Mit für uns unverständlicher Nachsicht und Milde reagierte die Führung der Sowjetunion im Jahre 1960 auf eine faschistische Provokation seitens des Bonner Regimes. Waren das schon die Auswirkungen dessen, daß der Antikommunist Nikita Chruschtschow, der 1953 von seinen Komplizen im Politbüro zum Ersten Sekretär der KPdSU gemacht worden war, längst seinen Frieden mit den Nazis gemacht hatte? Jedenfalls hatte der zweifach als angeblicher „Held der Sowjetunion“ dekorierte Trotzkist und Verräter Chruschtschow schon bei seinem Besuch in den USA zu verstehen gegeben, daß ihm an der Freundschaft zu den Imperialisten mehr liegt als am Wohl seines eigenen Volkes.
Was war geschehen?
Ein Bürger der UdSSR namens Iwan Goppe, der während des Großen Vaterländischen Krieges auf die Seite der faschistisch-deutschen Okkupanten übergelaufen war und in Belorußland an mehreren Kriegsverbrechen teilgenommen hatte, war von der Sowjetmacht nachgewiesenermaßen als Kriegsverbrecher zu langer Gefängnishaft verurteilt worden. Aufgrund einer Amnestie war er jedoch 1956 freigelassen worden. Eines Tages erhielt Goppe von der Botschaft der BRD in Moskau ein Paket, in dem sich eine faschistische Auszeichnung nebst einer Urkunde mit der Abbildung eines Hakenkreuzes befand, über die im Namen Hitlers erfolgte Verleihung an Goppe.
Was tat die sowjetische Regierung?
Die sowjetischen Behörden hingegen reagierten auf diesen Vorfall äußerst gelassen. Sie übergaben dem deutschen Botschafter lediglich eine förmliche schriftliche Mitteilung, in der sie ihren Protest zum Ausdruck brachten und dies als eine Handlung bezeichneten, die „an eine Provokation grenzt“. Man schien die Sache nicht allzu ernst zu nehmen, denn damit war der Fall erledigt. Die Sache hat jedoch eine Vorgeschichte.
Wie kam es dazu?
Wer waren diese Leute, die von Chruschtschow 1956 amnestiert worden waren? Alexander Tscherepanow schreibt:
Am 17. September 1955 hatten die Trotzkisten in der sowjetischen Regierung „ein Dekret erlassen, nach dem die Masse der ehemaligen Nazi-Polizisten, der Bandera-Anhänger und anderer faschistischer Handlanger amnestiert wurden, um anschließend in die sowjetischen Partei- und Staatsorgane integriert zu werden. …
Drei Millionen aufrechte Bolschewiki starben im Zweiten Weltkrieg und an deren Stelle zogen die Trotzkisten Anhänger von Wlassow und Bandera, ehemalige Polizisten und andere Verräter, die ihnen ideologisch und psychologisch nahestanden, zu sich heran. Um im Westen als Komplizen anerkannt zu werden, liquidierten sie zur Freude ihrer westlichen Sponsoren gemeinsam die UdSSR, um im Gegenzug die Möglichkeit zu haben, legal Villen und Yachten zu besitzen und sich in Elite-Resorts im Ausland zu sonnen.“
Quelle: https://sascha313.wordpress.com/2023/01/23/a-k-tscherepanow-uber-die-ursachen-der-konterrevolution-in-der-sowjetunion/
Hier nun die Zeitungsmeldung über diesen Vorfall aus der Berliner Zeitung vom 4. April 1960:

Die Feinde der Sowjetunion
Um zu verstehen, welchen Einfluß diese reaktionären Kräfte im Exil auf die Sowjetunion ausübten, muß man die Geschichte kennen. In dem Buch eines russischen Aristokraten, der nach 1917 in Paris in der Emigration war, wird berichtet, wie sich die in Paris verweilenden Emigraten verhielten, als die faschistisch-deutschen Truppen heimtückisch und wortbrüchig die Sowjetunion überfallen hatten.
