Ljubow Pribytkowa: BRAUCHEN WIR EINEN IDEOLOGISCHEN KAMPF?

marks_kHeute befindet sich die gesamte kommunistische und Arbeiterbewegung der Welt im Schwanken und im Zerfall. Nach dem Sturz des sozialistischen Weltsystems gab es einen heftigen Rechtsruck. Rußland bildet da keine Ausnahme, hier gibt es mehr als ein Dutzend Parteien und Organisationen, die sich kommunistisch nennen. Doch immer öfter hört man Stimmen, daß man sich vereinigen muß. Auf den Maidemonstrationen in den Städten können sich ihre Vertreter noch in einer Reihe aufstellen, aber danach ist es mit ihrer Einheit auch schon vorbei. Und das ist auch ganz natürlich.

Kann es eine Einheit geben?

Zwischen Leuten, die heute den Marxismus als proletarische Ideologie und als ein theoretisches Instrument des gegenwärtigen Klassenkampfes anerkennen, und denen, die auf den Marxismus, als einer veralteten Lehre verzichten, kann es im Prinzip keine Einheit geben.

Wenn Rußland auch noch keinen kapitalistischen Entwicklungsweg eingeschlagen hat, so befindet sich doch seine Wirtschaft, die Politik und die geistige Entwicklung auf diesem Weg, und unterwirft sich den Gesetzen, die Marx bereits im 19.Jahrhundert entdeckt hat. Deshalb sind auch die Worte Lenins, die er 1914 sagte, heute außerordentlich aktuell:

„Die Einheit ist eine große Sache und eine große Losung. Doch die Arbeitersache braucht die Einheit unter den Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den Gegnern und Verfälschern des Marxismus.“ (W.I. Lenin, Einheit. In: Werke, Bd.20, S.228)

Marxismus … bis heute auf’s Schärfste bekämpft!

Der Marxismus sah in der Arbeiterklasse die schöpferische Hauptkraft der Gesellschaft. Er bewies die Notwendigkeit, daß der Kapitalismus mit seiner sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit durch das Proletariat auf revolutionärem Wege gegen eine neue, progressive Ordnung, den Sozialismus, ausgetauscht werden muß. Gerade deshalb wurden und werden die Ideen von Marx, wie Lenin schrieb, „bis zum heutigen Tage aufs schärfste bekämpft“. Kein Wunder, daß diese Lehre von Marx und Engels „sich jeden Schritt auf ihrem Lebensweg erst erkämpfen mußte“. (W.I. Lenin: Marxismus und Revisionismus. In: W.I. Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1970, Bd.15, S.19.)

Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Dem Marxismus steht eine gut gerüstete bürgerliche Ideologie mit all ihren Theorien der industriellen und postindustriellen Gesellschaft gegenüber. Bis heute gibt es die Theorie der „offenen Gesellschaft“ von Georges Soros, die während des konterrevolutionären Umsturzes in der UdSSR und den volksdemokratischen Ländern eine große Rolle gespielt hat. Soros hat Millionen Dollar an Beihilfen zur Unterstützung sowjetischer, ungarischer, polnischer und anderer europäischer Wissenschaftler mit antimarxistischen Ansichten ausgegeben. Und die USA heulen gerade ihrem selig entschlafenen Hauptideologen Zbigniew Brzezinski nach.

Gegen Opportunismus und Revisionismus

Lenin rief ständig dazu auf, nicht nur die bürgerliche Ideologie, sondern auch die Verräter – die Opportunisten und die Revisionisten – zu bekämpfen, weil sie der Bourgeoisie dabei helfen, das Bewußtsein der Menschen zu trüben und sie vom Kampf abzuhalten. Und wir sehen heute, wie sie die Arbeiter von der Wahrheit wegführen, indem sie den Marxismus entstellen und sein revolutionäres Wesen kastrieren. Mit kleinbürgerlichen Illusionen und einer spießigen Konsumpsychologie untergraben sie die Geisteswelt der Arbeiter, die sich somit nicht mehr auf das hohe Niveau einer proletarischen Ideologie zu erheben vermag.

