Kurt Gossweiler: Die Konterrevolution in Ungarn

ungarnDie Konterrevolution in Ungarn verlief durchaus nicht so reibungslos, wie sich das die Verschwörer in Belgrad und Moskau vorstellten. Erst nachdem sämtliche Kommunisten aus der Parteispitze entfernt worden waren und eine „Sozialdemokratisierung“ durchgeführt worden war, gelang es den Antikommunisten, den Sozialismus in Ungarn zu beseitigen. Dabei hatte der Weiße Terror bereits 1956 schon fürchterliche Ausmaße angenommen: Kommunisten wurden verfolgt und öffentlich gelyncht. Mit akribischer Genauigkeit dokumentier hier Dr.Kurt Gossweiler die Ereignisse in Ungarn… 

Mátyás Rákosi, Vorsitzender der Partei der Ungarischen Werktätigen.

rakosimatyasMitbegründer der Kommunistischen Partei Ungarns und führend an der Ungarischen Räteregierung von 1919 beteiligt, dafür vom faschistischen Horthy-Regime nach seiner Rückkehr aus der österreichischen Emigration nach Ungarn 1926 verhaftet und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, auf Intervention der Sowjetunion unter der Bedingung der sofortigen Ausreise in die Sowjetunion 1940 nach vierzehnjähriger Haft freigelassen.

Mit dem Kampf und dem Schicksal Rákosis und seiner Partei werde ich mich im folgenden ausführlich beschäftigen, weil sie exemplarisch sind für die Bedingungen, denen die kommunistische Bewegung insgesamt seit 1953 ausgesetzt war, und weil ohne die Kenntnis dieser Rahmenbedingungen auch die Entwicklung in der DDR und deren schließlicher Untergang nicht zu verstehen sind.

Rákosi war wohl der von den Revisionisten meist gehaßte und meistverleumdete Parteiführer der Länder der Volksdemokratie, und das mit gutem Grund, scheiterten doch selbst nach dem XX. Parteitag die KPdSU zunächst noch alle ihre Versuche, die Partei und das Land auf die Tito-Linie zu führen, an seinem unbeirrbaren Festhalten an der marxistisch-leninistischen Orientierung der Politik der Partei.

Hochverratsprozesse in Ungarn, Bulgarien und in der ČSSR

Mit besondere Wut erfüllte alle Feinde des Sozialismus der im September 1949 in Budapest durchgeführte Prozeß gegen László Rajk und andere, – der erste der drei großen Prozesse, die in den volksdemokratischen Ländern Ungarn, Bulgarien und Tschechoslowakei gegen führende Partei- und Staatsfunktionäre wegen Hochverrats und Vorbereitung des Sturzes der sozialistischen Ordnung durchgeführt wurden. Diese Prozesse haben eine Vorgeschichte, in deren Mittelpunkt die Änderung der Politik der Führer der kommunistischen Partei Jugoslawiens gegenüber der Sowjetunion und den volksdemokratischen Ländern steht. Bis in das Jahr 1948 hinein galt in der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern, und auch bei uns, der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, Jugoslawien als ein Land, das auf dem Wege zur Errichtung einer sozialistischen Ordnung am weitesten vorangekommen war und der Sowjetunion am nächsten stand.[1]

Die verräterische Abkehr Titos vom Sozialismus

Aber Ende 1947 – Anfang 1948 nahm die Führungsgruppe der KP Jugoslawiens eine verhängnisvolle Änderung ihres bisherigen Kurses vor. Diese Änderung lief darauf hinaus, im sozialistischen Lager ein zweites, ein Gegenzentrum gegen die Sowjetunion zu bilden – mit Jugoslawien als Hegemon. Das Ganze wurde begründet mit der Notwendigkeit, die Balkanländer zu einer Föderation zusammenzuschließen. Tito nutzte dabei den Umstand aus, daß die kommunistischen Parteien der Balkanländer schon zu Zeiten der Kommunistischen Internationale der imperialistischen Politik des Gegeneinanderhetzens der Balkanvölker die Forderung nach einem solidarischen Zusammenschluss in einer Balkanföderation entgegen gestellt hatten. Deshalb stimmte zunächst auch Georgi Dimitroff dem Vorschlag der Tito-Führung zu, nach dem Sieg über die Faschisten und nach der Verjagung der reaktionären Regierungen der Balkanstaaten nun die alte Idee der Balkanföderation zu verwirklichen. Als jedoch erkennbar wurde, daß hinter Titos Vorschlag die Absicht der Angliederung Bulgariens als Teilrepublik an Jugoslawien und die Schaffung eines antisowjetischen Zentrums steckte, nahm Dimitroff seine Zustimmung zurück und sprach sich gegen dieses Projekt aus.

Der Versuch der Vereinnahmung Albaniens

Umso mehr drängte die Belgrader Führung jetzt – im Frühjahr 1948 – darauf, daß der andere, kleinere und – wie sie meinte –, leicht zu vereinnahmende Nachbar Albanien sich Jugoslawien anschloß.[2] Die Belgrader Führer konnten damit umso eher rechnen, als sie in der Führung der albanischen Partei Vertrauensleute wußten, – wie den Organisationssekretär des ZK der albanischen Partei und Innenminister Koci Xoxe und andere –, die auf Titos Weisung hin auch einen Staatsstreich in Tirana unternehmen würden, falls anders das Ziel nicht zu erreichen sein sollte. Dazu kam es indessen nicht, weil die Kritik des Informationsbüros an der Politik der KP Jugoslawiens vom Juni 1948 Tito zur Zurückhaltung zwang, zum anderen diese Kritik auch zur Aufdeckung der Machenschaften der Verbündeten Titos in der albanischen Führung beitrug. Sie führte schließlich zur Verhaftung Koci Xoxes und seiner Mitverschwörer und der Eröffnung eines Gerichtsprozesses gegen sie, der vom 11. Mai bis zum 10. Juni 1949 in Tirana durchgeführt wurde und mit einem Todesurteil für Koci Xoxe sowie Freiheitsstrafen von 5 bis zu 20 Jahren für die vier anderen Angeklagten abgeschlossen wurde.[3]

Die parallelen Geheimoperationen der CIA

Es ist übrigens bemerkenswert, dass ungefähr im gleichen Zeitraum, in dem die Belgrader Führung ihren neuen antisowjetischen Kurs verschärfte, in den USA der „Nationale Sicherheitsrat“ die Direktive 10/2 vom 18. Juni 1948 erließ, die zum Inhalt die Ausdehnung verdeckter Aktionen der CIA auch auf das Ausland hatte; in dieser Direktive hieß es u.a.:

„Unter dem in dieser Direktive verwendeten Terminus ´geheime Operation´ sind alle Aktivitäten … zu verstehen, die von dieser Regierung gegen feindliche ausländische Staaten oder Gruppen oder zur Unterstützung befreundeter ausländischer Staaten oder Gruppen geleistet oder gefördert werden, die jedoch so geplant und geleitet werden, dass nach außen hin ihr Urheber – die Regierung der USA – auf keine Weise in Erscheinung tritt und im Falle ihrer Aufdeckung die Regierung der USA völlig glaubwürdig jede Verantwortlichkeit für sie plausibel leugnen kann.“
Als „geheime Aktivitäten“ wurden genannt: Propaganda, Wirtschaftskrieg, direkte Präventivhandlungen einschließlich Sabotage…, Wühlarbeit gegen feindliche Staaten, einschließlich Hilfe für die illegalen Widerstandsbewegungen im Untergrund, für Guerillas sowie die Unterstützung von antikommunistischen Elementen in bedrohten Ländern der freien Welt.“ [4]

Eine Verschwörung zum Sturz der ungarischen Regierung

Was im Rajk-Prozeß aufgedeckt wurde, ging sicher zu einem erheblichen Teil schon auf das Konto der Arbeit dieser Direktive. Dazu gehört vor allem der Plan zum Sturz der bestehenden Regierung, in dem László Rajk, dem ungarischen Außenminister, von seinen jugoslawischen und amerikanischen „Beratern“ die Hauptrolle zugedacht war. Über diesen Plan und seine Väter sagte der ehemalige Leiter der Kaderabteilung der Kommunistischen Partei Ungarns, Tibor Szönyi:

„Der Plan der Verschwörung zum Sturz der ungarischen volksdemokratischen Regierungssystems diente selbstverständlich den Interessen derjenigen, die den Plan ausgearbeitet hatten, die die intellektuellen Urheber des Planes waren, das heißt, die Verschwörung war ein Teil der gemeinsamen amerikanischen und jugoslawischen Pläne. … Wir erhielten ein konkretes Versprechen in Bezug auf eine wirtschaftliche, finanzielle Hilfe Ungarns von Seiten der Vereinigten Staaten, nach Ausführung des Putsches; ferner … würden die Vereinigten Staaten Ungarns Aufnahme in die Organisation der Vereinten Nationen … unterstützen.“

Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, welche wesentlichen Änderungen für den Fall des Gelingens der Verschwörung in der Innen- und Außenpolitik vorgesehen gewesen seien, gab Szönyi zur Antwort:

„In erster Reihe die Bildung einer neuen Regierung. Wir planten ferner, die politische Struktur des Landes in dem Sinne zu ändern, wie das Rajk mit den führenden jugoslawischen Politikern besprochen hatte und wir hätten dazu die jugoslawische innenpolitische Lage als Vorbild genommen, das heißt eine Änderung, welche die Rolle der Parteien, in erster Reihe der Partei der Ungarischen Werktätigen im politischen Leben des Landes in den Hintergrund hätte drängen sollen, und an Stelle dieser hätte eine Volksfront mit verbreiterter Grundlage treten müssen, als eine Organisation, die das politische Leben des Landes lenkt. Die Verbreiterung wäre in dem Sinne geschehen, dass wir dem Kulakentum innerhalb der Volksfront zu politischer Vertretung verholfen hätten. Auf wirtschaftlichem Gebiet war in erster Reihe davon die Rede, dass wir stufenweise – freilich nicht auf einmal – alle wichtigen Errungenschaften der Volksdemokratie von neuem vernichten, das heißt die Fabriken, die Banken, die Bergwerke den Kapitalisten zurückgeben, die Errungenschaften der Bodenverteilung teilweise vernichten sollten. In der taktischen Ausführung des Planes dachten wir freilich nicht daran, alles mit einem Schlag zu verwirklichen, sondern stufenweise, langsam, der Lage entsprechend. Ähnliche langsame, progressive Änderungen wurden auch in außenpolitischer Hinsicht geplant. Unsere Zielsetzung, Ungarn von der Seite der Sowjetunion und der befreundeten Volksdemokratien an die Seite der Vereinigten Staaten zu stellen, wollten wir auch stufenweise, langsam ausführen.“ [5]

Sehr ungewöhnliche Geständnisse

Die Anklagen wie auch die Geständnisse der Angeklagten waren so ungeheuerlich und ungewöhnlich, daß es verständlich erscheint, wenn die späteren Behauptungen und Erklärungen, die Anklagen seien zu Unrecht erfolgt und die Angeklagten zu Unrecht verfolgt worden, ihre Geständnisse seien durch Folter, Drogen und falsche Versprechungen erpresst und erschlichen worden, ja, wenn sogar solch absurde Behauptungen, die Drehbücher für die Aussagen und Geständnisse der Angeklagten seien in Moskau von Stalin und Berija entworfen worden und hätten dann von den Angeklagten auswendig gelernt und in den Verhören vorgetragen werden müssen, Glauben fanden und sogar mit einer gewissen Erleichterung darüber aufgenommen wurden, daß die Angeklagten ehrliche Kommunisten geblieben und unfähig gewesen waren, die ihnen zur Last gelegten Verbrechen zu begehen. Allerdings mußte man dafür nun für möglich halten, daß Rákosi und alle anderen für diese Prozesse Verantwortlichen noch viel schlimmere Ungeheuer waren, als den nunmehr Rehabilitierten je zugeschrieben war.

Wo liegt die historische Wahrheit?

Man muß sich einmal vorstellen, was es für eine politische Bewegung bedeuten muß, wenn ihren Anhängern heute eine Gruppe ihrer Führer als Verräter und Verbrecher, morgen ihnen jedoch die gleichen Führer als quasi Heilige, die von den denkbar schlimmsten Verbrechern, nämlich ihren gestrigen Richtern, unter erfundenen Beschuldigungen grundlos ermordet wurden. Das alles machte die kommunistische Bewegung in den wenigen Jahren zwischen 1949 und 1956 durch! Eine Bewegung, die daran nicht zugrunde geht, muß einen sehr gesunden Organismus haben und zur Vertretung der Lebensinteressen der Klassen, deren politisches Führungsorgan sie ist, trotz alledem als unentbehrlich empfunden werden. Aber unvermeidlich stellen sich viele die Frage: Wie kann man sich da noch zurechtfinden? Wer lügt? Wo ist die Wahrheit? Die Antwort ist: Die Wahrheit ist nur in den geschichtlichen Tatsachen zu finden, sogar dann, wenn Beweisdokumente noch fehlen. Die geschichtlichen Tatsachen aber besagen: Das, was Rajk und Komplizen als ihre Absicht vorgeworfen und wofür sie – bevor sie diese in die Tat umsetzen konnten – verurteilt wurden, das wurde nach der Rehabilitierung Rajks und seiner Mitangeklagten von anderen Führern der ungarischen Partei gleich zweimal nun tatsächlich begangen: zum ersten Male von Imre Nagy im Herbst 1956, zum zweiten Male von Gyula Horn ab 1989.

Die opportunistischen Abweichungen des Imre Nagy

Wer war Imre Nagy? Als eine Auswirkung der Veränderungen in der Leitung der KPdSU nach dem Tode Stalins wurde am 27./28. Juni 1953 das Politbüro der Partei der Ungarischen Werktätigen erweitert; die wichtigste Veränderung war die Aufnahme Imre Nagys in dieses Gremium. [6] Am 2. Juli wurde auch die ungarische Regierung umgebildet und Imre Nagy als Ministerpräsident an ihre Spitze gestellt. [7] Aber auf einem ZK-Plenum am 2.-4. März 1955 wurde scharfe Kritik an seiner Amtsführung geübt. Das Plenum faßte einen Beschluß „Über die politische Lage und die Aufgaben der Partei“, in dem u.a. gesagt wurde, Nagy habe die Beschlüsse des Juni-Plenums von 1953 im opportunistischen und antimarxistischen Sinne entstellt.

„Von einer Hebung des Lebensstandards sprechen und zur gleichen Zeit nicht für die Gewährleistung der hierfür notwendigen ökonomischen Voraussetzungen sorgen, sind in Wirklichkeit billige Demagogie und Irreführung des Volkes. … Wer versichert, daß die Hauptmasse der Klein- und Mittelbauern als Einzelbauern einen gewissen Wohlstand erzielen kann, dass unsere aus Hunderttausenden Einzelbauern bestehende Landwirtschaft gedeihen und zu einer fortgeschrittenen Landwirtschaft werden kann, ohne dass die Produktionsgenossenschaften entwickelt werden, betrügt die werktätigen Bauern. … Die größer gewordene rechte, opportunistische Abweichung zeigte sich auch in der Unterschätzung der führenden Rolle der Partei. Einige negierten die Rolle der Partei in der Vaterländischen Volksfront. … Mit diesen rechten Anschauungen wollte man im Grunde die marxistisch-leninistische Lehre von der Diktatur des Proletariats einer Revision unterziehen. Das wichtigste in der volksdemokratischen Ordnung ist die unbedingte Gewährleistung der führenden und richtunggebenden Rolle der revolutionären Partei der Arbeiterklasse. Ohne Gewährleistung dieser Rolle gibt es keine Volksdemokratie! … Die rechten Anschauungen in unserer Partei und in unserem Staat sind so gefährlich geworden, weil Genosse Imre Nagy in seinen Reden und Artikeln diese antimarxistischen Ansichten unterstützt, ja mehr noch, sie am eifrigsten predigt. … Ein Hauptmerkmal der rechten Linie des Genossen Imre Nagy zeigte sich darin, dass er die von der Partei erzielten großartigen Siege leugnete und unterschätzte und die Erfolge regelmäßig verschwieg. … Die rechten Elemente außerhalb und innerhalb der Partei betrachteten diesen Artikel (Imre Nagys vom 20. Oktober 1954) als Signal und begannen die richtige Politik der Partei zerstörend anzugreifen. Solche Erscheinungen gab es in den Redaktionen vieler Zeitungen sowie auf dem Gebiet der Literatur. … Genosse Nagy und einige andere Genossen haben mit billigen demagogischen Versprechungen in der Presse … die Arbeiterklasse mitunter irregeführt, … sich den rückständigsten Schichten der Arbeiter angepasst und dadurch gewisse Elemente der Zersetzung in die Arbeiterklasse hineingetragen.“ [8]

