Klaus Hesse: Die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Rußland 1917

CwoXD1sW8AATOgfAus heutiger Sicht ist völlig klar, daß die Oktoberrevolution, je nach dem, auf welcher Seite der politischen Kräfte man steht, ganz unterschiedlich bewertet wird. Für die einen war es der Sieg der Revolution über die reaktionären, fortschrittsfeindlichen Kräfte, für die anderen lediglich ein blutiger Putsch. Daß sich aber der Oktoberrevolution eine ganze Epoche des Sozialismus anschloß, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt wоrden war und damit auf großartige Weise die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Karl Marx und Friedrich Engels ihre Bestätigung erfuhren, verschweigen letztere. Doch nicht genug damit – sie verbreiten unglaubliche Lügen über Stalin und über die Sowjetunion, um die Menschen vom Sturz des Kapitalismus abzuhalten und ihr menschenverachtendes Ausbeutungsregime noch eine Weile länger aufrecht zu erhalten.

Der Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion war tatsächlich ein so gewaltiger, epochaler Umschwung, wie er in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft bisher nicht vorgekommen war. Es zeigte sich sehr bald, daß die Arbeiterklasse im Bündnis mit den Bauern sehr wohl in der Lage ist, einen Staat zu errichten und zu leiten, in dem die Kapitalisten keine Macht mehr haben.
Klar widerlegt Klaus Hesse die verschiedensten Theorien und Spekulationen, mit denen die Bourgeoisie auch heute noch versucht, die Bedeutung dieser Revolution für den Fortschritt der Menschheit und für ein sozial gerechtes und friedliches Zusammenleben der Menschen auf unserem Planeten zu leugnen. Ohne Abschaffung des Kapitalismus und den Übergang zum Sozialismus wird der Untergang der Menschheit unvermeidlich sein. Einen dritten Weg gibt es nicht!

Von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution

Der Übergang von der durch einen Putsch der russischen Generalität und der herrschenden Kreise der russischen Großbourgeoisie ausgelösten bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Oktoberrevolution kann nicht erst auf den Oktober datiert werden. Dieser Schritt wurde mit Lenins Aprilthesen initialisiert und von ihm und der immer größer werdenden Zahl seiner Mitstreiter gegen das Unverständnis und die Ablehnung von Teilen der eigenen Parteiführung, vor allem aber gegen die Unreife der sozialökonomischen Zustände im postzaristischen Rußland über Wochen und Monate in allen organisatorischen Details vorbereitet und schließlich vollzogen. Schon in dieser Zeit traten die Konflikte zwischen den an dieser Arbeit beteiligten Personen, zwischen den von ihnen vertretenen Interessen in einer Art und Weise zutage, die den späteren Verlauf beeinflussen sollte.

Wie ist das mit der ,,Freiheit der Andersdenkenden“?

Es mag manchem Zeitgenossen wie eine Abschweifung vorkommen, wenn auf den bis heute anhaltenden Streit um die Interpretation der immer wieder zitierten Worte Rosa Luxemburgs von der ,Freiheit der Andersdenkenden‘ eingegangen wird. Zunächst ist festzustellen, daß diese Worte aus einer Randbemerkung zu einem unvollendeten, seinerzeit nicht veröffentlichten Manuskript zur russischen Revolution stammen. Aus ihrer Kenntnis der besonderen Entwicklungsprobleme der russischen Partei wusste die Luxemburg schon in diesem Stadium um ein Problem, daß mit der dortigen Machtergreifung, später aber auch in anderen Parteien mit schwerwiegenden Folgen verbunden sein würde:

,,Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – möge sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fana­tismus der ,Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wort hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ,Freiheit‘ zum Privileg wird.“

Sie warnte vor der Gefahr, aus der Not der durch die unreifen Verhältnisse erzwungenen Diktatur eine Tugend zu machen, „ihre von die­sen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr in allen Stücken und dem internationalen [Proletariat] als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachah­mung zu empfehlen.“

Worum ging es Rosa Luxemburg wirklich?