Und mit Emotionen, wie das Gefühl für die sozialen Ungerechtigkeiten, für Ungleichheit und Haß auf die Reichen, und mit Protesten gegen das Übel, kann man bei den Herrschenden allenfalls finanzielle Zugeständnisse, eine fristgerechte Lohnzahlung und Lohnerhöhungen, oder eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichen. Natürlich bewirken Massenproteste, Streiks und Arbeitskämpfe eine Abmilderung der harten Ausbeutung.

… und so beginnt der Klassenkampf?

Aber der ökonomische Kampf ist nur das Anfangsstadium des Klassenkampfes. Die Zugeständnisse der Herrschenden an die Arbeiter in einzelnen Firmen führen deshalb noch lange nicht zu einer grundlegenden Umwälzung des Kapitalismus und werden ihn auch nicht „verbessern“. Wenn die Arbeiterklasse das nicht entscheidet, wird sie auch ihr Schicksal nicht in die eigenen Hände nehmen können, obwohl gerade die Arbeiterklasse der Hauptschöpfer der Geschichte ist.

Da der politische Kampf gegen die Bourgeoisie, der Kampf um die Macht, notwendig ist, kann auch nur die Diktatur des Proletariats ein Mittel zum Aufbau des Sozialismus sein. Doch ihr Gelingen hängt davon ab, inwieweit das Proletariat organisiert ist und sich die wissenschaftliche Theorie angeeignet hat. Weil es ohne Theorie keine wirksame Praxis geben kann.

Ohne marxistische Theorie kein Erfolg!

Wie auch schon vor hundert Jahren müssen die orthodoxen Kommunisten, die selbst gute Kenntnisse im dialektischen und historischen Materialismus, in der politischen Ökonomie des Sozialismus und im wissenschaftlichen Kommunismus besitzen, den Marxismus in die Arbeitswelt hineintragen. Für die jungen Kommunisten müssen die Werke von Marx, Engels und Lenins Gebrauchsbücher werden, die ihnen nicht nur Kenntnisse über die Theorie, sondern auch über die reichen Erfahrungen des revolutionären Kampfes in die Hand geben.

In Rußland wurde bei der Aneignung des Marxismus durch Aktivisten der Arbeiterbewegung schon ein Anfang gemacht. Professor Michail Popow hat eine Arbeiterakademie gegründet, in der man nicht nur im Hörsaal der Akademie lernen kann, sondern auch im Internet. Im Internet sind auch Lehrbücher erschienen, die den Jugendlichen bei der Aneignung des Marxismus helfen können.

Warum ist marxistische Propaganda notwendig?

Ein großer Teil der jungen Leute kennt heute den Marxismus nicht. Und in den Schulen und Gymnasien wird über die heldenhaften Taten der proletarischen Führer, der Kämpfer für die Befreiung des einfachen Volkes von Ausbeutung und Unterdrückung nicht gesprochen. Im Fernsehen und im Rundfunk, in den Schul- und Hochschullehrbüchern werden die Ereignisse der sowjetischen Vergangenheit in aller Regel falsch interpretiert. Das alles erschwert die Propagandaarbeit. Um so mehr, als die speichelleckerische Perestrojka-Intelligenz die Arbeiter wirksamer verblödet, als bürgerliche Ideologen es tun. Gerade deshalb ist heute der Kampf um die Säuberung des Marxismus von den Perversionen eine erstrangige Aufgabe. Leider haben das noch nicht alle kommunistischen Persönlichkeiten kapiert.

