Wer war Pol Pot? Eine Bewertung der Ereignisse in Kambodscha

PolPotMarchNoch einmal wenden wir uns hier dem Thema der sog. Roten Khmer zu. Was geschah tatsächlich in Kambodscha und welche Rolle spielte Pol Pot in der Geschichte dieses Landes? War er ein Massenmörder, wie von den Anhängern des USA-Imperialismus dargestellt, oder war sein Versuch, eine gerechte und demokratische Gesellschaft aufzubauen, nur an der falschen Herangehensweise gescheitert? Der marxistisch-leninistische Autor Adrian Chan-Wyles (PhD) beschreibt die Hintergründe…  

Was geschah nach der Ermordung Stalins?

Als 1956 der Trotzkist Nikita Chruschtschow in der UdSSR an die Macht gekommen war, begann er sofort damit, den guten Ruf seines Vorgängers Josef Stalin zu zerstören. Das führte unmittelbar zum Bruch in den chinesisch-sowjetischen Beziehungen: der Führer der Kommunistischen Partei Chinas Mao Testung stellte fest, daß Chruschtschow ein ‚Revisionisten‘ sei und erklärte, daß China den Führungsstil Stalins stets für richtig gehalten habe.

Spannungen zwischen China und der UdSSR

Das führte zu enormen politischen und militärischen Spannungen zwischen der UdSSR und der VR China, wobei Ho Chi Minh in Vietnam noch versuchte, zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Doch nach dem Tod Ho Chi Minhs 1969 nahm auch die neue vietnamesische Führung Kurswechsel in Richtung der UdSSR vor und begann, sich von dem unmittelbaren Einfluß der VR China zu distanzieren (das führte auch dazu, daß die Gedanken Mao Tsetungs aus vietnamesischen Lehrbüchern entfernt wurden). Das war die weltpolitische Situation, als Pol Pot in Kambodscha in Erscheinung trat. Obwohl Pol Pot Anfang der 1950er Jahre in Frankreich schon einiges vom Marxismus-Leninismus, wie er in der Sowjetunion verwirklicht worden war, gehört hatte, sympathisierte er mehr mit der Politik Chinas, und er versuchte die Kommunistische Partei Kambodschas (d.h. ‚Kampucheas‘) in diese ideologische Richtung zu lenken.

Die vietnamesische „Vergeltung“

Nachdem es 1978 einige Mißernten, eine Hungersnot und Verfolgungen durch die Roten Khmer gegeben hatte, überfiel Vietnam Kambodscha und vertrieb Pol Pot 1979 von der Macht, um eine pro-sowjetische „Volksrepublik Kampucheas“ zu gründen. Damit war der politische Einfluß Chinas auf Kambodscha praktisch beendet, sozusagen als Vergeltung dafür, daß China kurz zuvor 1979 Vietnam überfallen und besetzt hatte. Die „Volksrepublik Kampuchea“ blieb bis zum Zusammenbruch der UdSSR bestehen, wurde dann aber 1993 durch eine in Kambodscha wiederhergestellte Monarchie ersetzt.

Nachdem ich zunächst auf chinesischsprachige Quellen zurückgegriffen habe, um mir ein Bild von Pol Pot und den Roten Khmer zu machen (in chinesischen Quellen: Pol Pot – How It All Went Wrong), greife ich nun auf russische Quellen zurück, um eine ‚ausgewogene‘ Vorstellung von den komplizierten Ereignisse erhalten, die den Aufstieg von Pol Pot und schließlich seinen Untergang kennzeichnen.

Das Pseudonym „Pol Pot“

Salin Sar hatte in den 1950er Jahren erstmals begonnen, den Namen „Pol Pot“ verwenden, und nahm schließlich 1976 den Namen „Pol Pot“ an. Das Pseudonym „Pol Pot“ ist eine Abkürzung des französischen Begriffs „politique potentielle“ – oder: die „Politik des Möglichen“. Pol Pot wurde 1925 geboren, und er starb am 15. April 1998. Von 1963 bis 1979 war er der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Kambodschas. Als er der Führer der Roten Khmer (ein anderer Name für die Kommunistische Partei in Kambodscha) war, wird seine Regierung in Kambodscha durch verschiedene Berichte für die weit verbreitete Hungersnot und massive Verfolgungen verantwortlich gemacht, die in den Jahren 1975-1979, als die Roten Khmer an der politischen Macht im Lande waren, einen Blutzoll von insgesamt etwa zwischen 1 bis 3 Millionen Toten zu verzeichnen hatten.

