Kunst im Kapitalismus: Klassencharakter, Modernismus, Avantgarde

KrickeBekanntlich ist die Kunst ein Geschäft. Nicht selten geschieht es heute, daß „Kunstwerke“, die den Namen nicht einmal verdienen, auf Auktionen zu astronomischen Preisen versteigert werden. Künstler, deren Werke unpolitisch und gesellschaftsfremd sind, können sich über Auftragsmangel kaum beschweren, während andere und weniger bekannte Künstler buchstäblich am Hungertuch nagen. Woher kommen diese Unterschiede? Die Antwort ist ganz einfach: Es herrscht die Diktatur des Kapitals. Der Markt bestimmt den Preis. Private Unternehmer, Kapitalisten und andere Nutznießer fremder menschlicher Arbeit stecken ihre überflüssigen Millionen lieber in Kunstwerke, teure Villen und einen aufwendigen Lebensstil als ihr zusammengeraubtes Vermögen dem Pöbel zum Fraß vorzuwerfen. Warum auch! Für soziale Fragen ist der Staat zuständig. Die Not von Millionen „Arbeitssuchenden“, „Billiglöhnern“ und erst recht von „brotlosen Künstlern“ ist denen sch…egal. Doch sehen wird uns die Sache noch genauer an:

Zunächst muß man wissen, daß auch die Kunst nicht unparteilich ist. Jeder Mensch – so auch der Künstler – vertritt, bewußt oder nicht, einen bestimmten Klassenstandpunkt. Dazu gehören vor allem auch die politischen Anschauungen. Jede gesellschaftliche Klasse entwickelt ihr eigenes Klassenbewußtsein [1] aus den jeweiligen materiellen Verhältnissen heraus. Und so hat auch die Kunst einen bestimmten Klassencharakter.

1. Der Klassencharakter der Kunst

Der Klassencharakter der Kunst oder eines be­stimmten Kunstwerkes ergibt sich prinzipiell nicht aus dem Gegenstand, der widergespiegelt wird, sondern immer aus dem jeweiligen Klassenstandpunkt, den der Künstler einnimmt. Dabei ist es gleichgültig, welcher Klasse ein Künstler entstammt und angehört, entscheidend ist vielmehr, ob der Künstler sich dieser Tatsache bewußt ist. Das schließt übrigens auch die Möglichkeit von ideologischen Wand­lungen des Künstlers nicht aus.

Wo steht der Künstler wirklich…?

Viele spätbürgerliche Künstler behaupten von sich, daß sie eine antibürgerliche oder vielleicht sogar antikapitalistische Position einnähmen. Abgesehen da­von, daß solche Auffassungen nicht auf einer exakten materialistischen Definition des Bürgertums als Klasse bzw. des Kapitalismus beruhen, ändern derartige Deklara­tionen nichts am Klasseninhalt ihrer Werke. Für einen Künstler allerdings, der den Standpunkt der Arbeiterklasse ein­nimmt, für den sozialistischen Künst­ler, wird allerdings die bewußte Par­teilichkeit und das Bewußtsein des Klassencharakter der Kunst zu einer Notwendigkeit.

Die herrschende geistige Macht

In bezug auf den Klassencharakter der Kunst sind einige Beson­derheiten zu beachten. Karl Marx und Friedrich Engels formulierten das Prinzip: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herr­schenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materiell Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ [2] Dieses Prinzip gilt auch für die Kunst. Dadurch wird auch auf dem Gebiet der künstlerischen Produktion die unterdrückte Klasse in ihrer Entfaltung behindert und deren Kunstäußerungen durch die Kunst der herrschenden Klasse überlagert.

Alternative Kunstformen

Allerdings gibt es neben der Kunst der herrschenden Klassen auch Kunstäußerungen der Unterdrückten, die wir allgemein unter dem Be­griff Volkskunst zusammenfassen. Den unter­drückten Klassen fehlen im allgemei­nen eigene Gebäude für Theateraufführungen und Musikausübung, Mittel für die Herstellung und den Ver­trieb von Druckerzeugnissen usw. Auch hier wirkt die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit.

