Wie die Chruschtschowisten die DDR zerstörten …

Natürlich wäre es falsch, hier eine einseitige Schuldzuweisung abzugeben, dazu ist die Frage viel zu kompliziert. Es waren natürlich nicht nur die Chruschtschowisten, die die DDR zerstörten. Doch sie hatten maßgeblichen Anteil daran. Ohne die Ermordung Stalins und ohne die verbrecherischen Intrigen der Chruschtschow-Clique wäre die Geschichte nach 1955 mit großer Wahrscheinlichkeit anders verlaufen. Mangelnde politische Wachsamkeit gegenüber dem Klassenfeind, gegenüber dem Feind in den eigenen Reihen, in zunehmendem Maße gegenüber den Abweichungen vom geraden Weg des Marximus-Leninismus, sowie fehlende oder halbherzige Säuberungen der Partei der Arbeiterklasse führten in der Folge zu der verhängnisvollen Niederlage des Sozialismus im Weltmaßstab, wie sie sich dann erst 34 Jahre später in aller Härte abzeichnen sollte.

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In einem Gespräch der SED-Führung (W.Pieck, W.Ulbricht, O.Grotewohl) im April 1952 wurden mit Genossen Stalin die weiteren Schritte für die Schaffung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR besprochen. Dazu schrieben Kurt Gossweiler und Dieter Itzerott: 

Stalin Äußerungen

Stalin hat damit der SED-Führung gesagt: Ihr braucht gar nicht vom Sozialismus zu reden – in der Industrie habt ihr ihn schon, denn unter euren Bedingungen ist staatliche Produktion schon sozialistische Produktion. Ihr braucht nur noch auf dem Lande Produktivgenossenschaften zuzulassen, dann bekommt ihr auch eine sozialistische Landwirtschaft. Ihr braucht dabei überhaupt nicht darüber zu reden, daß ihr damit zu Sozialismus übergeht.

Das Jahr 1953 war eine Zeit brisanter Entwicklungen von hoher geschichtlicher Intensität. Ein – wie sich bald erwies – folgenschweres Ereignis war der Tod Jossif Wissarionowitsch Stalins. Er löste weltweit bei allen Kommunisten große Erschütterung und bei allen Freunden de Sowjetunion große Trauer und Besorgnis aus. Die reaktionären Feinde der Sowjetunion dagegen schöpften neue Hoffnungen. Die Führer der imperialistischen Mächte, von Eisenhower über Churchill und Adenauer, hofften, nun künftig günstigere Bedingung für Erfolge im Kampf für die Wiederherstellung der kapitalistischen Ordnung in der Sowjetunion und den anderen sozialistisehen Ländern vorzufinden. Als nächstes Ziel dafür hatten sie, wie sich wenige Monate später, im Juni, zeigen sollte, die DDR aufs Korn genommen.

Die Konterrevolution in der DDR am 17. Juni 1953

Die Ereignisse am 16. und 17. Juni 1953 in der DDR können als weitgehend bekannt vorausgesetzt werden: die Unzufriedenheit in breiten Kreisen der Bevölkerung mit einigen Maßnahmen der Regierung, unter den Arbeitern vor allem mit einer angeordneten Erhöhung der Arbeitsnormen um 10 Prozent, wurden von äußeren und inneren gegnerischen Kräften ausgenutzt, um in Berlin und in anderen Städten, vor allem in Großbetrieben der DDR, Streiks und Unruhen auszulösen. Daß es sich bei den Organisatoren der Demonstrationen am 16. und 17. Juni nicht um „über die Normerhöhung empörte Arbeiter“ handelte, sondern um bewußte Provokateure, zeigte sich schon arn 16. Juni daran, daß sie die bereits am Mittag des 16. Juni erfolgte Bekanntgabe der Regierung der DDR über die Zurücknahme der Normerhöhung noch am 16. Juni mit den Forderungen nach Generalstreik und Rücktritt der Regierung und am 17. Juni mit der Entfesselung von gewaltsamen Aktionen von Brandstiftungen bis zu bewaffneten Angriffen auf Polizei lmd staatlichen Einrichtungen beantworteten.

Wie konnte das geschehen?

