Fritz Selbmann: Bekenntnis zur aktiven Bewältigung des Lebens. (Ein Interview)

AuskünfteIn dem Band „Auskünfte – Werkstattgespräche mit DDR-Autoren“ erschien 1976, ein Jahr nach dem Tode Fritz Selbmanns, ein bemerkenswertes Interview, in dem der Schriftsteller seine Beweggründe, sich für den Aufbau des Sozialismus einzusetzen, ausführlich darlegt. Für Fritz Selbstmann war der Aufbau des Sozialismus in der DDR einst das Selbstverständlichste von der Welt, das Beste, was dem deutschen Volke jemals passieren konnte. Von den heutigen Machthabern allerdings wird die DDR in dunkelsten Farben gezeichnet. Doch nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß die menschenverachtende Politik des Imperialismus, die Lüge und der Betrug, mit denen die Menschen heute entpolitisiert und entmündigt werden, nur ein vorübergehender Zustand sein kann. Wenn die Menschheit überleben will, dann muß sie den Kapitalismus mit seiner Wurzel, dem Privateigentum an Produktionsmitteln, ein- für allemal beseitigen. Die bisherigen Machthaber und ihre diensteifrigsten Lakaien müssen enteignet und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden…

Vieles können wir aus dem gewinnen, was uns der Kommunist und Schriftsteller aus seinem Leben berichtet. Fritz Selbmann, der Bergarbeiter, der politische Aktivist und schließlich Zeitgenosse des sozialistischen Aufbaus in der DDR vermittelt uns wertvolle Erfahrungen, wie man die Zeit des Faschismus übersteht, sich neue Ziele setzt und aktiv dazu beiträgt, die alten und gewohnten, egoistischen Denkweisen des Kapitalismus zu überwinden…

Fritz_SelbmannFritz Selbmann hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Bereits im jungen Alter von 17 Jahren arbeitete er unter Tage als Bergmann, war Soldat im 1. Weltkrieg, 1918 Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrats, wurde Mitglied der KPD, kam 1924 wegen politischer Tätigkeit für 10 Monate ins Gefängnis, gehörte als Reichstagsabgeordneter der KPD zu den Teilnehmern der letzten illegalen Versammlung des ZK der KPD in Ziegenhals, wurde 1933 von den Nazis verhaftet und verbrachte zwölf Jahre in den faschistischen Kerkern, bis es ihm 1944 gelang, von einem Evakuierungstransport eines Konzentrationlagers zu fliehen. Unmittelbar nach der Befreiung vom Faschismus durch die Sowjetunion nahm Fritz Selbmann in Leipzig die politische Arbeit wieder auf. und beteiligte sich in verantwortungsvoller Stellung am Aufbau der antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Er wurde 1946 zum Minister für Wirtschaft und Wirtschaftsplanung des Landes Sachsen ernannt und 1949 zum Minister für Industrie. 1954–1958 war Fritz Selbmann der Vorstandsvorsitzende der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut, die nach 1945 den Uranerzbergbau in Sachsen und Thüringen mit einer Stammbelegschaft von rund 45.000 Beschäftigten fortführte. Und schließlich im Alter von fast 70 Jahren widmete er sich ganz und gar der Schriftstellerei.

Martin Reso: Genosse Selbmann, am Ende Ihrer Autobio­graphie steht der schöne Satz von Theodor Fontane: „Ich fange erst an!“ Lassen Sie mich diesen programmati­schen Satz als Ausgangspunkt für meine Fragen nehmen. Sie haben erst im fortgeschrittenen Alter Belletristik zu schreiben begonnen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis als Schriftsteller zur Aufgabe der Künstler in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft bestimmen? Welche Erfahrun­gen bezeichnen Sie als das Agens eines Künstlers über­haupt und als für Sie selbst im besonderen?

Fritz Selbmann: Sie knüpfen an den letzten Satz meines letzten Buches „Alternative, Bilanz, Credo“, erschienen im Mai 1969, an. Dieses Buch ist eine Autobiographie im strengsten Sinne. Ich hoffe, Sie haben nicht die Absicht, bei diesem nun beginnenden Gespräch über Literatur und über mich nur an diesem meinem letzten Buch oder gar an seinem letzten Satz hängenzubleiben. Ich habe doch auch vorher einiges geschrieben, das ich, bei aller gebotenen Bescheidenheit, die dem Autor wohl ansteht, nicht ganz vergessen lassen möchte. …

Nach dem Ende des Faschismus

Als sich nach fünfzehn Jahren der Kreis wieder einmal schloß und ich endlich ans Schreiben denken konnte, war ich ein anderer Mensch geworden; und auch die Welt um mich, in unserem Lande war eine andere geworden. Aus dem unsicheren Provisorium der Besatzungszonen waren Staaten geworden, bei uns der erste sozialistische Staat deutscher Nation, aus der Trümmerlandschaft des Ka­tastrophenjahres die sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft. Damit nun komme ich endlich zu Ihrer ersten Frage: Wie ist mein Verhältnis zur Aufgabe der Künstler in der sozialistischen Gesellschaft? Das reduziert sich schließ­lich auf die einfachere Frage nach der Rolle des Künstlers oder eigentlich der Kunst überhaupt im Sozialismus.

Wozu braucht man Kunst und Literatur?