Einem Moskauer General, der vor ein paar Jahren seine eigene „kommunistische“ Partei gegründet hat und der Redakteur seiner eigenen Zeitung wurde, platzte der Geduldsfaden, als er meine kritischen Artikel gegen einen gewissen Sergej Kara-Mursa, ein Trojanisches Pferd in der kommunistischen Bewegung, und gegen Nikita Michalkow, der die Leibeigenschaft in Rußland bejubelt, veröffentlichen sollte. Er war keinesfalls bereit, der scharfen Kritik an die Adresse des linksradikalen kleinbürgerlichen Revolutionarismus eines Igor Gubkin zuzustimmen. Und er fühlte sich geradezu belästigt durch meine Kritik am Opportunismus der Sjuganowleute. Empört schrieb er: Man muß sie alle vereinigen und nicht nur alle mit „Schmutz“ überschütten.

Lernen, lernen und nochmals lernen…

Doch die Kommunisten haben etwas, wo sie lernen können. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich das Proletariat auf die sozialistische Revolution vorbereitete, kritisierte Lenin in vielen Artikeln die liberalen Volkstümler und Menschewiki, die legalen Marxisten und Ökonomisten, die Liquidatoren und Otsowisten. Er tat das, damit die Arbeiter genau ihre Rolle, ihre Aufgaben und ihre Mittel im revolutionären Kampf kannten.

Lenin war von der Richtigkeit der Worte von Karl Marx absolut überzeugt: „Der Sozialismus kann ohne Revolution nicht verwirklicht werden, er braucht diesen politischen Akt, da er die Vernichtung und die Zerstörung des Alten braucht.” (Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen. In: K.Marx und F.Engels, Werke. Dietz Verlag Berlin, 1956, Bd.1, S.409.) Diese Worte haben bis heute ihren Wahrheitswert nicht verloren.

Über die Notwendigkeit einer Revolution

Die marxistische Idee von der Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit einer sozialistischen Revolution ist die wichtigste Wasserscheide zwischen Kommunisten und Opportunisten. Der Vorsitzende des ZK der KPRF Gennadi Sjuganow sagt seit langem, daß „das Limit für Revolutionen erschöpft“ sei. Seine Partei tritt für einen evolutionären Entwicklungsweg in der Gesellschaft ein – es sei ausreichend, den russischen Kapitalismus zu verbessern. Die KPRF hat längst aufgehört, kommunistisch zu sein. Ihre Orientierung auf parlamentarische Methoden des Kampfes, ihre Absage an den Marxismus, ihr bürgerlicher Nationalismus und die Freundschaft zur Kirche haben viele von ihr abgestoßen. Anfang 2017 ist in Irkutsk eine ganze Bezirksorganisation aus der KPRF ausgetreten, weil sie nämlich keinen würdigen Einsatz ihrer Kräften finden konnte.

Eine linke Opportunistin macht Werbung

Ein großes Scherflein zum Opportunismus trägt auch Tatjana Chabarowa bei. Während der sowjetischen Zeit war sie eine Dissidentin. Jetzt sie eine Dissidentin in der kommunistischen Bewegung. In den 1990er Jahren gründete sie die Organisation „Exekutivkomitee des Parteitags der Bürger der UdSSR” und schrieb für die „bolschewistische Plattform“ der KPdSU. Sie vereinigte sich mit einer der Splittergruppen der KPdSU. In ihrem Druckorgan „Der Leninsche Weg“ schrieb sie, daß heute die Gespräche über eine Revolution „attraktiv klingen“, doch „objektiv gesehen ist nicht die Revolution das Mittel zur Befreiung von der Okkupation, sondern der nationale Befreiungskrieg.“

In dem Artikel „Okkupation oder Konterrevolution“ (Siehe: http://love-cccp.ru/ russ.) schrieb ich schon, daß es falsch ist, wenn sie den Begriff der bürgerlichen Konterrevolution, die in der UdSSR geschah, durch den Begriff „Okkupation“ ersetzt. Auch ihre Verkennung des Kapitalismus in heutigen Rußland ist falsch. Die Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands beweist, daß sich das Land heute nicht nicht nur einfach auf dem kapitalistischen Weg befindet, sondern auch alle Merkmale des imperialistischen Entwicklungsstadiums aufweist, wie Lenin sie beschrieben hat.

