Warum der Faschismus auf fruchtbaren Boden fällt…

diy6_limited_edition_insert1Mit dem Sieg der Sowjetarmee am 8. Mai 1945 endete die Nacht des Faschismus in Deutschland. Doch „…der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Brecht), und es ist keineswegs verwunderlich, daß Neofaschisten heute in vielen Ländern Europas erneut einen solchen Einfluß gewinnen konnten, und daß Faschisten (wie in der Ukraine) erneut an die Macht gelangen konnten. Mehrere Generationen sind seitdem herangewachsen, die diese furchtbare Zeit nicht mehr mehr kannten, ja nicht einmal vom Hören-Sagen. Und diejenigen, die sie erlebten, die unter dem Terror der Nazis litten, sind längst verstorben oder wurden ermordet. Die Geschichtsbücher geben oft nur ein sehr ungenaues Bild dessen wieder, was sich Tag für Tag in diesem Land ereignete, und was die Ursachen dafür waren.

Die Verherrlichung der Kriegstechnik und eine Verharmlosung der Verbrechen verdrängte die Schrecken der Verfolgung, der Folter und des Krieges. Falsche Idole der Nazis ersetzten wahres Heldentum, wie beispielsweise den heldenhaften Kampf der sowjetischen Soldaten um den Sieg über den Faschismus. Vergessen scheint der faschistische Terror der Nazizeit, die Verfolgung und Ermordung von Kommunisten und Gegnern des Naziregimes, die massenhafte Vernichtung von Juden und Angehörigen anderer Nationalitäten in den faschistischen Konzentrationslagern, der heimtückische Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, die Verbrechen der SS und der Wehrmacht in der Ukraine, in Belorußland und anderswo, vergessen scheint das unermeßliche Leid, welches der deutsche Imperialismus über die Völker Europas brachte. Und vergessen ist offenbar auch das Urteil von Nürnberg, nach dem schließlich einige der Hauptkriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet wurden. Im Jahre 1984 schrieb der DDR-Historiker Dr.phil.habil. Joachim Petzold das folgende über dieses

„Regime des Verbrechens“

Als Begleiterscheinung des Imperialismus unter den Bedingungen der allgemeinen Krise des Kapitalismus gehört der Faschismus zu den generellen Fäulniserscheinungen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Deshalb darf eine wissenschaftliche Faschismusanalyse nicht von einer einzelnen Wirtschaftskrise ausgehen, sondern muß stets das ganze aus den Fugen geratene gesellschaftliche Gefüge und die Möglichkeit von Alternativen im Auge behalten. Zudem hat nicht immer und nicht überall eine Verschlechterung der Wirtschaftslage die Faschisten zum Zuge kommen lassen.

Braunschweig 1933

So begann es (Aufmarsch der SA und SS in Braunschweig 1933)

Ist der Faschismus eine zwangsläufige Erscheinung?

Die Errichtung faschistischer Diktaturen erklärt sich zwar aus dem Wesen des Imperialismus, aber es handelt sich dabei nicht um gesetzmäßige Unvermeidlichkeiten, die so in der monopolkapitalistischen Wirtschaftsbasis verankert wären, daß man sich, solange die kapitalistische Gesellschaftsordnung besteht, damit abfinden müsse. Selbst im Lager der Bourgeoisie sind die Meinungen über die Zweckmäßigkeit faschistischer Herrschaftsformen geteilt; denn auf die Dauer wurden damit nur, wie sich herausstellte, schlechte Erfahrungen gesammelt.

USA, Frankreich und Deutschland im Vergleich

Schon während der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933, auf die in vielen kapitalistischen Ländern eine langanhaltende Wirtschaftsstagnation folgte, kam es zu ganz unterschiedlichen Entwicklungen. In den USA vermochten sich 1933 unter dem Eindruck des ökonomischen Kollapses Franklin Delano Roosevelt und seine Anhänger durchzusetzen und die Ära des New Deal einzuleiten. Sie verblieb zwar ganz im Rahmen kapitalistischer Reformpolitik, war aber dennoch eine Voraussetzung für die Teilnahme der USA an der Antihitlerkoalition. In Frankreich, das später als Deutschland von der wirtschaftlichen Depression erfaßt und schon stark von der alle Franzosen beunruhigenden deutschen Entwicklung beeindruckt wurde, erstarkten die Linksparteien, und es formierte sich die Volksfront. Selbst in Deutschland wirkte sich die Weltwirtschaftskrise nicht ausschließlich in einem politischen Rechtstrend aus. Es kam auch zu einem Erstarken der Kommunistischen Partei. Die Bedingungen waren allerdings höchst ungleich. Während die Nazis vielfältige Unterstützung und Förderung erfuhren und über große Geldmittel verfügten, wurden die Kommunisten in jeder Hinsicht von den Staatsorganen und den Regierungsparteien der Weimarer Republik bekämpft.