Kunst ist in jeder sich entwickelnden und sich entfaltenden Gesellschaft und für die Menschen darin unabdingbares Lebenselement und nicht, wie mancherorts, auch noch bei uns, geglaubt wird, ein im Grunde überflüssiges Lu­xuskonsumgut einer privilegierten Schicht des Volkes, einer irgendwie gearteten Elite der Gesellschaft. Die Kunst ist vor allem das älteste, das in der Phylogenese des Menschen frühestens entstandene Erkenntnis- und Ausdrucksmittel. Die Kunst ist älter als die Wissenschaft, deren Entstehung und Entwicklung ohne ihr wichtigstes Medium, die Schrift, nicht denkbar ist. …

Eine Orientierung im Leben

Der Mensch war der Kunst bedürftig, um die Welt und sich selbst zu erkennen, die Welt und sich selbst mit allen Wünschen und Vorstellungen, Idolen und Ängsten zu gestalten und sich in seinem Leben mit seinen Wider­sprüchen und seinen fürchterlichen Unverständlichkeiten zurechtzufinden und behaupten zu können, er bedurfte ihrer, um überhaupt Mensch zu werden und zu bleiben, das heißt ein soziales Wesen, ein „zoon politikon“, ein ge­sellschaftsbildendes Individuum, vernunftbegabt, wis­senschaftsfähig, schönheitsempfindlich.

Kunst als Waffe im Klassenkampf

Und diese menschbildende Kraft und Funktion hat die Kunst nicht eingebüßt. Gewiß war in der antagonistisch widersprüchlich gewordenen Klassengesellschaft des späten Kapitalismus die Kunst zum elitären „Bildungsgut“, zum Privilegium einer vielfach übersättigten herrschenden Klasse, zu einem zusätzlichen Beherrschungsmittel im täglichen, alltäglichen, im „gewöhnlichen“ Klassenkampf geworden, zeitweise zu einem selbstgenügsamen „Ding an sich und für sich“ – l’art pour l’art — oder zum harm- und wirkungslosen Narren der Gesellschaft degradiert, zum Clown, dessen Ansichten die Gesellschaft nicht ernst, ja die sie kaum noch zur Kenntnis nimmt.

Die Literatur als Bildungselement

Mit dem Übergang zum Sozialismus kommt die Welt­geschichte wieder mit sich selbst ins reine, findet die ge­sellschaftliche Entwicklung wieder zu ihren Gesetzen zurück. Und damit kommt auch die Kunst wieder zu ihrem natürlichen Recht, sie wird wieder gesellschaftsfähig und gemeinschaftsbildend, sie wird wieder notwendig für die Gesellschaft und die Menschen. Die Kunst als ge­sellschaftliches Bildungselement wird wieder wesentlich in einer Welt, deren oberstes Prinzip die Selbstver­wirklichung des Menschen ist.

Der Mensch im Sozialismus

In diesem gesellschaftlichen Prozeß der Selbstver­wirklichung des Menschen, den wir nach Marx ,,Sozialis­mus“ nennen, ist die Hilfe und Mitwirkung der Kunst unerläßlich. Der Mensch unserer Zeit, der Beherrscher und Gestalter der sozialistischen und der wissenschaftlich-­technischen Revolution als der Zweieinigkeit des sozialen Fortschritts heute, er lebt nicht vom Brot allein, von der materiellen Produktion, von der Meisterung der Pro­duktivkräfte einschließlich der modernen Wissenschaft und Technik, er würde geistig verkümmern, vereinsamen, verkrüppeln, böte ihm die Praxis der sich entwickelnden sozialistischen Gesellschaft nichts anderes als ökonomi­sche Werte und technische Abenteuer, böte sie ihm nicht mehr und nichts anderes als die Konsumgüter unserer Zeit, Mittel des Lebens und der Lebenserleichterung, böte sie ihm nicht auch das emotionelle Erlebnis, das nur die Kunst zu vermitteln vermag. Ich weiß nicht, ob ich deutlich genug dargestellt habe, was ich für die der Kunst zukommende Aufgabe in der sich entfaltenden sozialistischen Gesellschaftsordnung und für mein eigenes Verhältnis hierzu halte.

Aber Sie haben ja noch eine zweite Frage gestellt. Was das Agens eines ,,Künstlers überhaupt“ ist, weiß ich nicht. Ich bin „über­haupt“ kein Literaturtheoretiker, und ich habe weder genügend Zeit noch genügeud Wissen, um eine so aufs Allgemeine und Abstrakte zielende Frage beantworten zu können, ohne in Gefahr zu geraten, ein tüchtiges Stück daneben zu hauen. Was mich selbst betrifft, so hoffe ich allerdings doch, nach einigem Nachdenken eine Antwort zustande zu bringen. Bekannt ist, daß ich über ein sehr breites Erfahrungs- und Erlebnisspektrum verfüge, aus dem ich Stoff und Anstöße für literarische Arbeiten gewinnen kann.

Meine drei Erfahrungsbereiche

Ich möchte mich aber auf die Darstellung von drei Erfahrungskomplexen beschränken, die sowohl für meine Beschäftigung mit Literatur überhaupt wie auch für die Wahl des Stoffes und der Gestaltungsmittel meines Buches als Agens, das heißt als wirkender Anstoß gelten können.

1. Das Erlebnis des Faschismus oder, wenn Sie wollen, des antifaschistischen Widerstandes. Sie wissen, daß diese Thematik in all meinen Arbeiten drin ist. Ganz allgemein halte ich bei aller Hochbewertung der literarischen Vor­lagen, die uns die Gegenwart bietet, das Thema der Kontinuität der Geschichte der Arbeiterbewegung für eines der wichtigsten und wesentlichsten unseres dem historischen Auftrag der Arbeiterklasse dienenden Lite­raturbemühens. Ich habe in früher Jugend den Satz von Lenin begriffen: „Wer sich zur Geschichte seiner Be­wegung verhält wie einer, der sich an nichts erinnert, der kann kein klassenbewußter Arbeiter sein.“

Ich sehe es als einen meiner wichtigsten Klassenaufträge an, immer wieder zum kontinuierlichen Geschichtsdenken anzuregen. Die Tradition des antifaschistischen Wider­standskampfes halte ich für ungeheuer wichtig für die Bewußtseinsentwicklung unserer und der uns nach­folgenden Generation. Daher betrachte ich meine eigenen Erfahrungen aus jener schrecklichen und zugleich so heroischen Zeit als eminent wichtig für mein literarisches Engagement.

