Zeitz: Glückliche Kindheit und Jugendzeit in der DDR – in Schwarzweiß

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                                                                                                Kinder spielen im Neubaugebiet

Dies ist eine Hommage auf eine sozialistische Kleinstadt im Süden der DDR, unweit von Leipzig, gelegen am Rande der sächsisch-thüringischen Hochebene.  Eine Stadt, die heute verarmt und entleert, unbedeutend und langweilig erscheint. Nur weniges erinnert noch an den Charme des einstigen belebten und wachsenden Industriestädtchens, an die Aufbruchstimmung eines vom Faschismus befreiten Landes, an die vielen fröhlichen Schulkinder, die mittags lärmend und lachend aus den Schulen nach Hause zogen, an die unzähligen Läden, Geschäfte und kleinen Kneipen in der Stadt, an die vielen Arbeiter, die nach Schichtschluß aus ihren Betrieben heimkehrten. Erwerbslosigkeit und soziale Not waren Fremdwörter für uns. Heute dagegen sieht man leerstehende Häuser, Brachflächen und Industrieruinen neben aufwendig restaurierten Villen und Verwaltungsgebäuden. Jeder fünfte ist erwerbslos Die Kinderarmut ist sehr hoch. Ein paar Rentner erledigen ihre Besorgungen – eine veramte Stadt, wie viele andere im Osten Deutschlands…

In einem interessanten Büchlein über Geschichte und Gesicht einer Stadt sind viele Bilder von Heinz Föffel enthalten. Im Vorwort dazu schreibt der Autor Ernst Ludwig Bock:

Unter den Schlägen der Sowjetarmee und ihrer Verbündeten war der faschistische Staat am 8. Mai 1945 endgültig zusammengebrochen. Doch die in Zeitz eingerückte amerikanische Besatzungsmacht unternahm nichts zur Sicherung der Versorgung der Bevölkerung. Die weiter illegal arbeitenden Antifaschisten, allen voran die Mitglieder der KPD und SPD, trafen umfangreiche Vorbereitungen, um Sabotage, Plünderungen und andere chaotische Zustände in der Zeit bis zum Eintreffen der Roten Armee zu verhindern. Eine Massenversammlung auf dem heutigen Friedensplatz nach dem Einzug der Sowjetarmee im Juli 1945 trug dem Willen der Zeitzer Bürger zur Bildung eines demokratischen Magistrats Rechnung. Von den aktivsten Antifaschisten geleitet, übernahm die neue Stadt-und Kreisverwaltung die schwierige Aufgabe, aus den materiellen und ideellen Trümmern des Hitlerstaates die ersten Schritte zur Linderung der größten Not, für ein neues demokratisches Leben zu tun. Sowjetische Offiziere standen dabei mit Rat und Tat zur Seite, sei es bei der raschen Wiederherstellung der noch kurz vor Ende der Kampfhandlungen gesprengten heutizen Karl-Marx-Brücke und anderer Brücken, sei es bei der Übernahme der Kontrolle in den Betrieben und dem Wiederbeginn der Produktion, wie zum Beispiel während der Zuckerrübenkampagne, oder sei es mit weitreichender Hilfe bei der Schaffung des neuen Stadttheaters durch den sowjetischen Kulturoffizier.
„Wir kommen als Freunde. Wir wollen euch helfen, ein neues, demokratisches, friedliebendes Deutschland aufzubauen!“ waren die ersten Worte des sowjetischen Offiziers, der im Hydrierwerk die amerikanischen Besatzungstruppen ablöste. Die Zeitzer wußten die Freundeshand zu schätzen. Aus tausenden guten Einzelleistungen wuchs das Werk zu einem bestimmenden Wirtschaftsfaktor in der jungen Republik, wurde ein bedeutender Exportbetrieb. Sein Hartparaffin, das zur Leipziger Frühjahrsmesse 1964 eine Goldmedaille erhielt, geht heute ebenso wie die dort produzierten Treibstoffe in 25 Staaten des sozialistischen und des kapitalistischen Marktes; durch die Aufnahme der Benzolherstellung schafften die Angehörigen des volkseigenen Hydrierwcrkes Zeitz die Voraussetzungen für eine Steigerung in der Produktion synthetischer Fasern.
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zeitz08Die Saat, die im April 1948 in der mit Fahnen aller deutschen Städte geschmückten Stadt Zeitz gelegt wurde, ist sichtbar aufgegangen. Auf dem Kongreß der Jugend der volkseigenen Betriebe, vor Jungaktivisten aus Sachsen-Anhalt und jungen Arbeitern aus ganz Deutschland ergriffen damals Otto Grotewohl und Walter Ulbricht das Wort. „Dem bisherigen Geist der Vernichtung setzen wir den Geist des Lebens entgegen“, betonte Otto Grotewohl. Und programmatisch wurden Walter Ulbrichts Ausführungen, in denen er den Jugendlichen zurief: „Die besten Vertreter des werktätigen Volkes müssen durch angestrengtes Studium befähigt werden, Wirtschaft und Staat vorbildlich Zu leiten, um damit den Übergang zum Sozialismus zu schaffen.“ Als die Konferenz nach zweitägigen Beratungen mit einer Kundgebung in den Zeitzer Straßen schloß, war bereits eine neue Epoche eingeleitet. Vorbedingung dafür war, daß sich die beiden großen Arbeiterparteien KPD und SPD nach jahrzehntelanger Spaltung zusammenschlossen – in Zeitz fand das historische Ereignis der Gründung der Sozialistischen Einheitspartei am 17. März 1946 im damaligen „Preußischen Hof“ statt, es leitete eine Periode des Aufschwungs auf allen Gebieten des Lebens ein. Ob bei der Schaffung der Grundlagen für die Aufnahme der Friedensproduktion, ob bei der Förderung der Jugend, ob bei der Entwicklung der Aktivistenbewegung oder bei der Sicherung des Bündnisses mit den werktätigen Bauern – stets waren es die Mitglieder der geeinten Arbeiterpartei, die mit ihrer Initiative vorangingen und so Schritt für Schritt für die Verbesserung des Lebens sorgten.

