K. Kosow: Ist die „Idee des Sozialismus“ gescheitert?

Vergleich KapSozWeil man ja immer wieder mal etwas darüber liest, daß die „Idee des Sozialismus“ gescheitert sei, wollen wir uns hier noch einmal mit der UdSSR befassen. Im Sozialismus, so hört man, werde Eigeninitiative und Vertrauen vernichtet und die Zusammenarbeit sei nur noch in einem vorgegebenen, von staatlichen Regelungen strikt eingefaßten Rahmen möglich. Schließlich habe der „vorauseilende Gehorsam“ zum Dritten Reich geführt. So primitiv ist das Denken der soziologisch halbgebildeten „Intellektuellen“. Dumm – dümmer geht’s nimmer! Klein-Ernie war da schlauer! Er stellte nämlich fest: Follow the money! Und da wären wir beim entscheidenden Punkt: Die Herrschaft in einem faschistischen Regime beruht auf der privaten Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und der Ausbeutung der Lohnabhängigen. Die Diktatur des Proletariats hingegen beruht auf der kollektiven Herrschaft der Arbeiterklasse über die Produktionsmittel (Sowjetunion: Verstaatlichung der Fabriken ab 1918, Grund und Boden nach der Kollektivierung usw.) und die Verteilung der Ergebnisse der Arbeit zum Wohle der Mehrheit.

Folgt man also dem Geld, so wandert es im Kapitalismus in private Taschen, während es im Sozialismus der Allgemeinheit zugute kommt. Mit vorauseilendem Gehorsam kann man ökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht erklären. Darin besteht die Dummheit solcher intellektuellen Spinnereien…

Wie kam es zum Untergang der Sowjetunion?
Der Revisionismus in der UdSSR

Es ist notwendig, zwischen der Politik des Aufbaus des Sozialismus und der Politik der Rücknahme der sozialistischen Errungenschaften zu unterscheiden. In welchem Fall kann man mit Sicherheit sagen, daß eine Politik des Aufbaus des Sozialismus verfolgt wird? Die Politik des Aufbaus des Sozialismus kann als verwirklicht bezeichnet werden, wenn

  • erstens die politische Macht im Lande der Arbeiterklasse gehört und gestärkt wird (Diktatur des Proletariats),
  • zweitens der sozialistische Sektor der Wirtschaft ständig wächst und andere, nicht-sozialistische Wirtschaftsformen stetig abnehmen,
  • drittens die Politik der Beteiligung der Arbeiter an der Regierung und der verstärkten Kontrolle der Regierung durch die Arbeiterklasse verwirklicht wird.

All diese Maßnahmen wurden von den Bolschewiki bis 1953 durchgeführt, so dass man von einem konsequenten Aufbau des Sozialismus in der UdSSR seit der Oktoberrevolution 1917 bis einschließlich 1953 sprechen kann.

Was geschah nach der Ermordung Stalins?

Ab 1953 begann eine Politik der schrittweisen Aushöhlung der sozialistischen Errungenschaften der vorangegangenen Periode. Wie kam es überhaupt zu der Politik, die bis zum Jahr 53 erreichten sozialistischen Errungenschaften aufzulösen? Die Politik der Auflösung der sozialistischen Errungenschaften manifestiert sich vor allem in der Abschaffung der Beteiligung der Arbeiter an der Verwaltung des Staates und der Schwächung der Kontrolle aller Regierungsorgane durch die Arbeiterklasse.

Die gleiche Politik der Verringerung der Kontrolle „von unten“, des Vergessens von Kritik und Selbstkritik, wurde auch im Apparat der KPdSU verfolgt. Es war eine Politik der Schwächung der politischen Macht der Arbeiterklasse, eine Politik der Schwächung der Diktatur des Proletariats. Infolge dieser Politik verstärkte sich der Einfluß der Bourgeoisie in der Gesellschaft und in der Partei. Die Gruppen- und Unternehmensinteressen wurden zum Nachteil der gesellschaftlichen Interessen und damit der sozialistischen Interessen gestärkt. Im wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes entstanden rabiate, bourgeoise und individualistische Stimmungen.

