verurteilen. 1965 wurde er mit 250 Exemplaren der »Informationsblätter für Bergarbeiter« angetroffen, die er in seinem Pkw hatte. Herausgeber war die KPD. In diesem Informationsblatt standen drei Artikel. Einer, der sich mit den Betriebsratswahlen im Bergbau befaßte, ein anderer, der die Bergarbeiter zur Solidarität mit den im Lohnkampf stehenden Metallarbeitern aufrief, ein dritter, der gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam Stellung nahm.
    Selbst das Gericht kam zu der Feststellung, daß es sich um keine »verfassungsfeindlichen« Artikel handelt. Trotzdem verhängte es 14 Monate Gefängnis.
    Als man meinen Mann im Jahre 1961 verhaftete, wurden mit ihm noch etwa 30 andere Männer allein in Bochum in U-Haft genommen. Bei ca. 60 Familien wurden Haussuchungen durchgeführt, 30 Frauen standen plötzlich allein, zum Teil mit minderjährigen Kindern.
    Nicht genug, daß die Männer verhaftet waren, die Ernährer der Familie. Es folgten Entlassungen von der Arbeitsstelle. Vielen Familien wurde die Werkswohnung gekündigt.
    Vor schwierige, kaum lösbare Probleme sahen wir uns gestellt. Denn was bedeutet es für die Frau, für die Kinder, den Mann, den Vater im Gefängnis zu wissen, er, der seiner Arbeit nachging und ein rechtschaffener Mensch war, der sich nicht an Hab und Gut anderer Menschen vergriffen hatte.

    Der Kollege am Arbeitsplatz sah die Verhaftung noch als Unrecht an. Es den Frauen der Nachbarschaft klarzumachen, war schon schwieriger.
    Und manchmal noch schwerer hatte es das Kind in der Schule mit dem Lehrer bzw. der Lehrerin.
    Seelisch litten die Frau und die Kinder unter diesem Umstand. Physische Erkrankungen waren nicht selten die weitere Folge. So starben die Frauen von Emil Bechtle, von Fritz Rische, Oskar Weyrich und andere während der Haft ihrer Männer. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß Karl Jungmann, Martha Hadinsky, Gerda Kahler, Herbert Wilke, um nur einige zu nennen, ihr Leben verloren durch Auswirkung der politischen Verfolgungen. Und viele, die aus den Gefängnissen entlassen wurden, trugen körperliche Schäden davon.

    Ich erinnere mich, mit welchem Herzklopfen ich ins Gericht ging, um eine Besuchserlaubnis für meinen Mann zu holen. Welche Gefühle mich beim Durchschreiten des Gefängnistores bewegten, vermag ich kaum auszudrücken. Wie mag es all den anderen Frauen zumute gewesen sein?

    Wie furchtbar war es, wenn die Familien der politisch Verfolgten Zwangsräumungsbefehle erhielten und aufgefordert wurden, binnen einer bestimmten Frist die Wohnung zu räumen. Mit dem Möbelwagen kam der Gerichtsvollzieher, der die Zwangsräumung vornahm. Einen Stuhl setzte er raus, denselben wieder rein. Für diesen formalen Akt der Zwangsräumung mußten bis zu 70,- DM gezahlt werden. Bei manchen wiederholte sich diese Prozedur bis zu dreimal, ehe sie eine andere Wohnung hatten.

    Kinder bekamen den Schlüssel um den Hals gehängt, weil die Mutter arbeiten gehen mußte, andere wurden bei Verwandten untergebracht. Frauen mit mehreren Kindern mußten die Wohlfahrt in Ansprach nehmen. Not zog bei den Familien ein.

    Das und vieles ändere erlebte ich in meiner Stadt, mit meinen Bekannten. Ich selbst war in der glücklichen Lage, einen anständigen Hausbesitzer zu haben, der uns nicht kündigte. Wir haben keine Kinder. Aber die ganze Last unseres Geschäftes mußte ich allein tragen. Der Umsatz ging stark zurück. Wie alle anderen Frauen, deren Männer verhaftet waren, mußte ich mit dem wenigsten auskommen.

