Kurt Gossweiler: Chronik des Zweifels

GossweilerEs ist nun wieder ein etwas längerer Text, aber wir sind davon überzeugt, daß gerade heute ein besonderes Interesse daran besteht, wie es der Bourgeoisie, also der Ausbeuterklasse, gelingen konnte, so einen mächtigen Gegner wie die Sowjetunion zu überwinden. Es geht ja nicht nur um die Überwindung der Sowjetunion, sondern um den Sieg über die revolutionäre Arbeiterklasse und ihrer schärfsten Waffe – ihres politischen Bewußtseins. Diese Tatsache ist umso schmerzlicher, da nicht nur  die Dummheit des werktätigen Volkes zugenommen hat, sondern auch die Arroganz der Besitzenden. Kurt Gossweiler, der uns für immer unvergeßliche Freund und Ratgeber, schreibt hier über seine Eindrücke, wie Banditen in der Sowjetunion immer mehr ihre Macht ausbauen konnten, um den Sozialismus des ersten und bislang fortschrittlichsten Landes der Weltgeschichte auszulöschen.

Die Sache aufgeben, heißt sich selber aufzugeben

Kurt Gossweiler: Aus meinem politischen Tagebuch „Chronik des Zweifelns“ verbunden mit Gedanken zum 90. Geburtstag von Heinz Keßler

In meinem politischen Tagebuch, das zum größten Teil in den beiden Bänden der „Taubenfußchronik“ veröffentlicht worden ist, habe ich unter dem Namen „Chronik des Zweifelns“ von 1985 an die einzelnen Reden und Aktionen des neuen Mannes in der Sowjetunion unter die Lupe genommen, ohne zu einer klaren Antwort gekommen zu sein.

Widersprüchliche Eindrücke

Von seinen ersten Auftritten und Aktionen an als Erster Sekretär der KPdSU löste Gorbatschow bei mir Empfindungen ganz gegensätzlicher Art aus: Einmal die Hoffnung, er werde der lang erwartete Mann sein, der die Partei Lenins weg von dem verderblichen revisionistischen Kurs führen wird, auf den sie durch Chruschtschow mit dem 20. Parteitag gebracht worden war. Zum anderen immer wieder die Besorgnis, er könnte im Gegensatz der Fortsetzer des Chruschtschow’schen Zerstörungskurses sein. Seine Reden und Aktionen enthielten immer Elemente, die für das eine, aber auch solche, die für das andere sprachen. Offenbar ist er vorsätzlich vor dem für die KPdSU wichtigen Datum des 70. Jahrestages der Oktoberrevolution so aufgetreten, dass die Anhänger der gegensätzlichen Strömungen in der Partei und im Volke in ihm ihren Mann sehen konnten.

Aus meinem Tagebuch

Ich habe deshalb mit großer Spannung auf seine Rede zu diesem Jahrestag gewartet, weil ich meinte, hier müsste er endlich ohne jede Zweideutigkeit klar aussprechen, wohin sein Kurs gehen solle. Was ich damals zu einem Ereignis im Vorfeld dieser Rede und zu ihr in meinem Tagebuch notierte – diese Texte sind nicht in der „Taubenfußchronik“ veröffentlicht worden – folgt nun.
Donnerstag, 28. Mai 1987
Die BRD-Medien melden abends: Ein Sportflieger aus der BRD, der am Donnerstag in Helsinki abflog mit dem Ziel Stockholm landet nach einem fast 1000-Kilometer-Flug auf dem Roten Platz in Moskau, nachdem er zwei Runden über dem Lenin-Mausoleum geflogen ist, stieg aus und gab Autogramme, bis er verhaftet wurde. (Ein paar Tage später brachte des BRD-Fernsehen einen Film über diesen Vorgang, also das Kreisen des Flugzeuges über dem Roten Platz und seine Landung und den 19-jährigen Flieger Rust fröhlich lachend inmitten einer seine Maschine dicht umlagernder Menge, angeblich aufgenommen von einem Amateurfilmer.) Dazu die BRD-Nachrichten: das Flugzeug sei von der sowjetischen Luftraumüberwachung nicht entdeckt worden. Der besondere Witz dabei: Es geschah dies am „Tag der sowjetischen Grenztruppen“! Und zur gleichen Zeit fand in Berlin ein Gipfel des Warschauer Paktes statt, mit Teilnahme aller Generalsekretäre und Verteidigungsminister! (Also auch des sowjetischen General Sokolow.)
Freitag, 29. Mai 1987
TASS berichtet über den Vorfall, führt dabei aus, das Flugzeug sei bei der Grenzverletzung entdeckt und zweimal umkreist worden. (Das macht die Sache nur noch mysteriöser; wieso ließ man es ungestört weiterfliegen bis Moskau? Wieso wusste in Moskau offenbar keine Stelle von diesem bevorstehenden „Besuch“?
Samstag, 30. Mai 1987
Lutz Lehmann, ARD-Korrespondent in Moskau, berichtet über die Reaktion in Moskau, erzählt dabei: Es gehen in Moskau Gerüchte um, dass die ganze Sache gestellt sei; es wird vermutet, dass die Veranstalter in den Reihen der Gegner Gorbatschows zu suchen seien, um ihn unmöglich zu machen.
Sonntag, 31. Mai 1987
Frühnachrichten Deutschlandfunk: Auf einer Sondersitzung des Politbüros am Samstag über den Vorfall wurde der Oberkommandierende der Luftverteidigung, Alexander Koldunow, abgesetzt, gleichzeitig auch der Verteidigungsminister Sokolow. Beiden wird Vernachlässigung der Grenzen der Sowjetunion und Unfähigkeit in der Unterbindung dieser Aktion vorgeworfen. In späteren Kommentaren dieser Politbüro-Entscheidung wird gesagt, Sokolow habe zu denen gehört, die mit Gorbatschows Politik nicht einverstanden waren. Gorbatschow habe in bewundernswerter Weise blitzartig eine sich unverhofft (?, K.G.) bietende Gelegenheit beim Schopfe gepackt, einen unbequemen Mann los zu werden. An die Armee habe er sich als einzige Institution bisher nicht herangewagt; jetzt sei aber kein Militär mehr Mitglied des Politbüros (Sokolow war Kandidat des Politbüros, und sicherlich wird sein Nachfolger, Dimitri Jasow, ihm in dieser Funktion bald nachfolgen, K.G.).
Was ist zu alledem zu sagen?
Der Vorfall ist in der Tat so unwahrscheinlich, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Es ist undenkbar, dass das Flugzeug nicht bemerkt worden ist – die TASS-Verlautbarung dürfte stimmen und nicht bloß eine Meldung zur Wahrung des Gesichts sein. Es ist aber auch undenkbar, dass es in der Luftverteidigung nicht die bindende Vorschrift gibt, jedes Flugzeug, das in den Luftraum eindringt, mit den notwendigen Mitteln zum Abdrehen oder zur Landung zu zwingen. Weshalb geschah dies in diesem Falle nicht? Und: woher kam eigentlich dem 19-jährigen die Idee, ausgerechnet nach Moskau zu fliegen und auf dem Roten Platz zu landen?
Diese beiden Fragen gehören eng zusammen. Und führen fast zwingend zu dem Ergebnis, dass in der Tat das Ganze eine abgekartete Sache war. Denn: Aus Jux und Dollerei wird kein noch so abenteuerlustiger Neunzehnjähriger in das Hoheitsgebiet einer Macht eindringen, über die ihm anlässlich des Eindringens einer südkoreanischen Maschine und deren Abschuss so schreckliche Dinge erzählt wurden. Ganz abgesehen davon, dass er in seinem Sportfliegerverein natürlich ganz genau über die Respektierung der Grenzen, über die Notwendigkeit, keine Komplikationen mit anderen Saaten zu verursachen, vergattert wurde. Also – auf die Idee ist er mit Sicherheit nicht allein gekommen.

