Ljubow Pribytkowa: Warum nennt man Nasarbajew einen Werwolf? (Ein Bericht über Kasachstan)

KasachstanVor kurzem wurde Nursultan Nasarbajew zum El-Bassy Kasachstans (Führer der Nation). Im März 2019 entledigte er sich der Pflichten eines Präsidenten der Republik, der er 30 Jahre lang war. So hieß es offiziell, doch in der oppositionellen Presse und in seinem Volk bezeichnet man ihn kaum anders, als einen Werwolf, einen Verräter, ja sogar als einen Halunken. Doch als nach jenem „blutigen Freitag“ im Jahre 2011 in Schangaosen, im Westen Kasachstans, mehrere Hundert unbewaffneter Erdölarbeiter erschossen worden war, verglich man sein Regime mit dem Faschismus. Und das alles ist nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Nasarbajew1Eine kapitalistische Karriere

In der Sowjetunion war Nursultan Abischewitsch Nasarbajew Abgeordneter des Obersten Sowjets der UdSSR und Vorsitzender des Ministerrats von Kasachstan, und er führte das kasachische Volk auf dem Weg zum Aufbau des Kommunismus. Im Verlaufe der des Land umkrempelnden Konterrevolution 1989 stellte auch er sich um und fing an, über die „Schrecken der sowjetischen Epoche“ zu reden, gegen die „Monopolmacht der zentralen Behörden“ aufzutreten, und vertrat nun auch die Idee der wirtschaftlichen Selbstständigkeit und der Unabhängigkeit der Republik vom „Diktat des Zentrums“ und von der administrativen Kommandowirtschaft. Er hörte damit auf, den sozialistischen Entwicklungsweg der Volkswirtschaft zu beschreiten und beabsichtigte, zur kapitalistischen Marktwirtschaft überzugehen.

Der „beste Schüler“ von Margaret Thatcher

Nachdem die Unabhängigkeit erlangt war, fing er an, die Verwaltung der Ressourcen und der größten Unternehmen der Republik an ausländische Gesellschaften abzutreten. Dann erklärte er sich zum Präsidenten Kasachstans. Und damit begann ein Prozeß massenhafter Privatisierungen volkseigener Betriebe. Keineswegs zufällig bezeichnete ihn seinerzeit die Ministerpräsidentin von Großbritannien, Margaret Thatcher, als „ihren besten Schüler“ unter den Präsidenten derjenigen Staaten, die ihre Unabhängigkeit erlangt hatten. Schon seit 1996 stand Nasarbajew fest auf einer antikommunistischen Position. In einem seiner Artikel nannte er die Russen 15 mal „Besatzer“ und „Kolonisatoren“, und bezeichnete Rußland als ein „Imperium des Bösen“. Wes Geistes Kind muß einer sein, der so dreist die Geschichte verzerrt!

Ein Land jenseits der Zivilisation

Ja, bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917 war Kasachstan ein rückständiges Agrarland und der Rohstofflieferant des russischen Imperiums, dessen Kolonie, wobei das ausländische Kapital auch nicht auf der Seite der kleinen Erwerbsbetriebe des Landes stand. Vor dem Sieg der Sowjetmacht waren 99 % der kasachischen Bevölkerung Analphabeten. Die Menschen lebten größtenteils in Aulen in wenig komfortablen Jurten. Und sie führten ein Nomadenleben. Durch schwere Arbeit erwarben sie sich die Ernährung. In den Aulen gab es keine Elektrizität und keine Schulen. Die Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Niemals sahen sie Bücher. Sie ahnten nicht, daß für kranke Menschen eine ärztliche Betreuung möglich ist.

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Ein Volk wacht allmählich auf

Im Haß gegen ihre russischen und kasachischen Unterdrücker erhoben sich die Armen oftmals zu Aufständen. Und zu Beginn des 20.Jahrhunderts überbrachten die russischen und verbannten Revolutionäre den Kasachen die Überzeugung, daß man um ein echtes und gerechtes Leben gegen die Unterdrückung kämpfen muß. Man muß die Ungerechtigkeit und Ungleichheit bekämpfen, damit alle, und nicht nur die Zaren und Gutsbesitzer, die Khane und die Bejs glücklich leben können. Man muß lernen, Freunde von Feinden zu unterscheiden, und man muß aufhören, sich mit seinesgleichen anzufeinden. Man muß die Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten, ihnen Bildung vermitteln, damit sie ihre Umwelt verstehen lernen. Und man muß im eigenen Interesse damit beginnen, sich die Naturreichtümer anzueignen und zum Wohl des ganzen Volkes zu arbeiten.