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Aus einem der Fenster im Haus Agricolastraße 8 dringen die Klänge eines übenden Streichorchesters. Vierhundert Schüler vervollkommnen sich in der Musikschule Zeitz auf den verschiedensten Instrumenten Zu kleinen Virtuosen, manche von ihnen nahmen bereits erfolgreich an Republikausscheiden teil. 26 Dozenten – mehr Lehrkräfte als früher die größte Schule am Ort besaß – setzen hier den Ruf einer musizierfreudigen Stadt fort, in der Heinrich Schütz Kompositionen für den Hof schrieb, Johann Ludwig Krebs, ein Schüler Bachs, als Organist wirkte, in der Anna Magdalena Bach, die zweite Frau des Thomaskantors, geboren wurde oder jahrzehntelang der rührige Konzertverein Inbegriff für ein hohes Niveau der Musikpflege war. Doch wo gab es diese umfassende Sorge für die junge Generation früher?
Die jungen Mütter, die von dem pavillonartigen Sitzplatz vor dem Kreiskrankenhaus am Lindenplatz ihre Jüngsten beim Spiel im Sandkasten beobachten, finden in Zeitz viele ähnliche schöne Plätze für ihre Kinder. Nur wenige Schritte weiter, im Garten des schlichten Empiregebäudes mit der Inschrift „Haus der Jungen Pioniere“ üben Zehnjährige im fröhlichen Kreis Verkehrserziehung. Ein Verkehrspolizist erklärt Verbots- und Warnzeichen an einer Tafel mitten im Garten, wo vor fünfzig Jahren nur die begüterten Mitglieder der „Ressource“ ganz unter sich Erholung suchten. Neue Schulen entstanden. Im Herbst 1962 eröffneten die Zeitzer eine moderne, zwanzig Klassenzimmer und sechs Fachräume fassende Schule mit Turnhalle und Hortanbau.
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Welch ein weiter Weg war es von der „Armen- und Garnisonsschule“ im Arbeitshaus der Moritzburg um 1800, in der laut Chronik drei Lehrkräfte „wegen Beschränktheit des Fonds ihren Lohn nur in sich selbst suchen“ mußten, bis zur achten polytechnischen Oberschule der Stadt, die am 23. Mai 1964 den Namen Georgi Dimitroffs erhielt. Als prominentester Gast dieses Tages der Namensgebung war der Botschafter der Volksrepublik Bulgarien vertreten, der in Anwesenheit von Studenten seines Landes seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß die neue Schule den Namen des großen Sohnes des bulgarischen Volkes tragen wird.

