KZ Buchenwald: Die nazifreundlichen Amerikaner…

BuchenwaldIm folgenden veröffentlichen wir hier einen Bericht des ehemaligen Buchenwalder KZ-Häftlings Georg Krauß (Häftlings-Nr. 3732) über das Verhalten der US-amerikanischen Besatzer, die nach der Selbstbefreiung des faschistischen Konzentrationlagers Buchenwald in Weimar eintrafen. Dieser Bericht war abgedruckt in der Zeitung „Neues Deutschland“ vom 10. April 1949. Hier schrieb Georg Krauß:

Die Amerikaner in Buchenwald

Zum 4. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald

Zwei Tage, nachdem sich die Häftlinge des KZ Buchenwald unter Führung ihres internationalen Komitees am 11.April 1945 von der SS befreit hatten, erschienen die ersten amerikanischen Truppen im Lager. Es soll dahingestellt bleiben, ob sich die amerikanische Armee um Buchenwald besonders beeilt hat, ob sie nicht mit einem etwas energischeren Vormarsch mühelos noch Tausenden Antifaschisten aller Länder das Leben hätte retten können. Dank unserer Befreiungsaktion ist es uns jedenfalls gelungen 21 000 Antifaschisten aller Länder vor dem Untergang, für die Demokratie zu retten.

Die amerikanischen Offiziere des Geheimdienstes gaben ihrer Verwunderung, sie sagten auch „Bewunderung“, Ausdruck. Nur zu gerne hätten sie uns die „Geheimnisse des Buchenwalder Wunders“, Angaben über unseren unterirdischen Kampf, Namenslisten bewährter Kommunisten und Antifaschisten entlockt und waren recht enttäuscht, als ihnen das nicht gelungen ist.

Keine Illusionen

Gewiß gab es unter den Offizieren und Soldaten der amerikanischen Armee zahlreiche ehrliche antifaschistische Demokraten, die ihre Solidarität mit uns unter Beweis erstellt haben. Rühmend soll besonders auch die Haltung der Neser-Offiziere und Neser-Soldaten hervorgehoben werden. Wer aber im Frühjahr 1945 noch die Illusion haben mochte, die amerikanische Armee wäre zur Beseitigung des Faschismus nach Deutschland gekommen, war bald eines besseren belehrt. Die fortschrittlichen demokratischen Elemente der Armee hielten selbst uns gegenüber mit dem Ausdruck des Unwillens über die reaktionäre Haltun ihrer Führung nicht zurück. Diesem reaktionären Geist entsprachen die ersten Maßnahmen.

Zerschlagung der internationalen Solidarität

Die Aufforderung an die internationalen Häftlingsbataillone ihre im Kampf gegen die SS gebrauchten Waffen abzugeben, konnte noch mit militärischen Notwendigkeiten begründet werden. Die Auflösung des internationalen Lagerkomitees, der Befehl, daß die Häftlinge nach Nationen getrennt unterzubringen sind, und die Erklärung, nur mit Vertrauensmännern dieser getrennten nationalen Gruppen zu verhandeln, war aber schon ein offenkundiger Versuch, unsere bewährte internationale Kampfsolidarität zu zerschlagen. Man beabsichtigte sogar, auch noch in die Reihen der deutschen Antifaschisten durch Absonderung der Kameraden jüdischer Abstammung einen Keil zu treiben. Allerdings sind alle diese Versuche an unserer festen internationalen Verbundenheit schmählich gescheitert. Das internationale Lagerkomitee fungierte weiter und erzwang sich die Anerkennung.