Lew Ljubimow beschreibt den abscheulichen Siegesrausch dieser Feinde der Sowjetunion. Wenn man das gelesen hat, versteht man auch den inneren Konflikt, der nun schon seit 1917 in der Sowjetunion, und erst recht seit 1953, nach der Ermordung Stalins, und später in Rußland nach der Zerstörung der Sowjetunion weiterschwelte. Man fragt sich unwillkürlich: Verstehen eigentlich heute die Menschen in Rußland, welcher großen Gefahr sie ausgesetzt sind? Die inneren Feinde und der imperialistische Westen* werden nicht davon ablassen, Rußland zu erobern, um sich die unermeßlichen Naturreichtümer dieses größten Lands der Erde anzueignen und die Bevölkerung zu unterjochen. Ein Blutbad von ungeahntem Ausmaß wäre die Folge. Der Autor schreibt:
Ich breche mit der Vergangenheit
Möge der Leser mir gestatten, in diesem Kapitel an erster Stelle von dem zu reden, was ich persönlich erlebte, von jener Entwicklung, deren Inhalt mein ganzes weiteres Leben bestimmte.
Der Kriegsbeginn
Am 23. Juni 1941 gab Hitlers Oberkommando bekannt, es würden zunächst keinerlei Mitteilungen über den Verlauf der Kampfhandlungen im Osten gemacht, um «dem Gegner keine Informationen über den Vormarsch der deutschen Armee in die Hände zu spielen». Dabei wurde hinzugesetzt, der Gegner sei desorganisiert und nicht mehr Herr der Lage. In den darauffolgenden Tagen verbreiteten deutsche Stellen in Paris die sensationellsten Gerüchte. Es hieß, die Wehrmacht erringe einen vollen Sieg und General Hanesse, Kommandeur der deutschen Luftstreitkräfte im Pariser Bezirk und Frauenheld in den Salons der Kollaborateure, solle gesagt haben: «Der Krieg dauert vier Wochen, vielleicht sogar noch weniger.»
Emigranten unter sich…
Die Stimmung, die ich am 22. Juni im Hof der Kirche beobachtet hatte, war nach wie vor charakteristisch für die meisten Emigranten. Dafür begann in einigen «mondänen Kreisen» der Emigrantenschaft allgemeines Frohlocken. Ich sitze bei Gortschakow, dem Engel des ehemaligen Kanzlers, eines bereits erwähnten Halbverrückten, und seiner Frau, der Tochter des einst berühmten Zuckerfabrikanten Charitonenko, eines einfachen Bauernsohnes, der ein kolossales Vermögen erworben und sich gegenüber dem Kreml, am Sophienufer, ein palastartiges Haus gebaut hatte, den Sitz der heutigen englischen Botschaft.
Luxuriöse Wohnungen in Paris
Gortschakows wohnen auch in Neuilly. Sie haben eine große Wohnung mit altertümlichen Möbeln und wertvollen Bildern. Einen gewissen Teil seines Vermögens hatte Gortschakow schon immer im Ausland deponiert. Sie sind gastfreundlich und gesellig, die Gortschakows, ich bin häufig bei ihnen, spiele Bridge dort und betrachte die politischen Auslassungen des Hausherrn als reine Buffonade. Gortschakows haben an diesem Tag viel Besuch, und alle sind in bester Laune. Gortschakow selber wird förmlich zerrissen von einer fast kindischen Begeisterung. Irgendein Russe, der bei den Deutschen arbeitet, hat ihm erzählt, daß die Offiziere der Wehrmacht die Lage an der Front wie folgt charakterisieren: «Die sowjetischen Truppen flüchten so schnell, daß wir kaum nachkommen.»
Das Frohlocken der Feinde: «Die Bolschewiki sind vernichtet!»
Gortschakow wiederholt diesen Satz zum dutzendsten Male, weidet sich an jedem Wort und setzt hinzu: «Das ist das Ende! Das Ende! Die Bolschewiki sind vernichtet!» Ich verfüge über keinerlei Angaben, um diese Informationen zu widerlegen. Aber seine Einschätzung will ich einfach nicht glauben, seine Worte schneiden mir ins Herz. Gortschakow ist durchaus konsequent in seiner Freude. Mein Mißmut setzt die Anwesenden nur in Erstaunen. «Der geringste Stoß von außen, und alles stürzt ein wie ein Kartenhaus» – das haben doch Semjonow, Muratow, Golowin und Gortschakow Jahr für Jahr verkündet. Ich hab das zwar nicht gesagt, war aber Mitarbeiter einer Zeitung gewesen, wo das als feststehende Wahrheit galt. Und nun scheint sie sich sogar noch zu erfüllen. Warum sollte Gortschakow da nicht frohlocken? Aber ich bin bedrückt und höre ihm nur ungern zu.