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Vor hundert Jahren klagte das „Zeitzer Kreisblatt“, daß von der männlichen Bevölkerung der Stadt „im Jünglings- und Mannesalter“ nur achtzig Personen turnen – bei einer Einwohnerzahl von immerhin 14.000 Menschen. Hundert Jahre danach sind es mehr als hundertzehn Sportgemeinschaften in den Zeitzer Wohnbezirken, dazu über dreißig Gymnastikgruppen für Hausfrauen, die Sportbegeisterte vereinen. Diese breite Volkssportbewegung bildet eine solide Grundlage für den Leistungssport, der nach 1945, nicht mehr auf die Domäne Schwimmen und Kunstspringen begrenzt, in zahlreichen Disziplinen Lorbeer an den Elsterstrand holte. Führend in der Republik: die Zeitzer Faustballer, mehrfache Titelträger und Jahre hindurch Deutscher Meister; beachtlich: die Tennisspieler; im Kommen: die Kanuten, bei denen ein Zeitzer einen Weltmeistertitel errang. Mit Stolz weisen die Zeitzer Sportler heute auf das im Gelände des Ernst-Thälmann-Stadions entstandene erste sozialistische Sportforum des Bezirkes Halle mit dem Ausweichplatz, den Faustballplätzen und der Kleinsportanlage hin, für das aus Totomitteln fast 700.000 Mark zur Verfügung gestellt wurden, und das sich die Sportler im Aufbauwerk schufen. Unvergessen bleibt bei ungezählten Fußballanhängern der Aufstieg von Chemie Zeitz aus der früheren Landesliga zur Oberliga 1958/59.
Zwanzig Jahre Aufbau heißt für Zeitz auch zwanzig Jahre der Entwicklung eines eigenen Theaterlebens. Nur fünf Monate nach der Zerschlagung des Faschismus durch die Sowjetarmee ging in der August-Bebel-Straße zum ersten Mal der Vorhang vor Besuchern auf, die damals unter Theater in der Mehrzahl noch die Dutzendware der Vorkriegsoperette verstanden. Eine Tradition am Ort gab es nicht, abgesehen davon, daß anno 1727 auf dem Boden des Rathauses Stiftsschüler ein drei Tage dauerndes Monsterschauspiel von der „Mißvergnüglichen Seele“ aufführten, oder im längst abgerissenen „Roten Löwen“ neben der Mohrenapotheke vor hundert Jahren Rührstücke und Lokalpossen auf dem Spielplan standen.