2. Eine wichtige Erfahrung der Nachkriegszeit, während der ich vorwiegend mit Dingen aus der Entwicklung der Wirtschaft, also mit der Lösung der entscheidenden historischen Aufgabe dieser Epoche, der Schaffung der ökonomischen Grundlagen des Sozialismus in der DDR, beschäftigt war, liegt für mich in der ebenfalls auf Lenin zurückzuführenden Erkenntnis, daß die Veränderungen im Bewußtsein der Menschen ungemein schwieriger zu bewirken sind und viel langsamer und auch mit immer wieder auftretenden Rückschlägen verbunden sind. Lenin sprach deshalb sogar ausdrücklich von der „Kul­turrevolution“ als der wohlverstanden zweiten, schweren und länger dauernden Etappe der sozialistischen Re­volution. Ohne Zweifel bietet die Kunst und vor allem die Literatur die effektivsten Möglichkeiten zur direkten Einwirkung auf die Bewußtseinsbildung und -veränderung.

Der Abschnitt „Kunst und Literatur“ erschien mir, nach zwei Jahrzehnten Engagement in der Branche „Ver­änderung, Entwicklung und Strukturwandlungen in der ökonomischen Basis“ unserer Gesellschaft, als der wich­tigst gewordene Frontabschnitt meiner Teilnahme am revolutionären Prozeß. Und da es in allen Zeiten meiner Teilnahme an dem historischen Abenteuer des re­volutionären Kampfes meiner Klasse mein Ehrgeiz war, dort zu sein, wo die wichtigsten und folgenreichsten Entscheidungen zu treffen, vorzubereiten und durch­zusetzen sind, ist es ganz folgerichtig, daß ich mich, als die Zeit dafür gekommen war, damit zu beschäftigen begann, Literatur zu machen, Literatur als Waffe im Kampf der Klassen um die Zukunft.

3. Ein entscheidender Anstoß für meine Beschäftigung mit Literatur war die Erkenntnis, daß die Person des Indu­striearbeiters und die industrielle Arbeitswelt in unserer Literatur eine nur geringe Rolle spielten als Objekt der Literatur, als Gegenstand der literarischen Bemühung um die Widerspiegelung unserer gesellschaftlichen Realität. Mir erschien das wegen und gerade angesichts der lauten Bekenntnisse zum sozialistischen Realismus unnatürlich, unverhältnismäßig, ja geradezu ein wenig unehrlich, und ich meinte, man sollte das ändern.

Da aber schon immer, wenn ich glaubte, daß etwas Bestimmtes getan werden müßte, ich versuchen mußte, es selbst zu tun, wenn ich mir die Kraft dazu und die Fähigkeit zutraue, so liegt es nahe, daß der Wunsch, unsere so­zialistische Gegenwartsliteratur auf diesen Realitäts­bereich hinzulenken, zu einem, vielleicht zu dem mich am meisten bewegenden Agens meiner Teilnahme am Lite­raturprozeß geworden ist.


Über meine Motivation und Zielstellungen

Martin Reso: Pawlow spricht über den „Zielreflex“ und definiert ihn mit den Worten: ,,Der Zielreflex hat eine ungeheure Lebensbedeutung, er stellt die Grundlage der Le­bensenergie eines jeden von uns dar. Nur das Leben dessen ist schön und stolz, der sein ganzes Leben lang nach einem ständig erreichbaren, aber nie zu erreichenden Ziel strebt oder mit gleichem Eifer von einem Ziel zum anderen übergeht. Das ganze Leben, all seine Verbesserungen, seine ganze Kultur wird zu einem Zielreflex. Es kann aber nur erreicht werden von Menschen, die einem bestimmten Lebensziel zustreben.“ Wenn man diese Definition in ihrem wesentlichen Gehalt nimmt, was würden Sie und aus welchen Gründen als „Zielreflex“ Ihres Wirkens ansehen?

Fritz Selbmann: Dieses Zitat von Pawlow ist sehr interessant. Ich habe es bisher nicht gekannt, auch nicht den Terminus „Zielreflex“, aber ich habe dessenungeachtet über die Sache selbst wiederholt geredet und, ich glaube, sogar geschrieben. Man hat mich oft gefragt, was ein älter werdender Mensch tun und haben müsse, um nicht vorzeitig alt und verbraucht zu scheinen. Meine Meinung in einem Satz: Solange ein Mensch noch ein Ziel vor Augen hat, das er erreichen muß, noch eine Aufgabe vor sich sieht, die er unter Einsatz all seiner Kräfte lösen muß, solange wird er nicht wirklich alt. Das gilt natürlich nur generell und prinzipiell und kann nicht konkret in jedem Einzelfall verifiziert werden. Ich glaube aber, daß es mit der These Pawlows gut übereinstimmt.

Welche Aufgaben hatte ich mir gestellt?

Nun zu der Frage nach dem „Zielreflex“ meines Wirkens. Natürlich komme ich mit einem Zielreflex, mit einer Auf­gabensetzung für das ganze Leben gewissermaßen, nicht aus, sagen wir, mit der allgemeinen Lebenszielsetzung der Teilnahme an dem geschichtlichen Auftrag der Arbeiter­klasse, die alte kapitalistische Ordnung der Dinge in der Welt zu liquidieren und die neue Gesellschaftsordnung des Sozialismus zu schaffen. Eine solche allgemeine Per­spektive wäre zu unpräzise, um in jeder Wendung des Geschichts- und des individuellen Lebensablaufs als wir­kende Kraft für die ständige Erneuerung der Le­bensenergie auszureichen.

Was waren die entscheidenden „Zielreflexe“ meines Lebens?