Alldem wurde am Mittag des 17. Juni durch die Verhängung des Ausnahmezustandes durch die sowjetische Militäradministration und den Einsatz sowjetischer gepanzerter Einheiten ein Ende bereitet. Die Ereignisse dieser bei den Tage kamen für den weitaus größten Teil der Bevölkerung ebenso unerwartet und überraschend wie für die Regierung und für die Parteiführung. Mit großer Bestürzung stellten sich alle loyal zu ihrem Staat stehenden Bürger und natürlich erst recht alle Mitglieder der SED die Frage, wie es geschehen konnte, daß so kurz nach der großen Aufbruchstimmung im Lande über die Verkündung des Übergangs zum Aufbau des Sozialismus ein solcher Rückschlag erfolgen konnte. Genauer gefragt: wie konnte es dem Gegner gelingen, Teile der Arbeiter der DDR gegen die DDR, den Staat der Arbeiterklasse, aufzuhetzen? Bertold Brecht charakterisierte die Ereignisse mit den Worten. „Unreife der Klasse, Fehler der Partei und das Aufbegehren des braunen Gestern.“ Heinz Keßler, schon damals Mitglied des Zentralkomitees, stellt in seinem Buch „Zur Sache und zur Person“ (S.196f.) fest: „Fehleinschätzungen gab es … in Bezug auf die Lage im eigenen Land. Da war einmal die immer vorhandene Neigung, die Entwicklung des Massenbewußtseins in der Bevölkerung zu überschätzen … man unterschätzte die Langlebigkeit vieler alter Vorstellungen und Verhaltensnormen.“ Als eine weitere Fehlhaltung nennt Heinz Keßler: „Wir hielten zu lange an einer alten, vereinfachten und einschichtigen Vorstellung von der Arbeiterklasse fest.“

Wie war das beispielsweise im Chemiewerk Buna?

Dazu muß man wissen, daß der Kern der Industrie dieser frühen Jahre der DDR die Chemieindustrie war. Am Beispiel der Chemischen Werke Buna zeigen sich die typischen Probleme: Gebaut wurde das Werk zur Zeit des Faschismus, es gehörte zur IG Farben. Die Produktion begann 1937 – und alle Führungskader waren Mitglieder der NSDAP, die Belegschaft war politisch „handverlesen“. Während des Krieges gab es dort 6.000 Fremdarbeiter. 1945 gingen die Buna-Werke auf Grundlage der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz über die Reparationen in sowjetisches Eigentum über. Das sowjetische Interesse an einer schnellen Wiederaufnahme der Produktion und deren reibungslosem Funktionieren führte dazu, daß die alten Führungskräfte in großem Maßstab übernommen wurden. Die ausgefallenen Fremdarbeiter wurden ersetzt durch einige Tausend Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches und eine extrem hohe Zahl von Arbeitskräften im Rahmen des Programms der „gesellschaftlichen Integration“: 2.500 ehemalige Nazis, Offiziere der Wehrmacht und der SS, Juristen, Lehrer etc. trugen nun alle „Arbeitskleidung“‘. Hier konnte man nicht mehr vom klassischen Proletariat sprechen, so wie wir es aus den 20er und Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts kannten, – und die Partei hatte es bei diesen neuen „Proletariern“ nicht leicht.

Das konterrevolutionäre „Streikkomitee“ wurde verhaftet

Trotzdem wurde dieser veränderten sozialpolitischen Struktur nach der Umwälzung 1945 nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet. Gerade sie war aber während der Ereignisse in Industrie-Zentren spürbar geworden. Die anfanglich von der Partei getroffene Wertung des 17. Juni als eines faschistischen Putschversuchs basierte auf den Erfahrungen des Ablaufs der Ereignisse und der Zusammensetzung der dabei führenden Kräfte. So hatte sich am 17. Juni 1953 in den Buna-Werken Schkopau ein selbsternanntes „Streikkomitee“ an die Spitze gestellt. Seine Zusammensetzung war interessant:
– Kurt S., tätig als Schlosser, Elektrowerkstatt, 34 Jahre als, früher Offizier der faschistischen Kriegsmarine;
– Fritz W., tätig als Bote, Güterhalle, 45 Jahre alt, früher Mitglied der NSDAP, bis April 1945 leitender Mitarbeiter beim Buna-Werkschutz;
– Werner D., tätig als Schlosser, Carbidwerkstatt, 30 Jahre alt, früher Mitglied der NSDAP;
– Rudolf S., tätig als Autoschlosser, 28 Jahre alt, früher Mitglied einer SS-Standarte;
– Franz S., tätig als Meister, Technikum, 40 Jahre alt, von Mai 1945 bis 1946 (bis zur Vereinigung von KPD und SPD zur SED), Leiter der SPD-Gruppe im Buna-Werk.