Als Ideenspender kommen natürlich mehrere in Frage:

Irgendwelche BRD-Dienststellen hätten ihn z.B. benutzt haben können, die Wirksamkeit der sowjetischen Luftüberwachung und ihr Reagieren auf Grenzverletzungen zu testen. Aber dann hätte die sowjetische Luftüberwachung normal reagiert, nämlich den jungen Mann gestellt oder zum Abdrehen gezwungen. Also – das anormale Reagieren der sowjetischen Luftüberwachung spricht dafür, dass irgendjemand, der einflussreich genug war, die normale Reaktion verhinderte. Angenommen, dies seien, wie Lutz Lehmann aus Moskau gerüchtehalber meldete, Gegner Gorbatschows gewesen. Sie könnten dann nur in den Reihen der Militärs gesucht werden. Was hätten sie sich davon versprechen können? Die Antwort: Nichts für sich, alles für Gorbatschow! Denn für das Versagen militärischer Stellen werden zuerst die Militärs zur Verantwortung gezogen, nicht der Generalsekretär!
Freitag, 17. Juli 1987
Im gestrigen ND die Rede Gorbatschows auf dem Treffen mit Leitern der Massenmedien und Berufsverbänden der Kulturschaffenden. Das Treffen zeigt, dass die Führung sehr überlegt die Umgestaltung umfassend, nicht nur als ökonomische Aufgabe betrachtet. Es zeigt zum anderen, dass im Lande große Widersprüche bestehen und dass der Glasnost-Appell auch Kräfte in Bewegung setzte, die unter „Demokratisierung“ grünes Licht für den Marsch in Richtung Kapitalismus verstehen. Wenn ich es richtig sehe, diente diese Beratung vor allem der Zurückweisung aller Versuche, die Umgestaltung zu einer Wiederaufnahme der „Abrechnung mit der Vergangenheit“ im Geiste eines Chruschtschow auszunutzen; diente der Klarstellung der Position der Partie gegenüber der Geschichte des Landes in Vorbereitung auf das 70.Jahr-Jubiläum der Oktoberrevolution. Die Erwähnung der „Verschärfung der Diskussion“, der „Leidenschaften auf einer Sitzung des Schriftstellerverbandes der RSFSR“ und anderes zeigte dies an.

Fazit: Zu Tendenz und Absicht der Rede – nämlich dem 70. Jahrestag mit Stolz und Freude entgegen zu gehen – natürlich volles Einverständnis. Besorgnis erregt erstens die aus der Rede abzulesende Breite und Tiefenwirkung der Anti-Stalin-Welle, die durch die Perestroika-Losung nach Glasnost und Demokratie hervorgerufen wurde, zweitens erscheint mir die Argumentation und Begründung der Berechtigung von Stolz und Freude im Rückblick auf die 70 Jahre zu defensiv und zu schwach und arm an Argumenten. – Man möchte glauben und ich habe auch den Eindruck, das Gorbatschow voll hinter dem steht, was er sagt. Aber die Schwachheit der Argumentation zwingt nach allen Erfahrungen mit Chruschtschow doch dazu, die Möglichkeit, dass Gorbatschow nur halbherzig einen Auftrag des Politbüros und des ZK ausgeführt hat, nicht völlig auszuschließen. Der Argwohn ist zurückgedrängt, aber noch nicht völlig beseitigt. Endgültige Klarheit muss und wird hoffentlich seine Rede am 70. Jahrestag bringen.