Ich habe also nacheinander mehrere derartiger Pawlow­scher „Zielreflexe“ gehabt, die jeweils stets für einen großen Lebensabschnitt Richtung und Intensität meines Wirkens bestimmten. Nehmen wir drei aufeinander­folgende Abschnitte meines Lebens. Als im Jahre 1933 die faschistische Nacht über Deutsch­land hereinbrach, schien mein bis dahin wirkendes Le­bensziel, die Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse für die Sache der proletarischen Revolution, für immer illusorisch und unerreichbar geworden zu sein. Es ist be­kannt, daß dies nicht die Meinung der Mehrzahl der Kom­munisten war.


1. Ziel: Das Überleben im Faschismus

Immerhin aber war mir, als ich verhaftet war und für mich die „lange Nacht“ zwölfjährigen Gefan­genseins begann, eines klar: Ich mußte mir ein ganz konkre­tes Ziel für den nächsten Abschnitt meines Lebens setzen, etwas, woran ich mich festhalten und in allen Widrigkeiten und Niederschlägen immer wieder aufrichten konnte. Ich mußte mir also, nach der Terminologie Pawlows, einen neuen Zielreflex zurechtbauen; ich habe es getan, und es hat geholfen.

Es war der Vorsatz, den ich mir durch nichts erschüttern ließ, die Nacht des Faschismus zu überleben, auf jeden Fall und unter allen Umständen diese ge­schichtliche Rückfallsperiode zu überdauern. Natürlich mußte man dazu völlig überzeugt sein, daß die faschistische Diktatur eine temporäre Erscheinung, daß sie letzten Endes irgendwann, in einer für mein Leben relevanten Zeit, überwunden und abgetan sein würde. Natürlich gehörte dazu die unerschütterliche Überzeugung von der Richtig­keit und Gültigkeit der eigenen politischen Meinung, das heißt das Vertrauen in die Sache der eigenen re­volutionären Partei.

Und das Bewußtsein dieses Lebensziels hat mir, so glaube ich, tatsächlich geholfen zu überleben.

Ich habe vor allem in fünf Jahren Konzentrationslager die immer wieder bestätigte Erfahrung gemacht, daß intellektuell hoch­stehende Menschen psychisch versagten und dann auch dem physischen Verfall anheimfielen, die bei aller Über­legenheit des Verstandes und der Geisteskräfte kein festes weltanschauliches Fundament ihres Lebens mitbrachten und die keine Perspektive für das „Nachher“ hatten. Andererseits habe ich während der ganzen Nazizeit auch in den schrecklichsten und dunkelsten Situationen immer das Gefühl gehabt, daß ich durchkomme, daß ich die Schreckenszeit überleben werde. Nun, schließlich, ich habe überlebt.

2. Ziel: Der aktive Aufbau der neuen Gesellschaft

Als ich im Jahre 1945, nach dem Ende der Nazizeit, in führende Positionen der Leitung von Staat und Wirtschaft berufen wurde, war mein bisheriger „Zielreflex“ hinfällig geworden, die Zeit und die Geschichte hatten ihn hinfällig werden lassen, und ich brauchte ihm nicht nachzutrauern. Ich habe nicht lange Zeit benötigt, um meinem Leben ein neues konkretes Ziel zu setzen.

Ich wurde berufen, am Wiederaufbau der Wirtschaft aus den Trümmern der Nazikatastrophe und am Aufbau eines neuen antifaschistisch-demokratischen Staatswesens in einer füh­renden Funktion zu wirken. Diese Aufgabe so gut als nur möglich zu lösen, das Elend und die Not der Bevölkerung in den ersten Nachkriegsjahren zu lindern und zugleich die geschichtlich notwendigen Veränderungen in der Wirt­schaft und im ganzen gesellschaftlichen Leben konsequent und ohne Zurückweichen vor Schwierigkeiten und Wider­ständen durchzusetzen, mein Teil beizutragen zur Über­leitung der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung in die sozialistische Revolution in unserem Land, das war in jenen Jahren das mir bewußte und erklärte Ziel meines Lebens und meiner Arbeit.

Es war wiederum ein gutes Ziel, und ich glaube, es hat mir in anderthalb Jahrzehnten viel Kraft gegeben, und ich bin dabei nicht alt geworden!


3. Ziel: Warum ich Schriftsteller wurde…

Der dritte Testfall ist gegeben durch meinen Neubeginn als Schriftsteller Ende der fünfziger Jahre. Hier nun gibt es für einen Menschen meines Alters schon kürzere und leichter überschaubare Zielzeiträume.

Ein Bücherschreiber setzt sich ja mit dem Neubeginn der Arbeit an jedem Buch erneut ein konkretes Ziel: das Buch fertigzustellen, es gut zu Ende zu bringen, es mit dem Verlag druckfertig zu machen, sich um Buchkritik und Lesermeinung zu kümmern, Kor­rekturen vorzunehmen; soweit nötig und möglich – all das gehört zu dem mit jedem Buchneubeginn verbundenen Setzen eines neuen Zielreflexes. Ich fühle mich bei der Hinarbeitung auf immer wieder neue Zielpunkte eigentlich recht wohl, und ich glaube, daß darin eine Ursache liegt für meinen im Grunde nicht ganz meinem wirklichen Geburts­scheinalter entsprechenden äußeren Habitus und meine Freude am Leben und die dazugehörige Kraft zum Leben.


Über den Klassenstandpunkt

Martin Reso: Ihr letztes Buch ist die Autobiographie „Alternative – Bilanz – Credo“. … Nun ist der Grad der Erkenntnis seiner eigenen Zeit ja nicht allein abhängig von der Intelligenz des Auto­biographen, sondern auch sehr stark von seinem Gefühl für seine Position in der jeweiligen Klasse, von der Erkenntnis oder Nichterkenntnis seiner Klassenlage. … Aus diesem Bedürfnis, ein mehr oder weniger genaues, gewissermaßen von der eigenen Person abstrahiertes Bild zu schaffen, und aus der Absicht heraus, die eigene Posi­tion in gebührender Weise zu profilieren bzw. die eigene Leistung richtig einzuschätzen und zu würdigen, sind die meisten Autobiographien verfaßt worden. … In den meisten Autobiographien wird der Schreibende seine Entwicklung bejahen, Gründe für sein So-Sein und Gewordensein anführen, die Einflüsse benennen, die seinen Charakter prägen halfen, und – je nach Tem­perament und Position – ungeniert auch jene Partien seines Lebens ausbreiten, die im Widerspruch zu herrschenden Gepflogenheiten, Konventionen und Maximen standen.

