Wilhelm Pieck: Zur Kaderpolitik der KPD

Wilhelm Pieck

Wilhelm Pieck (1876-1960)

Lange vor dem Machtantritt Hitlers hatte die Kommunistische Partei vor dem aufkommenden Faschismus in Deutschland gewarnt. Als (bereits in der Illegalität) am 7. Februar 1933 im Sporthaus Ziegenhals bei Zeuthen zum letzten Mal unter Leitung von Ernst Thälmann eine gemeinsame Tagung des Zentralkomitees der KPD stattfand, analysierte die Führung der KPD die neu entstandene Lage und legte die Aufgaben der Kommunisten im Kampf gegen die Hitlerdiktatur fest. Trotz aller ihrer Bemühungen war es der KPD nicht gelungen, die Arbeiterklasse zu vereinen und eine faschistische Diktatur zu verhindern. Auf dieser Tagung stellte Ernst Thälmann fest: „Schon die ersten Taten der Hitlerregierung beweisen den ganzen tiefen Ernst der Situation. Es wäre ein Verbrechen, irgendwelche legalistischen Illusionen in unseren Reihen zu dulden. Wir müssen in der ganzen Arbeiterklasse darüber Klarheit schaffen, daß es wahrscheinlich keine andere Art der Ablösung dieser Regierung geben kann, als ihren revolutionären Sturz.“

Und Thälmann traf noch eine weitere wichtige Feststellung: „Das bedeutet aber nicht, daß der Sturz der Hitlerregierung und der Sieg der proletarischen Revolution unbedingt ein und dasselbe sein müssen.“ [1] Erst durch den heldenhaften Sieg der Sowjetarmee im Bündnis mit den Alliierten wurde der Sturz des Hitlerregimes möglich.

Beim Kampf um eine neue, sozialistische Gesellschaftsordnung muß es Menschen geben, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Bis zum erneuten Sieg des Sozialismus ist es noch ein langer Weg. Im Oktober 1935 zog die KPD eine erste Bilanz. Zu den Aufgaben der Kaderpolitik äußerte sich Genosse Wilhelm Pieck wie folgt:

Wir haben durch die Aufrichtung der faschistischen Diktatur einen sehr großen Verlust an Kadern gehabt. Es gelang den Faschisten, viele unserer Funktionäre zu verhaften. Viele von ihnen sitzen noch in den Konzentrationslagern, viele waren genötigt, in die Emigration zu gehen, und viele wurden erschlagen. Wir haben eine Aufstellung über den Verbleib unserer zentralen Funktionäre gemacht, also der Genossen aus dem Zentralkomitee, der leitenden Funktionäre aus den Bezirken und Massenorganisationen. Diese Aufstellung umfaßt 422 Funktionäre. Davon wurden 219 verhaftet und größtenteils verurteilt, 125 mußten in die Emigration gehen, 24 wurden ermordet. Prozentual ergibt sich folgendes Bild: Von den 422 in der Statistik erfaßten Funktionären wurden 52 Prozent verhaftet, 5 Prozent ermordet, 10 Prozent schieden aus der Partei aus. 33 Prozent befinden sich noch in Freiheit. Dieses Verhältnis trifft allerdings nicht auf den gesamten Kaderbestand der Partei zu, weil die Faschisten am meisten die führenden Genossen verfolgten. Aber es ist sicher, daß unsere Kaderverluste durch den faschistischen Terror außerordentlich umfangreich sind.

Sicherungsmaßnahmen zum Schutz der Kader

Wir müssen hier ernste Kritik an uns selbst üben, besonders auch an der Führung der Partei, daß wir nicht genügend Sicherungen für den Schutz der Kader getroffen haben, daß wir die Partei nicht rechtzeitig und ausreichend für die Umstellung auf die Illegalität erzogen haben und daß wir selbst das Opfer einer gewissen Legalitätsillusion nach Aufrichtung der Hitlerdiktatur geworden sind. Die Tatsache, daß die Hitlerregierung nach ihrem Machtantritt Reichstags wählen ausschrieb, hat nicht nur die Sozialdemokratie dazu veranlaßt, unsere Kampfangebote zum Generalstreik mit dem Hinweis abzulehnen, daß erst abgewartet werden müsse, ob sich Hitler in den legalen Grenzen halten werde, auch wir wurden durch die Ausschreibung der Reichstagswahl veranlaßt, nicht sofort bei Aufrichtung der faschistischen Diktatur die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen für unsere Kader zu treffen. Nur so ist es zu verstehen, daß am frühen Morgen nach der Reichstagsbrandprovokation die Faschisten vermochten, eine große Anzahl unserer führenden Funktionäre in allen Teilen des Reiches zu verhaften, meistens in ihren legalen Wohnungen. Viele haben das mit ihrem Leben bezahlen müssen. Es wurden aber auch sonst sehr schwere Verstöße gegen die Regeln der Konspiration begangen, die uns in der ganzen Zeit seit der Aufrichtung der Hitlerdiktatur sehr ernste Verluste unserer Kader gebracht haben.