Dieses selbsternannte „Streikkomitee“ war nie von der Belegschaft beauftragt, wurde nach wenigen Stunden von einem Offizier und fünf Soldaten der Sowjetarmee verhaftet. Am 15. Juli 1953 kam es in den Chemischen Werken Buna erneut zu konterrevolutionären Streikaktionen. Durch Stilllegung des Karbidwerkes kam es kurzzeitig zum Erliegen der gesamten Produktion des Werkes. Aber auch hier brachen die Aktionen schnell zusammen. Die antikommunistisch-imperialistischen Kräfte gaben die Ereignisse des 17. Juni 1953 als „Arbeiteraufstand“ aus und verliehen ihnen den Nimbus eines „nationalen Feiertages“. Aber das war kein „Arbeiteraufstand“. Insgesamt haben sich an den Aktionen nicht mehr als 5% der Werktätigen beteiligt. In zahlreichen Städten und Kreisen wurde normal gearbeitet. Besonders die Arbeiter der Grundstoffindustrie hatten hohes politisches Bewußtsein gezeigt, indem sie die konterrevolutionäre Provokation zurückwiesen.

Innere und äußere Faktoren der Zerstörung der DDR

So viel zu den objektiven inneren Problemen, die erst den Boden dafür bereitet hatten, daß das ungeschickte Vorgehen der Partei in der Frage dcr Normenerhöhungen so leicht vom Gegner ausgenutzt werden konnte. Aber welche Umstände und Handlungen müssen nun insgesamt genannt werden, wenn die Frage nach den Ursachen für den 17. Juni 1953 gestellt wird? Keinesfalls trifft zu, was durchgängige Behauptung bundesdeutscher „DDR-Spezialisten“ ist, nämlich, daß der 17. Juni die unausweichliche Folge des Beschlusses der II. Parteikonferenz zum Aufbau des Sozialismus in der DDR gewesen sei. Diese Melodie gehört zum Liederbuch der „Delegitimierer“ der DDR und des Sozialismus; sie wurde aber nach 1989 sehr rasch von wendehälsigen Ex-DDR-Historikern nachgesungen. Die wirklichen Faktoren sind innere (s.o.) und äußere, die sich aber nicht säuberlich trennen lassen, weil sie in ständigem Wirkungszusammenhang standen. Bei den äußeren Faktoren nimmt die Bundesrepublik und ihre auf die „Wiedergewinnung“ der „Ostzone“ ausgerichtete Politik der in ihr herrschenden imperialistischen Kräfte den ersten Platz ein – im Bündnis mit den USA lind den anderen NATO-Mächten. Ihre Embargo-Politik und die Auswirkungen ihres Alleinvertretungsanspruches, der „Hallstein-Doktrin“ (bis zum Jahre 1973 brach die BRD zu jedem Staat die Beziehungen ab, der die DDR diplomatisch anerkannte), waren darauf gerichtet, die DDR ökonomisch und politisch zu isolieren und sie wirtschaftlich zu ruinieren.

Der Macht- und Kurswechsel in Moskau

Aber so groß die Übermacht ihrer Gegner war und so belastend diese ökonomische Kriegführung für die DDR auch war – das alles konnten den Bestand der DDR solange nicht gefährden, solange dem NATO-Bündnis das Bündnis der Staaten des Warschauer Vertrags mit der Sowjetunion an der Spitze einig und geschlossen zum Schutz der DDR und aller anderen sozialistischen Länder gegenüberstand. Das änderte sich aber in unvorhersehbarer Weise, als, ausgehend von der Sowjetunion, ein Macht- und Kurswechsel im Lager der europäischen sozialistischen Staaten stattfand, in dessen Ergebnis die DDR sich feindlichen Angriffen nicht mehr nur vom Westen, sondern auch aus östlicher Richtung ausgesetzt sah, wenngleich die zunächst noch nicht als feindliche Angriffe zu erkennen waren, weil sie als Kritik der um die DDR besorgten Schutzmacht Sowjetunion vorgetragen wurden. Daß solches zu Gorbatschows Zeiten geschah, das ist heute kaum noch bestritten. Aber daß zu den äußeren Faktoren, die 1953 zum 17. Juni in der DDR führten, nicht nur die BRD, sondern auch Maßnahmen der neuen Sowjetführung gehören, das ist nahezu unbekannt und muß deshalb hier etwas ausführlich berichtet werden. [1]

