Schuldig oder unschuldig?

IstrebiteliEs ist eine Episode aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Am 22. Juni 1941 hatte das faschistische Deutschland heimtückisch die Sowjetunion überfallen. Zu dieser Zeit diente der Autor bei den Fliegerkräften im Transkaukasischen Militärbezirk. Wie viele seiner Genossen, hoffte er, sofort an die Front geschickt zu werden. In den schweren Kämpfen über Kursk und Kiew leisteten die Jagdflieger Hervorragendes. Sehr oft sind es nur Bruchteile von Sekunden, in denen sich das Schicksal eines Fliegers entscheidet. Die sowjetischen Kampfpiloten waren Helden. Sie verteidigten ihre Heimat, sie verteidigten ihr sozialistisches Vaterland. Nicht ein einziger hat in dieser schweren Zeit vor dem anfangs so übermächtigen deutschen Aggressor kapituliert. Doch immer wieder gab es auch Situationen, in denen das Vertrauen der Genossen auf eine harte Probe gestellt wurde…

Im  Kampf gegen den faschistischen Aggessor

In der Ferne bemerkte ich am Himmel zwei Schwärme Junkers. Im Steigflug näherten wir uns ihnen. Die Faschisten hatten die Frontlinie bereits hinter sich gelassen. Wir beeilten uns. Bis zu den Bombern war es noch weit, sie befanden sich etwa 2000 Meter höher als wir. Ich warf einen Blick auf die Erde. Wieviel Panzer Infanterie und Artillerie es dort gab! Auch die Junkers waren erschreckend zahlreich. Da kippte aus der ersten Gruppe eine Maschine mit erstaunlicher Leichtigkeit, wie ein Jagdflugzeug, über die Tragfläche ab und ging steil im Sturzflug nieder. Nach ihr die zweite, die dritte. Beim Sturzflug strömten die Bomben wie aus einer geschickt gelenkten Feuerspritze dorthin, wo die größte Ansammlung von Material und Menschen war. Die Bomben trafen auf diese Weise sehr genau, besser als beim horizontalen Flug.
Was tun? Der Motor meiner Jak lief auf vollen Touren, doch es war, als hätte sich das Flugzeug gegen die Luft wie gegen eine Mauer gestemmt und wollte sich meinem Willen nicht unterordnen. Und von der Erde kam eine drohende, besorgte und flehende Stimme: »Jagdflieger? Wo seid ihr? Was streunt ihr herum? Wir werden bombardiert!«

Zu spät…

»Wir kommen, wir kommen!« rief ich in den Äther. Als ich sah, daß wir nicht imstande waren, die erste Gruppe aufzuhalten, eilten wir zur zweiten, in der Hoffnung, wenigstens einen Teil der Bomber zu erwischen, wenn sie sich aus dem Sturz­flug abfingen. Aber die deutschen Jagdflugzeuge hinderten uns. Da wir keine Höhe hatten, keine Geschwindigkeit und nicht ein­ mal die erforderliche Gefechtsordnung, waren wir gezwungen, uns zu verteidigen. Die Messerschmitts nutzten ihren taktischen Vorteil und bemühten sich, uns in ihrer Umarmung zu halten.
»Kleine, Kleine«, bat man hoffnungsvoll von der Erde, »wes­halb habt ihr zu raufen angefangen? Kommt schnell zu uns!«

Wer hatte schuld? Wo lag der Fehler?

Der Erde antwortete ich nicht mehr, es war keine Zeit dazu. Nachdem die Junkers ihre Bomben abgeworfen hatten, beschos­sen sie unsere Truppen im Gleitflug aus ihren Maschinengewehren. Tschernyschew und ich banden die Jagdflugzeuge, während die Paare Satschkow und Karnauchow zu den Bombern durchbrachen. Sofort, wie auf Kommando, hörten sie mit ihrem Angriff auf und eilten in kleinen Gruppen ihrem Gebiet zu, wobei sie unserer Vierergruppe den Rücken kehrten. Satschkow und Karnauchow nutzten das geschickt aus und ließen die ganze Feuerkraft ihrer Jak auf sie los. Und schon brannte die erste Junkers, die zweite, die dritte. Die Messerschmitts wollten ihnen helfen, doch Jemeljan und ich hielten sie fest.
Uns gelang es sogar, ein Jagdflugzeug abzuschießen, und die anderen brachen das Gefecht ab. Da ver­folgten wir alle sechs die Bomber, die ohne Schutz geblieben waren. Zwar rupften wir die Junkers tüchtig, aber das machte uns wenig Freude. Der Gegner hatte unseren Truppen Schaden zugefügt, und jeder von uns fühlte sich schuldig an den neuen Kriegsopfern. Als ich über die bombardierten Stellen flog, wo Panzer brannten, zertrümmerte Geschütze und Autos umherlagen, mußte ich denken, daß man unten jetzt sicherlich uns Flieger verfluchte. Wer hatte schuld? Wo lag der Fehler? Was hätten wir tun müssen, um den Gegner nicht durchzulassen?

