Bruno Apitz: Der Verrat der „Gemäßigten“ am Proletariat

Bild (8)Allen neuerlichen Verleumdungen zum Trotz: Bruno Apitz war Kommunist. In seinem letzten Buch „Schwelbrand“ beschrieb er, wie der Verrat an der Arbeiterklasse funktioniert. Wer aber sind die „Gemäßigten“? Auch darauf gibt Bruno Apitz eine klare Antwort! Bruno Apitz beschreibt nach seinen Erinnerungen eine Situation aus dem Jahre 1919. Die Novemberrevolution in Deutschland hatte stattgefunden, doch das Ergebnis war ein völlig anderes, als die revolutionären Matrosen es erhofft hatten. Sozialdemokratische Stimmungen machten sich breit. Man sprach von „Sozialisierung“ und meinte eigentlich den bürgerlichen Staat, dessen Festigung und die Auslöschung sämtlicher revolutionärer Brandherde. Die wir hier die „Gemäßigten“ nennen – das waren die Sozialdemokraten, die „Reformer“, die Parlamentaristen. Es waren die Revisionisten und Konterrevolutionäre. (Heute würden wir sagen: die Pseudokommunisten, die Sjuganowisten, die Stalinhasser.) Sie verrieten die revolutionäre Arbeiterklasse. Sie verhinderten 1919 die Beseitigung des Kapitalismus in Deutschland…

Henriette Bahlke stopfte und flickte wieder. So, wie sie vor vielen Jahren in der Küche die Socken ihres Mannes gestopft und or nicht allzu langer Zeit in der Zuchthauszelle die Hemden er männlichen Gefangenen geflickt hatte, so besserte sie jetzt, im März des Jahres 1919, in einer kleinen Stube des »Tivoli«, er Unterkunft der Matrosenkompanie, die schadhafte Wäsche ihrer Matrosen aus. Wie lange würde sie das noch tun? Gewiß, solange Arthur bei er Matrosenkompanie blieb, würde auch sie bleiben. Aber danach? Wenn es das Leben neu einzurichten galt? Für ihren Sohn und für sie? Was würde dann werden? Arthur hat keinen Beruf. Und wird im April neunzehn. Da aaben andere schon ausgelernt. Kann er mit neunzehn noch die Lehre gehen? Als Stempelschneider etwa? Oder als Setzer? Astronom hatte der Junge werden wollen…

»Die Sozialisierung marschiert!?«

Henriette lächelte, wenn sie an den Knabenwunsch dachte. Und trotzdem: Hatte Robert Neumann nicht einmal gesagt: »Warum soll der Arthur nicht Astronom werden, wenn wir erst en Zukunftsstaat haben.«
Revolution war inzwischen gewesen. Aber der Zukunftsstaat? W0 blieb der? Sie mußte an die großen roten Plakate denken, die seit einigen Tagen an den Litfaßsäulen hingen und die sie schon einige Male gelesen hatte. Die Sozialisierung marschiert! stand auf den Plakaten. Was hat das zu bedeuten? Kommt damit vielleicht der Zukunftsstaat?

Sozialdemokrat Redetzky erklärt die Revolution…

Sie wollte das wissen. Und ging deshalb hinüber zu den Matrosen. Dort hatte offenbar jemand etwas Lustiges erzählt, denn alle lachten. Scharwenke, der nahe an der Tür saß, begrüßte sie mit einer Frage: »Mutter« – so nannten sie alle in der Matrosenkompanie –, »weißt du schon das Neueste? Die Sozialisierung marschiert!«
»Na eben«, erwiderte sie, »deshalb komme ich ja. Ich möchte wissen, was das bedeutet und wie das vor sich gehen soll.«
»Laß es dir von Redetzki erklären«, rief einer, »der ist der Fachmann für so etwas.«
Redetzki fing ganz ernsthaft an: »Zuerst wird die Grundstoffindustrie sozialisiert. Also Kohle und Erz und so.« Henriette staunte: »Kann man das so einfach machen?«