Ein rückläufiger Prozeß

Die wiederauflebende Ideologie des bourgeoisen Spießertums begann in die Reihen der Partei einzudringen. Das Fehlen von Kritik und Selbstkritik in den Reihen der Regierungspartei ermöglichte die Unterwanderung der Partei durch Doppelzünglern und Konjunkturrittern, die der sozialistischen Lebensweise fremd sind. Infolgedessen begann die Führung des Landes unter dem Druck von deklassierten mittleren Partei- und Wirtschaftsleuten, nicht-sozialistische Formen der Wirtschaftsführung in die sozialistische Wirtschaft einzubringen, indem sie Marktmechanismen der Verwaltung einführte und die zentrale Planung der sozialistischen Wirtschaft insgesamt schwächte.

Bürgerliche Revisionisten zerstören den Staat

Vor dem Hintergrund der politischen Gleichgültigkeit der Massen, die durch die vorangegangene Politik des Revisionismus geprägt war, trat im politischen Leben ein aktives, durch die bürgerliche Weltanschauung und bürgerliche Interessen geprägtes Wirtschaftsbündnis auf, das 1991 begann, seine politische Vorherrschaft zu legalisieren. Und nachdem dessen politische Vorherrschaft legalisiert worden war, begann die entstandene bourgeoise Klasse, ihre wirtschaftliche Vorherrschaft in der Gesellschaft durchzusetzen. Dies war der Verlauf des Zusammenbruchs des sozialistischen Aufbaus, der in einem konterrevolutionären Machtwechsel gipfelte. Aber kann man wie die Revisionisten, die die bürgerliche Konterrevolution von ’91 ermöglicht haben, sagen, daß der Sozialismus in der UdSSR seit 1953 aufgehört hat zu existieren? Davon kann keine Rede sein.

Wie lange existierte der Sozialismus in der UdSSR?

Die mit dem Eintritt Chruschtschows in den Machtapparat eingeleitete Politik des Revisionismus konnte die Errungenschaften des Sozialismus kurzfristig nicht zunichte machen. Eine solche Aufgabe hatte sich die damalige Partei- und Staatsführung nicht gestellt.

Die Politik des Revisionismus hat – dem Volke zumeist unbewußt – Schritt für Schritt, unter dem Druck völlig fremder bürgerlicher Ideen, die Grundlagen des Sozialismus zerstört. Aber das Eigentum an den Produktionsmitteln blieb gesellschaftlich, d.h. sozialistisch, und die Aneignung der Ergebnisse der gesellschaftlichen Arbeit blieb sozialistisch, bis zum Jahr 1991. In der Zeit bis 1991 gab es keine private Aneignung der Ergebnisse der gesellschaftlichen Arbeit im volkswirtschaftlichen Maßstab, obwohl sich bereits ab Ende der 70er Jahre einzelne Fälle von Veruntreuung zu häufen begannen. Von „gescheitert“ kann also keine Rede sein.

К. Kosow

Quelle: http://bolshevick.org/revizionizm-v-sssr/

Siehe auch:
Kurt Gossweiler: Wie konnte der revisionistische Umsturz in der Sowjetunion gelingen?
Intrigen und dunkle Geschäfte des Imperialismus: Gedanken und Hintergründe zum Mord an J.W. Stalin
Wie sich das deutsche Volk von den Nazis verführen ließ…

Kay Strathus:
Ein Staat, in dem 40 Jahre lang Mangel herrschte

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4 Antworten zu K. Kosow: Ist die „Idee des Sozialismus“ gescheitert?

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    „Weil man ja immer wieder mal etwas darüber liest, daß die „Idee des Sozialismus“ gescheitert sei, wollen wir uns hier noch einmal mit der UdSSR befassen. Im Sozialismus, so hört man, werde Eigeninitiative und Vertrauen vernichtet und die Zusammenarbeit sei nur noch in einem vorgegebenen, von staatlichen Regelungen strikt eingefaßten Rahmen möglich. Schließlich habe der „vorauseilende Gehorsam“ zum Dritten Reich geführt. So primitiv ist das Denken der soziologisch halbgebildeten „Intellektuellen“. Dumm – dümmer geht’s nimmer! Klein-Ernie war da schlauer! Er stellte nämlich fest: Follow the money! Und da wären wir beim entscheidenden Punkt: Die Herrschaft in einem faschistischen Regime beruht auf der privaten Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und der Ausbeutung der Lohnabhängigen. Die Diktatur des Proletariats hingegen beruht auf der kollektiven Herrschaft der Arbeiterklasse über die Produktionsmittel (Sowjetunion: Verstaatlichung der Fabriken ab 1918, Grund und Boden nach der Kollektivierung usw.) und die Verteilung der Ergebnisse der Arbeit zum Wohle der Mehrheit.