Der erste große Volksaufstand in Kasachtan

Vom Juli 1916 bis zum Februar 1917 fand der größte Aufstand auf kasachischen Boden statt. Mit Gewalt schlug der Zarismus den Aufstand nieder, 51 Menschen wurden hingerichtet und 700 zur Zwangsarbeit deportiert. Doch auch in Rußland wurden zu dieser Zeit in nur fünf Monaten 510 Protestaktionen registriert. Schon 1915 hatte es infolge des Hungers 684 Aufstände gegeben. Den Unterdrückten und Entrechteten jeder beliebigen Nationalität war klar geworden – so kann man nicht leben!

Die Befreiung Kasachstans von weißgardistischen Banden

Die Revolution 1917 brachte ein neues Leben mit sich, nicht nur für das einfache Volk in Rußland, sondern auch für andere Völker. Aber die Konterrevolutionäre leisteten Widerstand, sie wollten das Zusammengeraubte nicht verlieren. Sie lösten den Bürgerkrieg aus. Erst im Juli 1919 befreite die Rote Armee unter dem Kommando von M.W.Frunse Kasachstan von den weißgardistischen Banden. Endlich gab es die Möglichkeit, den feudal-patriarchalischen Überbleibseln und der kapitalistischen Ordnung zu entkommen, das Joch der Ausbeutung abzuwerfen und soziale Gleichheit und Gerechtigkeit anzustreben.

Die Kasachische Sowjetrepublik

1920 wurde Kasachstan zu einer autonomen Republik innerhalb der Russischen Sozialistischen Föderalen Sowjetrepublik (RSFSR), und 1936 zu einer Unionsrepublik der UdSSR. Endlich gehörten dem Volk all die reichsten Bodenschätze, das Erdöl, die Kohle, das Eisenerz, das Mangan, das Silber, das Gold sowie Chrom und Buntmetalle. Es begann eine stürmische Entwicklung. Neben der Buntmetallurgie entstanden die Steinkohle-, Erdöl- und chemische Industrie. Die Zahl der Betriebe und Fabriken nahm rasch zu, es wurden Theater, Klubs, Bibliotheken, Schulen und Hochschulen gebaut. Millionen Menschen wurden sachkundig und gebildet. Eine Akademie der Wissenschaften wurde gegründet. Auch in Kasachstan gab es eine Kulturrevolution. Die Entwicklung des Menschen wurde zum strategischen Ziel der Sowjetmacht in Kasachstan.

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Es war gerade die Sowjetmacht, die Kasachstan zu einer führenden Industrie-Agrar-Republik machte. Sie verwandelte Kasachstan in eine riesengroße Baustelle. Enorme Mittel flossen in die Republik. Fachleute verschiedener Nationalitäten aus der gesamten Sowjetunion fuhren hierhin, um Neuland urbar zu machen, und um Fabriken und Betriebe zu errichten. Die selbstlose, internationalistische Einstellung des werktätigen Volkes bewirkte Wunder.

Die Industrialisierung der Kasachischen SSR

Weiß der El-Bassy Nasarbajew denn nicht, daß schon 1970 der Umfang der Industrieproduktion Kasachstans im Vergleich zu 1913 um das 158fache angewachsen war? Es wurden metallurgische Riesenbetriebe errichtet und Kohletagebaue erschlossen. In verschiedenen Städten der Republik entstanden große Kraftwerke. Während des Krieges wurden die großen Maschinenbaubetriebe in die Republik evakuiert. Stürmisch entwickelte sich nicht nur die Industrieproduktion, sondern auch die Landwirtschaft. Und die Nahrungsmittelindustrie stand auf festen Füßen.