Die Aufrüstung der NATO und deren Folgen für die DDR

In der zweiten Hälfte des Jahres 1952 geriet die DDR in ökonomische Schwierigkeiten, die sich vor allem daraus ergaben, daß die DDR wegen der forcierten Aufrüstung der Bundesrepublik und deren bevorstehender Einbeziehung in das aggressive NATO-Bündnissystem ihrerseits mit dem Aufbau bewaffneter Verteidigungskräfte und mit deren Ausrüstung rascher beginnen mußte, als bisher vorgesehen. Da für diese zusätzlichen Aufgaben weder Material noch Arbeitskräfte noch Finanzmittel zur Verfugung standen, mußten bei anderen Posten des Wirtschaftsplanes beträchtliche Kürzungen vorgenommen werden, die auch zu empfindlichen Belastungen der DDR-Bürger führen mußten und natürlich auch zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Im Januar 1953 wandte sich deshalb das ZK der SED mit einem Schreiben an die Regierung der UdSSR, in dem im Einzelnen die Schwierigkeiten und Probleme der Planerfüllung dargestellt und die Führung der UdSSR gebeten wurde, zu überprüfen, ob eine Hilfe bei der Lösung der schwierigen Probleme nicht möglich sei. Die Sowjetische Kontrollkommission (SKK) empfahl daraufhin in mehreren Memoranden strenge Sparmaßnahmen, auch auf sozialem Gebiet zu Lasten der Bevölkerung. Die rigorosesten Empfehlungen (z.B. Streichung von Fahrpreisermäßigungen fur Behinderte und Schwerbeschädigte und Ausschluß von Selbständigen aus der Kartenversorgung) erfolgten im April 1953.

Eine notwendige Maßnahme: Erhöhung der Arbeitsleistungen in der DDR

Eine Maßnahme, die in der Arbeiterschaft auf großes Unverständnis und auf wachsenden Widerstand stieß und auf die sich die feindliche Propaganda vor allem stürzte und damit die stärkste Wirkung erzielte, war ein am 13./14. Mai vom Zentralkomitee der SED gefaßter und vom Ministerrat am 28.Mai bestätigter Beschluß, die Arbeitsnormen bis zum 30. Juni 1953 um 10 Prozent zu erhöhen. Diesem Beschluß vorausgegangen war eine monatelange, im Januar 1953 begonnene intensive Aufklärungskampagne in der Presse und im Rundfunk sowie in einer Vielzahl von Betriebsversammlungen in der ganzen Republik über die Notwendigkeit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität mit dem Ziel, durch eine intensive Überzeugungsarbeit zu einer massenhaften durchgängigen freiwilligen Normerhöhung zu kommen. Zwar gab es nicht wenige Beispiele solcher freiwilliger Normerhöhungen, aber sie erreichten nicht den Massenumfang, der notwendig gewesen wäre, um die Arbeitsproduktivität in dem erforderlichen Maße zu erhöhen.

Eine falsche Entscheidung!

Es ist also keineswegs so, daß – wie heute immer zu lesen – die Führung von Anfang an den Weg bürokratischen Administrierens eingeschlagen hätte. Erst nachdem der Appell an die Freiwilligkeit nicht zum gewünschten (und ökonomisch auch notwendigen) Ergebnis geführt hatte, griff die Führung zum – aber auch jetzt falschen und verhängnisvollen – Mittel der „von oben“ ohne jede weitere Diskussion oder Verhandlung mit den Gewerkschaften angeordneten zehnprozentigen Normenheraufsetzung. Dadurch entstand eine Situation, die sehr günstig war für alle sozialismusfeindlichen Kräfte innerhalb und außerhalb der DDR, und von diesen auch kräftig zu einer antikommunistischen regierungsfeindlichen Hetz- und Wühlarbeit ausgenutzt wurde. Ihnen wurde im Frühjahr eine ganz unerwartete Hilfe zuteil.