Schon hier ist zu erahnen, daß damit das Wirken von Hintergründe und deren Auswirkungen angesprochen wurden, die für die Entwick­lung des Sozialismus mit verhängnisvollen Folgen verbunden sein würden. Aber das, worum es der Luxemburg wirklich ging, wird in keinster Weise mit der aus ihrem Zusammenhang gerissenen Textpassage von der ,Freiheit der Anders­denkenden‘, wohl aber in dem penetrant ,übersehenen‘ folgenden Absatz deutlich:

„Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, anstelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht Jegliche Demokratie abzuschaffen. sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Land, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als Diktatur des Proletariats. Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, entschlossenen Eingriffen in die ,wohl erworbenen‘ Rechte und wirtschaftlichen Ver­hältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, ohne welche sich eine sozialistische Umwäl­zung nicht verwirklichen lässt. Aber diese Diktatur muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d.h., sie muss auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unter­stehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen.“

Die brutale Härte des weißen Terrors

Diese Absicht konnte weder Lenin noch seinen Mitstreitern abgesprochen wer­den. Aber der tatsächliche Verlauf der historischen Ereignisse war viel weniger von dieser Absicht als vielmehr durch die brutale Härte der mit allen Mitteln weißen Terrors um ihre Privilegien kämpfenden ehemals Herrschenden, durch die Tatsache, daß die Bolschewiki in Erfüllung der Zimmerwalder Beschlüsse auf sich allein gestellt blieben und durch die in der Summe dieser Bedingungen denkbar ungünstigen Voraussetzungen für eine sozialistische Entwicklung in diesem riesigen Land mit seinen wirtschaftlichen, sozialen, Bildungs- und anderen sozialökonomischen Entwicklungsdefiziten geprägt.

Wunschvorstellungen gehen nicht auf!

Wer jenseits dieser Realitäten über Wunschvorstellungen räsoniert, wie denn aus seiner Sicht immer und unter allen Umständen nur solche Maßnahmen umgesetzt hätten werden sollen, die dem moralischen Anspruch einer sozialistischen Gesellschaft gerecht werden, kann schon deshalb keinen Bezug zu jenen konkret historischen Entwicklungsproblemen herstellen, mit denen sich die Bolschewiki da­mals im Kampf um den Erhalt der Resultate der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution herumschlagen mußten.

Warum wurden die Äußerungen Luxemburgs verfälscht?

Zugleich ist festzustellen, daß ihre Vorstellungen zur Entwicklung der Demo­kratie, zum Verhältnis von Diktatur und Demokratie, zum Wahlrecht, zur Presse und zur Versammlungsfreiheit über die Leninschen Aussagen hinausgehen. Aber dabei kann genau so wenig übersehen werden, daß die Tendenz ihrer Kritik in völliger Übereinstimmung mit dem revolutionären Sinn der Aprilthesen steht. Sowohl Lenin als auch Rosa Luxemburg gingen davon aus, daß die russische Revolution für die Linken in der westeuropäischen Sozialdemokratie der Anstoß zur Umsetzung der durch den Krieg verursachten Krise in eine sozialistische Revolution sein mußte. Aus der Art und Weise, in der dies durch reformistische und opportunistische Kräfte in der Führung der sozialdemokratischen Parteien Deutschlands, Frankreichs und Groß­britanniens hintertrieben und schließlich verraten wurde, resultiert auch die Manier, in der die kritischen Gedanken der Luxemburg bis in die Gegenwart hinein gegen ihre revolutionären Überzeugungen instrumentalisiert werden.

…noch waren die Bolschewiki in der Minderheit

Noch blieben die zu diesem Zeitpunkt auch in ihrer Zahl viel zu schwachen Bolschewiki in der Minderheit. Aber die bis zur grundsätzlichen Unvereinbarkeit rei­fenden Widersprüche der Interessen der an der Revolution beteiligten Kräfte traten im Verlauf des Frühjahrs immer deutlicher zutage. Nachdem Kerenski, Sozialrevolu­tionär und Kriegsminister der Provisorischen Regierung, auf Drängen der britischen und französischen Alliierten am 16.6.1917 den Befehl erteilte, eine neue Offensive zu eröffnen, nahm die Entwicklung der Ereignisse den Verlauf, den Lenin schon in Keimformen erkannt hatte.

Zwischen Hoffnung und Verrat

Zwar hatte man sich erhofft, die revolutionäre Stimmung der Matrosen und Soldaten und den wachsenden Einfluß der Bolschewiki zurückzudrängen. Das von Sozialrevolutionären und Menschewiken dominierte Exekutivkomi­tee hatte in verräterischer Manier sogar der Forderung nach völliger
„Entwaffnung eines Teils der Petrograder Garnison und Entsendung der übrigen Mannschaft in die Feuerlinie sowie der Ersetzung durch ,zuverlässige‘ Kosaken und Offiziersbataillone und der Entwaffnung aller Arbeiter innerhalb des Petrograder Distrikts“ zugestimmt. Nach wenigen Tagen scheiterte der Angriff an der Südwestfront. Die russischen Truppen mußten sich unter großen Verlusten ungeordnet zurückziehen.