Auf dem darauf folgenden Plenum des ZK der Partei der Ungarischen Werktätigen wurde Imre Nagy aus dem Politbüro und dem ZK der Partei ausgeschlossen und aller Funktionen enthoben, die er im Auftrag der Partei ausübte, also auch als Ministerpräsident. Das war im April 1955.

Chruschtschow unterstützt die verräterische Politik Titows

Aber schon im Mai trat ein Ereignis ein, das den künftigen Sturz Rákosis und den Wiederaufstieg Imre Nagys vorherbestimmte; es war dies Chruschtschows Erklärung gegenüber Tito aus Anlass des Besuches einer sowjetischen Delegation, – worüber weiter unten ausführlicher zu sprechen sein wird -, daß alle gegen Tito erhobenen Vorwürfe sich nach gründlicher Prüfung als unberechtigt und Erfindung von Feinden, von Agenten des Imperialismus, erwiesen hätten. Sofort nutzte Tito dies aus, um Druck auf alle anderen kommunistischen Parteien auszuüben, auch ihrerseits alle Vorwürfe gegen ihn und seine Partei zurückzunehmen.

„Am 27. Juli forderte er in einer Rede in Karlovac, dass auch die Führer in Ungarn und in der Tschechoslowakei ihre gegenüber Jugoslawien begangenen Fehler bekennen, so wie dies die sowjetischen Führer anlässlich des Besuches der sowjetischen Staatsmänner in Jugoslawien getan hätten. Er verlangte hierbei insbesondere eine Revision der seinerzeitigen Prozesse gegen Rajk…in Budapest, gegen Trajtscho Kostoff…in Sofia und gegen Rudolf Slansky und Vladimir Clementis in Prag…. Tito sagte u.a.: „Wir bedauern, daß es im Osten in einigen unserer Nachbarstaaten immer noch Leute gibt, denen diese Normalisierung nicht gefällt. … Stattdessen intrigieren sie hinter den Kulissen gegen uns … und versuchen überall, uns Steine in den Weg zu legen… Vor allem in Ungarn gibt es Leute, die so reden. Aber wir sind überzeugt, dass sie … die Erfüllung dessen, was wir wollen und was die Sowjetführer in Belgrad erklärten und gegenwärtig auch ausführen, nicht verhindern können… Auch in der Tschechoslowakei gibt es Leute, die Mühe haben,… ihre Fehler zu bekennen… Diese und ähnliche Leute werden ihre Fehler gegenüber unserem Lande auf die eine oder andere Weise bekennen müssen.“ [9]

Der reaktionäre Petöfi-Klub

Dieser Druck aus Belgrad beeindruckte die ungarischen Genossen nicht und brachte sie nicht davon ab, ihren Kampf gegen die Tito-Sympathisanten weiterzuführen, die vor allem in den Reihen der Schriftsteller zu finden waren, die sich als ein organisatorisches Zentrum einen Club schufen, dem sie den Namen des populären ungarischen Schriftstellers Petöfi gaben. Im Dezember 1955 faßte das ZK der Partei der Ungarischen Werktätigen einen Beschluß mit der Überschrift:

„Die rechten Fehler im literarischen Leben Ungarns überwinden“, in dem es u.a. hieß: „Einige Schriftsteller, auch Parteimitglieder,… haben die Perspektive des Sozialismus verloren. … Pessimismus und Verzweiflung haben von ihnen Besitz ergriffen. … All das legen sie als etwas ´Neues´, als einen Sieg über den Schematismus dar. … Einige Schriftsteller … haben den Beschluss des März-Plenums des ZK (gegen Imre Nagy) abgelehnt oder sich auch nur nach außen hin einverstanden erklärt… Der rechte Opportunismus kommt zur Zeit in den gefährlichsten, offensten und organisiertesten Formen in der Literatur zum Ausdruck.“ [10]

Der Druck der Revisionisten auf die ungarische KP

Dann aber kam im Februar 1956 der XX. Parteitag, auf dem Stalin verdammt und Tito gefeiert wurde. Rákosi versuchte dennoch, die antirevisionistische Linie der Partei beizubehalten. Auf einem ZK-Plenum im März erklärte er noch: „Unsere rechten Elemente erhoffen sich vom XX. Parteitag, daß er sie rechtfertigen werde. Jetzt ist für jedermann klar, dass sich diese Hoffnungen nicht erfüllt haben.“ Er sollte sehr schnell erfahren, daß dies eine große Fehleinschätzung war. Chruschtschow und Tito übten nun konzertiert einen immer stärkeren Druck auf andere Parteien, vor allem aber auf die ungarische Partei aus. Nur zwei Wochen nach dieser optimistischen Einschätzung sah sich Rakosi gezwungen, auf einer Sitzung des Parteiaktivs in einer ungarischen Stadt zu erklären, der Rajk-Prozeß sei überprüft worden; das Ergebnis sei die Feststellung, dass der Prozeß eine feindliche Provokation und unberechtigt gewesen sei. Das oberste Gericht habe Rajk und die mit ihm Verurteilten rehabilitiert.

Wie Mátyás Rákosi „abgeschossen“ wurde…

Rákosi hatte damit den ersten Schritt der von außen erzwungenen Selbstdemontage getan. Am 19. Mai 1956 mußte er vor dem Budapester Parteiaktiv in einem Referat „Über die Lage und die Aufgaben im Lichte des XX. Parteitages“ den nächsten Schritt mit einer „selbstkritischen“ Einschätzung seiner Arbeit und seines Verhaltens „zu bestimmten Fragen“ tun und gleichzeitig ausgerechnet am ungarischen Beispiel „nachweisen“, dass Stalins These von der Verschärfung des Klassenkampfes mit wachsenden Erfolgen – die gerade in Ungarn durch die Offensive des Revisionismus seit 1953 und verstärkt seit dem XX. Parteitag ihre nachdrückliche Bestätigung fand! – „falsch und schädlich“ sei. Chruschtschow und Tito verstärkten nun den Druck in Richtung Budapest, um den verhaßten Rakosi endlich vom Stuhl des 1. Sekretärs zu stoßen, damit der Weg für Imre Nagy frei werde. Tito reiste am 6. Juni nach Moskau, einen Tag später traf das sowjetische Politbüromitglied Suslow, der sich von einem „Stalinisten“ zu einem treuen Chruschtschow-Gefolgsmann entwickelt hatte, in Budapest ein. Die Auswirkungen zeigten sich auf dem nächsten ZK-Plenum der ungarischen Partei am 18. Juli 1956. Rákosis Stellvertreter Ernő Gerő verlas auf diesem Plenum einen Brief Mátyás Rákosis, in dem dieser bat, ihn von der Funktion als 1. Sekretär wegen „Fehlern in der Arbeit und Krankheit“ zu entbinden.