Fritz Selbmann: Die sozialistisch-realistische Literatur soll die Realität unseres Lebens und der Welt, in der wir leben, wider­spiegeln. In dieser unserer Welt aber gibt es nicht nur Menschen mit nur positiven Eigenschaften, ja, meine Erfahrung lehrt mich, daß es von dieser Art nur sehr wenige gibt. Die weitaus meisten Menschen auch in unserer, der sozialistischen Welt haben gute und weniger gute oder sogar häßliche Eigenschaften.

Die dialektischen Widersprüche im Sozialismus

Und gerade aus diesem Beisammensein von Gut und Böse, Positivem und Ne­gativem auch in den Menschen unserer Zeit, auch in den Menschen, die den Sozialismus aufbauen und dabei oft Heldentaten vollbringen, die Heldentaten der „ge­wöhnlichen Leute“, erwachsen die echten Konflikte, von denen Walter Ulbricht auf der zweiten Bitterfelder Kon­ferenz sagte, daß es ohne sie keine großen Werke der Literatur geben könne, daß Kunst ohne sie steril würde. Und Walter Ulbricht sagte ausdrücklich, daß großen Konflikten in der Literatur „dialektische Widersprüche unserer eigenen Entwicklung“ zugrunde liegen müßten. Wo sollen aber Konflikte und Widersprüche herkommen, wenn die Literatur sich darauf beschränken würde, nur positive Helden oder auf „nur-positiv“ getrimmte Helden zu gestalten.

Warum sind Vorbilder so wichtig?

Ich bin also für den Helden in der Literatur, ich bin aber für die Widerspiegelung von wirklichen Menschen mit ihren Widersprüchen und ihren meistens überhaupt erst Gestaltungswürdigen Kämpfen mit ihrer Umwelt und mit sich selbst. Natürlich will ich auch auf die Vor- und Leit­bildfunktion des literarischen Helden nicht verzichten. Der Leser unserer Zeit und in unserer Welt will nicht nur die Konflikte unserer literarischen Figuren kennenlernen, sondern auch deren Lösungsmöglichkeiten. Der Leser und Zuschauer unserer Zeit will sich mit den Helden unserer Literatur identifizieren oder sich mit ihnen im Vergleich setzen können, aber er will auch bei der Aneignung des Stoffs unserer Literatur erfahren, wie er selbst wachsen und sich der ihm zufallenden Aufgabe beim gesellschaftlichen Fortschritt, dem Besser- und Schönermachen  unserer Welt würdig und gewachsen zeigen kann…

Und worin besteht nun die künstlerische Freiheit?

Der Künstler in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ist in einem Maße frei in der Wahl seiner Stoffe und der Formen ihrer literarischen Gestaltung, wie sich das der Autor in den Gefilden der manipulierten und monopolisierten „Freiheit der Kunst“ kaum träumen lassen kann. … Natürlich kann es auch vorkommen, daß ein Manuskript keinen Verleger findet, aber das soll überall vorkommen. Natürlich kann es vorkommen, daß einem Autor nicht freigestellt werden kann, ein Werk unter die Leute zu bringen, das in seiner Tendenz grob gegen die von der Gesellschaft als für sie verbindlich erkannten politischen, ethischen und ästhetischen Grundsätze und Regeln gerichtet ist. Aber „Un-Fälle“ dieser Art sind so selten, daß damit nichts oder fast nichts am Prinzip der künstlerischen Freiheit im Literaturschaffen der sozialistischen Gesellschaft ge­ändert ist.

Der gesellschaftliche Auftrag des Schriftstellers in der DDR

Der DSV, die Organisation der Schriftsteller der Republik, sieht seinen gesellschaftlichen Auftrag darin, die Autoren unseres Landes zu fördern, materiell mit nicht un­erheblichen Mitteln, ideell vor allem mit der Durchführung von Veranstaltungen zur geistigen Weiterbildung und zur ästhetischen Orientierung. Der Verband nimmt, wenn gefordert und erforderlich, die Interessen seiner Mitglieder als Berufsorganisation wahr. Was der kürzlich in West­deutschland gegründete Dachverband der Schriftsteller­organisationen in reichlich verwirrten und verworrenen Deklamationen als anzusteuerndes Ziel seiner Be­mühungen ankündigte, hat der DSV schon seit Jahren in seiner Arbeit verwirklicht.


Über den Realismus in Kunst und Literatur

(Anmerkung: Heute wird soviel Unsinn über den Sozialismus erzählt. Es werden Lügen und Verleumdungen über die DDR verbreitet. Doch was können und was müssen wir dagegen tun?)

 Martin Reso: Das Stichwort sozialistischer Realismus ist wieder­holt in Ihren Antworten gefallen. Ich wäre Ihnen verbun­den, wenn Sie als produzierender Künstler einiges zu diesem so oft strapazierten und ebenso oft miß­verstandenen Terminus und Methodenbegriff sagen wür­den.

Fritz Selbmann: Ich möchte in den wenigen Zeilen, die mir für diese Antwort zur Verfügung stehen, nicht den Ver­such machen, den vielen umstrittenen Definitionen des Methodenbegriffs „Sozialistischer Realismus“ noch eine weitere, natürlich wieder mißverständliche und von allen Seiten dann ebenfalls wieder mißverstandene Deutung hinzuzufügen. Mir scheint, daß das Beste hierzu in Kürze Bertolt Brecht gesagt hat: „Der Künstler muß der Welt den Spiegel vorhalten. Das ist gleichbedeutend mit kritischer Auseinandersetzung.“

Was ist sozialistischer Realismus?