Der Niedergang der Kunst im Kapitalismus

Das bürgerliche Interesse an der Ausbeu­tung der Proletarier, das Streben nach Profit, die Verherrlichung der Macht des Geldes standen schon in der Zeit des aufstrebenden Bürgertums im Widerspruch zum humanistischen Charakter der Kunst und konnten daher nur in kritischer Betrachtung ihren künstlerischen Ausdruck finden. Das Verhältnis der bürgerlichen Klasse zur Kunst war daher von Anfang an widersprüchlich. Doch seitdem jedoch die Bourgeoisie die politische Macht errungen hatte, wurde dieser Widerspruch immer offensichtlicher. Das Prinzip der mensch­lichen Beziehungen innerhalb der bürgerlichen Klasse, der vom Streben nach Profit bestimmte Kampf aller gegen alle, konnte keine große Kunst mehr hervorbringen. Damit trat die Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus offen zutage.

 Kritische Kunst

Die Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft gewinnt jedoch an künstlerischem Wert, je mehr sie sich kritisch zu dieser Gesellschaft stellt und den Standpunkt der bürgerlichen Klasse überwindet. Solange diese Kritik sich lediglich auf die Erscheinungsformen der kapitalistischen Entfremdung des Menschen vom Menschen richtet, solange sie aus einer Position des Rückzugs des Künstlers auf sein eige­nes Ich, also aus einer subjektivistischen Position, geübt wird, bleibt sie grundsätzlich im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, und der bürger­liche Klassencharakter der Kunst bleibt erhalten.

Die gesellschaftliche Alternative

Die Überwindung des bürgerlichen Klassencharakters der Kunst beginnt da, wo der Künstler in seinem Werk die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus erkennen läßt, und sie vollendet sich mit dem Übergang auf den Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse. Auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse und der sozialistischen Gesellschaft herrscht volle Übereinstimmung zwischen dem Klassencharakter der Kunst und dem Humanismus der Kunst. Darum ist die sozialistische Gesellschaft der Kunst günstig.


2. Der Modernismus in der bürgerlichen Kunst

Unter Modernismus versteht man das Streben nach neuartigen Gestaltungsmitteln um jeden Preis. In der spätbürgerlichen Kunst wird jedoch Modernismus fälschlicherweise oft mit Fortschritt gleichgesetzt. Und so liegt auch dem von der spätbürgerlichen Kunsttheorie geprägten Begriff der „Moderne“ eine Verfälschung des Wesens der bildenden Kunst, ihrer Geschichte und besonders der Kunst des 20. Jahrhunderts zugrunde.

Bürgerliche Kunsttheorie auf Abwegen

Nach Auffassung bürgerlicher Kunsttheoretiker ist die Kunstentwicklung seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts vor allem dadurch gekennzeichnet, daß sie sich von dem Zwang „befreit“ hat, Erscheinungen der Wirklichkeit darstellen müssen. Sie habe sich statt dessen auf Eigengesetzlichkeit ihrer Mittel konzentriert. Dieser Prozeß bestimme die Kunst des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich hat sich die Kunst im Imperialismus in einer Richtung entwickelt, die das humanistische, auf die Erkenntnis und die ästhetische Wertung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gerichtete Wesen der Kunst ablehnt. Damit ist die Absage an die von der Renaissance ausgehenden Tradition der humanistischen realistischen Kunst verbunden.

Dekadenz und Verfall der bürgerlichen Kunst

Die Aufgabe des Künstlers, in den realen Erscheinungen gesellschaftlich Bedeutsames aufzudecken und zu deuten, wird als ein nicht künstlerisches Prinzip bezeichnet und für unlösbar erklärt. An die Stelle des humanistischen Erkenntnisgehaltes der Kunst tritt in der „Moderne“ ein sich bis zum Solipsismus steigernder Subjektivismus. Die sich selbst als „Moderne“ bezeichnenden Kunstströmungen sind nur ein Zweig der dekadenten Entwicklung in der spätbürgerlichen Kunst. Den anderen bilden direkte Vertreter chauvinistischen, nationalistischer und anderer reaktionärer Ideologien mit pseudorealistischen Methoden.

Modernistische Kunst im Zeitalter des Imperialismus

In Deutschland verkörperte sich dieser Zweig in der offiziellen Kunst des Kaiserreiches vor dem ersten Weltkrieg und in der Nazikunst, in ähnlichen Erscheinungen der westdeutschen (und nunmehr auch im ostdeutschen) Kunstleben sowie in der Kitsch- und Schundproduktion imperialistischer Massenkultur.