Die ungarischen Kommunisten versuchten sich zu wehren

Aber Tito und Chruschtschow waren damit unerwarteter Weise noch nicht am Ziel. Das ZK-Plenum wählte nämlich nicht ihren Kandidaten Imre Nagy zum Nachfolger Rakosis, sondern den nach Rakosi meistgehaßten Mann, Ernő Gerő. Der mußte, dem Zwang der Umstände gehorchend, auf diesem Plenum zwar erklären:

„Wir beabsichtigen, einen Brief an den Bund der Kommunisten zu senden, in dem wir feststellen: ´Wir bedauern tief, was geschehen ist. Wir ziehen unsere Verleumdungen zurück, mit denen wir in der gespannten internationalen Lage die Föderative Volksrepublik Jugoslawien und ihre Leiter bedachten. Wir schlagen vor, Verhandlungen zu beginnen…´“

Aber das konnte an dem Entschluß der beiden, ihn auch den Weg Rakosis gehen zu lassen, nichts ändern. Zunächst erzwangen sie auf dem nächsten ZK-Plenum der PdUW am 18.-21. Juli 1956 eine Erweiterung des ZK und des Politbüros [11] durch Aufnahme von jetzt rehabilitierten Tito-Sympathisanten, – zu denen auch Kadar gehörte –, womit die bisherige Mehrheit der Anti-Revisionisten in beiden Parteigremien gebrochen war. Und dann gingen sie gemeinsam an die Vorbereitung des letzten Schrittes, des Sturzes Gerős und der Rückkehr Imre Nagys in die Führungspositionen in Partei und Staat.

Die Verschwörung von Tito und Chruschtschow

Vom 19. bis zum 27. September verbrachte Chruschtschow seinen „Urlaub“ in Jugoslawien, am 25. September war er Gast Titos auf der Insel Brioni. Am 28. September revanchierte sich Chruschtschow als Gastgeber für Tito auf der Krim. Sie bereiteten sich beide auf die Verhandlungen mit Gerö vor, die dort am 2. Oktober 1956 stattfanden. Worum es bei diesen Gesprächen in Jugoslawien und auf der Krim ging, das hat Tito in einer Rede, die er am 11. November 1956 in Pula hielt, durchblicken lassen. Natürlich konnte er nicht die volle Wahrheit ausbreiten, vor allem durfte die wahre Rolle Chruschtschows nicht offen dargelegt werden. Aber es wird dennoch deutlich genug, daß bei diesen Gesprächen darüber beraten wurde, wer in den anderen sozialistischen Ländern tragbar sei und wer – vor allem in Ungarn – auf jeden Fall weg müsse.

Die Einmischung Titos in ungarische Angelegenheiten

Natürlich konnte gerade Tito, der immer jede Kritik aus anderen Parteien an seiner Politik als „Einmischung“ in die inneren Angelegenheiten seines Landes scharf zurückgewiesen hatte, das nicht offen zugeben. Deshalb formulierte er:

„Als dort – in Ungarn – die Unzufriedenheit auch in den Reihen der Kommunisten immer stärker auszubrechen begann, und als sie forderten, Rakosi solle gehen, da … waren die sowjetischen Genossen damit einverstanden, ihn abzusetzen. Aber sie machten den Fehler, nicht zuzulassen, dass auch Gerö und die sonstigen Anhänger Rakosis … abgesetzt würden.“

Es ging also eingestandenermaßen um die Erzwingung der Absetzung Gerös von außen! Offenbar hatte es um diese Zeit in der sowjetischen Führung auch noch ernsthaften Widerstand gegen Titos und Chruschtschows Forderungen gegeben, denn Tito sagte in der gleichen Rede:

„Aber wir haben das nicht so tragisch genommen, denn wir haben gesehen, dass das nicht die Haltung der gesamten Sowjetführung ist, sondern nur eines Teils. … Wir haben gesehen, dass diese Haltung von den Leuten aufgezwungen wurde, die ziemlich stark auf den Stalinschen Positionen standen und auch heute noch immer stehen, dass es aber noch immer die Möglichkeit gibt, dass in der Führung der Sowjetunion in einer inneren Evolution die Elemente siegen, die für eine kraftvollere und schnellere Entwicklung in Richtung auf eine Demokratisierung sind… Aus gewissen Anzeichen, aber auch aus den Gesprächen haben wir gesehen, dass diese Elemente nicht schwach, sondern stark sind.“ [12]

Der bewaffnete Putsch in Ungarn

budapest-konterrevolutionUm endlich in Ungarn ans Ziel – die Vertreibung Gerös von der Parteispitze und zugleich Hegedüs als Ministerpräsidenten – zu gelangen, griff man nun zu dem Mittel, das bereits in den Planungen Rajks als äußerstes Mittel vorgesehen war – zur Entfesselung des bewaffneten Aufstandes. In Polen und Ungarn hatte die vom XX. Parteitag der KPdSU ausgelöste „Entstalinisierungs“- und Rehabilitierungswelle im Laufe des Jahres 1956 antikommunistische und nationalistische Kräfte innerhalb und außerhalb der Partei zu immer offeneren Vorstößen ermuntert. In Ungarn begannen, inszeniert von Intellektuellen-Kreisen, die sich ja im so genannten „Petöfi-Klub“ ihr Zentrum geschaffen hatten, am 21. Oktober 1956 Studentenunruhen, denen sich auch Arbeiterdemonstrationen anschlossen, vor allem aber antikommunistischer Mob. Die Unruhen wurden zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, zum bewaffneten Aufstand und zur Jagd auf und Lynchmorden an Kommunisten, Staats- und Parteifunktionären eskaliert. Damit waren die Verhältnisse geschaffen, die ermöglichten, die schon im Rajk-Prozeß enthüllten Zielsetzungen im stufenweisen Vorangehen zu verwirklichen.

Der Revisionist Kádár gelangt an die Macht

Die erste Stufe war die Umbildung der Regierung am 24. Oktober 1956: Imre Nagy wurde zum Ministerpräsidenten ernannt, der bisherige Ministerpräsident Hegedüs zu seinem Stellvertreter degradiert. Am 25. Oktober wurde Ernő Gerő vom ZK der Partei der Ungarischen Werktätigen abgesetzt und János Kádár zum neuen 1. Sekretär gewählt. Der Aufstand hatte das erste von den Nagy-Leuten anvisierte Ziel erreicht: die Eroberung der Führung in Partei und Staat. Aber das ungehinderte Wüten des weißen Terrors gefährdete die Durchführung des Stufenplanes des allmählichen, „legalen“ Übergangs zur bürgerlichen Republik, beschwor die Gefahr eines radikalen „Rückschlages“, gestützt auf die Sowjet-Truppen im Lande, herauf.

Die reaktionäre Regierung verhängt den Ausnahmezustand

Deshalb verhängte die neue Regierung nun den Ausnahmezustand und rief sogar die Sowjettruppen zu Hilfe zur „Wiederherstellung der Ruhe“ im Lande. Am 30. Oktober zogen sich dann die Sowjettruppen auf die Forderung Imre Nagys hin aus Budapest wieder zurück. Am nächsten Tage, am 31. Oktober, nachdem schon mehrere Stufen bis zur fast völligen Wiederherstellung eines bürgerlichen Ungarn bewältigt worden waren, hielt Nagy vor dem auf dem Parlamentsplatz versammelten Volk eine Rede, in der er ausführte:

„Wir haben die Bande Rákosi-Gerő vertrieben. Diese Bande hat versucht, mich zu beschmutzen; sie hat erklärt, ich hätte die sowjetische Intervention verlangt. Das ist falsch. Im Gegenteil: Ich war es, der den sofortigen Abzug der sowjetischen Truppen verlangt hat. Heute beginnt die Konferenz über die Abschaffung des Warschauer Paktes und über den Abzug der Russen aus unserem Lande.“
Vor Journalisten erklärte er dann danach: „Wir haben die Möglichkeit, den Warschauer Pakt auszulöschen. Es kann sein, dass Ungarn zu einem neutralen Kern in Mitteleuropa wird. Wir müssen uns auf die materielle Hilfe des Auslandes stützen.“ [13] Kennen wir diese Melodie nicht schon aus den Aussagen Szönyis?

