Wie die USA die Verurteilung der Nazis sabotierten…

weltgendarm1„Betrachtet man die amerikanische Politik in Deutschland“, so schrieb George S. Wheeler, „so drängt sich die Frage auf, weshalb die Vereinigten Staaten mit der Sowjetunion gegen die Nazis kämpften…“ Ja, weshalb überhaupt? Und zur Begründung führte weiter aus: „Im Jahre 1941 haßten die amerikanischen Kapitalisten den Kommunismus kaum weniger als heute. Durch zahlreiche kommerzielle und finanzielle Interessen waren sie mit den Kapitalisten in Deutschland eng verbunden. Dieser Gemeinsamkeit stand jedoch ein wichtiger Faktor entgegen: sie fürchteten die Konkurrenz der deutsche Imperialisten auf dem Weltmarkt…“ 

Und so wurde endlich nach jahrelanger Verzögerung und als der Ausgang des Krieges schon fast entschieden war, im Juni 1944 doch noch die zweite Front eröffnet. Endlich landeten britische und amerikanische Fallschirmjäger in der Normandie. Als dann der Nazigeneral Keitel in der Nacht zum 9.Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, war das falsche Spiel der USA noch lange nicht beendet. Diese Verzögerung diente der Schwächung der Sowjetunion, und doch ging die hinterhältige Taktik der Westmächte nicht auf: Der Nürnberger Prozeß fand statt, die Sowjetunion überlebte, die DDR wurde gegründet und sie existierte als erster sozialistischer Staat auf deutschem Boden fast 40 Jahre…

Gedenktafel

Gedenktafel am ehemaligen Sitz der Sowjetischen Streitkräfte in Berlin

Als dann das Nürnberger Gericht stattfand, wo die Nazi- und Kriegsverbrecher verurteilt werden sollten, versuchten die USA auf jede nur mögliche Weise den Prozeß zu hintertreiben. Man versuchte, ein ein Verwaltungschaos zu organisieren, Beweise zu vertuschen, verbreitete Falschmeldungen, untersagte verantwortlichen Bundesrichtern der USA die Teilnahme an den Prozessen, behinderte die Übersetzer, ließ Gesetzestexte verschwinden und vieles mehr. Die Fähigkeit der Juristen und Industrieanwälte, die von den USA zur herangezogen worden waren, erwies sich als erschreckend gering, so daß der USA-Ankläger Abraham L. Pomerantz aus Protest zurücktrat. Nach seiner Rückkehr in die USA erklärte dieser:

„Ich habe Menschen wie Göring, Ribbentrop, Streicher und Sauckel gesehen und kenne ihre Verbrechen. Was jedoch wichtiger ist, ich habe auch die stilleren, aber gefährlicheren Nazis gesehen: die deutschen Industriellen. Es waren die Nazi-Industriellen, die Hitler finanzierten und an die Macht brachten, die ihm Gelder und Waffen gaben, die den Angriffskrieg – sagen wir es deutlicher: den Massenmord – durchführten, die die Hehler waren und die den Juden gestohlenen Güter erhielten, die Millionen und aber Millionen Männer, Frauen und Kinder als Sklavenarbeiter gebrauchten und mißbrauchten, die ihre erschöpften Arbeiter in die Vernichtungskammern schickten – ich habe die dokumentarischen Zeugnisse alles dessen und darüber hinaus die Beweise der nicht an die Öffentlichkeit gekommenen Umtriebe der Nazi-Industriellen gesehen… Einige wenige Industrielle werden vor Gericht gestellt und möglicherweise verurteilt werden. Die übrigen werden straffrei ausgehen.

Ich bin soeben von einem sechsmonatigen Aufenthalt in dem Märchenland des Kriegsministeriums zurückgekehrt, das da Nürnberg heißt. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich Ihnen innerhalb der Grenzen der drängenden Zeit das Chaos, die Verwirrung, die Demoralisierung schildern soll, die dort herrschen. In erster Linie ist das vom Kriegsministerium für Nürnberg ausgewählte Personal sowohl an Zahl als auch an Befähigung völlig unzulänglich. Nehmen Sie das Beispiel der Übersetzungen, eines Engpasses unserer Arbeit, da die Dokumente aus dem Deutschen übersetzt werden müssen, ehe die Juristen ihre Arbeit beginnen können. Der Übersetzerstab ist unvorstellbar klein für die vorliegende Aufgabe. Und was noch schlimmer ist, der Befähigungsgrad ist sehr, sehr niedrig, so niedrig, daß von dem bereits schwachen Stab vierzig Leute als völlig unbrauchbar entlassen werden mußten.