    Folgt man also dem Geld, so wandert es im Kapitalismus in private Taschen, während es im Sozialismus der Allgemeinheit zugute kommt. Mit vorauseilendem Gehorsam kann man ökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht erklären. Darin besteht die Dummheit solcher intellektuellen Spinnereien…“

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, die Frage ist ja: Ist die Idee des Sozialismus gescheitert? Ich glaube nicht, dass die Idee als solche gescheitert ist, denn alle Menschen der Welt sehnen sich nach einem guten, würdigen Leben, das sie im Kapitalismus nicht haben, nicht haben können. Abgesehen von denen, die wussten, wie sie zu Wohlstand und Ansehen kommen, und dabei ihre Seele verkauften. Entscheidend sind aber die Träger der Idee des Sozialismus. Und momentan sieht es so aus, als ob es neben vielen Reden kaum noch jemanden gibt, der dem Sozialismus eine Chance gibt.

    Es war Ende September 1990, als wir alle zusammensaßen, der Abschied voneinander stand schon im Raum, und da sagte müde eine ältere Genossin, eine kluge, sympathische Frau: „Ja, haben wir denn all die Jahre umsonst gearbeitet? Wollen wir denn den Kapitalismus wieder?“ Sie wollte offensichtlich eine Diskussion anstoßen, wir hatten nie gemeinsam seit Herbst 89 über eine so bedeutende Frage gesprochen. Alle saßen wie unbeteiligt bei ihrer Frage, eine Pause trat ein.

    Ich verstand sie sehr gut und war die einzige unter 20 Genossen, ich war die einzige Nichtgenossin, die ihr antwortete: „Den Kapitalismus will niemand auf der Welt, außer denen, die von ihm profitieren. Der Gedanke, dass es auf der Welt gerecht zugeht, dass wir Menschen in Frieden und Freundschaft zu allen Menschen leben wollen, dieser Gedanke wird nie sterben.“ Mehr sagte ich nicht, obwohl ich sehr viel hätte sagen können.

    Was aber für mich entscheidend war: Ich spürte, dass ich mich von meinen Kollegen dadurch entfremdet hatte. Sie alle, obwohl mit Bedenken, waren erfüllt von Neugierde auf das andere Leben, ich habe so viele Dummheiten in dieser Zeit gehört, bekam mit, wie jeder versuchte, einen Platz in diesen uns fremden Verhältnissen zu finden. Für sie war ihr gesamtes bisheriges DDR-Leben abgeschlossen. Von Sozialismus wollten sie nichts mehr hören. Jetzt konnten sie sich endlich ein richtiges Auto kaufen, Geld war vorhanden, ihren Trabi ersetzen. Nachdem wir alle mit dem 3. Oktober 1990 arbeitslos geworden waren, gab es noch mehrmals Treffen unseres „Kollektivs“, ich ging nicht hin.

    Was ich 1990 erlebt habe, auch in unserem kleinen Arbeitskollektiv, war die Folge des Revisionismus, von dem Kurt Gossweiler, dessen Schriften ich erst später kennenlernte, uns mahnend ins Gedächtnis schrieb. Meine Ansicht ist, dass wir gegenwärtig nicht nur im Sumpf des Revisionismus suhlen, sondern im Schlamm, der uns – die Träger der Idee des Sozialismus – erstickt. Wir hier aber versuchen, wenigstens die Ehre der DDR hochzuhalten, und wir tun das mit gutem Gewissen.

    • sascha313 schreibt:

      Du hast 1000%ig recht: die Idee des Sozialismus ist nicht gescheitert. Absolut nicht! Nur die Frage ist WIE! muß man es beginnen? So wie 1900 auch (unter eben neuen Bedingungen!). Es ist jedenfalls erschütternd, das zu lesen. Die Enttäuschung über diese Art von „Genossen“ ist furchtbar…

      • roprin schreibt:

        „…unter neuen Bedingungen“ und mit einem Paket voller guter und schmerzvoller Erfahrungen, aus denen wir schöpfen können. Wir sind auf jeden Fall klüger geworden. Marx, Engels, Lenin, Stalin müssen theoretisch fortgesetzt werden. Eine kommunistische Arbeiterpartei muß wieder ihre Führungsrolle ausüben und die Völker vereinen. Solidarität muß wieder Handeln, nicht nur ein Begriff sein.

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