Die Einfalt der Genossin Chabarowa

Tatjana Chabarowa hat bei der Analyse der gesellschaftlichen Erscheinungen auf das wichtigste Prinzip des Marxismus, auf das klassenmäßige Herangehen, verzichtet. Für sie sind auch die Worte Lenins veraltet: „Die Menschen waren in der Politik stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug, und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter allen möglichen moralischen, religiösen, politischen und sozialen Phrasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klasse zu suchen.“ (W.I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. In: W.I. Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1977, Bd.19, S.8.)

Sie redet den Lesern ein, daß die UdSSR de jure fortbesteht, und daß sowohl die Sowjetische Verfassung als auch das sowjetische Recht weiterhin gelten. Sie hört nicht auf, zu behaupten, daß die nationalen Reichtümer des Landes auch weiterhin „Eigentum ihres Schöpfers und rechtmäßigen Besitzers sind“, obwohl sich bereits heute etwa 90 % des Grundbesitzes, der Betriebe, der Bergwerke und Minen in den privaten Händen befinden.

Gibt es noch einen „sowjetischen Patriotismus“?

Von ihrem Standpunkt aus, soll sich das Proletariat nicht seiner grundlegenden Klasseninteressen und seiner revolutionären Mission bewußt werden, sondern alle Menschen sollten sich daran erinnern, daß sie „das sowjetische Volk“ sind; sie sollten sich organisieren und mit der multinationalen Okkupation Schluß machen. Damit ist nicht der Marxismus, sondern „sowjetischer Patriotismus“ die ideelle Grundlage für die Befreiung von der „Okkupation“, für die Wiedergeburt der Sowjetunion.

Aber gehören eigentlich auch die kleinbürgerlichen Schichten der Bevölkerung – die „Arbeitgeber“, die Manager und die privaten Unternehmer, die Händler und Farmer zum „sowjetischen Volk“? Und wie wird das „sowjetische Volk“ mit der Herrschaft des multinationalen Kapitals, dem IWF und der Weltbank Schluß machen? Darauf gibt es keine Antwort.

Gegen utopische Fiktionen!

Heute ist es nichts als leeres nostalgisches Geschwätz, wenn jemand die Begriffe „sowjetischer Patriotismus“ und „das sowjetische Volk“ mit der Gegenwart in Verbindung bringt. In der UdSSR war der sowjetische Patriotismus eine wirkliche moralische Qualität des sowjetischen Volkes, die aber auf der sowjetischen Lebensweise beruhte. Auch heute gilt noch das objektive Gesetz: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Bewußtsein. In einer kapitalistischen Gesellschaft, wo Bourgeoisie und Proletariat die zwei antagonistischen Hauptklassen sind, kann es keine einheitlichen Moral geben. Und der Patriotismus dieser beiden Klassen ist verschieden – bürgerlich oder proletarisch.

Es würde sich nicht lohnen, über die opportunistischen, kleinen Artikel dieser Frau zu schreiben, wenn die nicht im Internet kursierten, und wenn nicht die Zeitung „Der Leninsche Weg“, die eigentlich schon die marxistische Position Lenins abgelegt hat, spekulierend auf seinen Namen, ihre utopischen Fiktionen verbreiten würde. Und genau das fügt den jungen Kämpfern bei der Herausbildung einer Weltanschauung großen Schaden zu.

Irkutsk, аm 28. Mai 2017.

Quelle: Arbeiterweg (Übersetzung: Florian Geißler/Kommunisten-Online)

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2 Antworten zu Ljubow Pribytkowa: BRAUCHEN WIR EINEN IDEOLOGISCHEN KAMPF?

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