Die Bolschewiki traten konsequent für den Frieden ein

Die Bolschewiki, die im nachzaristischen Rußland als einzige Partei konse­quent gegen die Fortsetzung des Krieges auftraten, gewannen in wenigen Tagen immer mehr Einfluß auf die Entwicklung der Ereignisse. Schon am 18.7.1917 begannen in Moskau, Kiew, Riga und anderen Städten Demonstrationen, auf denen der Kriegs­kurs der provisorischen Regierung mit der Forderung ,alle Macht den Sowjets‘ immer offener angegriffen wurde.

Spontane Demonstrationen

Selbst unter Vertretern der versöhnlerischen Parteien gab es im Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten Auseinandersetzungen, ob, warum man oder warum man nicht für eine Regierung ohne Beteiligung der Bourgeoisie eintreten solle. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war der 4. Juli 1917. In Petrograd kam es zu einer spontanen Demonstration von über 500.000 Arbeitern, Soldaten und Matrosen, die aber mit Maschinengewehrfeuer beschossen wurde. An der Litejnij-Brücke brach zwischen Soldaten des ersten Reserveregimentes und Kosaken, die zuvor zum Schutz der Regierung in die Stadt verlegt wurden, der offene bewaffnete Kampf aus. Minister der provisorischen Regierung sahen jetzt ihre Chance im offenen konterrevolutionären Angriff.

Die Lügen der bürgerlichen Reaktion

Am nächsten Tag erschien in einer Boulevardzeitung die Behauptung, Lenin sei als deutscher Spion nach Rußland gekommen, die Bolschewiki seien dabei, sich im Auftrag der Deutschen der russischen Hauptstadt zu bemächtigen. Noch in der Nacht wurde die Redaktion der Prawda und anderer bolschewistisch orientierter Zeitungen und die Büros der SDAPR von Offiziersschülern und Kosaken besetzt und durchwühlt.

Meinungsverschiedenheiten in der Ausbeuterklasse

In der Juli-Krise reflektierten sich nicht nur die Differenzen zwischen der von revolutionärem Elan getragenen spontanen Erwartungshaltungen eines großen Teils der Arbeiter und Soldaten. Hier traten auch tief greifende Meinungsunterschiede zwischen den Positionen Kamenews und einiger anderer Mitglieder des ZK und der falschen Einschätzung des Kräfteverhältnisses durch Bagdatjew und der linken Oppo­sition der Petrograder Betriebskomitees zutage. Verfrüht ausgelöste Angriffe auf die provisorische Regierung boten dem Klüngel von monarchistischen Generälen, Offi­ziersverbänden, Offiziersschülern, Kadetten und der Bourgeoisie Gelegenheit, Lenin und den Bolschewiki als ,deutschen Spionen‘ die Schuld am Scheitern der Offensive zuzuschieben und einen Schlag gegen das Zentrum der revolutionären Bewegung zu führen. zugleich wurde deutlich, daß es nun höchste Zeit wurde, sich mit der mili­tärischen Organisation der Machtübernahme zu befassen.

Die Bildung der Roten Garde

Schon im März wurden in Petrograd und Moskau erste Schritte zur Bildung der Roten Garde eingeleitet. Die nach dem Juli unternommenen Versuche der provisori­schen Regierung, die Rote Garde aufzulösen und die Arbeiter zu entwaffnen, schei­terten. In einigen Betrieben ging die Militärorganisation in den Untergrund, in ande­ren war dies erst recht der Anlass, sich zu organisieren. Die Eskalation der Auseinan­dersetzung zwischen den Kräften der Konterrevolution und der Revolution zeigt, daß dieser Schritt notwendig war.

Der Kampf der Menschewiki gegen die Bolschewiki

Die Provisorische Regierung hatte die Macht an sich gerissen und das von den Politikern der Menschewiki und von Sozialrevolutionären dominierte Exekutivkomitee der Sowjets unterstützte die eigene Entmachtung. Dieses Kräfteverhältnis entsprach nicht mehr der politischen Haltung in der Arbeiterschaft, unter Bauern und Soldaten. Die bolschewistische Führung stellte ihre Tätigkeit erneut auf die längst gewohnte Illegalität um, Lenin verbarg sich auf Beschluss des ZK auf einer Insel im finnischen See Rasliw.

Keine Versöhnung!