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Das alles hob das Niveau und den materiellen Wohlstand des einfachen Volkes. Für die sowjetischen Kasachen gehörte der Hunger nunmehr der Vergangenheit an. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts und auch früher war die bitterste Armut der natürliche Zustand für Tausende in Jurten lebender Nomaden.

Leben auf Kosten des kasachischen Volkes

Hat Nasarbajew die Geschichte der Republik und seines Volkes denn schon vergessen? Nein. Natürlich kennt er die Geschichte. Aber offenbar hat er es während der sowjetischen Zeit verheimlicht, daß für ihn der eigene Magen und der eigene Geldbeutel die Hauptsache sind. Da die KPdSU in der UdSSR die führende Partei war, war Nasarbajew als Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU die Hauptfigur in Kasachstan. Er lebte im Wohlstand, hatte ein hohes Gehalt, besaß eine komfortable Wohnung, ein gutes und bequemes Fahrzeug und ein nobles Wochenendgrundstück. Er hatte, wie auch die Parteiführer der anderen Republiken, Alijew und Schewardnadse, Schuschkewitsch und Krawtschuk, Brasauskas und Jelzin, Nijasow und Karimow, gut und reichlich zu essen und konnte ohne Probleme leben.

Mit der Perestrojka veränderte sich das Land

Im Juli 1990 gingen sie, als Delegierte des XXVIII. Parteitag, angeführt vom obersten „Kommunisten“ der UdSSR, Gorbatschow, in die Offensive, stimmten über die Marktwirtschaft ab und drehten die Entwicklung des ganzen Landes um 180 Grad, stießen das ganze Land auf einen kapitalistischen Entwicklungsweg. Sie übergaben der aufgekommenen Bourgeoisie faktisch den Sozialismus und die Sowjetmacht. Sie haben damit nicht nur die Arbeiterklasse ihres eigenen Landes, sondern auch die Interessen der Arbeiterklasse der gesamten Welt verraten, haben ihr den Grundpfeiler und die Unterstützung in den Klassenschlachten entzogen. Und sie setzten sich nach dem Zerfall der UdSSR an der Spitze der bourgeoisen Macht der neuentstandenen Staaten. Nicht zufällig wurden sie auch deshalb als Verräter bezeichnet. Und das war auch einer der Gründe, warum die sowjetischen Arbeiter sich in der Periode der Konterrevolution des Landes nicht gegen sie erhoben hatten.

Der Milliardär Nasarbajew

Nasarbajew hatte längst aufgehört, ein Kommunist zu sein, er wurde Kapitalist. Und er war glücklich damit. Der Sekretär der Kommunistischen Allunionspartei (Bolschewiki) Anatoli Majewski zitierte in seinem Artikel „Der heldenhafte Kampf der kasachischen Arbeiter und die ihnen drohenden Gefahren“ [1] im Juni 1996 in der Zeitung „Arbeiter- und Bauern-Prawda“ die britische „Financial Times“. Der Präsident von Kasachstan, Nursultan Nasarbajew, hatte es dazu gebracht, mit fünf Milliarden Dollar zu den 25 reichsten Menschen der Welt zu gehören. Nun sind seitdem mehr als 20 Jahre vergangen, wieviele Milliarden bei westlichen Banken gehen heute auf das Konto des El-Bassy?

Die Tochter Nasarbajews ist die reichste Frau Mittelasiens. Hier ihr Grundstück in der Schweiz (Wert: 74 Millionen Schweizer Franken).

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Nach einer Ausgabe der Zeitschrift „Forbes“, gehören die Milliardäre Kasachstans zu den reichsten Menschen der Welt. Darunter befindet sich auch der Schwiegersohn Nasarbajews, Timur Kulibajew, mit einem Vermögen von 1,3 Milliarden Dollar. Er ist Mitglied des Betriebsrates der „Gasprom“-Aktiengesellschaft, einer der Anteilseigner der nationalen “KasMunajGas”-Company (KMG) [2]. Seine Frau, die mittlere Tochter von Nursultan Nasarbajew, Dinara Kulibajewa ist die einzige Milliardärin in Zentralasien. Im Familienunternehmen „KasachMys“, in dessen Betriebsrat sitzt der Bruder des El-Bassy, Bolat Nasarbajew, sitzen auch Vertreter der britischen Royal Family, und die Gesellschaft ist an der Londoner Börse notiert. In diesem Unternehmen arbeiten 110.000 Bergarbeiter unter sklavischen Bedingungen.