Wütende Vorwürfe des Kommandeurs

In der ersten Aufwallung beschuldigt man in solchen Fällen nur die Piloten. Anscheinend war jetzt auch unser Kommandeur so gestimmt. Gewöhnlich war er ausgeglichen, verstand er es, seine Unterstellten anzuhören und sich in ihre Probleme hineinzuversetzen. Diesmal aber war er außer sich. Sein Gesicht war wutentstellt, seine Lippen zitterten. Wassiljaka sprach nicht, sondern zischte nur: »Warum habt ihr euch in den Kampf mit den Jägern eingelassen? Wie oft muß man euch das noch sagen? Wißt ihr, was jetzt passieren kann? Unsere sind bombardiert worden, und ihr habt euch mit den Messerschmitts herumgebalgt… «
Ich versuchte ihm zu erklären, daß wir zu spät alarmiert worden waren. Die Jagdflugzeuge des Gegners hätten uns noch während unseres Anflugs überfallen, und trotzdem sei es uns gelungen, zu den Bombern durchzubrechen und sieben Flugzeuge abzuschießen.

»Wir haben gekämpft…«

Wassiljaka war erregt, empört, er hatte von seinem Vorgesetzten einen Rüffel erhalten und wollte nichts hören.
»Dieses Märchen könnt ihr dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt erzählen!«
In schwierigen Minuten, wenn man von einem Unglück heim­ gesucht wird, schaltet man von allem ab und konzentriert sich nur auf den Vorfall. Dann kommt man zu Schlußfolgerungen, die derart klar, überzeugend sind, daß es scheint, niemand sei imstande, dich zu widerlegen. Und allen Teilnehmern an dem Kampf war es zutiefst klar, daß wir keine Schuld hatten: Aber wie sollten wir das beweisen?
Akademische Berechnungen wären am Platze gewesen. Von dem Augenblick, da der Startbefehl erteilt wurde, bis zur Begegnung mit deutschen Flugzeugen war eine minimale Zeit vergangen. »Dann habt ihr also nicht mit den Messerschmitts gekämpft, habt keine einzige Minute dafür verloren?« fragte Wassiljaka argwöhnisch.
»Wir haben gekämpft«, bekräftigte ich, »aber wir sind nicht ein einzigesmal vom Kurs abgewichen.

Der Kampf wird ausgewertet

Der Regimentskommandeur senkte die Stimme: »Und weshalb werdet ihr von allen Vorgesetzten beschuldigt« »Ja, hätten wir denn die Bombenflugzeuge nicht bekämpfen können, wenn wir rechtzeitig gestartet wären?« sagte Satschkow überzeugt und schloß mit seiner gewohnten Offenheit: »Hier sind die Vorgesetzten schuld. Sie haben geschlafen, und jetzt wird der Sündenbock bei den Unterstellten gesucht.«
Wassiljakas Wut verflog. »Das verstehe ich nicht. Analysieren wir die ganze Geschichte!«
In aller Eile werteten wir den Flug aus. Niedergedrückt von dem Geschehenen, waren alle auf irgend jemand böse, aber auf wen eigentlich, wußte niemand.
»Jetzt ist mir alles klar«, sagte Wassiljaka und ging zum Gefechtsstand, um über den Flug Bericht zu erstatten.
Wir wollten ihm folgen, doch er befahl allen, dazubleiben und auf ihn zu warten.
»Das ist ins Auge gegangen«, erneuerte Timonow das Gespräch von vorhin. »Ich habe selber gesehen, wie die Bomber eine große Infanteriekolonne eingedeckt haben. Auseinanderlaufen konnten die Leute nicht mehr, alle legten sich hin. Wie eine Schießscheibe.« …

Endlich: »Ich beschuldige Sie nicht!«

Bald kam der Divisionskommandeur, Oberst Gerassimow. Als wir ihm erklärt hatten, weshalb wir den Gegner nicht rechtzeitig abfangen konnten, tadelte er uns nicht.
»Es ist schiefgegangen. Blutige Dinge sind nicht wieder gutzumachen, und trotzdem beschuldige ich Sie nicht.«
Die Worte des Obersten richteten uns auf. Jetzt suchten wir alle zusammen den konkreten Schuldigen, doch keiner vermochte ihn zu nennen. Der Schuldige war der Krieg. In der Tat, konnte man in einer so ungeheuren Schlacht, die sich über Hunderte von Kilometern ausbreitete, alle Aktionen des Gegners rechtzeitig mitteilen? Es ist schwer, überall stark zu sein.

Quelle: A.W. Woroschejkin, Jagdflieger. Bd.2, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1976, S.206-209.

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