Samstag, 2. November 1987
Rede Gorbatschows auf der Festsitzung zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. (!Neues Deutschland vom 3. November 1987) Hat die Rede die endgültige Klarheit gebracht? Beim Lesen der ersten eineinhalb Seiten der Rede war ich voller Zuversicht: Ja, jetzt ist klar: Die Perestroika meint es ernst mit der Fortsetzung der Oktoberrevolution! Die Geschichte des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion wird streckenweit so vorgetragen, als ob Gorbatschow seinen Ausführungen den „Kurzen Lehrgang“ der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“ zugrunde gelegt hätte.
Zitat: „Die Geschichte stellte der neuen Gesellschaftsordnung ein hartes Ultimatum: entweder in kürzester Frist ihre sozialökonomische und technische Basis zu schaffen … oder unterzugehen… Die Periode nach Lenin – die zwanziger und dreißiger Jahre – nahm in der Geschichte des Sowjetstaates einen besonderen Platz ein. In nur eineinhalb Jahrzehnten wurden grundlegende gesellschaftliche Veränderungen vollzogen. Diese Jahre umfassten so vieles… Das waren Jahre angestrengtester Arbeit bis an die Grenze menschlicher Möglichkeiten. Jahre harten Kampfes an vielen Fronten. Die Industrialisierung, die Kollektivierung, die Festigung des multinationalen Staates, die Konsolidierung der internationalen Position der UdSSR, die neuen Formen der Leitung der Wirtschaft und des gesamten gesellschaftlichen Lebens – all das fiel gerade in diesen Zeitraum. … Damals begann der Aufbau der ersten sozialistischen Gesellschaft in der Welt. Das war eine Heldentat von historischer Dimension und Bedeutung. Die Bewunderung für die Heldentaten der Väter und Großväter, die Wertschätzung unserer wahren Errungenschaften werden ewig leben wie die Heldentaten und Errungenschaften selbst.“

Und weiter:

Gorbatschow kam dann darauf zu sprechen, „dass in den ersten Jahren des sozialistischen Aufbaus durchaus nicht alle führenden Parteifunktionäre die Leninschen Ansichten zu einigen der wichtigsten Probleme teilten. … Kleinbürgerliche Wesensart gewann bei einigen angesehenen Funktionären Oberhand. Sie bildeten Fraktionen. … Sie provozierten die Spaltung. … Das trifft vor allem auf L. D. Trotzki zu, der nach Lenins Tod maßlose Führungsansprüche erhob. … Trotzki und die Trotzkisten negierten die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus unter der Bedingung der kapitalistischen Umzingelung. In der Außenpolitik setzten sie auf den Export der Revolution und in der Innenpolitik auf das `Ansetzen von Daumenschrauben´ bei der Bauernschaft, bei der Ausbeutung des Dorfes durch die Stadt und auf administrativ-militärische Methoden bei der Leitung der Gesellschaft.
Der Trotzkismus ist eine politische Strömung, deren Ideologie im Grunde eine kapitulantenhafte Haltung einnahm, wobei sie sich mit linken, pseudorevolutionären Phrasen tarnten. Dem Wesen nach stellte er eine Attacke gegen den Leninismus an der gesamten Front dar. Es ging praktisch um das Schicksal des Sozialismus in unserem Lande, um das Schicksal der Revolution. Unter diesen Bedingungen musste dem Trotzkismus vor dem ganzen Volke der Nimbus genommen, musste sein antisozialistisches Wesen entlarvt werden.
Die Situation gestaltete sich noch komplizierter dadurch, dass die Trotzkisten in einem Block mit der neuen Opposition unter der Führung G. J. Sinowjews und L. B. Kamenews agierten. … Aber die Partei sprach sich letztlich für die Linie des ZK und gegen die Opposition aus, die ideologisch und organisatorisch zerschlagen wurde. Somit wahrte der führende Kern der Partei unter Leitung J. W. Stalins den Leninismus im ideologischen Kampf. …
Ende der dreißiger Jahre war die Sowjetunion in der Industrieproduktion auf den ersten Platz in Europa und auf den zweiten in der Welt vorgerückt und zu einer wahrhaft großen Industriemacht geworden. Das war eine Heldentat von weltgeschichtlicher Bedeutung, eine Heldentat der befreiten Arbeit, eine Heldentat der Partei der Bolschewiki.“
Waren diese Aussagen nicht geeignet, alle Zweifel an der bolschewistischen Echtheit Gorbatschows endgültig zu zerstreuen? Ja, das wären sie gewesen, wenn dem nun folgenden Teil der Rede – in krassem Gegensatz zum Bisherigen – nicht der „Kurze Lehrgang“, sondern offenbar Chruschtschows Reden auf dem XX. und XXII. Parteitag als Vorlage gedient hätten!
Davon nur einige Kostproben:
„Im Lande entstand eine Atmosphäre der Unduldsamkeit, der Feindschaft und des Misstrauens. Später wurde diese politische Praxis ausgebaut und mit der falschen `Theorie´ der Zuspitzung des Klassenkampfes im Prozess des Aufbaus des Sozialismus begründet. Das hatte einen verheerenden Einfluss auf die gesellschaftspolitische Entwicklung des Landes und brachte schwerwiegende Folgen mit sich. … Das Fehlen des nötigen Niveaus der Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft hat sowohl den Personenkult als auch die Verletzungen der Gesetzgebung, die Willkür und die Repressalien der dreißiger Jahre ermöglicht. Offen gesagt – Verbrechen, verübt auf dem Boden des Machtmissbrauchs. …
Jetzt gibt es viele Diskussionen über die Rolle Stalins in unserer Geschichte. … Die Schuld Stalins und seiner nächsten Umgebung gegenüber Partei und Volk … ist unermesslich und unverzeihlich. … Auf dem XX. und XXII Parteitag verurteilte die Partei scharf sowohl den Kult um Stalin als auch seine Folgen. … Doch der Prozess der Wiederherstellung der Gerechtigkeit wurde nicht zu Ende geführt und kam faktisch Mitte der sechziger Jahre zum Stehen. (Zur  Erinnerung: Chruschtschow wurde 1964 seiner Ämter enthoben. K.G.) Jetzt muss man … erneut darauf zurückkommen.“

Damit ist nun endgültig klar und deutlich geworden, wo Gorbatschow steht und was wir von ihm zu erwarten haben: Er will fortsetzen und vollenden, was Chruschtschow nicht zu Ende bringen konnte. Er ist also wie Chruschtschow ein Feind und ein Helfershelfer der Imperialisten, und ein noch viel gefährlicherer, als Chruschtschow es war.