Eine neue konterrevolutionäre Regierung in Ungarn

Aber wir haben vorgegriffen: nach der Eroberung der Führungspositionen in Partei und Regierung am 24. Oktober war erst einmal die nächste, zweite Stufe zu nehmen: Die Bildung einer neuen ungarischen Regierung, der erstmals auch zwei bürgerliche Minister, ehemalige Funktionäre der konterrevolutionären Partei der kleinen Landwirte, angehörten. Das geschah am 27. Oktober. Als eine weitere, dritte Stufe kann die Bildung eines „Sechserkomitees“ durch das ZK am 28. Oktober betrachtet werden, dessen Bildung praktisch die Ausschaltung des ZK und der Mitgliedschaft bei der weiteren Festlegung der Politik der Partei bedeutete. Vorsitzender dieses exklusiven Komitees war János Kádár, und natürlich gehörte ihm auch Imre Nagy an. Gelegentlich der Gründung des Sechserkomitees äußerte Nagy, es sei nicht wahr, dass das, was sich in Ungarn ereigne, eine Konterrevolution sei. Es sei das vielmehr „eine demokratische Bewegung, die unsere ganze Nation erfaßt hat, um unsere Unabhängigkeit zu sichern.“

Die angebliche „Rückkehr zur Demokratie“

Eine vierte, große Stufe wurde am 30. Oktober mit der Bildung des „engeren Kabinetts“ innerhalb der Regierung genommen, denn sie bedeutete den Übergang zu einer bürgerlichen Koalitionsregierung aus Vertretern von vier Parteien: der Partei der Ungarischen Werktätigen, der wieder zugelassenen Partei der kleinen Landwirte, der Nationalen Bauernpartei und der wieder gegründeten Sozialdemokratischen Partei. Kádár erklärte als 1. Sekretär der Partei der Ungarischen Werktätigen aus diesem Anlass, die Wiederzulassung der bisher verbotenen Parteien und die Abhaltung freier Wahlen bedeute eine „Rückkehr zur Demokratie“.

„Er forderte die Mitglieder seiner Partei auf, mit den Freiheitskämpfern zusammenzuarbeiten“ [14] – also mit den Henkern seiner Genossen! Noch am 3. November wüteten diese „Freiheitskämpfer“ so, dass Radio Budapest sich veranlaßt sah, die Bevölkerung aufzufordern, „mit den summarischen Hinrichtungen aufzuhören“ und daran „zu erinnern“, „daß niemand ohne vorherige gerichtliche Verurteilung hingerichtet oder ins Gefängnis gesteckt werden dürfe.“ In der Pressemitteilung heißt es dazu weiter: „Es war berichtet worden, dass von den Aufständischen auf Mitglieder der Sicherheitspolizei und kommunistische Führer Jagd gemacht werde und dass hierbei Personen gelyncht oder eingekerkert wurden.“ [15]

Der Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag

Nächste Stufe: Am 1. November 1956 gab Nagy bekannt, „daß Ungarn mit sofortiger Wirkung den Warschauer Pakt kündigt und die Neutralität Ungarns proklamiert“. Zugleich richtete er ein Schreiben an den Generalsekretär der UNO, in dem er diesem mitteilte, er habe den sowjetischen Botschafter Andropow zu sich gerufen und ihm erklärt, daß die ungarische Regierung den Warschauer Pakt aufkündigt, die Neutralität Ungarns proklamiert und sich an die Vereinten Nationen wendet, um die Hilfe der vier Großmächte zur Verteidigung seiner Neutralität zu erlangen. Er gab gleichzeitig bekannt, daß er selbst das Außenministerium übernehme, „um eine entsprechende Politik hinsichtlich des Warschauer Paktes zu gewährleisten.“ [16] Damit hatte er nicht nur die Durchführung des Plans seines Vorgängers Rajk, sondern auch dessen Amt als Außenminister übernommen.

Die „Sozialdemokratisierung“ Ungarns

Einen Tag später, am 2. November, tagte die Leitung der Partei der Ungarischen Werktätigen und gründete sich – da es ja nun wieder eine legale sozialdemokratische Partei im Lande gab – um; sie nannte sich nunmehr „Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei“ (USAP). Ihrem Vorstand gehörten außer János Kádár auch Imre Nagy und andere Mitglieder der Führung der bisherigen Partei der Ungarischen Werktätigen an. Danach nahm Kádár in einer Radioansprache eine sehr widersprüchliche Haltung ein. Zum einen bekräftigte er den revisionistischen Grundkurs der Verteufelung der Rákosi-Führung mit den Worten:

„Unsere Partei bricht für immer mit den Verbrechen der Vergangenheit und wird gegen alle die Ehre und die Unabhängigkeit Ungarns verteidigen.“ Das war eine Bekräftigung der Nagy-Erklärung über den Austritt aus dem Warschauer Pakt und über die Neutralität Ungarns. Er fuhr fort: „Die ungarische Jugend“ – damit waren die Studenten gemeint, die den Aufstand begannen! – „hat nicht ihr Blut vergossen,“ – im Kampf gegen die bewaffneten Kräfte der Volksrepublik Ungarn! – „um die Tyrannei von Rákosi durch die Tyrannei einer Gegenrevolution zu ersetzen. Wir haben nicht gekämpft, damit aus den Händen der Arbeiterklasse die Bergwerke und die Fabriken und aus den Händen der Bauernschaft der ihnen zugeteilte Boden wieder genommen werden. Wir wollen nicht wieder in die Sklaverei des alten Regimes der feudalen Herrenklasse fallen.“ Mit Bezug auf die schon am Vortage durch Radio bekannt gegebene Nachricht, dass neue Einheiten der Sowjetarmee nach Ungarn verlagert worden seien, sagte Kadar, „es bestehe die Gefahr, daß die Intervention einer ausländischen Macht unserem Land das Schicksal Koreas bereitet.“ [17]

Der Weiße Terror in Ungarn verschärft sich

Diese insgesamt vieldeutige Erklärung läßt darauf schließen, daß sich Kádár und andere nun auch auf die Möglichkeit einstellen, daß die von ihnen als Regierungsmitglieder mitgetragene Politik Nagys doch noch am Eingreifen der Sowjetunion scheitert und deshalb eine Rückzugsstellung vorbereitet werden mußte. Denn inzwischen hatte, nach der Proklamation des Austritts aus dem Warschauer Pakt, der weiße Terror eine bisher ungekannte Steigerung erfahren. Am 2. November berichtete der Reuter-Korrespondent:

„Seit gestern herrscht Menschenjagd in den Straßen von Budapest.“ Systematisch wurden Menschen „gehetzt, gejagt und wie Hunde erschlagen, an Laternen und Balkons aufgehängt. Szenen, die an die Wiederkehr der ´Weißen´ in Ungarn von 1919 erinnern, spielen sich im ganzen Lande ab.“ [18]

Nie in meinem Leben werde ich diese Tage anfangs November 1956 vergessen, in denen ich zusammen mit meinen Genossen und Kollegen Tag für Tag im Radio mit Entsetzen und ungläubigem Zorn die Schreckensnachrichten über die Kommunistenjagd und die Mordorgien der weißen Banden in Budapest verfolgte und wir uns immer wieder fragten: Wie ist es nur möglich, daß dies alles geschehen kann, obwohl die Panzer der Roten Armee im Lande stehen? Wie kann man sich das früher ganz und gar Unmögliche erklären, daß die Armee der Sowjetunion Gewehr bei Fuß zusieht, wie Kommunisten von weißen Banditen gelyncht und aufgehängt werden? Wann werden sie denn dem endlich Einhalt gebieten?