Die Überheblichkeit westdeutscher Kunsttheoretiker

Die Anmaßung, daß der Modernismus die Kunst des 20. Jahrhunderts überhaupt repräsentiere, versucht die spätbürgerliche Kunsttheorie zu stützen, indem sie die Tatsachen des Klassenkampfes in der Kunst völlig ignoriert und ihre objektiv gegebene Funktion in der Kultur der jeweiligen Gesellschaftsformation mißachtet. Die humanistische, gesellschaftskritische, z.T. revolutionäre Kunst des 20. Jahrhunderts wird entweder totgeschwiegen bzw. so verfälscht, daß sie in das modernistische Bild der Kunstentwicklung hineinpaßt, oder als „unfrei“, als mit „außerkünstlerischem“ Anliegen befaßte Unkunst verleumdet. (Letztere Variante richtet sich besonders gegen die unmittelbar mit der revolutionären Arbeiterbewegung verbundene Kunst des sozialistischen Realismus.)

Ideologische Beschränktheit der „Modernisten“

Die modernistische Kunsttheorie ist dabei nicht in der Lage, das Wesen der von ihr vertretenen Kunstströmungen richtig zu erklären. Nur aus den Widersprüchen der imperialistischen Gesellschaft, vor allem aus der Polarisierung der Klassenkräfte, läßt sich das Schicksal der – im 19. Jahrhundert revolutionären – kleinbürgerlich-humanistischen Kunst erklären, für deren Existenz in der imperialistischen Gesell­schaft des 20. Jahrhunderts der Boden immer mehr schwindet.

Fortschritt – oder künstlerischer Selbstbetrug

Ein Teil dieser künstlerischen Kräfte setzt die revo­lutionären Traditionen fort, vermag von einer Revolte gegen Erscheinungsformen der spätkapitalistischen Gesellschaft zu wirklich revolutionä­rer Haltung an der Seite des kämpfen­den Proletariats aufzusteigen. Für den anderen Teil, für Künstler, die sich über den Standpunkt der bürgerli­chen Klassen und ihrer Gesellschaft nicht zu erheben vermögen, beginnt ein oft qualvoller Prozeß der aktiven Zerstörung der humanistischen, künstlerischen Substanz ihres Schaf­fens, den die Theoretiker des Modernismus in einen „Befreiungsakt“ umzufälschen suchen. In diesem Prozeß des Ver­falls gibt es viele, entgegenwirkende Momente.

Die Marxistisch-leninistische Kunstwissenschaft

Zahlreiche Künstler haben immer wieder um die Bewahrung oder Wiedergewinnung humanisti­scher und realistischer Werte ihres Schaffens gerungen. Diese Entwick­lungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Kompliziertheit wissen­schaftlich zu erklären ist nur der marxistisch-leninistischen Kunst­geschichtsschreibung möglich, die von den realen Widersprüchen der gesellschaftlichen· und der künstleri­schen Prozesse ausgeht und die Ge­schichte nicht in das konstruierte Schema einer reaktionären und dem Wesen der Kunst feindlichen Theorie preßt, wie sie der Modernismus darstellt.


3. Was ist künstlerischer Avangardismus?

Avantgardismus, das ist ein von avantgarde, dem französischen Wort für Vorhut, Vortrupp im militärischen Sinne, ab­geleiteter Begriff, der in der Vorbereitungszeit der französischen Revo­lution von 1848 von Künstlern und Schriftstellern übernommen wurde, die ihr Schaffen bewußt in den Dienst der gesellschaftlichen Umwälzung stellten. Die 1845 in Paris erschienen Schrift des utopischen Sozialisten Laverdant „Die Mission der Kunst und die Rolle der Künstler“ erhob die Einheit von künstlerischer und politischer Aktion zum Programm. Nach der Niederlage der Revolution griff C.Baudelaire das von F.Chateaubriand gebrauchte Schlagwort „Modernität“ auf und machte es zum Losungswort einer neuen, „avantgardistischen“ Ästhetik.

Die „Avantgarde“ verliert ihren Inhalt…

Als sich mit dem Übergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium die inneren Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft verschärften, war das avangardistische Prinzip der Verbin­dung von Kunst und Revolution nur mehr durch Eingliederung der Künstler in die Reihen des kämpfenden Proletariats zu verwirklichen. Diesen Weg fanden nur wenige Künstler. Abstrakte Antibürgerlichkeit, anarchistische und utopisch-sozialistische Haltung von Kunstschaffenden, die den realen Klassenkämpfen fernstanden, führten um die Jahrhundertwende (vom 19. zum 20. Jh.) zu lediglich rein künstlerisch-ästhetischen Revolten. Der entideologisierte Modernitätsbegriff in Ver­bindung mit der sich ausbreitenden „l‘art pour l’art“-Theorie orientierte immer ausschließlicher auf das bloße Ankämpfen gegen akademische Kunstauffassungen und -praktiken und gegen die realistische Kunsttradition überhaupt.