Dezember 1988
Seit dem 70. Jahrestag der Oktoberrevolution ist die Zeit der Ungewissheit und des Zweifels vorbei und der Gewissheit gewichen, dass das Schlimmste passiert ist – nämlich dass der „Hoffnungsträger“ Gorbatschow in Wahrheit eine neue, noch viel gefährlichere Ausgabe von Chruschtschow darstellt. Wer das noch nicht bemerkt hat, dem müsste doch wenigstens Gorbatschows Auftritt auf der 43. UNO-Vollversammlung die Augen geöffnet haben. Dort ließ er sich nämlich so vernehmen:
„Die Weltwirtschaft wird zu einem einheitlichen Organismus. … Wir sind in eine Epoche eingetreten, in der dem Fortschritt die universellen Interessen der gesamten Menschheit zugrunde liegen werden. Diese Erkenntnis macht es erforderlich, dass auch die Weltpolitik von der Priorität der allgemeinmenschlichen Werte (Hervorhebung: K.G.) bestimmt wird. … Ein weiterer weltweiter Fortschritt ist jetzt nur auf dem Wege der Bemühungen um einen gesamtmenschlichen Konsens … möglich. Schauen Sie, wie sich unsere Beziehungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika verändert haben. Nach und nach bildete sich gegenseitiges Verständnis heraus, entstanden Elemente des Vertrauens“ (ND, 8.12.1988)
Das ist die öffentliche Absage an den Klassenstandpunkt und den Klassenkampf und die Vertrauenswerbung von der Tribüne der Vereinten Nationen für den imperialistischen Weltgendarmen und Todfeind der Sowjetunion und des Sozialismus! Und sein Außenminister Schewardnadse sagte das vor der UNO noch deutlicher:
„Wir sehen die friedliche Koexistenz als universales Prinzip zwischenstaatlicher Beziehungen und nicht als besondere Form des Klassenkampfes.“ (Hervorhebung: K.G.)
Wem selbst das noch nicht die Augen geöffnet hat dafür zu erkennen, was für einer dieser „Retter des Sozialismus“ in Wahrheit war, dem hat Gorbatschow selbst dabei nach gelungener Vollendung der Konterrevolution nachgeholfen, zuerst z.B. in verschiedenen Interviews im Spiegel.
Etwas später dann, 1999, verkündete er in eitlem Siegerstolz und lakaienhafter Selbstlobpreisung seiner Leistung für seine Förderer in den imperialistischen Zentren in dem berüchtigten Vortrag an der Universität Ankara:
Mein Lebensziel war die Zerschlagung des Kommunismus. … Ich musste die gesamte Führung der KPdSU und die UdSSR entfernen.“ (Veröffentlicht u.a. in der DKP-Zeitung UZ vom 8.9.2000)
Und das reichte nicht aus:
„Ich musste auch die Führungen in allen sozialistischen Ländern beseitigen.“
Auch darin ging ihm Chruschtschow schon voran. Auch der war bemüht, in den sozialistischen Ländern an die Stelle „stalinistischer“ Erster Sekretäre revisionistische Vertrauensleute zu setzen, was ihm in Ungarn mit Imre Nagy und in Polen mit Gomulka auch gelang. Seine mehrfachen Versuche, Walter Ulbricht zu stürzen, sind dagegen alle fehlgeschlagen. (Siehe dazu „Taubenfußchronik“, Bd. II, S. 47-51, S. 194-208)
Und nun also die Fortsetzung bei Gorbatschow. Ja, wir haben es schon ab Oktober 1988 in der Presse verfolgen können, wie „Gorbi“ seine Fäden mit Kohl knüpfte, um den Preis zu vereinbaren, für den er uns an die BRD verkaufen würde: ND vom 25. Oktober 1988: „Treffen Michail Gorbatschows mit Bundeskanzler Kohl in Moskau“. Das war die Grundlage für die nach dem Besuch Kols bei Gorbatschow im Kaukasus im Juli 1990 in der Presse vielberufenen „Männerfreundschaft Kohl-Gorbatschow“.
So weit also das Zitat der Notizen zu meiner „Chronik des Zweifels“ in meinem politischen Tagebuch.

Seit ich Gewissheit darüber hatte, welch tödliche Gefahr für den Sozialismus, für die Sowjetunion und damit auch für die DDR und alle sozialistischen Staaten von der Führung in Moskau ausging, drängte sich mir natürlich auch die Frage auf: Wie sieht es eigentlich in unserer Führung aus? Konnte es darunter auch Leute geben, die – bewusst oder aus falschem guten Glauben – Helfershelfer Gorbatschows werden können oder schon sind? Bei zweien war ich mir ganz sicher, dass dies auf sie auf keinen Fall zutrifft: Bei Erich Honecker und bei unserem Verteidigungsminister Heinz Keßler.

Erich Honecker

Was Honecker betraf – so war er in meinen Augen zwar bei weitem keine ideale Besetzung für das Amt des Partei- und Staatsführers. Und ich konnte ihm auch nicht verzeihen seine schäbige Rolle beim erzwungenen Rücktritt Walter Ulbrichts, und unverständlich war mir auch, dass er und das Politbüro zugelassen hat, dass die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED das offenkundig auf ideologische Diversion zielende, von der Grundwertekommission der SPD lancierte Dokument „Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ (ND, 28.8.1987) unterzeichnete. Aber dennoch war ich mir ganz sicher, dass Honecker niemals bereit sein würde, die Deutsche Demokratische Republik preiszugeben. Deshalb musste er ja auch gestürzt werden!