Eine Rückkehr zum Kapitalismus

Bei jetzigem Milliardär Nasarbajew ruft es heute eine besondere Verärgerung hervor, daß es in der UdSSR kein Privateigentum und keine privaten Unternehmer gab. Bei seinem Auftritt auf einem Parteitag der herrschenden Partei „Nur Otan“ sagte er: „Es gab natürlich eine allgemeine Gleichheit, aber nur eine Gleichheit in Armut. Wir haben viele Jahre darauf verzichtet, und eine Rückkehr dorthin war nicht möglich.“ Doch nun haben wir die Rückkehr zum Anfang des 20. Jahrhunderts. In den 1990er Jahren führte der neu frischgebackene Bourgeois Nasarbajew die Privatisierung der größten Unternehmen durch. 2013 begann die Privatisierung der strategischen Objekte.

Ein rohstoffreiches Land wird ausgeplündert

Der Korrespondent der „Prawda“ Sergej Koschemjakin hatte berichtet, daß Ende 2018 auf einer internationalen Auktion 15 % der Aktien der Kasatomprom“-AG [2] – des größten Uranproduzenten der Welt – versteigert worden waren. Sie wurden von 49 ausländischen und 17 kasachische juristischen Personen erworben. In der Summe erbrachte dieses Geschäft 168 Milliarden Tengö (das sind 29 Milliarden Rubel bzw. 393 Millionen Euro). 2020 ist vorgesehen, die kasachische Eisenbahn, die kasachische Post und die nationale Gasgesellschaft „KasMunajGas“ in private Hände zu geben. Der Anteil des Staates an der Wirtschaft der Republik sank von 19 auf 17 Prozent.

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Zerstörung des Industriepotentials in Kasachstan

Doch in der Republik läuft nicht nur die Privatisierung, sondern auch die Deindustrialisierung auf Hochtouren. Nasarbajew erklärte: „Wir brauchen keine Mastodonten [4] der sozialistischen Industrie, heute werden kleine und mittlere Unternehmen benötigt.“ Und so wurden beispielsweise im Süden Kasachstans zahlreiche Großbetriebe geschlossen: das Bergbau-Aufbereitungskombinat von Atschissaj (nahe der Stadt Kentau [5]), die Betriebe für Blei-, Schienen-, Hydrolyse- und Schmiede-/Pressenausrüstungen sowie zwei Weberei-Großbetriebe, Textilbetriebe und der kasachische Bekleidungshersteller „Wostok“. Man kann über der Leichtindustrie Kasachstans ein Kreuz aufstellen. Die Chinesen werden begeistert sein. Sie haben die Republik mit Gebrauchsgütern zugeschüttet. Doch wo sollen nun Tausende Arbeiter der geschlossenen Betriebe einen neuen Arbeitsplatz finden? Womit sollen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Den Milliardär/El-Bassy stört die massenhafte Arbeitslosigkeit natürlich nicht.

Solche verlassenen Werkhallen und Betriebe findet man in Kasachstan praktisch überall. In Kasachstan wurden Hunderte von Betrieben stillgelegt: Brotfabriken, Betonwerke, Autowerkstätten, Schwermaschinenbetriebe, Baukombinate, Brauereien, Bekleidungsbetriebe, Papierfabriken, Eisenbahnreparaturbetriebe, eine Torpedofabrik, Konservenfabriken usw. usw. – allein in Rußland wurden in 25 Jahren etwa 80.000 Fabriken und Betriebe stillgelegt und vernichtet.

Plattenwerk

Bei der Massenprivatisierung kommt eben vieles zu Schleuderpreisen unter den Hammer – Industriegiganten und riesige Vorkommen an Bodenschätzen. 80 % der Erdölgewinnung befindet sich bereits im Eigentum von Ausländern. Aus den Gebäuden vieler Betriebe wurden Vergnügungsparks und Einkaufszentren. Auch in Rußland zeigt sich heute ein solches Bild.