Reaktionäre Propaganda  

Das Schändlichste, was sich die Amerikaner in Buchenwald geleistet haben, war ihre Wühlarbeit unter den politischen Häftlingen. Reaktionäre polnische Verbindungsoffiziere des amerikanischen Hauptquartiers wurden ins Lager geschickt, um dort eine antidemokratische (schon damals, noch mitten in den Kampfhandlungen!) Propaganda zu betreiben, die polnischen Häftlinge an der Rückkehr in ihre Heimat zu hindern, für die reaktionäre polnische Emigranten-Armee zu werben. Auf Veranlassung dieser amerikanischen Verbindungsoffiziere wurden gegen aufrechte polnische Antifaschisten im Lager förmliche Pogrome veranstaltet, sie wurden mißhandelt und blutig geprügelt. Bezeichnend für die geschaffene Lage war, das die aufrechten polnischen Antifaschisten und Demokraten, der Möglichkeit beraubt, sich in ihrer eigenen Lagerzeitung Gehör zu verschaffen. Ihre Mitteilungen zwecks Veröffentlichung mir als dem Redakteur der deutschen Lagerzeitung übergeben mußten.

Massive Behinderung aufrechter Antifaschisten

 Statt die jahrelang im Lager leidenden Antifaschisten auf dem schnellsten Wege in ihre Heimat zu befördern, wurden sie wochen- und monatelang weiter als Gefangene behandelt und im Lager behalten. Unter den fadenscheinigsten Vorwänden sind insbesondere die in der sowjetisch besetzten Zone heimatzuständigen Häftlinge zurückgehalten worden. Während dieser Zeit versuchten Offiziere des amerikanischen Geheimdienstes, durch kriminelle Elemente „Anklagematerial“ gegen aufrechte Antifaschisten zusammenzutragen und zeigten nicht übel Lust, manchen von uns auf Grund von Lügen krimineller Denunzianten Kriegsgerichtsverfahren anzuhängen. Mit allen Mitteln sollte verhindert werden, daß die Buchenwalder Antifaschisten ihre Tätigkeit in der Heimat fortsetzten. Vor dem 1. Mai 1945 sind in zahlreichen Thüringer Städten antifaschistische Mai-Komitees, zu einem großen Teil trotz der Amerikaner heimgekehrte Buchenwalder Häftlinge, in Haft genommen worden. Daß die amerikanischen Armeeangehörigen den Befehl hatten, die als antifaschistische Völkerverbrüderung veranstaltete internationale Maifeier des Lagers zu boykottieren, hat uns nach all dem nicht weiter gewundert.

Nazi-Aktivisten wieder freigelassen

In der Umgebung Buchenwalds, besonders in Weimar, wo wir trotz des amerikanischen Verbots unsere antifaschistische Tätigkeit aufgenommen und an der Säuberung mitgeholfen haben, konnten wir bald die Praxis der Amerikaner kennen lernen. Sind von uns Nazi-Aktivisten aufgestöbert und festgenommen worden, so konnten wir sicher sein, daß sie von den Amerikanern in einigen Tagen wieder freigelassen werden — und wir hatten noch Rüffel des amerikanischen Kommandanten zu gewärtigen, weil wir so verdienstvolle Männer von ihrer Arbeit abhalten. Dagegen werde ich nie vergessen, mit welchem Hohn wir von einem amerikanischen Kommandanten in Weimar abgefertigt worden sind, als wir die Freilassung eines Antifaschisten erwirken wollten, der sich als Deserteur der Hitlerarmee in Weimar versteckt hielt, von den Amerikanern aber als „Kriegsgefangener“ festgenommen worden war.

Beseitigung der bestialischen Spuren

Die amerikanischen Kommandostellen hielten mit ihren Sympathien für die Nazis schon damals nicht zurück. Wir haben z.B. durchgesetzt, daß Nazis aus dem benachbarten Weimar zur Besichtigung des Lagers gezwungen wurden, um die Schandtaten ihres Regimes mit eigenen Augen zu sehen. Der amerikanische Kommandant hat in zarter Rücksichtnahme auf zarte Nerven von Nazi-Dämchen sehr bald die Einstellung dieser Besichtigungen und das Wegräumen der sichtbaren Spuren von Nazi-Bestialitäten, wie Leichenberge, offene Massengräber, Hinrichtungsstätte, halbverkohlte Leichenteile und ähnlichem angeordnet. Als wir erwirkt haben, daß zur Verrichtung von Dreckarbeiten im Lager nunmehr nicht die jahrelang gequälten Häftlinge, sondern Weimarer Nazis herangezogen werden, hat uns der amerikanische Kommandant in rührender Fürsorge für die Nazis eingeschärft, es dürfe ihnen im Lager nichts passieren, sie dürften nicht beschimpft, bespien oder gar mißhandelt werden.