Und hier begannen die Chruschtschowisten mit ihrer feindlichen Tätigkeit

Anfang Juni 1953 wurde die DDR-Führung nach Moskau zitiert, aber nicht etwa zu einer gemeinsamen Beratung über die besten Lösungen zur Überwindung der bestehenden Schwierigkeiten, sondern zur Entgegennahme und Durchführung der von der neuen Moskauer Führung mit Chruschtschow und Berija an der Spitze bereits ohne jede Beratung mit den Genossen der DDR-Führung einseitig beschlossenen Maßnahmen. Der DDR-Delegalion – Otto Grotewohl, Walter Ulbricht und Fred Oelßner – wurde ein Dokument überreicht, betitelt „Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik“. Darin wurde behauptet, daß „infolge der Durchführung einer fehlerhaften politischen Linie“ in der DDR „eine äußerst unbefriedigende politische und wirtschaftliche Lage entstanden“ sei. Worin sollte die „fehlerhafte politische Linie“ bestanden haben? In dem sowjetischen Dokument wurde eine völlig entstellte Darstellung der Lage in der DDR gegeben. Es wurde darin behauptet, auf der II. Parteikonferenz sei ein Beschluß „zum beschleunigten Aufbau des Sozialismus“ gefaßt worden, und das sei falsch gewesen, weil dafür die innen- und außenpolitischen Voraussetzungen gefehlt hätten. Aber auf der II. Parteikonferenz war beschlossen worden, daß in der DDR „die Grundlagen des Sozialismus“ geschaffen werden; von „beschleunigtem Aufbau des Sozialismus“ war mit keinem Wort die Rede gewesen.

Mit welchen faulen Tricks arbeiteten die Chruschtschowisten?

Im „Gesundungsbeschluß“ der neuen Moskauer Führung wurde ferner „die Propaganda über die Notwendigkeit des Überganges der DDR zum Sozialismus“ für falsch erklärt. Für falsch erklärt wurden auch alle – vorher von der sowjetischen Kontrollkommission mehr geforderten als empfohlenen und daraufhin von der DDR-Regierung beschlossenen – Sparmaßnahmen. Sie seien zurückzunehmen. Besonders unbegreiflich waren die Forderungen des „Gesundungsbeschlusses“, die auf eine Liquidierung der Anfänge sozialistischen Eigentums in der Landwirtschaft hinausliefen. In der DDR könne „unter den heutigen Bedingungen nur eine einfachere Form der Produktionskooperierung der Bauern, wie die Genossenschaften zur gemeinsamen Bearbeitung des Bodens, ohne daß die Produktionsmittel vergesellschaftet werden, mehr oder weniger lebensfähig sein.“ Alle Genossenschaften seien zu überprüfen und gegebenenfalls aufzulösen. Äußerst merkwürdig war auch, daß in diesem „Gesundungsbeschluß“ mit keinem Wort die Maßnahme erwähnt und ihre Rücknahme gefordert wurde, welche die Beziehungen der Partei und des Staates zur Arbeiterklasse am stärksten belastet hat – der Beschluß von Mitte Mai zur Normenerhöhung ab 1. Juni 1953.

Was waren die Motive für diese verlogene Trickserei?

Dieses merkwürdige Dokument läßt vermuten, daß es bei irgendwem in der neuen sowjetischen Führung ein Interesse gab, die SED-Führung und insbesondere ihren Generalsekretär Walter Ulbricht zum Sündenbock zu machen, um seine Stellung zu erschüttern. Eine solche Vermutung verstärkt sich, wenn man erfährt, wie es zu der unvermeidlich Volkszorn hervorrufenden Fassung des Kommuniqués vom 9. Juni 1953, mit dem ein „Neuer Kurs“ verkündet wurde, gekommen ist.

Ein Zeitzeuge bestätigt: Man wollte Ulbricht ‚absägen‘!

Der Verfasser des Kommuniques war der Chefredakteur des Zentralorgans der SED, Rudolf Herrnstadt. Er selbst gab darüber folgenden Bericht: „Am 10. Juni entwarf ich das ‚Kommunique vom 9. Juni‘. Je mehr ich versuchte, das Kommunique in der (vom sowjetischen ‚Hohen Kommissar‘ Wladimir Semjonow, d.Verf.) aufgetragenen Weise zu schreiben, desto klarer wurde mir, daß es in der vorgesehenen Form eine nicht zu verantwortende Chocwirkung in der Partei und in der Öffentlichkeit hervorrufen müsse. Es erwies sich als unmöglich, die wichtigsten, von der Partei soeben ein Jahr hindurch gegen unzählige Widerstände als allein richtig verteidigte Maßnahmen kurzerhand, d.h., unter Verzicht auf eine fundierte Begründung, zu widerrufen – ohne die Partei zu desorientieren und zu erbittern und dem Gegner die Flanke zu öffnen.“
Herrnstadt bat deshalb um ein Gespräch mit Semjonow, dessen Verlauf er so wiedergibt:
Herrnstadt: „Ich, Genosse Semjonow, ich bin zwar der Verfasser des Kommuniqués, aber ich möchte gegen seine Veröffentlichung protestieren.“
Semjonow: „Warum?“
Herrnstadt: „So darf man den Kurswechsel nicht einleiten. Das Kommunique kann nur Verwirrung stiften.“ Das führte ich näher aus.
Semjonow: „Das Kommuniqué muß morgen in der Zeitung stehen.“
Herrnstadt: „Ich entnehme Ihren Worten, daß eine diesbezügliche Anweisung vorliegt. Wenn das der Fall sein sollte – ginge es nicht, daß Sie in Moskau darlegen, warum es zweckmäßig wäre, die Anweisung zu verändern? Geben Sie uns 14 Tage, und wir können den Kurswechsel so überzeugend und fortreißend begründen, daß wir mit ihm in die Offensive gehen und nicht der Gegner … Er enthält doch alle Elemente dafür, aber die Elemente können sich ins Gegenteil verwandeln, wenn wir den Start verpfuschen!“
Darauf antwortete Genosse Semjonow sehr scharf und von oben herab: „In 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben!“ [2]