Die totalitäre Macht des Faschismus
«Ein Genie ist das! Ein Genie», meint Gortschakow über Hitler. «Der macht mal richtig Ordnung! Schluß mit der Demokratie! Der läßt Leuten wie Miljukow keinen freien Lauf. Jetzt ist endlich unsere Zeit gekommen! Nutzen wir die Vorteile der Hitlerschen Macht! Und setzen uns dann selber ans Steuer!» Klar, wenn die Deutschen siegen, müsse man mit ihnen rechnen, zugleich aber gewitzt und «geschickt» sein, um den russischen Geist durch die Maschen des Netzes der totalitären Macht Hitlers durchschlüpfen zu lassen. Mir bringt das alles keine Freude. Da ich an eine solche Möglichkeit nur als traurige Notwendigkeit glaube, bedrückt und beleidigt mich Gortschakows Frohlocken.
Wird es einen bürgerlichen Putsch in Rußland geben?
Dann, von seinen Gästen unterstützt, spricht Gortschakow in völlig ernstem Ton, wie von etwas Selbstverständlichem davon, daß der Boden, die Fabriken und die Häuser bald wieder von ihren «rechtmäßigen Besitzern», das heißt von Leuten wie Gortschakow, Charitonenko und anderen hier Anwesenden, übernommen werden.
Ich beginne einen Streit, einen dummen und qualvollen Streit, da fast keines meiner Worte zu denen dringt, deren Augen angesichts der so leuchtenden Perspektiven sorgar funkeln. Ich spreche darüber, daß eine neue soziale Revolution wohl kaum möglich sei.
Wie sicher ist die Sowjetmacht?
Der Boden und die Fabriken wurden ihren Besitzern bereits vor mehr als zwanzig Jahren weggenommen, in sie wurden so viele neue Mittel und Kräfte investiert, daß die Ansprüche der früheren Besitzer juristisch ungerechtfertigt seien und dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Andererseits könne man ja irgendwie verstehen, daß sich ein Gutsbesitzer, der in der Landwirtschaft groß geworden ist, immer als geborener Landmann betrachtet. Aber taugt denn für diese äußerst wichtige soziale Funktion irgendein Verkäufer, Chauffeur oder Berufstänzer aus Paris, selbst wenn sein Vater in Rußland Land besessen hat? Ja, und schließlich, warum sollte sich auch Hitler so einsetzen für die russischen Emigranten? Da verteilt er doch eher den Boden und die Betriebe an seine Leute.
Kapitalistische Selbstüberschätzung: «Ohne uns geht’s nicht.»
Nur das letzte Argument geht Gortschakow etwas nahe. «Das begreift er. Er begreift’s. Hitler begreift alles!» schreit er. «Die Bolschewiki haben doch nicht die Spur von Kultur. Bei denen gibt’s keine gebildeten Menschen mehr. Solche wie wir werden Seltenheiten, Einzelerscheinungen sein. Ohne uns geht’s nicht. Also, herzlich willkommen am Sophienufer. Da ist’s ein bißchen geräumiger als hier.»
Der irre Wahn der stumpfsinnigsten und gierigsten Emigranten
Da ich mich erinnere, daß Gortschakow bereits einige Zeit in einem Heim für Gemütskranke zugebracht hat, beende ich das Streitgespräch. Die übrigen Gäste stimmen seinen Worten jedoch in allen Einzelheiten zu. Mag Gortschakow in seiner Art auch eine wandelnde Karikatur gewesen sein, die Hoffnungen, Erwägungen und Berechnungen aber, die er äußerte, machten noch lange die Vorstellungskraft der stumpfsinnigsten und gierigsten Emigranten aus den Kreisen der ehemaligen Gutsbesitzer und Kapitalisten trunken……
Quelle:
Lew Ljubimow: „Zwischen Petersburg und Paris – Ein russischer Aristokrat berichtet von Emigration und Heimkehr in die Sowjetunion“. Verlag der Nation Berlin, 2. Auflage 1977, S. 317ff. (Zwischenüberschriften eingefügt)
(Danke an Johann Weber für die Zuarbeit!)
*damit niemand denkt, dies sei aus der Luft gegriffen – hier ein Beispiel:

…geben bekannt, die bürgerliche Kaste, die Russland verließ, kommt plötzlich zurück. Ihnen wurde das Vermögen geklaut. Plötzlich haben sie kein Vertrauen mehr in ihre „Partner“ und Blender aus dem Westen. In Russland gehen sie jetzt den Weg der Verräter. Nicht alle. Aber, die Wichtigsten.
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