Der Künstler – und die Kunst und die Literatur – soll die Welt widerspiegeln, die Welt, so wie sie ist und wie der Künstler mit kritischer Parteinahme sie zu reflektieren imstande ist. Aber Brecht fügt noch hinzu: „Seine (des Künstlers) Auseinandersetzung gipfelt in der Mitveränderung und Mitgestaltung im Sinne der 11. Feuer­bachthese von Marx.“ Hier haben wir, bei Brecht, die beiden Hauptkomponenten des sozialistischen Realismus: Wirklichkeitssinn, Wider­spiegelung der Realität, kritisch ausgedeutet einerseits und Parteilichkeit auf der anderen Seite.

Der Neo-Realismus in der kleinbürgerlichen westlichen Unterhaltungsliteratur

Was den Realismus betrifft, so hat er in den letzten Jahrzehnten ohne Zweifel eine Renaissance erlebt. Die gesamte ernst zu nehmende Literatur in nahezu allen Breiten und Längen der Welt ist heute realistisch, manche sagen verschämt „neo­realistisch“. Das gilt sogar für den westdeutschen aus­gesprochenen Spieß- und Kleinbürgerroman oder die psychopathologische Literatur, die uns vor allem Amerika bescherte.

Was ist der Wertmaßstab für gute Literatur?

Natürlich ist unser sozialistischer Realismus etwas anderes und etwas mehr als jene Spätlinge der Kunstkonzeption einer vergangenen Zeit. Übrigens fällt mir da noch ein Satz von Brecht in die Hände, den der Stückeschreiber denen ins Stammbuch geschrieben hat, die mit der Schublehre ästhetischer Prinzipien den Gehalt jedes literarischen Opus am sozialistischen Realismus messen möchten.

„Was sozialistischer Realismus ist, soll man an der Realität messen und nicht an Prinzipien der Ästhetik, auch nicht der des sozialistischen Realismus.“


Über die Wahrheit und die künftige Wirklichkeit

Martin Reso: Ich möchte Sie bitten, etwas über die Phantasie als aktiver Faktor bei der Schaffung von neuer Wirklichkeit zu sagen, weil das m. E. viele Rezipienten und Kritiker bei ihrer Tätigkeit nicht oder nur ungenügend sehen.

Fritz Selbmann: Daß Literatur ohne Phantasie nicht zu machen ist, das ist eine Binsenweisheit, und man sollte eigentlich gar nicht darüber sprechen. Man kann überhaupt nichts ohne Phantasie schreiben, nicht mal einen Leitartikel, einen Wetterbericht oder eine Gerichtsreportage. Sie sprechen von neuer Wirklichkeit, und wir tun gut daran zu betonen, daß es sich um eine neue Wirklichkeit handelt. Das literarische Werk soll ja nicht die Wirklichkeit einfach abschildern, kopieren, reproduzieren, die Realität praktisch noch einmal schaffen.

Das Wesentliche erkennen und daraus lernen…

Wenn die einfache un­verwandelte und unangereicherte Wiedergabe der Realität schon Literatur und Kunst zu machen imstande wäre, dann müßten die Fotografen die besten Künstler sein, und die Schriftsteller würden gut daran tun, Füller und Schreib­maschine mit all dem Ballast an Phantasie und Ein­bildungskraft und emotionalem Beiwerk in den Müll­schlucker zu werfen und sich eine Kamera zuzulegen.

…es kommt aber darauf an, die Welt zu verändern!

Die Literatur soll aber im Grunde eigentlich nicht selbst diese neuen Wirklichkeiten schaffen, sie soll Möglich­keiten entwickeln und sie dem lesenden oder zuschauenden Zeitgenossen in die Hand geben, damit er sie benutzt, um neue Wirklichkeiten werden zu lassen. Die Literatur soll vor allem Modelle für die Veränderbarkeit und die Ver­änderung der Welt und der Menschen schaffen im Sinne der Brechtschen Maxime von der Anwendung der Marxschen elften These zu Feuerbach.

Feuerbachthese

Wie soll unsere Zukunft einmal aussehen?

Diese Aufgabe ist nun aber ohne Phantasie überhaupt nicht zu lösen. Solche Modelle der Weltveränderung erfordern ja eine regelrechte Extrapolation über das gegenwärtig Wirkliche hinaus.

Und woher soll der Schriftsteller das Material für solche Extrapolation, das ihm das intensivste und einfühlsamste Studium der Realität nicht geben kann, hernehmen, wenn ihm nicht die Phantasie zur Verfügung stünde, die ihm hilft, über das gegenwärtig Reale hinaus in noch nicht dagewesene, in noch nicht erlebte und erfahrene Realitätsbereiche vorzustoßen…

Martin Reso: Vielen Dank, Genosse Selbmann, für das Gespräch.

Quelle: Anneliese Löffler (Hrsg.) „Auskünfte – Werkstattgespräche mit DDR-Autoren“, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1976, S. 175-200. (gekürzt; Zwischenüberschriften eingefügt)

Die demoralisierte Arbeiterklasse

Warum hat Stalin die deutschen Kommunisten 1945 davor gewarnt, unmittelbar nach der Niederlage des deutschen Faschismus zum Aufbau des Sozialismus überzugehen?  In einer Rede auf der Wirtschaftskonferenz der KPD im November 1945 erklärte Fritz Selbmann es so:

Eine Arbeiterklasse, die 12 Jahre dem Nationalsozialismus Gefolgschaft geleistet, die am 22. Juni 1941 die Schande des Überfalls auf die Sowjetunion nicht verhindert hat, eine Arbeiterklasse, die bis in die letzten Wochen und Monaten vor dem Zusam­menbruch nicht nur gezwungen, sondern zu einem großen Teil freiwillig mitgegangen ist, eine Arbeiterklasse, von der große Teile geglaubt haben, daß es möglich sei, daß Deutschland auf Kosten anderer Völker sich ein besseres Leben erringen könnte, die 12 Jahre den Grundsatz der internationalen Solidarität vergessen hat, eine Arbeiter­klasse, bei der 12 Jahre lang das Klassenbewußtsein verschüttet und demoralisiert war, kann den Schritt zum Sozialismus noch nicht gehen. Darum wollen wir die De­mokratie, darum wollen wir, daß in dieser Periode der demokratischen Entwicklung Deutschlands auch die Kräfte der Arbeiterklasse organisatorisch und ideologisch herangebildet werden für unsere neuen geschichtlichen Aufgaben.