Die kriminelle Intrige der Chruschtschowisten ging auf

So erschien also das Kornmuniqué am 11. Juni 1953 und tat genau die von Herrnstadt vorausgesehene Wirkung: es rief „eine nicht zu verantwortende Chocwirkung in der Partei und in der Öffentlichkeit“ hervor, es „desorientierte und erbitterte die Partei“ und „öffnete dem Gegner die Flanke“.

Im Kommuniqué wurden, eingeleitet mit der Erklärung „seitens der SED und der Regierung der DDR“ seien in der Vergangenholt eine Reihe von Fehlern begangen worden, und ohne jede weitere Begründung wurden alle jene Maßnahmen – bis auf eine – zurückgenommen, die von der Partei und ihren Mitgliedern all die Monate vorher als notwendig und unverzichtbar verteidigt worden waren. Die einzige Maßnahme, die nicht zurückgenommen, ja nicht einmal erwähnt wurde, war eben jene, die gerade die Arbeiterklasse traf und dort den stärksten Unwillen, aber auch den stärksten Willen zum Widerstand hervorrufen mußte und hervorgerufen hatte – der Beschluß zur zehnprozentigen Normenerhöhung!

Walter Ulbricht sollte von den Chruschtschowisten gestürzt werden

Das Kommuniqué machte es also den Gegnern leicht, für die von ihnen verbreitete Losung: „Wer solche Fehler zugelassen hat, muß zurücktreten!“ eine günstige Aufnahme zu erreichen. Es wirkte wie der auslösende Funke bei Waldbrandgefahr. Dem damit tatsächlich ausgelösten Brand wurde am Mittag des 17. Juni durch die Verkündung des „Ausnahmezustandes im sowjetischen Sektor von Berlin“ durch den sowjetischen Militärkommandanten und das Eingreifen der Sowjetarmee ein rasches Ende bereitet. Mit den Ereignissen des 16. und 17. Juni beschäftigten sich zwei Tagungen des ZK der SED, das 14. ZK-Plenum am 21. Juni und das 15.Plenum vom 24.-26. Juli 1953. Der Verlauf des 15. Plenums bestätigt die Vermutung, daß ein oder mehrere Mitglieder der neuen KPdSU-Führung die Schwierigkeiten der SED-Führung in der DDR dazu benutzen wollten, Walter Ulbricht zu stürzen und durch einen ihnen genehmen Mann zu ersetzen.

Quelle:
Kurt Gossweiler/Dieter Itzerott: Der 17. Juni 1953 – Die Konterrevolution erhebt ihr Haupt (Auszüge), in: offensiv, Zeitschrift für Sozialismus und Frieden, Ausgabe Mai-Juni 2013, S.5-23. http://www.offen-siv.net/2013/13-03_Mai-Juni.pdf

Anmerkungen:
[1] Die Angaben dazu sind entnommen einem Artikel von Kurt Gossweiler, Hintergründe des 17. Juni 1953, in „Wider den Revisionismus“, S.47-69.
[2] Rudolf Herrnstadt, Das Herrnstadt-Dokument. Herausgegeben von Nadja Stultz-Herrnstadt, Reinbek bei Hamburg, 1990, S.72-74.