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Auf dem humanistischen Erbe aufbauend, wurden die Stücke der Klassiker zu neuem Leben erweckt. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, beginnend mit Friedrich Wolfs „Professor Mamlock“, und die Gestaltung des neuen Lebens gewannen zunehmend an Bedeutung. Ausdruck des sich verändernden Verhältnisses zwischen Kunst und Leben ist die enge Verbindung zwischen Künstlern des Zeitzer Theaters und Laienschaffenden, besonders aus dem Braunkohlenwerk Profen. Als im Mai 1961 das erste Schauspiel der Profener Stehliks „Der Weg ins Leben“ – in Zeitz über die Bühne gehen sollte, jede Hand aber im Werk wegen plötzlichen Hochwassers gebraucht wurde, sprangen Arbeitskollegen für die Laiendarsteller ein. Dieselben Arbeiter waren es, die noch ein dreiviertel Jahr vorher skeptisch gemeint hatten: Theater aus unserer Mitte? Das wird niemals etwas! – Mit dem Namen „Theater der Stadt Zeitz“ verbindet sich auch das weit über die Kreisgrenzen reichende Spielgebiet, bezeichnet durch die entferntesten Orte darin wie Bad Kösen, Naumburg, Braunsbedra, Deutzen und Böhlen. 1965 erlebten 99.000 Bewohner dieser Orte ohne feste Bühnen Aufführungen aus Zeitz, im Stammhaus 89.000 Besucher.
Schon seit 1931 besteht ein Museum in der Moritzburg, aber erst die Arbeiter-und-Bauern-Macht ermöglichte in den Fünfziger Jahren den großzügigen Aufbau einer musealen Einrichtung, die zum echten Spiegelbild einer tausendjährigen Entwicklung wurde. Da sind die ersten Räume der graphisch vorbildlich aufgefaßten Abteilung Stadtgeschichte, die bis zur Gegenwart weitergeführt wurde, da spiegelt die Bergbau-Ausstellung ein eindrucksvolles Bild vom Entstehen der ersten Gruben bis zum modernen Tagebau wider, da dokumentiert die Abteilung „Von der Brabag zum Hydrierwerk“ überzeugend die Wandlung eines Kriegsbetriebes in ein Werk friedlicher Arbeit. Ein Gang durch den Südflügel der Moritzburg schließlich, begonnen im großen Festsaal und fortgesetzt über Kleinen Saal, Tafelzirnmer, Porzellankabinett und Empirezimmer zum herzoglichen Wohngemach, Jagd- und Trinkzimmer, führt an einer reichhaltigen Gemäldesammlung aus der Zeit des Barock vorüber, die sich reizvoll in die von italienischen Stukkateuren verzierten Räume einfügt.
Die Stadt, nicht mehr auf ihren engen heimatlichen Wirkungskreis beschränkt, knüpfte freundschaftliche Bande zu einem anderen Land: Seit dem Frühjahr 1965, als fünfzehn französische Bürger aus Roubaix im Departement du Nord zu Besuch an der Elster weilten, bestehen Verbindungen auf kommunaler Ebene, fixiert in einem Freundschaftsvertrag zwischen Zeitz und der 200.000 Einwohner zählenden Industriestadt in der Nähe von Lille.
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Nehmen wir Abschied von der sich ständig verjüngenden Stadt an der Weißen Elster, in der tausend Jahre kein Verharren im Hergebrachten bedeuten, sondern die Verpflichtung, gute Traditionen sinnvoll mit neuen Ideen zu verbinden. Wo vor wenigen Jahren noch Kleingärten die Aussicht von der Virchowstraße zur „Sophienhöhe“ erlaubten, wird der Blick jetzt durch die hellen Fassaden fünfgeschossiger Wohnblocks aufgehalten, Anfänge des neuen Stadtteils Zeitz-Ost, in dem zwischen 1966 und 1969 Wohnungen für rund 1.500 Menschen entstehen. Die gesamte Stadt beherbergte vor 300 Jahren in ihren Mauern nur soviel Einwohner. Nicht mehr gedrängt wie einst, sondern durch Grünstreifen und Rabatten aufgelockert und mit den wichtigsten Einrichtungen vom Kindergarten bis zum modernen Postamt versehen, wächst hier die Stadt, in ihrer Ausdehnung über den ehemaligen Promenadenweg zur „Wilden Taube“ hinausgehend und bis zum Wasserturm an der Geußnitzer Straße reichend.
Eingebettet liegt nun die „Sophienhöhe“, einst Ausfluglokal am Stadtrand, inmitten der neuen Wohnstadt, deren markanteste Zeichen, drei Hochhäuser am Rande der Dr. Kurt Floericke-Promenade, weithin sichtbar sind. Sieht man von oben ins Land, reicht im Norden der Blick ins Elstertal, erstreckt sich im Süden die Aussicht über das alte Rasberg und das Kuhndorftal bis zum Haynsburger Schloßturm, dieser an Hügeln und Tälern so reichen, reizvollen Landschaft – als Erholungsgebiet bereits vielen Menschen ans Herz gewachsen.

Quelle (Text und Fotos): Zeitz. Geschichte und Gesicht einer Stadt. Mit Fotos von Heinz Föffel und einem Vorwort von Ernst Ludwig Bock. VEB Brockhaus Verlag Leipzig, 1967.

Siehe auch:
Der Sozialismus war und ist lebensfähig!
Kurt Gossweiler: War der Untergang des Sozialismus unvermeidlich?

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2 Antworten zu Zeitz: Glückliche Kindheit und Jugendzeit in der DDR – in Schwarzweiß

  1. Vorfinder schreibt:

    Danke für das Fundstück! Solche Bücher müssen erhalten und weitergegeben werden. Die derzeit Herrschenden werden unsere DDR Geschichte nicht erzählen. Durch unsere Weitergabe von tatsächlicher Geschichte und Lebenswegen, bekommen Menschen heute einen Einblick wie Sozialismus wirklich gebaut und gelebt wurde.

  2. Hat dies auf rh-netz-meinungen rebloggt und kommentierte:
    Eine glückliche Kindheit

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