Nasarbajew-werwolfViktor Antoschko aus Koktschetaw schrieb in der Zeitung „Duell“ in seinem Artikel „Der Werwolf“ [6], daß Kasachstan auch seine Lebensmittelunabhängigkeit verloren hat, und dabei war Kasachstan in der sowjetischen Zeit eine landwirtschaftlich hochentwickelte Republik. Die Getreideproduktion wurde erheblich reduziert, die Fleischproduktion ging um die Hälfte zurück. Und die Preise für Lebensmittel steigen unaufhörlich. Die Kasachen verlassen ihre Aule und ziehen in die Städte, wo es auch nicht so einfach ist, eine Arbeit zu finden. Der Lebensstandard in Kasachstan ist drastisch gesunken, lediglich einige unterentwickelte afrikanische Länder befinden sich unter diesem Niveau. Wie bekannt ist gibt im verhältnismäßig günstigem Almaty ein großer Teil der Bevölkerung das gesamte Einkommen für Ernährung, Dienstleistungen und Waren des täglichen Bedarfs aus. Nur 19 % aller Haushalte können sich eine Neuanschaffung von Haushaltsgeräten oder Möbeln leisten, nur 3 % haben ein Sparguthaben bei der Bank und nur 1 % hat die Möglichkeit, Wohneigentum zu erwerben.

Die Klassengegensätze verschärfen sich

Die Polarisierung der Gesellschaft in Klassen ist unübersehbar, und die Ausbeutung der Arbeiter ist enorm. Es verschärfen sich die antagonistischen Widersprüche. Es wächst die Unzufriedenheit und der Haß gegen die neuen Bejs. Doch die Machthaber wissen, wie man das Volk beruhigen kann. Die offizielle Presse erzeugt im Bewußtsein der Menschen die Idee des Hauptfeindes des Landes – Rußland. Es wird viel unternommen, um die Menschen nach nationalen Merkmalen zu beurteilen. Russen werden aus führenden Positionen in der Produktion und im Geschäftsleben verdrängt. Buchstäblich wird die antirussische Hysterie verschärft. Dem Russischen wird der offizielle Status entzogen. Etwa drei Million Russen wurden gezwungen, Kasachstan zu verlassen. Viele können es nicht, da ihnen die finanziellen Mittel für eine Ausreise fehlen.

Entstalinisierung und Bau von tausenden Moscheen

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Kein Jahr vergeht in Kasachstan ohne eine Politik der Entstalinisierung. Es wurden Dutzende Museen für die „Opfer der Stalinschen Repressalien“ gegründet. Unzählige „Trauerkundgebungen“ und „Gedenkveranstaltungen“ werden zelebriert. Die „Wiedergeburt“ mittelalterlicher Konfessionalität schreitet voran. Es werden Moscheen errichtet. Zur sowjetischen Zeit gab 70 Moscheen, jetzt sind es mehr als 6.000. Junge Menschen werden in den Nahen Osten geschickt, um dort an den theologischen Fakultäten der Universitäten „höchste geistliche Bildung“ zu erhalten. Es werden Medresséen [7] (geistliche „Bildungseinrichtungen“) eröffnet. Die Behörden Nasarbajews haben verstanden, daß es leichter ist, religiöse Menschen im Zaume zu halten, als denkende Atheisten und überzeugte Kommunisten.

Nasarbajew – ein Freund des USA-Imperialismus

Alle freidenkenden Menschen der Welt, die heute unter den Bedingungen einer harten imperialistischen Globalisierung leben, wo 2,5 Milliarden Menschen von bitterster Armut betroffen sind, machen sich Sorgen sich über den Zustand der menschlichen Gesellschaft. In allen Ländern der Welt richtet sich die Politik nach den aggressiven Ansichten des Weltgendarms, der USA. Und ausgerechnet die USA hat der Milliardär Nasarbajew als besten Freund und Berater. Von den Amerikanern bekommt er Investitionen in Form Kapital, Technologie und Fachkräften. Zum Dank für die US-amerikanische Anerkennung der Unabhängigkeit Kasachstans überreichte er im Dezember 1991 dem damaligen USA-Präsidenten der USA, George Bush sen., in dessen Residenz persönlich den Orden „Dostyk“ 1.Ordnung.