Heinz Keßler

Bei unserem Verteidigungsminister Keßler waren es seine Herkunft aus einem kommunistischen Elternhaus und sein politischer Werdegang – schon in den ersten Tagen nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion ging er auf die richtige Seite über, auf die Seite der Roten Armee, und nahm als Beauftragter des Nationalkomitees Freies Deutschland am Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion teil – die mir die Gewissheit gaben, dass er kein Gefolgsmann einer „Perestroika“ à la Gorbatschow werden könnte.

Die Verräter Mittag, Modrow, Krenz und andere

Misstrauisch war ich gegen zwei andere aus der Führung unserer Partei:
Zum einen gegen Günter Mittag, von dem sich schon ziemlich weit herumgesprochen hatte, dass seine „Beratungen“ mit unseren Betriebsdirektoren und Wirtschaftsleitern keine Beratungen, sondern Befehlsempfangs-Veranstaltungen waren, bei denen Mittag diese zumeist hochqualifizierten Leiter in skandalöser Weise wie Schuljungen behandelte und widerspruchslose Befolgung seiner Anweisungen verlangte. (Wobei ich mir bis heute die Frage nicht befriedigend beantworten kann, wieso die sich das gefallen ließen und wieso Mittag von Seiten der Parteiführung, genauer gesagt von Seiten Erich Honeckers, offenbar alles erlaubt war.)
Der zweite, über dessen Vertrauenswürdigkeit ich sehr in Zweifel geraten bin, war Hans Modrow. Der Hauptgrund war ein Besuch Modrows in der BRD beim Parteivorstand der SPD – es war das einige Zeit nach dem SPD-SED-Dokument – und dessen Presseecho im Westen. Das nämlich fiel außergewöhnlich freundlich aus und ließ deutlich erkennen, dass Modrows Besuch ihn in dortigen Führungskreisen zu einem Hoffnungsträger in Bezug auf einen „positiven Wandel“ in der DDR gemacht hatte.

Es hat sich bestätigt!

Der weitere Verlauf zeigte mir, dass ich mit meinen Einschätzungen in beiden Richtungen nicht falsch lag, dass ich aber die Zahl der Sympathisanten für Gorbatschows Perestroika- und Glasnost-„Reformen“ in unserer Führung weit unterschätzt hatte. Das wurde offenbar, als Erich Honecker auf der Politbüro-Sitzung am 17. Oktober 1989 von einem von Willi Stoph, damals Ministerpräsident der DDR-Regierung, im Namen einer Reihe von Politbüro-Mitgliedern vorgetragenen Antrag auf seine, Honeckers, Abberufung von seinen Funktionen überrumpelt wurde und sich für diesen Antrag sieben Redner, darunter Egon Krenz, Harry Tisch, Erich Mielke und Günter Mittag aussprachen und kein einziger dagegen.
Und Heinz Keßler?
Der konnte an dieser entscheidenden Sitzung nicht teilnehmen, weil er auf Parteibeschluss am 13. Oktober zu einem lange vorher festgelegten Freundschaftsbesuch nach Nikaragua und Kuba flog und natürlich ebenso wie Erich Honecker ahnungslos war über den Vorstoß zum Sturz Honeckers, der für die Politbürositzung vier Tage später geplant war. (Ausführlich dazu: Heinz Keßler, Zur Sache und zur Person, Berlin 2. Aufl., 1997, S. 270-275; ferner: Heinz Keßler: Die letzten Tage der SED und der Deutschen Demokratischen Republik, in: „Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR“, Hrsg: offen-siv, Hannover 2009, S. 100-103.)
Dazu schreibt Heinz Keßler in seinem Beitrag in „Unter Feuer“, S. 101.
„Also bin ich gefahren. Am Dienstag danach hat Stoph in der Politbürositzung (ich war nicht dabei, weil ich ja auf Reisen war) den Antrag eingebracht, unterstützt von Krenz und noch ein paar anderen, Honecker abzulösen. Später habe ich von einem sowjetischen Genossen erfahren, dass zwischendurch Harry Tisch unter irgendeinem Vorwand in Moskau war bei Gorbatschow und Schewardnadse und dort gefragt wurde: `Läuft alles?´ Er hat geantwortet: `Ja´. `Und Keßler?´ Da sagte Harry Tisch: `Den haben wir weggeschickt´. Denn ich hätte nicht zugestimmt.“
Das war im Oktober. Wie ging es weiter?
Hans Modrow wurde am 13. November Ministerpräsident der DDR. Unter seiner Regierung wird Heinz Keßler einen Monat und 11 Tage später, am 24. Januar 1990, zwei Tage vor seinem 70. Geburtstag, verhaftet und eingesperrt – wegen angeblicher Verschwendung von Volksvermögen. Ende April eröffnet ihm der Staatsanwalt, er werde am nächsten Tag entlassen. Zu dessen Verblüffung antwortet ihm Heinz Keßler: „Ich werde aber nicht gehen! Ich gehe erst, wenn der Generalstaatsanwalt dieser Modrow-Regierung eine Erklärung abgibt, dass die Anschuldigungen alle falsch waren.“ (Siehe dazu: „Unter Feuer“, S. 102f.) Er sollte aber nur kurze Zeit in Freiheit verbringen.

Heinz Keßler – ein aufrechter Kommunist!

Pfingsten 1991, also schon nach dem „Anschluss“, wurde er erneut verhaftet, diesmal von den Justizbehörden der BRD mit der Begründung „Fluchtgefahr“ und mit der Absicht, ihm und anderen zusammen mit Erich Honecker den Prozess zu machen wegen eines behaupteten „Schießbefehls“, um sie dann wegen Totschlags zu verurteilen. Zwei Jahre und drei Monate währte die Untersuchungshaft und die Haft während des Prozesses bis zum Urteilsspruch am 16. September 1993. Das Urteil lautete auf siebeneinhalb Jahre Haft. Aus gesundheitlichen Gründen wurde Heinz Keßler am 29. Oktober 1998 „auf Bewährung“ nach fünfeinhalb Jahren Haft entlassen. Er bewährte und bewährt sich danach in der Tat – als der, der er war und immer geblieben ist, als Kommunist, als konsequenter und unbeugsamer Kämpfer für ein von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung befreites Deutschland und als Voraussetzung dafür für das Wiedererstehen einer starken, in den Massen verankerten Kommunistischen Partei.