Eine „adlige“ Familie

Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, aber es wird angenommen, daß es 1925 war. Er wurde als Salot Sar in einer wohlhabenden Bauern-Familie als erstes von 9 Kindern geboren. Seine Familie genoß einen gewissen gehobenen sozialen Status auf Grund dessen, daß eine seiner Cousinen, die dem Prinzen Sisovath Monivong als Konkubine diente, seinem Sohn Kossarak das Leben geschenkt hatte, und weil einer seiner älteren Brüder beim Palast angestellt war. Eine Schwester Pol Pots tanzte im königlichen Ballett, und als Prinz Sisovath Monivong sie gesehen hatte, nahm er sie ebenfalls zur Konkubine. Diese Tatsachen belegen, daß die Familie von Pol Pot innerhalb feudalistischen Gesellschaft von Kambodscha als „adlig“ angesehen war.

Ausbildung und Studium

Im Alter von 9 Jahren wurde Pol Pot zu Verwandten nach Phnom Penh gegeben, um im Wat Botum Waddey, einem buddhistischen Tempel, aufgenommen zu werden, wo er als Diener arbeitete und unterrichtet wurde, die kambodschanische Sprache lesen und schreiben zu lernen und die buddhistische Lehre zu verstehen. 1937 ließ Pol Pot sich in einer lokalen katholischen Schule einschreiben, wo er die Grundlagen einer klassischen Ausbildung erhielt. 1942 setzte er sein Studium am Norodom-College von Sihanouk in Kampong Cham fort, bevor er dann am renommiertem Lyceum von Sisovata durch die Prüfungen fiel. Dadurch war er gezwungen, seine Ausbildung an einer Berufsschule in Phnom Penh fortzusetzen, die er 1949 auch abschloß, wobei er ein Stipendium für ein Studium in Paris (Frankreich) gewann.

Pol Pot studiert in Paris

In Frankreich angekommen, begab sich Pol Pot nach Paris, um Radioelektronik zu studieren. In Errinnerung an sein erstes Studienjahr der Pariser Universität schrieb Pol Pot später, daß er dort hart gearbeitet habe und ein guter Student gewesen sei. Im Sommer 1950 ging Pol Pot dann zusammen mit anderen Studenten nach Jugoslawien, wo er ungefähr einen Monat in Zagreb arbeitete. Gegen Ende desselben Jahres war ein alter Freund (Sarah-Ieng Sari) in Paris angekommen. Ieng Sari machte Pol Pot mit Keng Vannsak bekannt, einem patriotischen Nationalisten, der ebenfalls am Lyceum von Sisovath studiert hatte. Es war in der Wohnung von Keng Vannsaka, wo sich eine Marxistische Gruppe gebildet hatte, zu deren Initiatoren Ieng Sari und Ratte Samoyon gehörten. Dort wurde auch über solche Werke wie „Das Kapital“ von Karl Marx diskutiert.

„Monarchie oder Demokratie?“

Mitte 1952 brachte Salot Sar (d.h. „Pol Pot“), unter dem Pseudonym Khmer Daom seine erste politische Arbeit heraus, die unter dem Titel „Monarchie oder Demokratie?“ in einer Sonderausgabe der kambodschanischen Studenten-Zeitschrift namens „Khmer-Nisut“ veröffentlicht wurde. Etwa im selben Jahr wurde Salot Sar auch Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs.

Rückkehr Pol Pots nach Kambodscha

Indessen hatte Salot Sar auch Interesse am Studieren verloren und wurde von der Universität verwiesen. Er verließ Frankreich am 15. Dezember 1952. Nachdem Pol Pot wieder nach Kambodscha zurückgekehrt war, bat er 1953 um Aufnahme in die von Vietnamesen dominierte „Kommunistische Partei Indonesiens“, mit der Begründung, daß er bereits Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs gewesen sei. Zu guter Letzt schloß Pol Pot sich im August 1953 der „Revolutionären Volkspartei von Kambodschas“ an, wo er die Propaganda-Arbeit übernahm.