Erziehung zur Konspiration

Diese Verluste zeigen nicht nur die Fehler und Mängel in der Behandlung unserer Kader, daß wir nicht genügend versucht haben, rechtzeitig die verantwortlichen Funktionäre nach einer längeren Tätigkeit an einem Orte auszuwechseln, um sie vor Verrat oder faschistischer Verfolgung zu schützen, daß wir nicht genügend Gewicht auf die Erziehung zur Konspiration gelegt haben, sie zwingen uns auch, alle Maßnahmen zu ergreifen, um neue Kader zu gewinnen und zu erziehen und in der Behandlung unserer Kader viel größere Sorgfalt als bisher zu üben. Das Wort von Stalin, daß die Kader alles entscheiden, gilt im besonderen auch für die Lage unserer Partei in der gegenwärtigen Situation. Wir können jedoch mit Stolz auf unsere unter der Führung dies Genossen Thälmann erzogenen Kader blicken. Unsere Genossen im Lande beseelt nicht nur Standhaftigkeit, Kühnheit und Opfermut, sondern sie sind es auch, die fortgesetzt neue Methoden in der Agitation unter den illegalen Bedingungen erfinden und die das große Verdienst daran tragen, daß weder die Partei zertrümmert noch ihr bolschewistischer Kampfgeist unterdrückt werden konnte.

Die Partei braucht heldenhafte Vorbilder

Es ist sehr richtig, was Genosse Dimitroff auf dem Kongreß forderte, daß wir die Vorbilder, die wir in unseren besten Kadern haben, popularisieren, erzieherisch ausnützen und neben ihnen die Fälle von Kleinmut, Spießertum, Fäulnis und Schwäche in das rechte Licht stellen müssen. Der Umstand, daß die Partei nicht arm ist an heldenhaften Vorbildern und fähigen Kräften und daß uns auch der Übertritt sozialdemokratischer Arbeiter und Funktionäre zur Kommunistischen Partei neuen Zufluß an Kräften gebracht hat, gibt uns die Gewähr, daß wir auch in Zukunft unseren Kaderbestand nicht nur auf gleicher Höhe zu halten, sondern auch in bedeutendem Maße zu verbessern in der Lage sein werden.

Die kommenden Kämpfe der Partei werden noch höhere Anforderungen an die Standhaftigkeit, die Kühnheit und den Opfermut unserer Kader stellen, als sie bisher unter der faschistischen Diktatur bereits an sie gestellt wurden. Gerade darum ist es eine dringende Notwendigkeit, daß sich die Parteiführung in der sorgfältigsten Weise um die Heranbildung, Auslese, Erhaltung und Behandlung unserer Kader kümmert. Genosse Dimitroff hat uns darauf verwiesen, daß eine richtige Kaderpolitik für uns eines der wesentlichsten Probleme ist. Wir werden zur Erfüllung dieser Aufgabe sehr konkrete Maßnahmen beschließen, die nicht nur von der Parteiführung, sondern auch von unseren Leitungen im Lande unbedingt durchgeführt werden müssen. [2]

Quellen:
[1] zitiert nach J.Streisand: Deutsche Geschichte in einem Band, VEB Verlag Deutscher Wissenschaften Berlin, 1979, S.301. Auch: Die illegale Tagung des Zentralkomitees der KPD, Berlin 1982, S.23.
[2] Wilhelm Pieck: Der neue Weg zum gemeinsamen Kampf dür den Sturz der Hitlerdiktatur (Brüsseler Konferenz der KPD 1935), Dietz Verlag Berlin, 1954, S.80-82.

Siehe:
Was ist sozialistische Kaderpolitik?
Die Rolle der Persönlichkeit

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Eine Antwort zu Wilhelm Pieck: Zur Kaderpolitik der KPD

  1. Günter Hering schreibt:

    Damals war es der Reichstagsbrand. Nur wenig später Gleiwitz. Zu unserer Zeit 9/11, Charlie Hebdo und die Novemberanschläge von Paris. Cui bono? Immer den Herrschenden, um noch brutaler herrschen zu können.

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