Der Faschismus hätte gestoppt werden können!

Nicht die Wirtschaftskrise allein war verantwortlich für den Aufstieg und den Sieg des Faschismus. Es gibt keine Automatik, daß die politische Entwicklung bei wachsenden Krisenerscheinungen unweigerlich zu faschistischen Bewegungen und faschistischen Diktaturen führen muß. Es war und ist unwissenschaftlich und politisch schädlich, wenn der fatalistische Eindruck erzeugt wird, man sei letztlich gegen die angebliche Kausalkette Wirtschaftskrise – Arbeitslosigkeit – Aufstieg und Herrschaft der Faschisten ohnmächtig gewesen. Der Faschismus hätte entweder schon im Keime erstickt oder auf dem Wege zur Macht gestoppt werden können.

Wer wählte die Nazipartei?

In der Diskussion über die Verantwortung für die Errichtung der faschistischen Diktatur spielt die Frage eine große Rolle, ob die Hitler-Regierung legal, das heißt verfassungsgemäß, zustande gekommen wäre. Mitunter wird sogar behauptet, das deutsche Volk habe Hitler an die Macht gewählt. Wir wollen zunächst erst einmal untersuchen, welche Bevölkerungsschichten vor 1933 bei Wahlen ihre Stimme bevorzugt der Nazipartei gegeben haben. Eine derartige Wahlanalyse ergibt folgendes Bild: Es waren vor allem die ländlichen Gebiete Nord- und Ostdeutschlands, in denen die Propaganda der Nazis verfing und die ihnen Rückhalt gaben. In den Großstädten und Industrieregionen dominierten dagegen, von einigen Gebieten mit dezentralisierter Leicht- und starker Heimindustrie abgesehen, weiterhin die Arbeiterparteien (…) Hitler war sich wohlbewußt, daß er sein ursprüngliches Ziel und seinen eigentlichen Auftrag, in die Jahre der Inflation sozial Entwurzelten, bei Bauern, Kleinbürgern und sonstigen Gruppen der Bourgeoisie, also den traditionellen Wählerkreisen bürgerlicher Parteien zu erzielen vermochte. (…)

Naziparteitag

Nazi-Parteitag in Nürnberg 1938

Warum war das der Fall?

Die Menschen auf dem Lande und in den kleinen Städten litten ebenfalls schwer unter der Wirtschaftskrise. Wenn fast die Hälfte aller Arbeiter ohne Verdienst war, konnte sie auch nur ein Minimum der ländlichen und handwerklichen Produkte kaufen. Infolgedessen fanden die Bauern keinen Absatz für ihre Erzeugnisse, die sie schon in besseren Wirtschaftszeiten angesichts billiger Einfuhren und begrenzter Kaufkraft nur selten vorteilhaft vermarkten konnten Die Agrarpreise sanken zum Teil weit unter die Herstellungskosten und viele Bauernwirtschaften gerieten derart in die roten Zahlen, daß sie oft zu einem Spottpreis versteigert werden mußten. Nicht anders erging es vielen kleinen Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten in den Städten. Sie waren auf die Arbeiter und Bauern angewiesen. Deren katastrophal gesunkene Kaufkraft führte zwangsläufig zu Konkursen und Geschäftsaufgaben.