Die „Sechserbande“

Seine Fähigkeiten wurden zu dieser Zeit eher als mittelmäßig, aber doch als konsequent eingeschätzt. In harter Arbeit und durch Fleiß führte Pol Pot mit seiner „Sechserbande“, zu der er, d.h. Saloth Sar (Pol Pot), Ieng Sari, Son Sen und deren Frauen – Khieu Ponnari, Ieng Tirith, und Yun Yat gehörten, die Kommunistische Partei Kambodschas (die jetzt als „Khmer Rouge“ bekannt wurde) in eine maoistische ideologische Richtung, weil man der Ansicht war, daß die sozial-ökonomischen Bedingungen des feudalistischen Kambodscha eher denen Chinas, nicht aber der Sowjetunion ähnelten. Außerdem hatte Mao Tsetung einen Entwurf für einen von Bauern angeführten revolutionären Kampf entwickelt, der von Stützpunkten auf dem Land aus geführt wurde. (Die Richtigkeit der Ideen Maos war dadurch erwiesen, daß er die Kommunistische Partei Chinas 1949 zum Sieg geführt hatte).

Erste Erfolge Pol Pots

In dieser Beziehung erscheint das Denken von Pol Pot durchaus als logisch und richtig, und er erreichte damit in den 1960er und 1970er Jahren in den Kämpfen gegen die kambodschanische Monarchie und die militärische Einmischung der USA überall in Kambodscha bemerkenswerte Erfolge. Und tatsächlich war es auch diese Taktik, die Pol Pot unter der kambodschanischen bäuerlichen Bevölkerung zu großer Popularität verhalf, ihn schließlich zum Sieg über seine Feinde führte und ihm zwischen 1975 und 1979 in ganz Kambodscha die politische Macht verschaffte. Schließlich marschierten die Khmer Rouge am 17. April 1975 erfolgreich in Phnom Penh ein und übernahmen die Regierungsgewalt über Kambodscha. (Unterdessen begannen am 30. April die Nordvietnamesen mit ihrer entscheidenden Militäroffensive gegen Südvietnam. Damit nahte das Ende des Einflusses der USA in der Region.)

Außerordentlicher Parteitag

In der Zeit vom 25.-27. April 1975 fand in Phnom Penh ein außerordentlicher Nationaler Parteitag statt, auf dem bekannt gegeben wurde, daß die neuen Behörden der Khmer Rouge beabsichtigten, in Kambodscha eine „Gesellschaft der nationalen Einigung“ aufzubauen, die auf Gleichheit und Demokratie beruht, mit dem Ziel, Ausbeuter und Ausgebeutete sowie die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich zu beseitigen und in der jedem eine Arbeit zugeteilt wird.

Beschluß der Regierung

Nachdem sie an die Macht gekommen war, beschloß die Regierung von Pol Pot drei Aufgaben, die mit Entschlossenheit unmittelbar umgesetzt werden sollten:

  1. Beendigung des Ruinieren der Bauern – weil das „reine“ Bauerntum als Fundament der zukünftigen Kampucheanischen Gesellschaft dienen sollte.
  2. Beendigung der Korruption und des Wuchers.
  3. Eliminierung der ewigen Abhängigkeit Kampucheas von fremden Ländern;

Da die Einmischung der USA in Kambodscha, (zusammen mit royalistischen Intrigen), das Land in Anarchie zu stürzen drohte, legte Pol Pot fest, daß ein strenges und diszipliniertes politisches Regime erforderlich sei, um die soziale Stabilität durch das Recht und Ordnung zu festigen.