Ein Strafprozeß gegen die eigenen Komplizen

Am 4. November 1956 – unverständlich spät! – war es endlich so weit: Die Sowjetarmee griff ein und zerschlug alle Hoffnungen der Nagy und ihrer Hintermänner in Belgrad, Washington und Bonn und wo sonst noch immer. Offenbar in Absprache mit sowjetischen Stellen hatte János Kádár am gleichen 4. November sich von Nagy abgesetzt und von Szolnok aus eine „revolutionäre Gegenregierung“ ausgerufen, der er als Ministerpräsident vorstand. [19] Imre Nagy und einige andere seiner Minister und Anhänger offenbarten nun auch noch ganz unzweideutig, in wessen Interesse und Auftrag sie gehandelt hatten, indem sie in die jugoslawische Botschaft flüchteten. Von dort aus wollten sie nach Jugoslawien ausreisen. Aber der Bus, in dem sie am 22. November die Reise antraten, landete statt in Belgrad in Bukarest. [20] Erst 1958 lieferte die rumänische Regierung Nagy den ungarischen Behörden aus, und nun erhielt auch er – wie seinerzeit Rajk – seinen Prozess, diesmal aber nicht unter Máyás Rákosi als Parteichef, sondern unter seinem ehemaligen Mitverschworenen, János Kádár – der ihm gerne geholfen hätte, aber nicht helfen konnte, wollte er seine eigene Stellung an der Spitze der Partei und der Regierung nicht gefährden. [21] Der Prozeß wurde am 6. Februar 1958 eröffnet als „Strafprozess Imre Nagy und Komplizen“, und wurde am 15. Juni mit dem Todesurteil gegen Nagy und weitere drei Angeklagte und Freiheitsstrafen von 5 Jahren bis lebenslänglich gegen weitere fünf Angeklagte beendet.

Die Vollendung der Konterrevolution

Nachdem so auch der zweite Versuch der Durchführung des Programms gescheitert war, dessen Umrisse im Rajk-Prozeß enthüllt worden waren, ergab sich erst nach vier Jahrzehnten, 1989/90, die Gelegenheit zum dritten, diesmal – dank Gorbatschow – erfolgreichen Versuch zu dessen Vollendung. Wiederum fanden sich „gestandene Kommunisten“, die ihr ganzes politisches Leben „im Dienste der Partei“ verbracht hatten, die sich jetzt mit Eifer der Beseitigung der Volksrepublik Ungarn und ihrer Umwandlung in das heutige kapitalistische Ungarn widmeten und auch mit sichtlichem Vergnügen dabei halfen, die sozialistische Ordnung in anderen Ländern, wie z.B. der DDR, zu untergraben und zum Einsturz zu bringen. Es genügt, an den damaligen ungarischen Außenminister Gyula Horn zu erinnern, der sich in diesem Jahr des 10. „Jubiläums“ der Grenzöffnung zu Österreich, die er am 27. Juni 1989 gemeinsam mit dem österreichischen Außenminister Mock vollbracht hatte, feiern ließ, und der als Ministerpräsident des „neuen“, in Wahrheit alten, kapitalistischen Ungarn, der er zeitweilig war, das Land so regierte, daß man meinen konnte, er benutze das Rajksche Drehbuch der Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung als Vorlage.

Das Urteil der Geschichte

Die Geschichte selbst hat also die Anklagen im Rajk-Prozeß als begründet, die Rehabilitierung der Verurteilten dagegen als konterrevolutionäre Geschichtslügen offenbart, deren Wirkung auf die Massen die nachträgliche Durchführung des Programms der Rajk und Komplizen ermöglichen sollte und zum Unglück des ungarischen Volkes schließlich auch ermöglicht hat. Wer wissen will, wohin die nach dem XX. Parteitag und erneut nach dem Sieg der Konterrevolution von 1989/90 Rehabilitierten das Land führen wollten, der sehe sich an, wohin die Rehabilitierer es geführt haben!

[1] A.Y. Wyschinski, stellv. Außenminister der UdSSR, im Sommer 1948 über die Beziehungen Jugoslawiens zur Sowjetunion: „Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland wurden zwischen der Sowjetunion und Jugoslawiens die brüderlichsten Beziehungen hergestellt, es wurden wichtige Beschlüsse gefasst, Jugoslawien wirtschaftlich, militärisch und politisch in der internationalen Arena zu helfen, das wir als einen unserer treuesten und ideologischen Verbündeten betrachteten.“ Zitiert in: Enver Xoxha, Die Titoisten, Tirana 1983, S. 587.
[2] Ausführlich dazu: Enver Hoxha, Die Titoisten, S. 301-556.
[3] Ausführlich dazu: Ebenda, S. 557-632.
[4] Zitiert aus: Klaus Steiniger, Tops und Flops. Die Geschäfte der USA-Geheimdienste, Berlin 1998, S. 38f. (Hervorhebungen von mir, K.G.)
[5] Zitiert aus: Laszlo Rejk und Komplizen vor dem Volksgericht, Berlin 1949, S. 193, 195 ff
[6] Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!, Nr. 27/1953. Im Sender „SFB“ wurde am 15.6.1983 in einer Sendung berichtet, Chrustschow habe von Rakosi die Ernennung Imre Nagys zum Ministerpräsidenten verlangt.
[7] Für dauerhaften Frieden,… Nr. 28/1953
[8] Für dauerhaften Frieden,…, Nr. 10/1955
[9] Archiv der Gegenwart, S. 5292
[10] Für dauerhaften Frieden…, Nr. 50/1955
[11] Neues Deutschland v. 24.7.1956
[12] Archiv der Gegenwart, S. 6106
[13] Archiv der Gegenwart vom 4. November 1956, S. 6069
[14] Ebenda, S. 6068
[15] Ebenda, S. 6070. Zur Konterrevolution in Ungarn siehe auch die vier Hefte des Informationsbüros des Ministerrates der Ungarischen Volksrepublik: Die konterrevolutionären Kräfte bei den Oktoberereignissen in Ungarn; ferner: Die konterrevolutionäre Verschwörung von Imre Nagy und Komplizen. Dieser vom gleichen Büro herausgegebene Band enthält einen großen Teil der Materialien des Prozesses gegen Imre Nagy.
[16] Archiv der Gegenwart, S. 6069
[17] ebenda
[18] Hans Adler, Zwischen Kairo und Budapest. Die Geschichte einer Verschwörung. Berlin 1957, S. 84f.
[19] Archiv der Gegenwart, S. 6071
[20] Die jugoslawische Version der Entführung Nagys und der mit ihm in die jugoslawische Botschaft Geflüchteten und der jugoslawische Protest ist im „Archiv der Gegenwart“, S. 6117f. Wiedergegeben.
[21] Im Deutschlandfunk wurde am 16.6.1983 in der Frühsendung 8.30 Uhr behauptet, Kadar habe sich vergeblich darum bemüht, das Todesurteil gegen Nagy zu verhindern.

Quelle: http://kurt-gossweiler.de/?p=759

pdfimages  Die Konterrevolution in Ungarn

Siehe auch: Die blutige Fratze der Konterrevolution

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20 Antworten zu Kurt Gossweiler: Die Konterrevolution in Ungarn

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Wohin fuhr der DDR-Bürger eigentlich am liebsten in den Urlaub? Richtig, nach Ungarn, an den Balaton. Ich hatte mit einer Genossin gesprochen und sie gefragt, warum sie ausgerechnet so gerne nach Budapest in den Urlaub fährt, zumal es nicht das erste Mal war. Ihre Antwort verblüffte mich doch etwas: Weil sie in Ungarn das Gefühl der Gepflegtheit habe, die ganze Atmosphäre unterschiede sich von der der DDR, die ganzen schönen alten Bauten, und der Kellner leckt ihr die Füße wegen des Bakschisch. Kurz, sie habe in Ungarn immer das Gefühl, sie sei im Westen. Damit man sie nicht als DDR-Bürgerin erkenne, spräche sie immer nur Englisch. Ich sagte: Dann zieh doch gleich um, dann hast du, was du suchst, dein ganzes Leben lang. O nein, sagte sie, in Ungarn sind doch die Mieten zu teuer, die könne sie sich nicht leisten, das ganze Leben dort sei zu teuer. Was Ungarn angeht, muss meine Genossin irgendwas nicht verstanden haben, aber ihre Moneten konnte sie noch zusammenzählen.

    Die Vorgänge in Ungarn trugen nicht unwesentlich dazu bei, mir über einiges klarzuwerden, ich war ja 1956 erst 15 Jahre alt und habe Kurt Gossweiler als Historiker ja erst nach 1989 gelesen.
    Das aber hoffentlich gründlich. Danke, Sascha, fürs Einstellen. Gossweiler ist, seit ich seine Analysen gelesen habe, so etwas wie das tägliche Brot für mich.