An seiner Seite kämpft genau so konsequent seine Frau, die Genossin Ruth, die nicht unerwähnt bleiben darf, wenn von Heinz und seinem Kampf die Rede ist, weil es seit langem ihr gemeinsamer Kampf ist. Und zu dieser Gemeinsamkeit gehört auch ihr Internationalismus und ihre gemeinsame Liebe zum sozialistischen Kuba, die Solidarität mit dem kubanischen Volk und die persönliche Freundschaft zu Fidel und Raúl Castro.

Eine Schlußfolgerung…

So schwach und zersplittert die antikapitalistischen Kräfte heute auch noch sind, zeigt sich doch – nicht zuletzt als Folge der vertieften Krise des Kapitalismus – auch in Europa vor allem unter der Jugend etwas Neues an, die Weigerung, sich mit den bestehenden Verhältnissen abzufinden, mit einem „System Ackermann“, das in allen Bereichen, vor allem auch in der Bildung, auf Kosten der so genannten „Unterschichten“ brutal nur auf Hebung der Rendite auf ein immer noch höheres Niveau ausgerichtet ist.
Damit verbunden ist auch eine Suche nach Vorbildern. Sie finden sich in großer Zahl in der Arbeiterbewegung, bei den Kämpferinnen und Kämpfern gegen den Faschismus.

Ein solches Vorbild ist auch Heinz Keßler,

  • der Jungkommunist, der Antifaschist, der die faschistische Armee verlässt und an der Seite der Roten Armee sein Leben aufs Spiel setzt, um das deutsche Volk vom Faschismus zu befreien;
  • der Mitschöpfer einer Jugendorganisation, der Freien Deutschen Jugend, die mit großem Erfolg sich bemühte, aus einer vom Faschismus verführten und missbrauchten Jugend Erbauer einer sozialistischen Gesellschaft und Verteidiger des Friedens zu machen;
  • der oberste Chef einer Armee, der Nationalen Volksarmee der DDR, die dafür sorgte, dass, so lange es sie gab, von deutschem Boden kein Krieg mehr ausging;
  • der Häftling von Modrow und Kohl, den 8 Jahre Gefängnisstrafen für sein kommunistisches Handeln in seiner Überzeugung, dass gerade ein solches Handeln notwendig ist, nur bestärkt haben;
  • unser Genosse Heinz Keßler, der am 26. Januar 2010 sein 90. Lebensjahr vollendet und dem wir für sein vorbildliches Leben als Kommunist und Verteidiger des Friedens danken und dem wir ein weiteres Jahrzehnt zusammen mit seiner Ruth in Gesundheit wünschen, in dem sie beide die ersten Erfolge eines neuen Aufschwungs der Bewegung für Frieden und Sozialismus auch in Deutschland erleben mögen.
Kurt Gossweiler, 2010. Quelle: „Die Sache aufgeben, heißt sich selbst aufgeben“, Festschrift für Heinz Keßler zum 90. Geburtstag. Hrsg: Freundeskreis Heinz Keßler. Wir danken Kurt Gossweiler für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung. Verlag Wiljo Heinen, 2010, S.35-52. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Zum Download:

pdfimage Kurt Gossweiler: Chronik des Zweifels

P.S. das mit der „Dummheit“ (eingangs) ist absolut ernst gemeint und nicht als Beleidigung. Die herrschende Klasse hat es verstanden, die unterdrückte und ausgebeutete Klasse in fast völlige (politische) Dummheit und Unmündigkeit zu führen. Und es ist eine empörende Dummheit (oder ist es Feigheit?), sich nicht gegen Sklaverei und Ausplünderung zu wehren und jeden wohlmeinenden Rat (wie von Marx, Engels, Lenin, Stalin gegeben) in den Wind zu schlagen, den Schwanz einzuziehen und Schmach und Unbill schweigend zu erdulden…

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17 Antworten zu Kurt Gossweiler: Chronik des Zweifels

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Kurt Gossweiler hat alles gesagt. Ich frage mich, warum ich lange Zeit die Sache so klar nicht gesehen habe, war aber nicht wirklich von Gorbatschow überzeugt, ich blieb skeptisch, ohne das im einzelnen genau begründen zu können. Auch wusste ich nichts Genaues über den desolaten ökonomischen und ideologischen Zustand der Sowjetunion. Ich kann Kurt Gossweiler immer nur danken für sein Werk, das mir die Augen geöffnet hat, wodurch ich jetzt vieles zusammen mit der Beschäftigung mit dem dialektischen und historischen Materialismus viel besser verstehe.

    • sascha313 schreibt:

      Ich wußte viel über den Zustand der Sowjetunion, hatte aber nie so genau verfolgt, was sich dort, aber auch bei uns, in der Politik veränderte. Wir lebten ja in einer gewissen Sicherheit (oder besser: wir wiegten uns in Sicherheit!)

      Klar, besorgt waren viele. Aber es ist einzig und allein (so meine ich) Kurt Gossweilers Verdienst, das sio glasklar aufgeklärt und erklärt zu haben!