Die raffinierte Demagogie der Nazis fällt auf „fruchtbaren Boden“

Diese Situation konnten die Nazis ausnützen. Ihre raffinierte Demagogie, die vor antikapitalistisch klingenden Parolen nicht zurückschreckte, die aber insgesamt doch den kleinbürgerlichen und bäuerischen Eigentumsvorstellungen entsprach, fand angesichts der politischen Unerfahrenheit, und dem geringeren Bildungsstand auf dem Land und in den kleinen Städten Zustimmung. Die konservativen Parteien, ihre Presse, Kirche und Schule hatten dafür den Boden bereitet. Verhängnisvoll wirkte sich aus, daß von den Arbeiterparteien die politische Arbeit in den Agrarregionen lange vernachlässigt wurde. Die These Lassalles, wonach die Bauern eine einzige reaktionäre Masse darstellten, war insbesondere in der Sozialdemokratie lebendig und wurde erst von den Kommunisten schrittweise überwunden.

Ein Volk von „Mitläufern“ und „Getäuschten“?

Es war schließlich keineswegs unvermeidlich, daß die Menschen territorial so unterschiedlich auf die faschistische Propaganda reagierten. Sicher gab es viele, die sich von der faschistischen Diktatur persönliche Vorteile versprachen und die auch nichts gegen einen neuen Raubkrieg einzuwenden hatten. Gerade die Söhne von Großbauern, die nicht den Gutshof erben konnten, träumten von Landbesitz und liehen den Naziversprechungen von Landeroberungen im Osten willig ihr Ohr. Auch vielen Geschäftsleuten war es höchst willkommen, wenn durch eine rigorose Wiederaufrüstung Hitler – wie es rechtfertigend hieß – »den ‚kleinen Leuten‘ etwas zu verdienen gab«. Das materielle Interesse vieler Nazianhänger soll also keineswegs bestritten werden, aber insgesamt hätte der größere Teil der NSDAP-Wähler entsetzt reagiert, wenn er die Konsequenzen seiner Entscheidung bedacht und durchschaut haben würde. Auf jeden Fall ist es ein großer Unterschied, ob jemand von der Nazipropaganda getäuscht seine Stimme der Nazipartei gab oder ob er die Hitlerclique systematisch förderte und unterstützte, damit sie ihren Volksbetrug begehen konnte.

Riesensummen für die SA, und um die Jugend zu ködern…

Wo aber kamen die Millionen Mark her, mit denen Millionen Wähler mobilisiert wurden? Die faschistische Demagogie konnte nur zu voller Wirkung gelangen, weil die Nazis über die finanziellen und technischen Mittel verfügten, um sie zu verbreiten. Ein Heer von Rednern zog buchstäblich von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Riesensummen verschlang auch die SA. Sie war einheitlich uniformiert und versuchte, Arbeitslose durch kostenlose Essenausgabe und andere Vergünstigungen zu ködern. Man unterhielt Reiterstaffeln, ein Kraftfahrerkorps und sogar Flugzeuge sowie spezielle Jugendorganisationen im Rahmen der sogenannten Hitlerjugend.

Woher kam das Geld der Nazis?

Heartfield 1932

Foto-Montage von John Heartfield für die Titelseite der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ vom 16.10.1932

Viele bürgerliche Faschismusforscher versuchen den Eindruck zu erwecken, das Geld hätten die Nazis allein durch Mitgliedsbeiträge und Straßensammlungen aufgebracht. Selbstverständlich hat das eine Rolle gespielt, zumal die NSDAP eine Millionenpartei wurde und viele vermögende Mitglieder in ihren Reihen zählte. Aber ohne großzügige Spenden ihrer monopol- und agrarkapitalistischen Hintermänner konnte die Nazipartei wie jede andere bürgerliche Partei) nicht auskommen. SPD und KPD hatten auch viele Parteimitglieder und Sympathisanten. Ihre finanziellen Mittel reichten jedoch nicht im entferntesten an das heran, was die Nazis einzusetzen vermochten. Beispielsweise war es Hitler möglich, Wahlkampagnen 1932 mit einem Flugzeug zu bestreiten.

War die NSDAP eine antikapitalistische Partei?