  2. Vorfinder schreibt:

    Ende der 70er Jahre hatten wir in unserem Kombinat einen Kollegen aus Ungarn. Er sprach wiederholt, aus der einen Hand in eine Peperoni beißend, gleich nach, aus der anderen Hand von einem Stück Streuselkuchen naschend, von Ungarn aus wird auch der Sozialismus in der DDR ruiniert werden. Wir hielten diesen Alarm (?) für Puszta-Geschichten.

    So mancher unserer Bürger der im Urlaub nach Ungarn reiste, hatte damals die Illusion, es konnten eines Tages die Annehmlichkeiten des Sozialismus in der DDR erhalten werden, jedoch gepaart mit einem freundlichen Kapitalismus.

    Diesen Tendenzen zur Verblödung und Unachtsamkeit hat unser Staat damals nicht das Nötige entgegengesetzt. Wenn wir heute sehen, dass z.B. die PdL ja selbst jetzt noch ausgibt, es könne einen Kapitalismus mit menschlichen Antlitz geben (so nur die LINKE mitregiere), ist fraglich, was uns damals, in unserem Staat, überhaupt an Aufklärung unser Bürger hätte besser gelingen können, da doch heute die meisten Menschen in dieser BRD jeden Morgen live von den herrschenden Verhältnissen erstmal einen Schlag in den Magen bekommen, und dennoch kaum kapieren, dass der schlechteste Sozialismus immer noch besser ist, als der beste Kapitalismus.

    Kurt Gossweiler früher und in der Breite zu lesen, wäre, zumindest noch in der DDR, wohl ein Wirkmittel gewesen. Die meisten ja (ähnlich wie Du es beschreibst, Hanna) haben zu spät angefangen Kurt Gossweiler zu lesen – allerdings gab es vor ´89 auch noch nicht viel von Gossweiler öffentlich zu lesen, so man nicht im Forschungsfeld tätig war. Oder man hatte das Glück, wie ich innerhalb einer FDJ Veranstaltung, Kurt Gossweiler (1984) auf einer Konferenz zu erleben. Damals aber ahnte ich nicht und kaum wer, was alles wir hätten diesen Genossen fragen sollen und was er uns hätte an Wissen, an passenden Fragen, hätte abgeben können.

    Dennoch hatte ich bereits damals als junger Mensch die Wahrnehmung, wir waren viele, die zu wenige waren. Gorbatschow machte schließlich die Fronten deutlich, mit jedem Jahr deutlicher, die es insbesondere in unser Partei gab. (Allerdings empfand ich die SED wenigstens noch als unsere Partei – auch wenn die Kräfteverhältnisse längst gegen uns standen. Nach der Konterrevolution, war es dann, mit der Erfindung der PDS, nicht mal mehr, dass wir hätten darum ringen können, dass dies Feindliche unsere Partei sein könnte. Und besser geschafft haben wir es heute nicht. Nur das die Welt näher da ist, was Marx damit beschrieb, wenn er sagte, es kann auch in der Barbarei enden.)

  3. Karl-Heinz Schulze schreibt:

    Kurt Großweiler hat unabhängig von anderen Linken wie der MLPD in der BRD Ursachen und Wirkungsweise der „Konterrevolution auf Katzenpfoten“ analysiert und treffend dargestellt. Zu fast gleichen Ergebnissen kam und kommt die Analyse von Willi Dickhut und die MLPD. Damit sollten sich ruhig und sachlich alle Menschen befassen, welche sich dem Sozialismus und der Lehre unserer Klassiker verpflichtet fühlen.

    • sascha313 schreibt:

      Irrtum, Herr Schulze! Willi Dickhut und die MLPD kamen nicht zu gleichen Ergebnissen wie Kurt Gossweiler. Im Gegenteil: Die MLPD war der Meinung, daß „in der DDR der Kapitalismus restauriert worden“ sei und „eine Form des bürokratischen Kapitalismus geherrscht“ habe. Das ist natürlich zunächst eine grobe Entstellung der Tatsachen. Das deckt sich im übrigen mit der Meinung der Trotzkisten, die seit eh und je den Beginn der restaurativen Entwicklung in der Sowjetunion nicht erst beim XX. Parteitag der KPdSU und bei Chruschtschow ansetzen, sondern schon bei Stalin. Andersherum müßte man glattweg annehmen, der Sozialismus sei unmittelbar nach 1956 spurlos aus der Geschichte gelöscht worden, und dies ist natürlich ein geradezu lächerliches Argument – so als habe der Sozialismus schon immer auf tönernen Füßen gestanden.

      Hingegen schrieb Kurt Gossweiler (mit o und doppel-s – und ohne r): „Chruschtschows Machterschleichung bedeutete eine große Gefahr für den Sozialismus, aber noch keineswegs die Liquidierung des Sozialismus und die Umwandlung der Sowjetunion in einen kapitalistischen Staat.“ (K.G. „Zu den Positionen der MLPD“) Der Sozialismus und die Sowjetunion gingen aus dem Großen Vaterländischen Krieg trotz einschneidender personeller und materieller Verluste moralisch gestärkt hervor!

      Auch diffamiert die MLPD den Genossen Gossweiler, indem sie behauptet, er vertrete einen „neorevisionistischen Standpunkt“, was geradezu absurd ist. Damit nimmt die MLPD – wobei sie die Rolle Stalin insgesamt nicht ganz so verächtlich sieht, wie das die Antikommunisten in der Linkspartei und der DKP tun – geradezu einen verhängnisvollen Standpunkt im Klassenkampf ein. Willi Dickhut ist da nicht viel besser (auch wenn er weit davon entfernt ist, ein Klassiker des Marxismus zu sein!), indem er, wie auch sein Adlatus Stefan Engel davon ausgeht, die Sowjetunion sei eine „sozialimperialistische Supermacht“ gewesen.
      Wir wollen es an dieser Stelle dabei bewenden lassen und empfehlen nachdrücklich das Studium der „Taubenfußchronik“ (und nicht Katzenpfotenchronik, Herr Schulze!) von Dr. sc.Kurt Gossweiler!

      • Vorfinder schreibt:

        Lieber Sascha, ich sah erst jetzt, dass sich wieder wer tummelt, das Werk von Kurt Gossweiler zu entstellen, ohne dass diese Leute wohl auch nur eine Zeile in dem Unverzichtbaren gelesen haben, was Kurt Gossweiler erarbeitet hat. Wann aber kam es schon vor, dass diese Leute die Wahrheit akzeptieren wollen. Nun war es wieder an Dir, die Dinge auf die Beine zu stellen und Tatsachen zu nennen. Danke für all die wache Arbeit!

        Wir sehen aber auch, wenn der Feind immer und immer wieder solche Anstrengungen der Entstellungen und Verleugnungen unternimmt, heizt die Flamme unserer Sache da ordentlich ein.

      • sascha313 schreibt:

        Klar, der Herr Genosse Schulze hatte sicher den Auftag, ein bißchen Werbung für die MLPD zu machen. Doch bevor es in deren Reihen keine Klarheit gibt (ich nenn’s mal so!), werden wir nicht zusammenkommen. Da hat Kurt schon vorgesorgt🙂

  4. Rolf schreibt:

    Vielleicht ist es notwendig, dass wir erst den Kapitalismus am eigenen Leibe verspüren müssen. Täglich, jeden Tag, immer wieder …
    Hauptsache wir verstehen es und lernen auch etwas daraus.
    Rolf, der Waldschrat

    • sascha313 schreibt:

      Wäre der Kapitalismus das „Tal der Tränen“, das man durchschreiten muß, um zur „Erleuchtung“ zu kommen, dann hättest Du recht, lieber Rolf. Doch nicht durch die persönliche Erfahrung mit dem Kapitalismus wächst der Klassenkampf, sondern durch die Stärkung des Klassenbewußtseins. Man muß also, wie das auch Lenin und Stalin immer wieder sagten, den Marxismus in die Massen hineintragen!