    In dieser Zeit hatte ich 16 Monate ein kleines Mädchen bei mir, dessen Mutter beim Besuch ihres Vaters im Gefängnis ebenfalls verhaftet wurde. Zweidreiviertel Jahre war die kleine Vera alt, als ich sie zu mir nahm. Und über vier Jahre, als ihre Mammi, die sie nicht mehr kannte, aus dem Gefängnis kam. Noch nicht einmal das letzte Drittel wurde dieser jungen Frau auf Bewährung ausgesetzt, weil sie, wie der Anstaltsleiter im Gefängnis Essen der Staatsanwaltschaft mitteilte, ihre kommunistische Gesinnung nicht geändert hatte.

    Nach der Inhaftierung meines Mannes im Februar 1965 wurde eine weitere Haussuchung in unserer Wohnung durchgeführt. Meine Mutter, die eine beiderseitige Herzmuskellähmung dritten Grades hat, erlitt einen schweren Herzanfall, während die Beamten die Haussuchung weiter fortführten. In der nächsten Nacht folgten zwei weitere Herzanfälle.

    Am 15.9.1965 wurde mein Mann auf der Polizeiwache in Bochum-Linden verhaftet, bei der er sich wöchentlich zweimal melden mußte. Um seine vorzeitige Haftentlassung zu erwirken, gab ich einen Offenen Brief heraus. Mit Schreiben wandte ich mich an viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit der Bitte, bei dem Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Dr. Dr. Neuberger, für die Freilassung meines Mannes zu intervenieren. Meinem Wunsch entsprachen unter anderen: Herr Präses Wilm, Weltkirchenratspräsident D. Martin Niemöller, Professor Eugen Kogon, Professor Dr. Popitz, der Chefredakteur der IGMetall-Zeitung Moneta, Graf von Wedel, der Bundestagsabgeordnete der FDP William Borm, die Landtagsabgeordneten der SPD Netta und Schwarz, viele Betriebs- und Gewerkschaftsfunktionäre. Viele suchte ich persönlich auf. Im Justizministerium und im Landtag wurde ich vorstellig. Durch Erlaß des Justizministers wu rde mein Mann am 2 2. 2. 1966, zwölf Monate vor Strafende, endlich aus der Strafhaft entlassen.

    Weil ich mich um die Freilassung meines Mannes bemühte, wurde von der Staatsanwaltschaft in Dortmund am g. 1. 1966 eine Haussuchung gegen mich verfügt. Obwohl der Staatsanwaltschaft
    sowie der politischen Polizei der Zustand meiner Mutter bekannt war. Meine Mutter erlitt wieder einen Herzanfall. Die Bemühungen um die Befreiung meines Mannes wurden nun mir als illegale politische Tätigkeit ausgelegt. Das Ermittlungsverfahren ist bis heute nicht eingestellt.

    Das KPD-Verbot hat nicht nur eine politische Seite. Es brachte auch viel Kummer und Leid mit sich. Gewiß, noch werden unsere Männer nicht geschlagen und gefoltert, wie das während der Nazizeit an der Tagesordnung war. Noch sitzen sie in Gefängnissen und nicht in Konzentrationslagern. Aber wer hätte 1945 daran gedacht, daß 1956 schon wieder beginnt, was wir für immer hinter uns zu haben glaubten?!“
    Eine Wiedergutmachung von Seiten des Staates wurde all diesen Menschen zugefügtes Unrecht nicht zu Teil. Alle bisher in den Bundestages vertretenen Parteien, außer die Linke, lehnten jeden Antrag auf Entschädigung für dieses vom Staat begangene Unrecht ab.
    Nur ein Vergleich. Wer in der DDR für 6 Monate als politisch Verurteilter in einem DDR-Gefängnis saß, bekommt eine monatliche „Opferrente“ von 330 Euro. Das sind jährlich 3.960 Euro, bei einem Bezug von 25 Jahren immerhin 99.000 Euro.
    Laut Wikipedia wird die Zahl der eingeleiteten Ermittlungen und Verurteilungen zwischen 125.000 bis 200.000 Ermittlungen und 7.000 bis 10.000 Verurteilungen angegeben. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln. Die Archive blieben bisher der Öffentlichkeit verschlossen.

  7. F. Michael schreibt:

    Das westliche BRD System wurde immer mit Finanzmittel der USA bezuschusst, sollte es doch als das „Bessere“ da stehen, dafür gab der Staat sich als Untertan der US-Allierten und das bis heute. Alles was hier geschieht und geschehen ist war im Interesse der USA, auch die Wiedervereinigung. Heute sehen wir was das aus der BRD gemacht hat ein Vasallenstaat der gehorchen muss, pfui.

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