Der Verrat der „gemäßigten“ Opportunisten

Infanterie

Deutsche Infanterie im Osten

Wir schreiben das Jahr 1917. Der deutsche Imperialismus war über die europäischen Nachbarländer hergefallen und hatte weite Teile Frankreichs, Belgiens, Polens und Litauens okkupiert, friedliche Städte und Dörfer bombardiert. Über vier Millionen Menschen waren dem Krieg schon zum Opfer gefallen. Er kam nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der Krieg. Tatsächlich waren die Jahre vor 1914 nicht von strahlendem Sonnenschein erfüllt. Das neuentstandene, in mächtigen Monopolen organisierte, unablässig nach höheren Profiten strebende Finanzkapital der entwickelten kapitalistischen Länder führte einen wilden und rücksichtslosen Konkurrenzkampf um neue Märkte, um wirtschaftliche und politische Vorteile, wo immer in der Weklt solche Vorteile erreichbar waren.  „Nein! Tausendmal Nein! Verlaßt die Werkstätten und Fabriken! … Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! Frieden, Freiheit, Brot!“ so rief die Spartakusgruppe im Jahre 1917 nach dem Sieg der Februarrevolution in Rußland die ausgebeuteten deutschen Arbeitermassen zum Streik auf. Es gärte im Volk.

Während sich die Spartakusgruppe bemühte, die streikbereiten Arbeiter zum revolutionären Kampf gegen Krieg und Imperialismus zu mobilisieren, unternahmen die opportunistischen Partei- und Gewerkschaftsführer alles, um den Streik zu verhindern. Als ihnen das nicht gelang, versuchten sie sich an seine Spitze zu stellen, um ihn in die „geordneten Bahnen“ einer ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken dienenden Aktion zu lenken und dann so bald als möglich abzuwürgen.

Die Wucht der antiimperialistischen Streikbewegung

Am 16. April brach der Streik mit außerordentlicher Wucht los. In Berlin, Braunschweig, Dresden, Halle, Leipzig, Magdeburg und anderen Städten, vor allem in Zentren der Rüstungsindustrie, traten gleichzeitig über eine halbe Million Arbeiter in den Ausstand. Damit nahm die Antikriegsbewegung den Charakter einer breiten antiimperialistischen Massenbewegung an. In Berlin legten am 16. April rund 300.000 Werktätige die Arbeit nieder. Das war der bisher größte Massenstreik. Das Charakteristikum der Aprilstreiks war die Forderung nach Frieden.

Halbherzigkeit und Verrat der „Streitschlichter“ 

Am 16. April beschlossen etwa 10.000 Leipziger Arbeiter auf einer Kundgebung im Stötteritzer Brauereigarten eine Resolution, in der sie neben ausreichender Versorgung mit Lebensmitteln sofortigen Frieden unter Verzicht auf jede offene oder versteckte Annexion, die Aufhebung des Belagerungszustandes und der Zensur und aller Schranken des Koalitions-, Vereins- und Versammlungsrechtes sowie des Hilfsdienstgesetzes, die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen und das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht verlangten. Das waren demokratische Forderungen, die auch die Spartakusgruppe erhob; aber die von Zentristen verfaßte Leipziger Resolution orientierte die Arbeiter nur auf parlamentarische Methoden. Sie rief die Massen nicht zum revolutionären Kampf für den Sturz des imperialistischen und militaristischen Systems auf.

Wachsende politische Einsichten der Volksmassen

Trotz ihres reformistischen Charakters offenbarte die Resolution jedoch die wachsende politische Einsicht der Streikenden. Das kam vor allem darin zum Ausdruck, einen Arbeiterrat als Interessenvertretung der Streikenden zu bilden. Dieses Verlangen, mit dem eine der wichtigsten Erfahrungen der Februarrevolution aufgegriffen wurde, verwirklichten am 18. April die Arbeiter der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin. Sie wählten einen Arbeiterrat. Arbeiter einiger anderer Betriebe folgten diesem Beispiel. So entstanden unter dem Einfluß der Februarrevolution und der Agitation der Spartakusgruppe – die, über die Leipziger Resolution hinausgehend, zur Schaffung eines ständigen Delegiertenkörpers aus Vertretern der Betriebe aufrief, der die Aktionen der Arbeiter leiten sollte – im April 1917 in Deutschland die ersten Arbeiterräte als entscheidende Instrumente für die Organisierung des Kampfes um die politische Macht der Arbeiterklasse.

Warum scheiterte die Streikbewegung in Deutschland?

Da den Streikenden eine zentrale revolutionäre Führung fehlte, gelang es den opportunistischen, besonders den rechten zentristischen Führern, denen ein großer Teil der Streikenden Vertrauen schenkte, die geschlossene Front zu spalten. Indem sie einige wirtschaftliche Zugeständnisse und Versprechungen der Behörden als große Erfolge ausgaben und behaupteten, die Ziele des Streiks seien damit erfüllt, vermochten sie einen großen Teil der Arbeiter bereits am 17. und 18. Anril wieder zur Arbeitsaufnahme zu veranlassen.

Die völlige Zerschlagung der Arbeiterproteste

Mit direkter Unterstützung der rechten Führer der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften warf die Regierung die Streikbewegung am 20. April mit terroristischen Mitteln nieder. Die opportunistischen Gewerkschaftsführer verweigerten die Zahlung von Streikgeldern. Die bestreikten Betriebe kamen unter militärische Leitung. Viele Teilnehmer am Streik, vor allem Anhänger der Spartakusgruppe, wurden verhaftet, entlassen oder zum Kriegsdienst eingezogen.

Klassenverrat der „gemäßigten“ Opportunisten

Am 24. April meldete die Leipziger Kriegsamtsstelle dem sächsischen Kriegsministerium, die Unterdrückung des Streiks sei vor allem dadurch möglich geworden, daß „unter starker Beteiligung der gemäßigten Führer der Arbeiterorganisationen der Grund des Streiks vom politischen auf das wirtschaftliche Gebiet hinübergespielt“ und dadurch „der Sache die Spitze abgebrochen“ worden wäre. Das war die amtliche Bestätigung für den Klassenverrat der Opportunisten.

Quelle:
Willibald Gutsche/ Fritz Klein/ Joachim Petzold: Von Sarajevo nach Versailles. Deutschland im ersten Weltkrieg. Akademie-Verlag Berlin, 1974, S.223f.

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