Matrosenkarl schaltete sich ein: »Was meinst du, Mutter, was die nicht alles machen können! Der Ebert läßt die Sozialisierung marschieren und der Noske die Konterrevolution!« Und dann, an Redetzki gewandt: »Es gab schon einmal ein Plakat! Erinnerst du dich? Darauf stand: Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Und dann haben sie Karl und Rosa totgeschlagen.«
Redetzki versuchte auszuweichen: »Das war im Januar. Da ging noch alles drunter und drüber. Jetzt haben wir März. Da sieht es schon ganz anders aus. Wir haben eine Regierung…«
» … mit einem Bluthund als Kriegsminister« rief Scharwenke laut dazwischen.
»Brauchst mich nicht so anzubrüllen! Mit dem bin ich auch nicht einverstanden. Aber wir haben jetzt Gesetze, die Ruhe und Ordnung gewährleisten.«
»Ruhe und Ordnung?« fragte Arthur mit bitterem Ton. »Wo denn? Ich sehe überall nur Not und Elend. Und die vielen Erwerbslosen? Ist das deine Ordnung?«

Die Revolution und ihre mißratenen Kinder…

Ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Der neunte November 1918 war ein Anfang für das deutsche Proletariat. Oder schien es wenigstens zu sein. Doch was ist aus ihm geworden? Einen Wechselbalg hat diese sogenannte Revolution zur Welt gebracht, mit dem ganzen Gewürm der Konterrevolution im Leib.« 8charwenke gefiel dieser Vergleich.
»Genau so ist es«, rief er. »Und jetzt kommen die Würmer aus allen Därmen der Republik gekrochen. Soll ich sie dir nennen, Redetzki? Du kennst sie doch: Division Gerstenberg heißen sie und General Maerker, Rittcr von Epp und Freikorps Ehrhardt, Freikorps Lüttwitz und Weiße Garden, Bürgerwehren und Sicherheitswehren, und nicht zu vergessen die Nosketruppen und, und, und … Das ganze Gesindel, das wir achtzehn hätten totschlagen müssen!« »Oder hat sich da etwas geändert?« fragte Arthur mit beißendem Spott. »Marschieren jetzt vielleicht auch die Generäle für deine Sozialisierung?«

Redetzky redet sich heraus

»Immerhin haben wir eine Sozialisierungskommission«, versuchte Redetzki zu kontern.
»Und die macht es, was?« fuhr Matrosenkarl dazwischen.
Rcdetzki, zum Teufel noch mal, du bist doch mit uns durch dick und dünn gegangen! Wie sieht es eigentlich in deinem Hirnkasten aus? Wenn ich nicht wüßte, daß du ein grundanständiger Kerl bist…«
Oehler griff in den Streit ein: »Begreifst du wirklich nicht, Redetzki, daß die roten Plakate der größte Schwindel sind, daß mit ihnen die Arbeiter betrogen werden sollen, und zwar auf ganz gemeine Weise? Die Sozialisierung marschiert! Hat sich was! Dle Erwerbslosen marschieren! Jeden Tag gibt es Streiks, sogar Generalstreiks gibt es. So sieht es aus!«

Noske: Schlagt sie tot, die Bolschewisten!

Mit Matrosenkarl ging es durch: »…und immer zwischen die Proleten geballert, meine Herren Generäle. Einer muß ja der Bluthund sein. Deshalb: Ins Zuchthaus mit den Spartakisten! An die Wand mit den Bolschewisten! Wie gehabt: Schlagt Ihre Führer tot!Ja, schlagt sie tot, alle!«
Er brach ab. Stand auf und sagte, sonderbar ruhig: »Ich muß einen Schnaps trinken. Sonst kriege ich das große Kotzen.« Und ging hinaus.
Eine bedrückende Stille blieb zurück. Alle kannten Redetzki, wußten, daß er zu ihnen gehörte. Sie verstanden ihn zwar nicht, wollten ihn aber nicht verlieren. Und wußten nicht, was sie noch sagen sollten. Bis Arthur das Schweigen brach:

…ist das noch revolutionär?