Otto Grotewohl sagte zum 17. Juni 1953: „Viele klassenbewußte Arbeiter, die Zeugen der Ereignisse des 17. Juni waren, erklärten: Wir haben manchen Streik erlebt, aber wo Arbeiterheime zerstört, volkseigene Geschäfte geplündert und rote Fahnen heruntergerissen und verbrannt werden, dort kann von einem Kampf um Arbeiterinteressen nicht mehr die Rede sein, dort ist der Klassenfeind am Werk.“ (Otto Grotewohl: Im Kampf und die einige Deutsche Demokratische Republik – Reden und Aufsätze, Auswahl aus den Jahren 1945-1953, Dietz Verlag Berlin, 1954, Bd.III, S.436/437)

Siehe auch:
Was geschah wirklich am 17. Juni 1953 und wie kam es dazu?
Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

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11 Antworten zu Wie die Chruschtschowisten die DDR zerstörten …

  1. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    DDR-Geschichte

  2. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Erich Honecker – Politische Erklärung
    vor der 27. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts
    am 3. Dezember 1992

    http://hesikamiscellaneous.wordpress.com/2014/10/10/wer-ist-hier-der-unrechtsstaat/comment-page-1/

  3. Welehamm schreibt:

    Mit Verlaub, klug ist dieser Artikel nicht. Man muss Marx kennen, um eine Analyse zu erstellen. Die Voraussetzungen für einen Sozialismus waren nicht da. Überspitzt formuliert: Aus dem Steinzeitmenschen wird kein Kommunist. Es bedarf eines Proletariats und nicht einer Sklavenhaltergesellschaft, um zum Kommunismus zu gelangen. Mal Histomat lesen!

    • sascha313 schreibt:

      Mit Verlaub, Herr Welehamm! Geben Sie Ihren unausgegorenen Senf doch woanders ab! Vielleicht kann Sie der Herr KenFM, oder der Herr Elsässer als Schwätzer gebrauchen.

    • Inson schreibt:

      Wir haben ja hier tatsächlich die volle Bandbreite derer, die uns erklären warum der Sozialismus gescheitert oder überholt ist. Nur eins ist Fakt, mit diesen Leuten wird es weder in naher noch in ferner Zukunft überhaupt einen Sozialismus geben. Sie gehören lieber zu denen, die 1000 verschiedene Möglichkeiten des Sozialismus diskutieren, was dieses System erlaubt, als zu denen, die, so die Situation da ist, den Sozialismus unternehmen, was dieses System nicht erlaubt!

    • Sascha Iwanow schreibt:

      @welehamm … und du kennst natürlich Marx, auch die anderen „Klassiker“, aus dem F..F und alle ande-ren sind Stubengelehrter, die keine Ahnung haben. Aber gut!
      Dann beantworte mir doch einmal die Frage: Wann sind denn „die Voraussetzungen für einen Sozialismus“ eigentlich da?

      Unter der Überschrift: „Das Programm des Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR“, schreiben Professoren des Historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, unter der redaktionellen Leitung von Professorin A.M. Pankratowa, folgendes:

      „Die Wiederherstellung der Volkswirtschaft der UdSSR (nach dem Sieg über die „demokra-tischen“ Staaten im Interventionskrieg) näherte sich ihrem Abschluss. Im Jahre 1925/1926 erreichte die Landwirtschaft der UdSSR bereits den Vorkriegsstand und lieferte 103 Prozent der Vorkriegsproduktion. Bezüglich der Produktionsmenge näherte sich die Industrie ebenfalls dem Vorkriegsniveau. Aber für das Land der Sowjets, das Land des Aufbaus des Sozialismus, war eine einfache Wiederherstellung der Wirtschaft, die einfache Erreichung des Vorkriegsniveaus ungenügend, denn dieses Niveau war das Niveau eines rückständigen, bettelarmen Landes. Man musste weiterschreiten.“

      (Und jetzt kommt’s)
      „Ende April 1925 fasste die XIV. Parteikonferenz auf Grund der Hinweise Lenins, wonach der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist, den Beschluss, dass die Partei »alle Kräfte anspannen muss zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, in der festen Überzeugung, dass dieser Aufbau siegreich sein kann und wird, wenn es gelingt, das Land ge-gen alle Versuche der Restauration zu verteidigen«. Stalin wies bei der Begründung des Leitsatzes Lenins über die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in der UdSSR wiederholt darauf hin, dass man die beiden Seiten dieser Frage, die innere und die internationale, voneinander unterscheiden müsse.