Die vergebliche „Dritte-Welt-Theorie“ Ghaddafis

Im April 2002 fand in Almaty auf Initiative Libyens eine Internationale wissenschaftliche Konferenz „Moderne Modelle der gesellschaftlichen Entwicklung“ statt. Die libyschen Wissenschaftler machten die Zuhörer mit einer „Theorie der Dritten Welt“ bekannt, die vom Führer der Libyschen Arabischen Volks-Dschamahirija, Muhammar Ghaddafi entwickelt worden war. Es waren Delegierte aus 14 Ländern der Welt anwesend. Ich hatte das Glück, zu dieser Konferenz eingeladen zu sein. Ich hielt einen Vortrag über „Nationalreichtümer, Macht und Waffen – dem Volk“. Ich war glücklich, daß ich nach der Konferenz freundschaftliche Begegnungen mit Kasachen hatte, die die revolutionären Ideen, dargelegt in meinem Vortrag, mit mir teilten.

Kasachstan auf dem Weg zum Faschismus?

Nasarbajew jedoch, der zum Speichellecker der amerikanischen Präsidenten geworden war, hatte inzwischen gut verstanden, wozu die Unzufriedenheit der Menschen über die Verschlechterung ihres Lebens und die Arbeitslosigkeit führen kann. Er liquidierte auch noch die Reste der bürgerlichen Demokratie und errichtete in Kasachstan eine brutale Diktatur. 2011 roch es in Kasachstan erstmals sogar Neofaschismus.

Der Streik der Arbeiter von Schanaosen

Im Mai 2011 streikten in Westkasachstan 15.000 Arbeiter der Erdölgesellschaft „Kasmunaygas“. Der stellvertretende Vorsitzende der Sozialistischen Bewegung Kasachstans, Ajnur Kurmanow, berichtete in seinem Artikel „Sieben Jahre Erschießung der Arbeiter von Schanaosen!“ [8], wie „die Arbeiter unter der Knute des ausländischen Kapitals zu leiden hatten und zu leiden haben, das auf barbarische und räuberische Weise nichts anderes tut, als Millionen Tonnen Erdöl, Erdgas und Bodenschätze aus der Erde herauszusaugen. Dabei stiegen die Leistungsnormen nach zahlreichen ,Optimierungen‘ um das -zigfache, während die Gehälter aufgrund von Strafen und unerfüllten Plänen sanken und die Arbeiter gezwungen waren, mit veralteter und abgenutzter sowjetischer oder chinesischer Ausrüstung zu arbeiten. Berufskrankheiten und Todesfälle von Arbeitern wurden zur alltäglichen Norm.“

Die bestialische Ermordung eines streikenden Arbeiters

Die Arbeiter begannen bei den Streiks, nicht nur eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliche Freiheiten zu fordern, sondern auch die Nationalisierung der Produktion, eine Arbeiterkontrolle und den Rücktritt des Präsidenten. Der ökonomische Kampf ging auf das Niveau des politischen Kampfes über. Es begannen die Verfolgungen der Führer und ihrer Familien. Im August wurde direkt am Arbeitsplatz der Arbeiter-Aktivist Schaksylyk Turbajew, der zum Vorsitzenden des Gewerkschaftskomitees gewählt werden sollte, bestialisch ermordet. Der Arbeiterführer Arschanat Aminow und die Gewerkschaftsjuristin Natalja Sokolow wurden verhaftet, und bei der ersten Massendemonstration wurden etwa Hundert Arbeiter verhaftet. Die Behörden unternahmen alles, um den Streik der Erdölarbeiter zu isolieren und zu diskreditieren.