Quelle: Fritz Selbmann, „Acht Jahre und ein Tag. Bilder aus den Gründerjahren der DDR“, Berlin 1999, S. 89.

Siehe auch:

So plünderten die US-Amerikaner 1945 Leipzig…

Kampf gegen die reaktionären Kräfte und der Einfluß der Arbeiterklasse im Jahr der Gründung der DDR (1949)


29. September 1949: Genossen Fritz Selbmann zum 50. Geburtstag !

Tägliche Rundschau Sept1949
pdfimage  Fritz Selbmann – Bewältigung des Lebens

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10 Antworten zu Fritz Selbmann: Bekenntnis zur aktiven Bewältigung des Lebens. (Ein Interview)

  1. Pingback: Genosse Sascha stellt Ihnen heute eines meiner Vorbilder vor – Der Saisonkoch

  2. juergen eger schreibt:

    Welche Qualität! Des Textes, also des Denkens, also des Charakters!

    • sascha313 schreibt:

      Dieser Mann war sowieso ein Phänomen! Mit welcher Energie hat er sich für den Aufbau des Soztialismus engagiert; und welche Bescheidenheit! Sogar in seinem hessischen Geburtsort gedenkt man seiner… Die Tiefe seiner Gedanken überzeugt! Amüsant ist auch, nebenbei bemerkt, daß – wie aus einem Stempel zu ersehen ist – die „Theol. Schule der Methodistenkirche Bad Klosterlausnitz“ es für wert erachtete, sein 1947 erschienenes Buch „Wahrheit und Wirklichkeit – Kritische Essays über Fragen der Philosophie und Geistesgeschichte“ in den Bestand ihrer Bibliothek aufzunehmen. Darin schreibt F.S.: „Der Verfasser hatte nicht den Ehrgeiz, die Zahl der philosophischen Systeme um ein weiteres zu vermehren. Seine philosophische Meinung ist die des dialektischen Materialismus, jener Lehre, die von Marx und Engels begründet und von Lenin und Stalin in unserer Epoche lebendig fortentwickelt wurde.“ – So wurde Selbmann auch an einer solchen Einrichtung zum „Lehrer und Erzieher“ besten Sinne des Wortes.

  3. „Die Kunst ist vor allem das älteste, das in der Phylogenese des Menschen frühestens entstandene Erkenntnis- und Ausdrucksmittel. Die Kunst ist älter als die Wissenschaft, deren Entstehung und Entwicklung ohne ihr wichtigstes Medium, die Schrift, nicht denkbar ist. …

    Der Mensch war der Kunst bedürftig, um die Welt und sich selbst zu erkennen, die Welt und sich selbst mit allen Wünschen und Vorstellungen, Idolen und Ängsten zu gestalten und sich in seinem Leben mit seinen Wider­sprüchen und seinen fürchterlichen Unverständlichkeiten zurechtzufinden und behaupten zu können, er bedurfte ihrer, um überhaupt Mensch zu werden und zu bleiben, das heißt ein soziales Wesen, ein „zoon politikon“, ein ge­sellschaftsbildendes Individuum, vernunftbegabt, wis­senschaftsfähig, schönheitsempfindlich.“

    Damit ich nicht mißverstanden werde: Meine Kritik richtet sich nicht gegen Fritz Selbmann, sein Werk oder gar seinen Einsatz für den Sozialismus, aber gegen einem derartigen Idealismus, wie er in seinen Antworten zum Ausdruck kommt.

    Kunst ist Ausdrucksmittel, aber doch kein Mittel der Erkenntnis!
    Der Mensch „war und ist der Kunst nicht bedürftig“, genauso wie er der Religion nicht bedürftig war oder ist! Der Mensch bedarf nicht der Kunst, um ein Mensch – ein soziales Wesen – zu werden und zu bleiben, denn der Mensch ist bereits als „zoon“ von Natur aus ein soziales Wesen.

    Kunst mit „der Phylogenese des Menschen“ in Verbindung zu bringen, will ich mal als Kokolores bezeichnen.

    Die Entstehung und Entwicklung der Wissenschaft, ist ohne das (wichtige) Medium, die Schrift, denkbar, denn sie ist nicht einmal darauf angewiesen.

    „Aus dem unsicheren Provisorium der Besatzungszonen waren Staaten geworden, bei uns der erste sozialistische Staat deutscher Nation, aus der Trümmerlandschaft des Katastrophenjahres die sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft.“

    Weshalb muß gerade das Jahr 1945 als „Katastrophenjahr“ bezeichnet werden?
    Für die meisten Menschen – weltweit – war es ein Jahr des Sieges und der Hoffnung auf eine bessere Welt, vor allem für die Völker, die durch den Kolonialismus Europas, Japans und der USA unterdrückt wurden – und immer noch unterdrückt werden! —

    Die Kolonien „lieferten“ Millionen von Soldaten [Hilfstruppen = Auxiliares bei Cäsar] gegen Hitlerdeutschland.

    Davon hatten die Völker, die unter der Knute des Kolonialismus standen, zwar nichts, dennoch leite dieses „Katastrophenjahr“ – mit der Unterstützung der Sowjetunion – unter Stalin – die (wenn auch halbherzigen) Befreiungsbewegungen in den Kolonien ein.