Die zusätzlichen Geldquellen der Nazis wurden natürlich sorgsam verschleiert. Eine sich antikapitalistisch gebärdende Partei durfte sich doch nicht als Empfänger kapitalistischer Spenden bloßstellen. Auch die Unternehmer hatten kein Interesse daran, in der Öffentlichkeit als Förderer parteipolitischer Aktivitäten zu erscheinen. Die Skandale um den Flick-Konzern, der wie eh und je Parteien und Politiker besticht, um zuverlässige Interessenvertreter zu besitzen und sich selbst Millionenvorteile zu verschaffen, hatten schon 1932 viel Staub aufgewirbelt und zur Vorsicht gemahnt. Man bemühte sich, die zur Förderung der NSDAP geschaffenen Fonds zu tarnen und sich nicht durch schriftliche Vereinbarungen der Gefahr von Enthüllungen auszusetzen. (…)

Millionenspenden von Industrie- und Finanzkapital

Die Antwort auf die Frage, woher die Millionen Mark kamen, um Millionen Wähler zu gewinnen, ist aufschlußreich für den Klassencharakter der Nazibewegung und den Klassenstandpunkt der jeweiligen Faschismusforscher. (…) Von Anfang an wurde die Nazipartei in vielfältiger Form durch Geschäftsleute, Industrielle und Bankiers finanziell unterstützt. Zunächst sorgte der Alldeutsche Verband für die Geldvermittlung. Namhafte Spenden kamen vom bayrischen Industriellenverband. Auch der mächtigste und verschlagenste aller Ruhrindustriellen, Hugo Stinnes, der in der Novemberrevolution für die Bildung eines Millionenfonds zur Bekämpfung des Bolschewismus gesorgt hatte, griff tief in seine Tasche, wenn es um die Förderung faschistischer Aktivitäten ging. Reiche russische Emigranten, die Hitlers Absicht, »nach Osten zu marschieren«, begeistert begrüßten, steuerten das ihrige bei. Der holländische Ölmilliardär Sir Henry Deterding, dessen Gesellschaften British Shell Company und Royal Dutch den Verlust der Ölfelder von Baku beklagten und sich besonders für einen antisowjetischen »Kreuzzug« interessierten, war so von den Nazis begeistert, daß er ihnen nicht nur Geld gab, sondern sich auch während der Nazizeit in Mecklenburg niederließ.

01

So endete der Faschismus: Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß 1946.

Quelle:
Joachim Petzold, Regime des Verbrechens, Staatsverlag der DDR, Berlin 1984, S.44-53

Anmerkung:
Es besteht kein Zweifel, daß die Kommunisten als erste darauf aufmerksam machten, daß der Faschismus eine Erscheinungsform des spätbürgerlichen Imperialimus ist, die dann eintritt, wenn das ganze wirtschaftliche System aus den Fugen zu geraten droht und die Verschlechterung der Wirtschaftslage drastische Einschnitte erforderlich macht. 1933 stellte die Kommunistische Internationale fest: „Der Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapital.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und so waren es auch die Kommunisten, welche als erste ins Visier dar Nazis gerieten, die verfolgt und ermordet wurden. Wer dies leugnet, und wer hier von „rechtem und linkem Extremismus“ spricht, der macht sich der Geschichtsfälschung schuldig. Ebenso absurd ist auch die Behauptung einiger BRD-Historiker, die Unterstützung des Faschismus durch die deutsche Schwerindustrie (wie Thyssen und Krupp) und die Banken und Großfinanziers sei als „wenig bedeutend“ zu betrachen.

In der heutigen Zeit kommt noch hinzu, daß die Bevölkerung der BRD, wo es nie eine antifaschistisch-demokratische Umwälzung (wie etwa in der DDR) gegeben hat, seit Gründung dieses Staates stets auch unter dem Einfluß des braunen Ungeistes stand. Die BRD war nie ein antifaschistischer Staat – und ist es auch heute nicht. Wie sollte es auch anders sein, denn die Monopolherren von damals sind im wesentlichen die gleichen. Nur die Massenmedien sind heute weitaus perfekter auf die Entstellung und Fälschung der historischen Wahrheit und die Verleumdung des Sozialismus ausgerichtet. Damit nur ja keiner auf die Idee kommt, der Sozialismus (mit Marx, Engels, Lenin und Stalin usw.) sei eine Alternative. Deshalb fällt der Faschismus in der BRD und anderen kapitalistischen Ländern auch heute wieder auf fruchtbaren Boden …

Siehe:
Nürnberger Prozeß: Zitate aus einem Gerichtsverfahren gegen die Kriegsverbrecher

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