Streik_Mai_2011

Ajnur Kurmanow schreibt, daß „Gewerkschafter und Aktivisten, die den Streik unterstützten, bedroht, verprügelt, und erschossen wurden, daß Haussuchungen durchgeführt und ihnen Strafsachen angehängt wurden sowie ihre Häuser angezündet und die Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Durch solchen Repressalien und Terrorangriffe hofften die Machthaber und Erdölbarone aus der Verwandtschaft und Kumpanei Nasarbajews, die die Bewegung zu zerschlagen und die führenden Aktivisten einzuschüchtern, um zu verhindern, daß sie die übrige Gewerkschaftsvereinigungen erfaßt.“ Kurmanow hebt hervor, daß es zu Massenentlassungen der Arbeiter kam. Die Ausbeutung der Vorkommen im Unternehmen „OsenMunayGas“ [8] und „KaraschanbasMunayGas“ [10] sank um ein Vielfaches. Der Schlag gegen die Gewinne der herrschenden Familie war sehr ernst.

Schießerei auf unbewaffnete streikende Arbeiter

Doch durch Entlassungen, Aussperrungen und durch Aushungern gelang es nicht, den Willen der Arbeiter zu brechen. In dieser Situation war die Annäherung an einen Aufstand schon spürbar. Die Unternehmer und die Behörden waren nicht zu Verhandlungen mit den Arbeitern bereit. Am 16. Dezember 2011, dem 20. Jahrestag der Unabhängigkeit Kasachstans hatten sich auf dem Platz von Schanaosen etwa fünftausend streikende Erdölarbeiter und die sie unterstützenden Einwohner versammelt. Ein Polizeiauto fuhr in die Menge der Demonstranten. Die Empörung der Arbeiter wuchs und es begannen Zusammenstöße mit der Polizei. Die von den Behörden organisierte Provokation wirkte sich aus. Es begann mit einer Schießerei auf die unbewaffneten Arbeiter und mit der Verprügelung der Einwohner. Die Straßen der Stadt waren vom Blut überschwemmt. Nach Angaben des Streikkomitees gab es mehr als 70 getötete Arbeiter und etwa 700 verletzte Menschen.

Schanaosen2011 Nach der Schießerei auf die Streikkundgebung flammten in verschiedenen Teilen der Stadt Aufstände auf. Es wurden 46 Gebäude und der Akimat (das Gebäude der städtischen Verwaltung) angezündet. Die Proteste griffen auch auf andere Städte des Gebietes über. Die Behörden riefen den Notstand aus und verhängten eine Ausgangssperre. Versammlungen wurden verboten, Schulen geschlossen und der Mobilfunk abgeschaltet. Man sollte die Nasarbajewschen Behörden daran erinnerten, daß die Erschießung der Arbeiter von Petersburg am 9. Januar 1905 und der Arbeiter der Goldminen an der Lena 1912 durch den Zarismus die Bereitschaft der Arbeiter zur Revolution 1917 nur noch steigerten.

Das Kapital wird waghalsig…

Es wäre jedoch utopisch, auf vernünftige Schlußfolgerungen der Kapitalisten und ihrer Lakaien an der Macht zu hoffen. Nicht zufällig zitiert Karl Marx die trefflichen Worte eines Ökonomen, daß das Kapital die Abwesenheit von Gewinn oder den viel zu kleinen Gewinn fürchtet. Aber es gibt Mal genügend Gewinne, damit das Kapital mutig werden kann. „Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ [11]

Druck auf die Arbeiterbewegung

Mangystau_Union_Square_Protest_(2011-12-18)Die Behörden Kasachstans begannen, Druck auf die Aktivisten und die Führer der Arbeiterbewegung anzuüben. Das Gewerkschaftsgesetz und die Versammlungsfreiheit wurden aufgehoben. Und in 2014 wurden per Gerichtsbeschluß über 600 Gewerkschaften abgeschafft. Das kasachische Regime hat sich sehr bemüht, die Informationen über die blutigen Ereignisse, die an die Greueltaten der Faschisten im Zweiten Weltkrieg erinnerten, zu vertuschen. Aber eine Ahle im Sack läßt sich nicht nunmal verstecken. Protestkundgebungen, Worte der Empörung und der Solidarität mit den Arbeitern Kasachstans waren nicht nur in Moskau, sondern auch in anderen Ländern zu hören. Sogar in Tel Aviv fand vor der Botschaft der Republik Kasachstan eine Solidaritätskundgebung statt.