In Moskau trat unter Leitung Kerenskis der Staatsrat zusammen, um die Ausschaltung der Sowjets von der politischen Szene zu besiegeln. Aber der sich als Ataman aller Kosaken verstehende General Kaledin mußte sich von einem einfachen Kosaken sagen lassen, er solle es nicht wagen, „im Namen der kosakischen Arbeiter und einfachen Soldaten zu sprechen.“ Im Resultat dieser Konferenz wurde offen­sichtlich, was zu erwarten war: „Nach dreitägiger Konferenz war es sonnenklar, daß eine Versöhnung zwischen der ,revolutionären Demokratie‘ des Sowjets und den Vertretern des russischen Bürgertums etwas Unmögliches war.“

Unterschiedliche Wahlergebnisse

Ein Blick auf die Wahlergebnisse zu den örtlichen Selbstverwaltungsorganen zeigt, wie vielschichtig-widersprüchlich die Entwicklung nach der Februarrevolution in Rußland verlief. Dabei sind regionale und nationale Entwicklungsunterschiede im Abstimmungsverhalten nicht eingerechnet. Aber in der Veränderung des Stimmverhaltens widerspiegelt sich der Einfluß der Menschewiki auf größere Teile der Bevöl­kerung nicht adäquat.

Tabelle

Reaktionäre Einflüsse auf die Arbeiter

Obwohl deren Zahl im Februar kaum erwähnenswert war und die Beziehungen zwischen ihnen nur episodischen Charakters waren, hatten die sich als ,Vaterlandsverteidiger‘ und ,Versöhnler‘ profilierenden Politiker dieser Partei durch ihre Mitarbeit in den legalen Arbeitsgruppen der Rüstungsindustrie einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf größere Teile der dort beschäftigten Arbeiter. Diese Kontakte waren zwar nicht durch die Partei organisiert. Aber dadurch gab es einen oft unterschätzten Einfluß auf die in diesen Betrieben Beschäftigten. Solche Gruppen gab es nicht nur in den großen Rüstungsbetrieben Petrograds und Moskaus, sondern auch in Kiew, Odessa, Jekaterinburg, Rostow, Kasan – insgesamt in 58 Städten.

Gründe für den späteren Sieg

Später kam der führende Kadet P.N. Miljukow zu der Einsicht, daß die von ihm vertretene ,Fortführung des Krieges bis zum siegreichen Ende‘ und die ausste­hende Bodenreform der Grund für den späteren Sieg der Oktoberrevolution waren. General Kornilow und die ihn unterstützenden adligen Großgrundbesitzer waren nicht bereit, mit der Provisorischen Regierung zumindest Reste der Februarrevolution zu akzeptieren. Gestützt auf Gatschina, Zarskoje Selo und die auf Petrograd vorrücken­den Georgsritter, ein Kavalleriekorps, die erste Donkosakendivision und die kaukasische ,wilde‘ Division verlangte er von Kerenski die „Übergabe der militärischen und zivilen Macht‘. Dem blieb keine andere Wahl, als sich an die Sowjets zu wenden.

Ausweg der Militaristen: Militärdiktatur!

Nur durch deren Unterstützung, die Mobilisierung der Soldaten, Matrosen und der Arbeiter durch die Bolschewiki konnten Kornilows Einheiten aufgehalten werden, ohne daß es zum Kampf kam. Kornilow und Kerenski sahen in der Errichtung einer Militärdiktatur die letzte Barriere gegen die Fortsetzung der Revolution. Aber jeder sah sich selbst in der Rolle des künftigen Diktators. Die Niederschlagung des Korni­low-Putsches verhinderte seinen Plan zur Säuberung Petersburgs und der Abschlach­tung der Sowjets nach seinem Geschmack. Damit war der Weg zum bewaffneten Aufstand frei.

Eine Bande betrunkener Matrosen?

Der Innenminister der provisorischen Regierung versucht die Ereignisse der Oktoberrevolution als Putsch einer Bande betrunkener Matrosen und Soldaten darzustellen, die beim ersten organisierten Widerstand auseinander lief.