Nun gehen dringende Rufe von Nürnberg nach Washington, in denen händeringend um mehr Übersetzer gebeten wird. Darauf stellt das Kriegsministerium 13 Übersetzer in Washington ein, chartert ein Sonderflugzeug, fliegt sie nach Nürnberg. Beim Eintreffen werden sie geprüft. Alle 13 versagen. Indessen war in England lange vorher eine zahlreiche Gruppe befähigter Übersetzer eingestellt worden. Sie saßen wochen- und monatelang herum und warteten auf ihren Einsatz. Aber die Mühle der Armee mahlt langsam, und trotz der verzweifelten Hilferufe kann das Kriegsministerium anscheinend keine Wege ausfindig machen, diese Leute über den Kanal nach Deutschland zu bringen.

Mit der gleichen Trägheit des Kriegsministeriums haben wir auch auf dem Gebiete der Versorgung zu kämpfen. Es mag von hier aus unbedeutend erscheinen, aber glauben Sie mir, es ist enttäuschend, ganze Unternehmen scheitern zu sehen, weil ein Vervielfältigungsapparat, ein Fotokopiergerät, Papier, Autos zum Aufstöbern und Transportieren von Verbrechern, ja ungefähr alle notwendigen Dinge fehlen. Als ich in Nürnberg ankam – bedenken Sie, das ist der riesigste Justizkomplex der Welt! –, fand ich nicht ein einziges Gesetzbuch, das mir bei der Prüfung der zahlreichen verwickelten und schwierigen Anträge einer findigen Verteidigung – und die hatte Gesetzbücher! – hätte helfen können. Meine eifrigen Bemühungen, eine Zuweisung der notwendigen Etatmittel zu erhalten, schlugen fehl. So erfuhren wir einen Fehlschlag nach dem anderen, – bis die anständigen, befähigten Leute in Nürnberg völlig demoralisiert und von Widerwillen erfüllt waren.

Und wer sind die Richter, die das Kriegsministerium zur Verhandlung dieser bedeutenden Fälle hinübergeschickt hat? Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, das bisher noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ist: Man hat eine Sonderverfügung erlassen, die es jedem Bundesrichter in den Vereinigten Staaten verbietet, eine juristische Funktion in Nürnberg zu übernehmen. Diese Verfügung schließt automatisch die besten Kräfte der amerikanischen Justiz aus. Ich empfehle Ihnen, die Leistungen der Männer zu untersuchen, die das Kriegsministerium als Richter hinüberschickt.“

(Auszüge aus einer Rede zur deutschen Frage, gehalten in New York am 6. März 1947.)


In seinem Nachwort schrieb G.Wheeler:

„Dieses Buch wurde 1951 beendet… Jetzt treten die früheren Kriegsverbrecher schon wieder voller Arroganz und fragwürdigem Ehrgeiz auf. Schon glauben sie, die Welt wieder frech bevormunden zu können und den Dingen einen Lauf nach ihrem Willen zu geben. Sie fühlen sich sicher, denn sie sind der Vortrupp in der europäischen Politik der Wallstreet. Sie sind noch einmal gut davongekommen – wirtschaftlich und politisch –, viel besser, als sie 1945 hoffen durften. Sie leben wieder in einem Wirtschaftsboom und träumen von einem Imperium in Afrika…“

Quelle:
George Wheeler, Die amerikanische Politik in Deutschland, 1951

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3 Antworten zu Wie die USA die Verurteilung der Nazis sabotierten…

  1. gunst01 schreibt:

    Gleich zu Beginn die richtige Frage, die er leider in der Form nicht beantworten konnte: Der Krieg wurde von amerikanischen Banken vorfinanziert und das notwendige Material in Deutschland gleich mitprodiziert (Ford, General Motors). Allein dieser geschickte Schachzug ermöglichte den Aufstieg des amerikanischen Imperiums und den Zerfall des europäischen Kolonoialsystems.

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