Sprache der Gewalt

Die blutigen Ereignisse haben viel Leid über das kasachische Volk gebracht. Immerhin gehörten die Arbeiter Kasachstans ein ganzes halbes Jahr zur Avantgarde der weltweiten Arbeiterbewegung. Sowohl sie, als auch die Arbeiter der ganzen Welt, haben eine wichtige Lektion gelernt – mit der Bourgeoisie in der Sprache von Petitionen, Bitten und Meetings zu reden, ist sinnlos. Bei den Zusammenstößen mit den bis an die Zähnen bewaffneten Polizeien, den Sondereinheiten und der Armee vermögen unbewaffnete Arbeiter nicht zu widerstehen. Um zu siegen, muß man von Lenin und den Bolschewiki lernen. Mit der Bourgeoisie, der Ausbeuterklasse, kann man nur in der Sprache der Gewalt reden. Weil die materielle Gewalt nur durch materiellen Gewalt gestürzt werden kann! Das ist es, worüber die Arbeiter nachzudenken müssen.

Die Streikenden von Schanaosen haben eine Niederlage erlitten. Viele wurden hinter Gitter geworfen. Aber sie haben nicht nur den ganzen Arbeitern Kasachstans, sondern auch dem heutigen Rußland und der ganzen internationalen Arbeiterbewegung ein Beispiel des Kampfes gegeben.

Und jetzt sagen wir: Weg mit den bourgeoisen Räubern in Kasachstan! Weg mit dem profaschistischen Regime Nasarbajews! Weg mit dem weltweiten Imperialismus! Früher oder später wird das Regime Nasarbajews für das Arbeiterblut zur Rechenschaft gezogen!

Irkutsk, am 2. August 2019

[1] Siehe: https://www.vkpb-skb.ru/index.php/ideologiya-ekonomika-politika/1055-2012-01-28-09-08-15 (russ.)
[2] Nationale Gesellschaft „KazMunayGas“ KMG – kasachischer Großkonzern zur Erkundung, Ausbeutung, Verarbeitung und Beförderung von Kohlenwasserstoff im Bereich der Erdöl- und Erdgasgewinnung Kasachstans. (russ.: Национальная компания «КазМунайГаз» (КМГ) – казахстанский оператор по разведке, добыче, переработке и транспортировке углеводородов, представ ляющий интересы государства в нефтегазовой отрасли Казахстана.)
[3] Die Urangewinnungsgesellschaft „Kasatomprom“ («АО Казатомпром») der größte Produzent von natürlichem Uran in der Welt mit einer der größten Ressourcen der Welt.
[4] Mastodont, der – ausgestorbenes eiszeitliches Rüsseltier.
[5] Kentau – ehemalige Industriestadt im Süden Kasachtans am Fuße des Karataugebirges. Siehe: http://www.moremhod.info/index.php/library-menu/20-aziya/112-kentau2 (russ.)
[6] Viktor Antoschko „Der Werwolf“ (gespiegelt in Livejournal: https://duel-gazeta.livejournal.com/2693161.html – russ.)
[7] Medressée (arab. مدرسة‎‎, wörtl. „Lernort“, eine muslimische Lerneinrichtung)
[8] Siehe: https://forum-msk.org/material/news/15262595.html (russ.)
[9] „Osenmunaygas AG“ (kasach. «Өзенмұнайгаз» АҚ)
[10] „Karaschanbasmunay AG“ («КаражанбасМунай AO») – Erdölgesellschaft zur Förderung der Vorkommen im Karaschanbas, auf der Halbinsel Busatschi und dem Mangistausker Gebiet, ungefähr 200 km nördlich Aktau vorzugsweise für den Export.
[11] Karl Marx „Das Kapital“ Bd.I. In: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1962, Bd.23, S.788, Fußnote 250.

(Übersetzung: Florian Geißler)

Siehe auch: Die Antikommunisten Kasachstans


Das war die Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik (1971):

KasachBoden

Quelle: W.A. Wwedenski et al. (Hrsg.): Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1971, S.717.

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