»Was ist los mit dir, Arno? Als du meine Mutter aus dem Zuchthaus holtest, hast du dem Gefängnisdirektor die Pistole auf die Brust gesetzt. Da waren für dich die Fronten klar. War das nicht revolutionär?«
Erbost erwiderte Redetzki: »Ich war immer revolutionär.« »Das ist gut zu hören«, fuhr Arthur fort. »Aber nun erkläre mir eines: Du bist Sozialdemokrat, und Ebert und Scheidemann sind deine Genossen. Du bist aber auch Angehöriger der Matrosenkompanie, und hier sind wir, deine Genossen! Und mit uns hast du gekämpft gegen Noske, den du auch deinen Genossen nennst!«
»Den nicht!« rief Redetzki.
Da wurde es wieder laut unter den Matrosen. Doch Arthur sprach unbeirrt weiter:
»In Leutzsch hast du mit uns zusammen die Noskeleute davongejagt. Da waren die Fronten wieder klar für dich. Und heute? Wer sind nun wirklich deine Genossen?« Redetzki fand nur noch eine Antwort: »Ich bin Sozialdemokrat, und ich bleibe Sozialdemokrat!«

…man muß doch eine Meinung haben!

Henriette hatte das Hin und Her aufmerksam verfolgt. Jetzt sprach sie. Und was sie sagte, schien zunächst nichts mit dem Streit zu tun zu haben. »Weißt du, Arno Redetzki, ich habe sehr lange gebraucht, bis ich das fand, was man eine Meinung nennt. Vielleicht bin ich dadurch politisch geworden. Politisch sage ich und weiß eigentlich gar nicht, was das ist. Weiß nicht einmal, wie das auf deutsch heißt. Aber eines weiß ich: Auf dem roten Plakat steht: Die Sozialisierung marschiert. Und als ich das las, habe ich gedacht: Wenn sozialisiert wird, dann kann mein Sohn doch noch einen Beruf erlernen. Und vielleicht kann er sogar Astronom werden.«
Arthur wehrte ab: »Laß das, Mutter. Das ist doch längst vorbei.«
»Ich weiß, mein Junge«, sagte sie. »Ich wollte nur zeigen, auf was für dumme Gedanken man kommen kann, wenn man so ein Plakat liest.« …


Die revolutionäre Matrosenkompanie wird aufgelöst

Am Nachmittag saß Henriette wieder in ihrer kleinen Stube und flickte. Der Streit am Vormittag hatte ihr nicht weitergeholfen. Mit der Sozialisierung, das wurde also nichts. So mußte sie wieder einmal allein weiterkommen. Aber wie? War es vielleicht doch verkehrt gewesen, daß sie damals den Laden verkauft hatte? Hätte sie ihn noch, würde er jetzt sicher etwas einbringen. Und Arthur könnte einen Beruf erlernen. Wie würde es weitergehen? Aus dem großen Saal hörte sie die Matrosen. Es war laut dort. Gab es etwas Neues? Stritten sie sich schon wieder? Plötzlich stand Arthur neben ihr im Zimmer. Außer Atem. »Mutter, die wollen die Matrosenkompanie auflösen!«
»Was denn, warum?« war alles, was sie sagen konnte.

Der Sozialdemokrat Klapproth redet

Beide eilten in den Saal. Dort brodelte es. Von allen Seiten kamen die Rufe, ja Schreie, mit denen die Matrosen ihre Wut gegen einen Mann richteten, der vor ihnen stand und zu reden versuchte: Klapproth, Mitglied des Parteivorstandes der USPD. »Freunde, Kameraden, revolutionäre Matrosen … « Weiter kam er nicht.
Scharwenke schrie dazwischen: »Nimm du das Wort revolutionär nicht in den Mund! Es klingt falsch bei dir!«
»Ich habe die Aufgabe, eine Verordnung der Reichsregierung bekanntzugeben, Kameraden.« Von allen Seiten wurde gebrüllt: »Wir sind nicht deine Kameraden!«

Der falsche »Genosse« Klapproth

Arthur drängte sich zu Klapproth durch: »Kann man dich noch mit Genosse anreden? Oder sagt man besser Herr Klapproth? Was heißt denn hier Verordnung der Reichsregierung? Damit tarnt ihr euch doch nur! Unabhängige nennt ihr euch? Abhängige seid ihr!«
Ungeduldig rief Oehler: »Willst du den überzeugen? Mach doch nicht so viele Umstände mit ihm!« Von allen Seiten kamen jetzt die empörten Rufe: »Raus mit ihm!« jagt ihn hinaus!«

Wohin mit den Verrätern?