Drei Kategorien

Um diese Veränderungen zu erreichen, veranlaßte Pol Pot, die kambodschanische Bevölkerung in drei verschiedene Kategorien aufzuteilen:

a) Bauern: Das umfaßte die „wichtigen“, „einheimischen“ kambodschanischen Bauern, die traditionell in den ländlichen Gebieten leben. Das war der wichtigste und politisch progressive Teil der Bevölkerung.
b) Städter: In die zweite Gruppe wurden diejenigen eingeteilt, die in Zentren und Städten leben, und die unter dem ideologischen Einfluß der Amerikaner oder ihrer Verbündeten „Lol Noi“ gekommen waren. Diese Gruppe wurde als „unzuverlässig“, aber fähig und nur durch umfassende Umschulung reformierbar betrachtet.
c) Kollaborateure: Die dritte Gruppe bestand aus der Intelligenz, dem reaktionären Klerus, den militärischen Offizieren und Unteroffizieren, den Royalisten, den Vietnamesen oder Amerikanern, und all den Leuten, die in irgendeiner Weise dem vorherigen Regime gedient hatten. Diese Gruppe wurde „als außerhalb der Reform stehend“ etikettiert, und war für die Beseitigung (d.h. „Execution“) bestimmt.

Umsiedlung der Bevölkerung

Diesen Prozeß bezeichnete Pol Pot als „Säuberung“ der kambodschanischen Gesellschaft. Pol Pot begann damit, alle Städte und deren Bevölkerungen aufs Land umzusiedeln. So wurde die Masse der Bevölkerung in ländliche Kommunen untergebracht, die aus einzelnen Familien bestanden und in militärähnlichen Baracken wohnen mußten. Diese Politik beseitigte im Grunde genommen überall in Kambodscha jede Form der modernen bürgerlichen Lebensweise und führte das Land in Abhängigkeit von einem primitiven landwirtschaftlichen Leben. Zudem fiel diese radikale gesellschaftliche Veränderung mit Mißernten, dem Ausbruch einer Hungersnot und mit Krankheiten zusammen. Allein diese Tatsache führte, noch bevor überhaupt die willkürliche „Säuberung“ begonnen hatte, zu einer erheblichen Anzahl von Todesfällen in der kambodschanischen Bevölkerung.

Überfall der Vietnamesen auf Kambodscha

1978 überfiel dann die vietnamesische Armee Kambodscha wegen der „rassistischen Politik“ und der durch Pol Pot verfügten Aussonderung der Vietnamesen zur Execution. Als dann Pol Pot seine Macht verloren hatte, zogen er und seine Anhänger sich nach Westen in die Dschungel-Gebiete der kambodschanisch-thailändischen Grenze zurück, wo er 1979 dann auch seine gesamte politische Macht verlor. Dort lebte er bis zu seinem Lebesnende und starb 1998 im Alter von 73 Jahren.

Pol Pot (in Russian sources) An Assessment of Conditioned Events

pdfimage  Pol Pot und die Ereignisse

Siehe auch:
Wer war Pol Pot und was geschah tatsächlich in Kambodscha?

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14 Antworten zu Wer war Pol Pot? Eine Bewertung der Ereignisse in Kambodscha

  1. Pingback: "Sascha Iwanows Welt"

  2. Nadja Norden schreibt:

    Genosse Norbert,
    Vielen Dank für diesen Beitrag. Selbstverständlich kommt einen Hinweis in meinem Blog. Weiter so!
    Freundschaft,
    Nadja

    • sascha313 schreibt:

      Liebe Nadja, Du kannst den ganzen Beitrag übernehmen (ich hänge auch den englischen Teil mit an) – ich denke, daß das wichtig ist. Auch in Bezug auf die Beurteilung Vietnams.

  3. Politnick schreibt:

    Sascha ich habe das jetzt ein paarmal durchgelesen. War Pol Pot nun ein Massenmörder oder nicht? Freundschaft.

  4. tommmm schreibt:

    Das erste was ich beim Lesen gedacht habe: Hier haben wir einen Fall der „Linken Abweichung“ vom Marxismus/Leninismus, wie Stalin ihn definiert. Erst alles zerstören um es dann auf brachem Land neu aufzubauen. Genau das Gegenteil der damaligen NÖP in der Sowjetunion. Eine Revolution geht nach dieser Methode nicht und würde sich auch nicht verteidigen lassen.

    • sascha313 schreibt:

      Stimmt, den Eindruck hatte ich auch. So ist das eben mit halben Sachen – wenn man da mal und dort mal was „studiert“ und nichts richtig begriffen hat. Das war das Problem des Pol Pot! Er war offensichtlich völlig überfordert, und seine Anhänger waren ebenso ungebildet.

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