  2. Pingback: Chronik des Zweifels – "Sascha Iwanows Welt"

  3. roprin schreibt:

    Zum dem Jahr, ab wann die DDR „verkauft“ wurde: das wurde bereits per Handdruck 1985 vorgenommen. In diesem Jahr trafen sich die Außenminister der USA, der BRD (Genscher) und der Sowjetunion in Sotschi und verhandelten, was mit der DDR geschehen soll. Gorbatschow ließ die DDR damals schon verscherbeln – niemand von der DDR war anwesend! Schewardnadse als damaliger Außenminister wollte das so nicht unterstützen. Aber nachdem ihm der Miniserpräsindentenposten Georgiens und von den USA ein paar Milliarden Dollar als „Soforthilfe“ angeboten wurden, stimmte er zu. Später „plauderte“ er darüber; man hatte ihn in Sotschi betrogen – Ministerpräsident in Georgien wurde er sofort (zwar für kurze Zeit), aber die Milliarden Dollar blieben aus.
    Die DDR wurde für Versprechen an die BRD verschenkt. Doch an die Versprechen hielten sich die Westmächte später nicht.

  4. Frank-Detlef Mogel schreibt:

    Zum „Kreml-Flug“
    ..er war ein Bestandteil folgender Operationen
    Operation Prelomlenie – der Kreml-Flug,
    • Operation Morgenlicht in Polen,
    • Operation Schlaglicht in Ungarn,
    • Operation Herbstlicht in der Tschechoslowakei,
    • Operation Karpatenlicht in Rumänien und
    • Operation Lichtstrahl (Ljutsch) in der DDR.
    für die Operationen verantwortlich war nicht eine Sondereinheit des KGB wie oft vermutet wird, sondern die einige “ perestroikawillige“ Offiziere/Angehörige der Militär-Geheimdienste des Warschauer Vertrages

    Weiterführende Links
    http://operation-ljutsch.de/index.html

    • sascha313 schreibt:

      Ihre Quellen beziehen sich auf (oder sind!) konterrevolutionäre Einrichtungen, die zum Ziel hatten, den Sozialismus zu demontieren. – „Lutsch“ war eine solche antikommunistische Truppe! Dazu gehörte auch der Verräter Markus Wolf. Siehe: https://sascha313.wordpress.com/2017/11/14/kurt-gossweiler-agentenriecherei-spionage-fuer-den-frieden-oder-angriff-und-abwehr-juni-2007/

      (Und ganz nebenbei: Man soll uns nicht für dumm verkaufen – in jedem handlichen Wörterbuch für Touristen wird steht das Wort „луч“ für Strahl – übertragen „Lutsch“ und nicht „Ljutsch“ – die Autoren hätten das wissen müssen! Oder sie verstehen kein Russisch, was für MfS-Insider nicht zutrifft!)

      • Frank-Detlef Mogel schreibt:

        völlig richtig…konterrevolutionäre Einrichtungen innerhalb der militärischen Geheimdienste
        (für „Lutsch“ und nicht „Ljutsch“ ist der Autor verantwortlich, der mit Sicherheit kein MfS-Insider ist…. sondern eher in die im Buch geschilderten Ereignisse involviert war)

      • sascha313 schreibt:

        …und „involviert“ auf westlicher Seite! Das ist auch die Provenienz dieses Machwerkes! Der Autor ist ein Märchenerzähler. Vielleicht verkauft sich so ein Krimi besser???

  5. roprin schreibt:

    „…Günter Mittag, von dem sich schon ziemlich weit herumgesprochen hatte, dass seine „Beratungen“ mit unseren Betriebsdirektoren und Wirtschaftsleitern keine Beratungen, sondern Befehlsempfangs-Veranstaltungen waren, bei denen Mittag diese zumeist hochqualifizierten Leiter in skandalöser Weise wie Schuljungen behandelt…“
    Die letzten „Beratungen“ Günter Mittags fanden im Robotron-Schulungszentrum in Leipzig statt, wo ich tätig war. Ich sollte zur Vorbereitung der Tagung mitmachen. Die Genossen aus dem ZK kamen in ziemlich überheblicher Weise. Kuba-Orangen durften nicht angeboten werden, die Genossen könnten sich ja beim Schälen bespritzen. Und als gesagt wurde, es darf nicht geschehen , daß irgendein an den Beratungen teilnehmender Genosse einen Wunsch äußert, wir sollen die Wünsche schon vorher erkennen und danach handeln, konnte ich meinen Mund nicht mehr halten. Von da an war ich raus aus dieser Gruppe und führte weiter meine Lehrtätigkeit aus.
    Als die Beratungen anfingen, wurden FDJ-ler für den Kontrolldienst am Eingang eingesetzt. Eine FDJ-lerin kam auf einmal voller Tränen den Gang entlang. Sie hatte es gewagt, sich von Günter Mittag den Eintritts-Ausweis zeigen zu lassen. Da hat dieser das junge Mädel grob beschimpft und sich beschwert Dieses Mädel hatte nur getan, was sie sollte. Die Direktoren waren jedesmal völlig erbost ob des Auftretens von Günter Mittag, aber ja, sie hielten ihren Mund, weil sie wußten, was ein Widerspruch für Konsequenzen haben würde. Günter Mittag war selbstherrlich, hatte keine Ahnung von der Praxis und offenbar auch keinerlei Interesse.

    • sascha313 schreibt:

      Tja, was soll man dazu sagen? Nicht nur, daß Jugendliche von Mittag zurechtgewiesen wurden, sondern auch gestandene Fachleute. Das bestätigt eigentlich nur, was heute über die Willkürherrschaft in der DDR gesagt wird. Nur – warum haben sich das sogar bedeutende Leute gefallen lassen? Na, und was für Konsequenzen hätte es denn gegeben? Die haben dann doch sowieso gemacht, was sie für richtig hielten und haben dem Mittag irgendwas anderes erzählt. Solche arroganten, selbstherrlichen Typen wie Mittag gab es mehrere. Und solche hinterhältigen Verschwörer wie Krenz und Modrow auch!