»Arbeiterverräter!« Einige wurden noch deutlicher. Sie hielten Klapproth die Pistole unter die Nase. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. In seiner Angst versuchte er, den Helden zu spielen. Er riß den Mantel auf und schrie: »Schießt mich doch nieder! Ich kann nicht anders!« Die Antwort war ein vielstimmiges Hohngelächter.
Und dann stellte sich Matrosenkarl in seiner ganzen Größe vor ihn hin: »Hier wird nicht geschossen. Schon gar nicht auf solche Hosenscheißer, wie du einer bist. Aber schreib dir hinter die Ohren, was ich dir jetzt sage: Die Matrosenkompanie nimmt Weisungen nur noch von der Kommunistischen Partei entgegen. Deine Partei hat hier nichts mehr zu sagen.«
»Aber die Verordnung kommt doch nicht von der Partei! Sie kommt von der Reichsregierung!«

»…uns kriegen sie nicht klein.«

Matroscnkarl war nicht zu beirren: »Das hast du uns schon erzählt. Und was wir davon halten, wurde dir bereits gesagt. Ich wiederhole es noch einmal: Die Matrosenkompanie läßt sich von euch nicht auflösen. Weder von eurer sogenannten unabhängigen Partei noch von eurer Reichsregierung. Wir bleiben, was wir sind. Ist das klar? Dann sag es deinem Parteivorstand. Nun setz deinen Revoluzzerhut auf und knöpf deinen Mantel zu, damit du dir draußen die Heldenbrust nicht erfrierst. Und nun schleunigst ab!«
Die letzten Worte waren von einem sanften Stoß begleitet. Sehr schnell bildete sich eine Gasse, durch die Klapproth, von den Matrosen ebenso sanft weitergeschoben, verschwand. Henriette blickte ihm nach: »Was soll denn nun werden?«
Matrosenkarl beruhigte sie: »Laß nur Mutter, uns kriegen sie nicht klein.«

Quelle:
Bruno Apitz: Schwelbrand. Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 1984, S.7-13 (gekürzt und mit Zwischenüberschriften versehen, N.G.)

Siehe auch:
Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen – Die wahre Geschichte
Der Verrat der „gemäßigten“ Opportunisten

Ein Arbeiter erlebt die Novemberrevolution
Novemberrevolution. Was geschah 1918 in Deutschland?

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5 Antworten zu Bruno Apitz: Der Verrat der „Gemäßigten“ am Proletariat

  1. martinemko schreibt:

    Danke für den Tipp!
    Bestelle ich mir!

  2. Christa Winter schreibt:

    Gemäßigte wollte ich sagen! Das Buch krieg ich zum Purzeltag!

    Von meinem iPad gesendet
    >

  3. sascha313 schreibt:

    Fein! Es gibt eben immer noch gute Bücher, aus denen man was lernen kann! DDR-Bücher.

    • Harry 56 schreibt:

      Ach dieses „gemäßigt“, alle diese „Gemäßgten“, immer waren diese Begriffe im Zusammengang mit Klassenkampf, Kampf um den Sozialismus nur Synonyme, eigentlichen Euphemismen für tatsächlichen VERRAT aller dieser bürgerlichen, sich hinterhältig in die Arbeiterbewegung eingschlichenen Typen, deren bürgerliche Zersetzung der Arbeiterbewegung, revolutionärer Organisationen.

      Solche „Gemäßigten“ wie etwa Dubcek, Otar Sik & Co. haben nach 1989/90 ganz freimütig und sogar stolz zugegeben, bereits 1967/68 eine Restauration des Kapitalismus angestrebt zu haben, einschließlich „Anschluß“ der damaligen CSSR an die EU-Vorgängerin EWG und NATO.
      Folglich sollten selbst die dümmsten Hühner langsam begreifen, um was es bei diesen „Gemäßigten“ alias „demokratischen Sozialisten“, „Anti-Stalinisten“ tatsächlich geht, nämlich: Auftragsarbeit, Diversion für das Kapital, Aufrechterhaltung des Kapitalismus oder bei einem vorerst siegreichen Sozialismus um dessen allmähliche hinterlistige Zersetzung.

      Beste „ungemäßigte“ Grüße an alle „Ungemäßigten“ hier! 🙂

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