  5. Rolf schreibt:

    Richtig Sascha!
    Das erleben des Kapitalismus „Am eigenen Leibe“, die Kriegstreiberei,die Unmenschlichkeit und und und, sind für mich schon ein Schritt auf dem Weg zum Klassenkampf. Manch ein DDR-Bürger brüllte zur sogenannten 1. freien Wahl: „Sieg, Sieg … “ weil die CDU gewann. Heute sehen die Meinungen oftmals anders aus, man hat die „Wahlversprechen“ erlebt. Hier kommen für mich auch die Wiedersprüche des Kapitalismus zum Vorschein. Natürlich – ich merke das jeden Tag – wollen viele nur ihre „eigenen Wünsche – ihre eigene Demokratie“ – verwirklicht haben.

    Ich versuche da – nicht immer aber manchmal – auch einen Ansatz zum Bewusstsein, zum Klassenkampf zu finden. Ich gebe zu, ich bin kein Meister der Klassiker des ML, ich versuche mit dem „VOLK“ Klartext zu reden. Ich versuche sie auf ihrem jetzigen Niveau anzusprechen.
    Das sind mal so meine Gedanken dazu …
    Rolf, der Waldschrat

  6. Hanna Fleiss schreibt:

    Rolf, ich bezweifle, dass das „Erleben des Kapitalismus“ schon etwas bewirkt in den Köpfen. Eher tritt das Gegenteil ein, Resignation. Aber es ist gut, wenn du mit Leuten sprichst. Wie aber willst du es machen, wenn du selbst kein Fundament hast, das dir beim Sprechen mit den Leuten hilft?
    Ich bin nicht der Ansicht, dass auswendig gelernte marxistische Zitate dabei helfen könnten, aber den Sinn musst du schon erfasst haben, um Klartext reden zu können, denke ich. Mal die Nase ins Buch stecken..

    • Doed schreibt:

      Jepp,
      der Sinn ist wichtig und den kann man dann in die Worte packen, wie man quasi sozialisiert ist. Auswendiglernerei ist für die Leute, die nicht nachdenken brauchen oder wollen. Der Marxismus scheitert genau an der wissenschaftlichen Komponente. Er ist durchdacht, aber nicht breit zugänglich. Ich bin mit dem westlichen System aufgewachsen und wurde darin erzogen. Mit allen kleinen Sprüchen, die den Kapitalismus so toll dastehen lassen, aber nichts als Halbwahrheiten sind. „Wettbewerb belebt das Geschäft, ist Anreiz zu Innovationen“, „Der Staat wirtschaftet schlecht“ usw.

  7. sascha313 schreibt:

    Rolf, es gibt eigentlich einen ganz einfachen Weg, um sich diese Wissenschaft des ML zu verinnerlichen: Hanna schrieb es schon: lesen! Und zwar queerbeet alles, was Dir in die Hände fällt von Marx, Engels, Lenin, Stalin. Du wirst sehr schnell feststellen, daß sich überall der gleiche Gedanke durchzieht: Dialektik, Logik, Materialismus und von da zur Praxis, zur Gegenwart – demnach Prinzipientreue. Da bist Du gefeit gegen alle möglichen unwissenschaftlichen Ideen (an denen es heute ja wahrlich nicht mangelt!)

    Mir hat mal eine Lehrerin gesagt: Wenn man gute Noten haben will, dann muß man auch mal was auswendig lernen (gemeint hat sie … auch wenn man’s nicht immer versteht!) Das mag ja heute richtig sein, aber ich habe da ganz große Bedenken! Jede Sache hat ihre eigene Logik. Und nicht ohne Grund hat man in der „Stalinzeit“ bereits in der Mittelschule Logik unterrichtet (was nach Chruschtschow schnellstens abgesetzt wurde). Wer logisch an eine Sache herangeht und die Dinge im Zusammenhang sieht, der hat den Schlüssel in der Hand, um auch die innewohnenden Gesetzmäßigkeiten und Regeln in Natur und Gesellschaft zu kapieren.

    Das ist gemeint, wenn Lenin sagt: „Die Logik ist die Lehre nicht von den äußeren Formen des Denkens, sondern von den Entwicklungsgesetzen ‚aller materiellen, natürlichen und geistigen Dinge‘, d.h. der Entwicklung des gesamten konkreten Inhalts der Welt und ihrer Erkenntnis, d.h. Fazit, Summe, Schlußfolgerung aus der Geschichte der Erkenntnis der Welt.“ (W.I. Lenin: Konspekt zu Hegels „Wissenschaft der Logik“ in: LW: Bd.38, S.84) – und so ist auch Gossweiler an die ungarischen Ereignisse herangegangen.
    Und „wissenschaftlich“ heißt ja nicht „unverständlich“, Doed!

  8. Vorfinder schreibt:

    Doed, ich verstehe nun nicht, was Du sagen willst. Der Marxismus, behauptest Du, scheitert daran, dass er eine Wissenschaft ist? Wäre er unwissenschaftlich, dann wäre er in der Breite zu verstehen? Wo hast Du das n nur her – das glaubst Du doch nicht wirklich. Bei all dem, was der Kapitalismus gegen die Wand fährt, meinst Du die stehen toll da mit Sprüchen? Wenn Du da nicht die Werbung beschreibst, ist es doch bloßer Selbstbetrug.

    Sascha sagt es: lies von den Klassikern, was Dir gerade in die Hände kommt. Oder nimm ein Thema, welches Dich gerade interessiert und lies dazu bei den Klassikern. Als ich noch Schüler in der POS war (ja, ist länger her) war das erste Buch der Klassiker, welches ich damals las, jenes hier, das saß.
    Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats.

    • Doed schreibt:

      Ich habe nie geschrieben, dass er an der Wissenschaftlichkeit scheitert. Er muss aber „hinausgetragen“ werden. Dafür gab’s Zeitungen, Parteien, Gewerkschaften etc. Nicht jeder hat die Lust oder Nerven sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen. Das ist nunmal ein Fakt, mit dem man umgehen muss. Schon gar nicht, wenn die Leute im vorhinein Zweifel haben. Viele Menschen leben derzeit einfach ihr Leben und schnappen bestenfalls irgendwelche Ansichten auf.

      • sascha313 schreibt:

        Du hast recht Doed, wenn man dann solche Vorträge (wie den von Prof. Mausfeld) hört, wo man sich sehr auf jeden Satz konzentrieren muß, und bevor man darüber nachdenken kann, schon der nächste, ebenso gedankenschwere Satz folgt, kommt für die meisten schon bald der Punkt, wo sie „abschalten“. Was bleibt davon hängen? Wenig.

        Wer die ganze Woche schwer arbeitet, muß irgendwann abschalten – völlig klar. Wissenschaftlichkeit ist kein Widerspruch zu Einfachheit. Die klügsten Gedanken sind einfach ausdrückbar. Und das ist ja auch die Chance, daß der Marxismus die Massen erreicht und verstanden wird!!! Bemühen wir uns also um EINFACHHEIT im Ausdruck!

  9. Rolf schreibt:

    Eure Ausführungen stimmen, mancher versteht es vielleicht anders …
    Es gibt eine klare Linie – die Klassiker – aber dies in der jeweiligen Situation anzuwenden ist nicht einfach. Und es dem Volk verständlich zu machen – mit ihren Worten zu sagen – schon gar nicht.

    Ich verstehe euch alle – aber EINS macht mir etwas Sorge – IHR versteht euch untereinander manchmal nicht so richtig. Das ist nicht zu vergleichen – aber – erinnert mich aber an meine DDR-Zeit. Ich könnte jetzt mindestens 12 Seiten schreiben um das zu erklären. Würde das jeder von euch auch so verstehen?

    Für die kalte, dunkle Jahreszeit habe ich mir vorgenommen, Sascha mal einen längeren Text zu schicken. Er kann das ja dann mal einstellen, als einen Brief von „Anonymus Möchtegernkommunist“ … oder so … Übrigens: Ich habe hier einen guten Platz für meine Gedanken gefunden …
    Rolf, der Waldschrat

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