      • marie schreibt:

        Meines Erachtens ist das ein sehr bedeutender Grund, dass die Konterrevolution siegen konnte: Ein Phänomen in Anerkennung des Demokratischen Zentralismus: Auch die bewusstesten Mitglieder der SED taten, wie ihnen geheißen wurde.
        Ich selbst war direkt in der Produktion tätig (und ich bin nicht auf Gorbatschows Thesen hereingefallen). Aber den Weisungen meiner vorgesetzen Leitungen zuwider zu handeln, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich ging davon aus, dass sie wussten, was sie taten.
        Soviel so kurz und allgemein weil ich meine, dass wir alle hier lediglich im NACHHINEIN polemisieren und die Geschichte beweist, dass sehr, sehr viele bewusste Arbeiter und Genossen (die es neben „den Verrätern“ ja auch gab!), die schleichende Konterrevolution nicht erkennen und nicht aufhalten konnten.

      • sascha313 schreibt:

        Der demokratische Zentralismus beinhaltet ja die Einzelleitung bei persönlicher Verantwortung und (!) kollkektiver Beratung.

        Ich war bei den Beratungen nicht dabei. Aber wenn das Kollektiv der Leiter nicht einbezogen wird, dann kommt es eben zu solchen Diskrepanzen. Die Einbeziehung des Kollektivs in die Entscheidungvorbereitung ist gleichzeitig Voraussetzung für die Identifikation des Kollektivs mit der getroffenen Entscheidung. Dort, wo diese bewußte Disziplin fehlt, verfügt der Einzelleiter auch über die notwenigen administrativen Mittel, um die Durchführung der getroffenen Entschidung zu sichern. So soll es ja auch sein! Wer aber ohne eine sachliche Beratung über die Köpfe des Kollektivs hinweg entscheidet, der braucht sich über Undisziplniertheiten auch nicht zu wundern. Erhardt Gißke hat das klar beschrieben: https://sascha313.wordpress.com/2016/01/28/25653/

        Eine andere Frage ist, ob „bewußte Arbeiter und Genossen …die schleichende Konterrevolution nicht erkennen und nicht aufhalten konnten“. Tja, auch Kurt hat da seine Zweifel gehabt. Ich meine, wir haben in der DDR alles getan, um eine gebildete Arbeiterklasse heranzuziehen, Aber was da geschah, war tatsächlich nur zu erkennen, wenn man sich ernsthaft und tiefgründig mit der Materie beschäftigt. Und wenn ein Einzelleiter eben versäumt oder sich scheut, seine Kenntnisse und Erkenntnisse weiterzugeben, dann schadet er auch dem Kollektiv – der Sache sowieso…

  6. roprin schreibt:

    Ja, Heinz Keßler wurde „weggeschickt“ – besonders um die Grenze zu öffnen. Dem hätte er niemals zugestimmt; er hätte einen Befehl zum Schutz der Grenze zum Schutz unserer DDR gegeben.
    Oh man, wie sehr trauere ich meiner Heimat nach! Ich denke, alle Leser hier verstehen mich.

    • sascha313 schreibt:

      roprin, leider gibt es viele, sehr viele, die wollen alles hinter sich lassen. Sie gehen jeglichem Ärger aus dem Weg, kassieren dafür aber eine Unmenge an Schwierigkeiten mehr, die ihnen ihr „Arbeitgeber“ und Staat dafür aufbürden. Dem suchen sie beizukommen, indem sie sich noch mehr anstrengen, irgendwie zu Geld zu kommen. Ja, und damit lassen sie sich zugleich auch noch mehr ausbeuten. Ist das nicht absurd?

      Schon über seine Jugendzeit vor über 100 Jahren resümierte Karl Grünberg: „Ein schier unbändiger Haß gegenüber einer Gesellschaftsordnung, in der es solche schreienden Gegensätze gab, erfüllte mich. Er stieg förmlich zur Weißglut, als der Kurhauspächter, der bei diesem Bankett (für seine Standesgenossen von und zu, N.G.) einen gewaltigen Schnitt gemacht hatte, jedem von uns als Lohn für die Überarbeit … eine Flasche echtes Bier spendierte..Am meisten empörte mich aber die Gleichgültigkeit, mit der die Hotelsklaven diese Ausbeutung hinnahmen…“ (Unter der roten Fahne, Dietz Verlag, Berlin, 1958, S.21)

  7. tommmm schreibt:

    Ein Zitat aus dem ersten Abschnitt des Artikels:
    „Einmal die Hoffnung, er werde der lang erwartete Mann sein, der die Partei Lenins weg von dem verderblichen revisionistischen Kurs führen wird,……“

    Mein erster Gedanke beim Lesen war sehr deprimierend. Kurt sagt damit ganz deutlich, das er nicht mehr an die Kraft der Partei glaubt…..sondern etwas in der Art: Kommt ein neuer Messias oder nicht….
    Ich habe dann abgebrochen und mußte das erst mal sacken lassen. Später habe ich dann den Rest gelesen. Hier zeigt sich dann wieder eine super Analyse. Wer konnte das damals in meinem Alter schon zwischen den Zeilen herauslesen? Wenn man sich überhaupt durch die seitenlangen Texte gewühlt hat.

    • sascha313 schreibt:

      Naja, Messias ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck 😉 – aber es ist schon richtig, daß jede politische Bewegung führende Persönlichkeiten benötigt und auch hervorbringt. In der UdSSR gab es viele davon: z.B. Swerdlow, Schwernik, Kirow, Frunse,, Dzierzynski, Berija … sie alle hätten es sein können. Dshugashwili allerdings war einer der souveränsten engen Mitstreiter Lenins, der auch unabhänig von ihm das gleiche tat – nämlich organisieren und führen. Nicht alle hätten ihm das zugetaut, aber der Menschn wächst ja bekanntlich it seinen Aufgaben.

      Schauen wir uns dagegen die Bourgeoisie an: hier handelt jeder für sich allein und nur zum eigenen Vorteil. Wer die höchsten Profite kassiert, der regiert. Der Skrupelloseste, der Brutalste gewinnt, und alle anderen tanzen nach seiner Pfeife. Und sie,werden dafür auch großzügig entlohnt – je gewissenloser, ein Lakai ist, desto höher ist sein Anteil an der Beute.

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