Das gesellschaftliche Außenseitertum

Als Avantgardisten bezeichneten sich Beginn des 20. Jh. die Anhänger der verschiedensten spätbürgerlichen Kunstrichtungen (→ Modernismus). Oppositionell gemeintes gesellschaftliches Außenseitertum, Flucht aus der Realität, illusionäre Vorstellungen von einer Autonomie der Kunst und absoluter künstlerischer Schaffensfreiheit hinderten sie, gesellschaftlich progressiv wirksam zu werden. Materielle Abhängigkeit vom kapitalistischen Kunstmarkt und ideologische Beeinflussung durch spät­bürgerliche Theoretiker bewirkten die Integration der Avantgardisten in die Monopolgesellschaft.

Die wahrhaftige Avantgarde und der falsche Begriff

Mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevo­lution erhielt der Begriff Avantgarde [3], den rus­sische Konstruktivisten und Futuri­sten für sich in Anspruch nahmen, durch deren unmittelbar gesellschafts­bezogene Aktivität zeitweilig etwas von seiner ursprünglichen Bedeutung zurück. Als ihre Hauptvertreter zu Beginn der 1920er Jahre emigrierten und soziale Utopien mit moderni­stischen Kunstpraktiken verbanden, verloren auch sie die reale Basis echt revolutionären Wirkens. Der Begriff Avantgardismus wird von spätbürgerlichen und revisionistischen Theoretikern in be­wußt antirealistischem, häufig auch antikommunistischem Sinne verwen­det. Die marxistische Ästhetik ge­braucht ihn nicht.

Die Kunst im Sozialismus

Theorie und Praxis des sozialistischen Realismus bewei­sen, daß die Verbindung des Künst­lers mit den fortgeschrittensten Kräften des Volkes und seine be­wußte Parteinahme für progressive Tendenzen im gesellschaftlichen Le­ben Grundvoraussetzungen für die Schaffung von realistischen Kunst­werken sind, die durch ihre menschen­bildende Wirkung die sozialistische Gesellschaft festigen und entwickeln helfen. Wechselseitige Durchdrin­gung von Kunst und Leben, steigen­des Kulturniveau aller Werktätigen sowie fruchtbare Wechselbeziehun­gen zwischen Berufskunst und künst­lerischem Volksschaffen haben Elite­vorstellungen, wie sie mit dem Be­griff Avantgardismus verbunden sind, den Boden entzogen.

Quelle:
Ein Zusammenstellung, bearbeitet auf der Grundlage des Kulturpolitischen Wörterbuches, Dietz Verlag Berlin, 1979.

Anmerkungen und Zitate:
[1] Allerdings besteht zwischen dem Klassenbewußtsein der Arbeiterklasse und dem der anderen Klassen, insbesondere der Bourgeoisie, ein grundlegender Unterschied. Letzterer ist in hohem Grade von Illusionen und Anschauungen durchdrungen, welche die reale Lage und historische Rolle der betreffenden Klasse und die ganze soziale Wirklichkeit verzerrt widerspiegeln.
[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: Marx/Engels Werke, Dietz Verlag Berlin, 1969, Bd.3, S.46.
[3] Als Avantgarde bezeichnet man im Marxismus-Leninismus auch den Vortrupp der revolutionären Arbeiterklasse, die marxistisch-leninistische Partei.

Siehe auch:
Clara Zetkin: Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist
Kunst und Kultur im Kapitalismus
Der Absturz in Irreale – Oder: Was ist Kunst?
Künstler in der DDR 

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10 Antworten zu Kunst im Kapitalismus: Klassencharakter, Modernismus, Avantgarde

  1. marie schreibt:

    „Bekanntlich ist die Kunst ein Geschäft.“

    sorry – falscher ausgangspunkt.

    der kunstMARKT!!! ist ein geschäft und hat nichts mit kunst zu tun – nichts mit seiner entstehung und intention – nur mit seiner vermarktung

  2. Atomino schreibt:

    die absolute Verdinglichung. Es ist einfach nur schade, dass wir schonmal weiter waren. gesellschaftlich gesehen. Gute Nacht !