Raub der Kleidung und des Eigentums

Die Amerikaner machten seinerzeit große Reklame mit ihren dem Lager erwiesenen Wohltaten. Tatsache ist, daß sie zur Verpflegung des Lagers nichts beigesteuert haben. Kleider, Wäsche und Decken wurden aus Lagerbeständen abtransportiert, statt sie an die notleidenden Häftlinge zu verteilen. Der amerikanische Lagerkommandant hat es trotz des Protestes der Häftlings-Lagerleitung zugelassen, daß Trupps amerikanischer Soldaten und Offiziere aus der Effektenkammer Wertgegenstände und Kleidungsstücke der Häftlinge raubten, die wir jahrelang vor dem Zugriff der SS retten konnten. Die von der SS uns geraubten, in einer Weimarer Bank angelegten Gelder wurden uns nicht zurückgegeben, sondern von den Amerikanern für sich beschlagnahmt. Die Abwicklung der primitivsten Lagerverwaltungs-Maßnahmen in einer Barackenstadt mit 21.000 Einwohnern haben sie uns durch rücksichtslose Wegnahme von Büroeinrichtungen und Schreibmaschinen fast unmöglich gemacht.

So war es…

So haben wir Buchenwalder Antifaschisten die amerikanische Armeeführung schon damals kennengelernt: reaktionär, nazifreundlich; Feind jeder Demokratie. Das werden die Widerstandskämpfer nicht vergessen, wenn sie zum 11. April, der zum Gedenken der Befreiung Buchenwalds von der Internationalen Vereinigung der Widerstandskämpfer der FIAPP zum Internationalen Freiheitstag erhoben worden ist, in der ganzen Welt für Demokratie und Frieden, gegen Kriegshetze und Faschismus ihre Stimme erheben und die internationale Verbundenheit der Antifaschisten aller Länder demonstrieren im Geiste unserer internationalen Solidarität in den Konzentrationslagern.

Georg Krauß,

Buchenwald-Häftling Nr. 3732.

Quelle: Neues Deutschland, So. 10. April 1949 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Übrigens: Wer diesen Augenzeugenbericht eines ehemaligen KZ-Häftlings von Buchenwald als „Hetze gegen die Amerikaner“ bezeichnet, der beleidigt damit nicht nur den Verfasser dieses Berichts, sondern auch Millionen andere Widerstandkämpfer gegen den Faschismus und die Opfer der barbarischen Naziherrschaft, der bagatellisiert den Faschismus und fälscht die Geschichte!

pdfimage   Die Amerikaner_in_Buchenwald (pdf-Datei)

Buchenwaldbilder

Bilder: VEB Bild und Heimat Reichenbach i.V.

Siehe auch:
MDR: Buchenwald-Selbstbefreiung als Lüge bezeichnet
Das faschistische KZ Buchenwald. So war es wirklich.
Lebensbedingungen im KZ Buchenwald
Anna Seghers: Das siebte Kreuz
J.H. Müller: Hochkonjunktur der Geschichtsfälscher
Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen

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5 Antworten zu KZ Buchenwald: Die nazifreundlichen Amerikaner…

  1. Sascha Iwanow schreibt:

    Über „Die nazifreundlichen Amerikaner…” werde ich in Kürze auf meinem Blog, ein paar Filme veröffentlichen. Also sehr rein!

  2. Pingback: KZ Buchenwald: Die nazifreundlichen Amerikaner… – – Sascha Iwanows Welt –

  3. Pingback: Walter Barthel: Erinnerungen an Buchenwald 1945 | Sascha's Welt

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