    Nur in der Sowjetischen Besatzungszone war ein Staat entstanden: Die Deutsche Demokratische Republik!

    In den drei westlichen Besatzungszonen ist kein Staat entstanden! :::

    Das Bundesverfassungsgericht stellte am 31. Juli 1973 bei der Überprüfung des Grundlagenvertrags mit der DDR fest (2 BvF 1/73; BVerfGE 36, 1 [6]):

    „Das Grundgesetz – nicht nur eine These der Völkerrechtslehre und der Staatsrechtslehre! – geht davon aus, daß das Deutsche Reich [was lediglich der NAME des 1871 gegründeten Militär-Bündnisses ‚Ewiger Bund‘ „deutscher“ Fürsten, also den ewigen Vasallen des Papstes, ist] den Zusammenbruch 1945 überdauert hat und weder mit der Kapitulation noch durch Ausübung fremder Staatsgewalt in Deutschland durch die alliierten Okkupationsmächte noch später untergegangen ist; das ergibt sich aus der Präambel, aus Art. 16, Art. 23, Art. 116 und Art. 146 GG.

    Das entspricht auch der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, an der der Senat festhält.

    Das Deutsche Reich [also das 1871 von „deutscher“ Fürsten, also den ewigen Vasallen des Papstes, gegründete Militär-Bündnisses ‚Ewiger Bund‘] existiert fort (BVerfGE 2, 266 [277]; 3, 288 [319 f.]; 5, 85 [126]; 6, 309 [336, 363]), besitzt nach wie vor Rechtsfähigkeit, ist allerdings als Gesamtstaat [der nie vorlag, denn es war ja ein Militär-Bündnis „deutscher“ Fürsten, also den ewigen Vasallen des Papstes,] mangels Organisation, insbesondere mangels institutionalisierter Organe selbst nicht handlungsfähig. Im Grundgesetz ist auch die Auffassung vom gesamtdeutschen Staatsvolk und von der gesamtdeutschen Staatsgewalt „verankert“ (BVerfGE 2, 266 [277]). Verantwortung für „Deutschland als Ganzes“ tragen – auch – die vier Mächte (BVerfGE 1, 351 [362 f., 367]).
    ————————————————-

    Mit der Errichtung der Bundesrepublik Deutschland wurde nicht ein neuer westdeutscher Staat gegründet, sondern ein Teil Deutschlands neu organisiert.

    Die Bundesrepublik Deutschland ist also nicht „Rechtsnachfolger“ des Deutschen Reiches, sondern als Staat [der sie nicht ist] identisch mit dem Staat „Deutsches Reich“ [der keiner ist, weil das ja ein von „deutschen“ Fürsten, also den ewigen Vasallen des Papstes, gegründeter Militär-BUND ist] – in Bezug auf seine räumliche Ausdehnung allerdings „teilidentisch“, so daß insoweit die Identität keine Ausschließlichkeit beansprucht. […] Sie beschränkt staatsrechtlich ihre Hoheitsgewalt auf den „Geltungsbereich des Grundgesetzes“.

    Die Bundesrepublik […] fühlt sich aber auch verantwortlich für das ganze Deutschland […].

    !!! Die Deutsche Demokratische Republik gehört zu Deutschland !!! [ — — !!! das ist der völkerrechtlich 1849 gegründete Staat – das Originäre staatliche Völkerrechtssubjekt der deutschen Völker und deutschen Länder !!! —- ] und kann im Verhältnis zur Bundesrepublik Deutschland nicht als Ausland angesehen werden.“
    ————————————————————————–
    Also, die BRD ist Verwalterin eines Teils des Deutschen Reiches! [also einem Teil des von „deutschen“ Fürsten, also den ewigen Vasallen des Papstes, gegründeter Militär-BUNDES!] (Ein Teil Deutschlands wurde neu organisiert)

    Aus diesem „Urteil“ ergibt sich denknotwendig, also von der Logik des Völkerrechts her, dass die DDR ein Staat ist. Aus der Verfassung dieses Staates DDR, ergibt sich nun weiter, dass

    Die Verfassung der DDR – nicht nur eine These der Völkerrechtslehre und der Staatsrechtslehre! – ist und davon ausgeht, daß die DDR den Zusammenbruch 1989 überdauert hat und weder mit der „Erklärung der Volkskammer „‚zum Beitrittsgebiet des GG FÜR die BRD“‘

    noch durch Ausübung fremder, völkerrechtlich ILLEGALER Gewalt DER durch die Ratifizierung des Staatsvertrages „“Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“‚ (2+4-Vertrag“), der am 15. März 1991 in Kraft Getreten ist, aufgelösten BRD in Deutschland noch durch die alliierten Okkupationsmächte noch später untergegangen ist; dies ergibt sich sogar auch aus der Präambel, aus Art. 16, Art. 23, Art. 116 und Art. 146 des GG für die BRD selbst!!!

  4. ralfbielefeld schreibt:

    Das nenne ich ein Vorbild. Leider gab es 1990 zuwenige davon.

    • sascha313 schreibt:

      …und wenn es sie doch gegeben haben sollte, dann waren sie entweder nicht mutig genug (?) oder sie hatten keine Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern – wo hätten sie’s auch tun sollen, die Medien waren vollständig in den Händen der neuen Machthaber!

    • Nein, nein! Es gab genügend Vorbilder!
      Allerdings wurden die intern – also von der SED und dem ZK – in Zusammenarbeit mit den übrigen Parteien in der DDR und extern – also durch die UdSSR (Gorbatschow und Jelzin und wie die Verräter noch so hießen) – in Zusammenarbeit mit den westlichen Regierungen und deren Geheimdiensten entmachtet: Sie wurden „kaltgestellt“!
      Nach dem Fall der Grenze konnte die BRD ungehindert zehntausende von Verwaltungsbeamten und Angestellte sowie Parteimitglieder (CDU, CSU, FDP, GRÜNE und SPD) in die DDR senden. …

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