      Was die innere Seite der Frage betrifft, d.h. die Beziehungen zwischen den Klassen innerhalb des Landes, so ist alles Notwendige für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR vorhanden. Die Arbeiterklasse, die ihre politische Diktatur er-richtet, die den Grund und Boden, die Fabriken, die Werke, die Banken und die Verkehrsmittel in das Gemeineigentum des Volkes übergeführt hatte, konnte nunmehr den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft entfalten und, gestützt auf das Bündnis mit der Bauernschaft, dem Kapitalismus im Lande in ökonomischer Beziehung den Todesstoß versetzen.

      Die Frage des Sieges des Sozialismus hat jedoch noch eine internationale Seite. Diese be-steht darin, dass die UdSSR vorläufig das einzige Land des Sozialismus ist. Rings um die UdSSR bestehen weiter kapitalistische Länder, und dieser Umstand lässt die Gefahr einer kapitalistischen Intervention aufkommen. Eine völlige Garantie vor der Intervention konnte nur der Sieg des Sozialismus im internationalen Maßstabe darstellen. Somit ist der endgültige Sieg des Sozialismus [354] im Sinne der Garantie vor einer Intervention nur als Ergeb-nis einer siegreichen proletarischen Revolution mindestens in einigen Ländern möglich. Bei einer Verzögerung der Weltrevolution konnte das Proletariat der UdSSR die wirtschaftliche und technische Rückständigkeit nur aus eigenen inneren Kräften und Mitteln überwinden und die Unabhängigkeit des Sowjetlandes sichern, indem es die Schaffung der industriellen Basis des Sozialismus sicherstellt und die sozialistische Rekonstruktion der Volkswirtschaft durchführt.

      Die XIV. Parteikonferenz verurteilte entschieden die trozkistische Theorie von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in der UdSSR und appellierte an die Arbeiterklasse, alle Kräfte einzusetzen, um diesen Sieg zu gewährleisten. Im Mai 1925 begründete und entwickelte Stalin in seinem Bericht über die Ergebnisse der XIV. Parteikonferenz die Leninsche Lehre von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus (in einem Land) und formulierte das Programm des Aufbaus des Sozialismus in folgenden knappen Worten: »Wir brauchen 15 bis 20 Millionen Industrieproletarier, die Elektrifizierung der wichtigsten Gebie-te unseres Landes, eine genossenschaftliche Organisierung der Landwirtschaft und eine hochentwickelte Metallindustrie. Und dann werden wir uns vor keiner Gefahr zu fürchten haben. Dann werden wir auch im internationalen Maßstabe siegen.« (Stalin, Werke, Bd. 7, S. 132 russ.)“ Geschichte der UdSSR (Sowjetunion) – Teil 3, Seite: 243/244

      Nach den Aussagen von Lenin und Stalins waren also nicht nur die Voraussetzungen für den Sozialismus in der UdSSR gegeben, sondern auch der Sieg des Sozialismus möglich. (Was nebenbei der Sieg über den deutschen Faschismus glänzend bewiesen hat.) 1917 war Russland eines der rückständigsten feudal-orthodoxen Länder der Welt. Es herrschte Leibeigenschaft, Analphabetentum, es gab fast keine einheimische Industrie usw., usf. Nach 1945, bis etwas 1956, hatte die UdSSR nicht nur die Schäden des verbrecherischen deutschen Überfalls beseitigt, sondern auch den Abstand zwischen der kapitalistischen Welt und dem Sozialismus gewaltig verkürzt. In einigen Bereichen, vor allen Dingen im Sozialen, Bildung, Kultur, Wissenschaft, hier Raketentechnik, hatte sie die kapitalistische Welt schon weit hinter sich gelassen.

      Zu Marx selbst. Es ist eine altbekannte Tatsache des Opportunismus, Revisionismus und auch des Trozkismus, die Klassiker untereinander auszuspielen. Es wird ständig versucht den einen Klassiker mit einem anderen zu widerlegen. Genau diese Tendenzen der „Weltrevolutionäre“ und Marx-Kenner, im Verbund mit den Demagogen der bürgerlichen Geschichtsklitterung, haben die kommunistische Weltbewegung zu dem gemacht, was sie heute ist – bedeutungslos!
      Es gibt heute nur noch wenige Menschen, die zum Kern der Geschichte der kommunisti-schen Weltbewegung vordingen. Das waren einmal Kurt Gossweiler, und das ist. Klaus Hesse. Sascha gehört mit seinen Artikeln dazu.

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