Aufschlußreich ist, wie A.M. Nikitin, der schon im Juli die Entwaffnung der Arbeiter verlangte, das Scheitern seiner Regierung beschreibt. Sein Versuch, in Petersburg Einheiten der Armee zu finden, die bereit waren, die im Winterpalast tagende Regierung zu schützen, blieb erfolglos, weil sich fast alle Einheiten auf die Seite der Bolschewiki gestellt hatten oder neutral blieben. Selbst die ansonsten regierungstreuen Kosaken waren nur bereit, den Schutz der Banken zu übernehmen. Auf seine Aufforderung, Vertreter der anderen Parteien mögen sich zur Unterstützung der Regierung einfinden, reagierte nur ein einziger Vertreter der Kadeten. Letztlich blieben vier Panzer­wagen, deren Besatzungen im Verlauf der Kämpfe die Seiten wechselten, Teile eines Frauenbataillons und Offiziersschüler, die sich auch angesichts der Tatsache, daß sie 4 Stunden lang nicht einmal mit Nahrungsmitteln versorgt wurden, der Übermacht der Angreifer beugen mussten. Auch Nikitins Versuche, nach seiner Verhaftung den Spieß umzudrehen, indem er behauptete, die provisorische Reglerung habe eine Bodenreform vorbereitet, die aber erst nach Bestätigung durch die Konstituierende Versamrnlung in Kraft treten könne, fruchtete nicht: Die Antwort der Soldaten und Matrosen war eindeutig: „Sie waren nicht so sehr gegen die Regierung, als gegen die Konstituierende Versammlung, die sie als Bourgeois bezeichneten, der sie noch vor ihrem Zusammentreten nicht vertrauten…“

Eine Einschätzung aus historischer Sicht

Durch diese Worte wird aus damaliger Sicht verständlich, wer sich in dieser Situation warum wie verhalten hat. Aus einer nun schon nicht ganz 100 Jahre dau­ernden historischen Distanz, insbesondere nach den Erfahrungen mit dem Sieg der Konterrevolution in der Sowjetunion und in den europäischen Staaten der sozialistischen Gemeinschaft wird besser verständlich, was damals geschah, wie dieses histo­rische Ereignis einzuordnen ist und welche Konsequenzen damit verbunden waren. In der Diktion der Jelena Prudnikowa liest sich dies wie folgt:

„Heutzutage ist es üblich geworden, die Revolution von 1917 als Umsturz zu bezeichnen. Dabei wird verges­sen, daß der Umsturz nicht im Oktober stattfand Der eigentliche Staatsstreich trägt bei uns den Namen Februarrevolution. Aber im Oktober war das kein Umsturz – damals fanden sich Kräfte, die den Mut aufbrachten, die Macht in einem bis zum völligen Zerfall getriebenen Land zu übernehmen. Im weiteren, d.h. über ganze vier Jahre (wenn man nicht alle zwanzig nennt) beendeten die Bolschewiki die Prozesse, die von sentimental-geschwätzigen Liberalen losgetreten worden waren, als sie im Februar die Macht an sich gerissen hatten. Deshalb war die Übernahme der Macht in einem Lande, das schon einen Vorgeschmack von dieser ,Unabhängigkeit‘ hatte, gleich wer dies auch anstrebte, nur unter dem Einsatz von Bajonetten und Kugeln möglich.“

Welche Alternative hätte es überhaupt gegeben?

Aus heutiger Perspektive wird auch verständlich, vor welcher Alternative das damalige Rußland stand: Im Oktober 1917 wäre der Bürgerkrieg in Russland auch dann nicht zu vermeiden gewesen, wenn General Kornilow an die Macht gekommen oder Kerenski an der Macht geblieben wäre. Der Zerfall dieses riesigen Vielvölker­staates und der Ausverkauf der Reichtümer an Rohstoffen, billigsten Arbeitskräften und die Verfügung über einen unvorstellbar großen Markt wurde sowohl von den nationalistischen Gruppierungen groß- und kleinbürgerlichen Kräften – der Kompra­dorenbourgeoisie – im Lande als auch von deren untereinander zerstrittenen Partnern in Frankreich, Großbritannien, den USA und Japan betrieben. Was dieser Deal damals verhinderte, wurde 70 Jahre später von Gorbatschow, Jelzin und den von ihnen an die Macht gebrachten Oligarchen vorgeführt.

Quelle:
Klaus Hesse: Zur Geschichte der UdSSR und der KPdSU, Teil 1.1 – Von den Anfängen bis 1941. Eigenverlag. Leipzig 2012, S.72-84. (Aus Gründen des zusammenhängenden Textverlaufs und der Übersichtlichkeit wurde auf hier Quellenangaben und Anmerkungen des Autor verzichtet. Zwischenüberschriften wurden eingefügt, N.G.)

Siehe auch:
Klaus Hesse: Der Staatsstreich in der UdSSR 1953
Klaus Hesse: Zur Lage der Lohnabhängigen in Deutschland
Klaus Hesse: Leipzig, nach dem 2. Weltkrieg

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