  3. Thomas Weger schreibt:

    Der verkannte Künstler – Opfer des Vergessens – Mahnung an die Zukunft
    Da steht er nun an der Straßenecke und fragt sich: „Wo will ich hin, wo komm‘ ich her, was ist das Ziel?” ‒ und kennt nicht einmal den Weg. Die Zukunft bleibt auch heute noch eine Unbekannte, so wie das Vergessene und Vergangene in nebulöser Historie beide nach dem Pfad der hellen Erleuchtung suchen. Wie kann der Mensch wissen, wo er hin will, wenn er nicht einmal weiß, wo er herkommt – oder er muss seine eigene gequälte Vergangenheit verleugnen!
    Man könnte auch in modernen Zeiten sagen: Das Leben hat so an sich das Vorhersehbare nicht eintreten zu lassen, um sich am Ende vom Ungewollten gefangenzunehmen.
    Die Sache ist aber durchaus nicht immer mit poetischem Nimbus oder bürgerlichem Elfenbeinturm-Gefasel zu erklären. Künstler im Westen des nun „zwangsvereinigten“ Deutschland hatten es immer schon weitaus schwerer als ihre Leidensgenossen im Osten des damals noch geteilten Landes. Wer sich nicht selbst versichern konnte oder vielleicht noch neben seiner brotlosen Kunst für den Lebensunterhalt sorgen musste, der sollte auch im hohen Alter vom Staat keine Rente bekommen! Das war durchaus häufig der Fall. Kreative Menschen wurden somit in Ihrem schöpferischen Schaffen eingeschränkt oder auch bewusst behindert. Nach den Studentenrevolten in West-Berlin der 68er Bewegung und versuchten Veränderungen der verkrusteten Gesellschaft im größeren Teil Deutschlands, blieb oftmals nur der Rückzug in die eigene Hilflosigkeit oder der Ausstieg in alternative Projekte. Vielen Leuten von heute ist nicht klar, dass schon in der alten BRD die Künstler nur am Rande der Gesellschaft lebten. Nicht jeder ist ein Baselitz, der nur schamlos Pornografie als Kunst vermarkten kann oder will, ein Lichtenstein, Hunderwasser oder snobistischer Lüpertz á la überschätztem Dalí, Immendorf mit großer Bürste und Wischmop, pseudo-soziologischer Beuys oder moderner Neo Rauch, der die „Einheitskurve“ bekommen hat etc. die dem Establishment den Bart kraulen möchten. Zu einer aufgeklärten, humanistischen und solidarischen Gesellschaft gehören nicht nur IT-Spezialisten, Bank-Broker oder geliftete Schönheitschirurgen.
    Das Leben ist viel zu kurz, um sich noch über alles seine unverstandenen Gedanken zu machen – die Kunst sollte dafür für die Ewigkeit sein!
    Vita brevis ‒ Ars longa et eterna! In Memoriam: Erich Weger-Wladimir

    • sascha313 schreibt:

      …von „Leidensgenossen (in der DDR) kann man da eigentlich nicht reden. Im Gegenteil: nie zuvor gab es solche hervorragenden Möglichkeiten, sich künstlerisch zu entfalten, wie in der DDR!

  4. Thomas Weger schreibt:

    Sascha mein Freund, hast natürlich schon Recht – persönliche Erfahrung aus weitem Verwandtenkreis in Ost und West haben mir gezeigt, dass „hüben wie auch drüben“ alle Künstler Anerkennungskritik über sich ergehen lassen mussten. Die Sache ist eben heute nur noch schlimmer und subtiler geworden im vereinigten Kapitalismus. Bemerkenswert ist aber auch, dass viele der guten Künstler im Westen – vor dem Bau der Mauer – vor allem aus der DDR kamen. Also, die Ausbildung war da schon recht vorbildlich! Gerade die ersten Jahre der jungen DDR lassen sich mit der Zeit nach der Russischen Oktoberrevolution vergleichen – viel neuer Elan, großartige Aufbruchstimmung in Kunst und Kultur und eben auch der neue Mensch im humanistisch, marxistischen Sinne.

    • sascha313 schreibt:

      Das ist richtig. Ohne die hervorragende, staatlich geförderte Ausbildung und ohne die exzellenten Arbeits-, Ausstellungs- und Auftrittsbedingungen wäre nie so eine bedeutende, künstlerisch hochstehende Kunst wie die der DDR entstanden! Wer nach 1990 dennoch „überlebt“ hat, konnte das nur mit überdurchschnittlichem Fleiß, und weil er wußte, daß besser war als viele Westkünstler, denen eine solche Ausbildung nicht zur Verfügung stand. Einige habe allerdings auch „ihre Seele“ verkauft… andere, die das nicht taten, werden heute boykottiert.

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