Elena Prudnikowa: Die Story der Fälscher

Iljuchin

DIE STORY DER FÄLSCHER

Elena Prudnikowa

16.09.2010

Auf Kommunisten-online am 2. Oktober 2010 – Vor einem Monat wandte sich ein unbekannter Mann an den stellvertretenden Vorsitzenden des Duma-Komitees für Sicherheit, Viktor Iljuchin (im Bild oben rechts). Er erklärte, daß er Anfang der 90er Jahre an der Fälschung von Archivmaterialien über die Erschießungen in Katyn teilgenommen habe. Bekanntlich waren ein entscheidender Faktor für die Anerkennung der Schuld der UdSSR an der Erschießung der polnischen Offiziere die in den Archiven des NKWD, des KBG und des Politbüros entdeckten Dokumente, in denen auf Vorschlag des Volkskommissars für innere Angelegenheiten, Lawrentij Berija, und mit Billigung des Politbüros die Vernichtung von 11.000 Polen beschlossen wurde. Nach den Worten des Gesprächspartners Iljuchins seien der Auftrag und die Texte vom Kreml „angeordnet“ worden, und eine Gruppe von Fälschern, bestehend Vertretern der Sonderdienste und aus Mitarbeitern der Geschäftsleitung des Präsidenten Jelzin, gewährleistete die technische Seite.

Die Aufgaben wurden durchgeführt unter Berufung auf den Leiter des Staatsarchives, Rudolf Pichoja, den Vorsitzenden der außerordentlichen Kommission für die Aufdeckung der Dokumente der KPdSU, den Informationsministers der Russischen Föderation, Michail Poltoranin, und den ersten stellvertretenden Leiter des Sicherheitsdienstes des Präsidenten der Russischen Föderation, Georgij Rogozin. In den Jahren von 1991-1996 hielt sich die Gruppe der Fälscher in der Siedlung Nagornyj bei Moskau auf, wo sich die Wochenendhäuser des ZK der KPdSU befanden, dann zogen sie irgendwohin um, und sie arbeiten möglicherweise bis jetzt. Zur Bestätigung dieser Aussage wurden Blanko-Formulare für Dokumente des NKWD und des ZK der WKP( B ), Petschaften, Stempel und – was das wesentlichste war – eine Archivmappe mit den Dokumenten aus dem Spezialarchiv vorgelegt.

Wiktor Iwanowitsch, warum hat sich dieser Mensch gerade an Sie gewendet?
Ich kannte ihn noch aus der Zeit meiner Arbeit in der Staatsanwaltschaft, wo ich mich mit der Kontrolle der Organe der Staatssicherheit beschäftigte.

Haben Sie ihn wiedergetroffen?
Ja, regulär. Er erinnerte sich an weitere Details der Arbeit in der Gruppe der Fälscher. Und ich habe mir angewöhnt, ihn jeden Morgen anzurufen, um zu klären, ob alles mit ihm in Ordnung ist.

Hat irgendeiner der Verantwortlichen auf Ihre Veröffentlichungen reagiert?
Bis heute niemand – außer dem derzeitigen Direktor des Staatsarchiv der Russischen Föderation, Sergej Mironenko, der erklärte, daß dies eine krankhafte Einbildung Iljuchins sei, und daß die gefundenen Dokumente in keinerlei Beziehung zu den Archiven stünden. Ich habe daraufhin angeboten: Falls er in dieser Mappe kein einziges Dokument finden sollte, das zur Aufbewahrung in den Archiven berechtigt ist, so bin ich bereit, mein Mandat als Deputierter abzugeben. Andernfalls soll auch er sich von seiner Arbeit verabschieden.

Bis zum heutigen Zeitpunkt wurden ein Vielzahl gröbster Fälschungen mit Archivnummern veröffentlicht. Und die Archivhaltung ist dermaßen kompromittiert, daß sie besonders bei polemischen Fragen in den Augen seriöser Forscher oft keinen Wert mehr hat…
Die Frage der Unversehrtheit der Dokumente in unseren Archiven ist heute eine der peinlichsten. Wir finden beispielsweise immer mehr Bestätigung dafür, daß Dmitrij Wolkogonow in seiner Zeit als stellvertretender Leiter der politischen Verwaltung des Verteidigungsministeriums der UdSSR Dokumente mit dem Vermerk „Streng geheim“ und „Geheim“ in die Parlamentsbibliothek der USA ausgeführt hat. Heute sind diese Dokumente in den USA zugänglicher als in Rußland. Mn hat sie bei uns auch nicht freigegeben, einige schon ganz und gar nicht. Es gibt Informationen darüber, daß Wolkogonow auch an der Zusammenstellung eines Buches teilnahm, das ich in den Händen hatte. Seinerzeit forderte er Materialien im Militärarchiv an, und als er eine Absage erhielt, bestand er darauf, einen der Leiter des Archivs zu entlassen, woraufhin ihm dann einige Kopien erstellt wurden. Es läßt sich so offenbar auch eine Verbindung dieser Dokumente zu der mir übergebenen Mappe herstellen.

Haben Pichoja, Poltoranin und Rogozin auf Ihre Aktion reagiert?
Rogozin und Poltoranin schweigen. Pichoja erklärte in der letzten Nummer des „Ogonjok“, daß in den Archiven Ordnung herrsche, und an allem die Kommunisten schuldig seien, die sich für ihre Niederlage revanchieren wollten. Aber wir reden hier ausschließlich über die objektive Betrachtung unserer Geschichte.

Werden Sie fordern, daß Strafanzeige gegen die Hersteller der Fälschungen gestellt wird?
Das Problem besteht darin, daß nach unserem Strafgesetzbuch die Fälscher historischer Dokumente leider nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Für die Fälschung von Personalausweisen oder die Fälschung von Finanzdokumenten – bitte, aber kein Paragraph läßt sich auf Hersteller falscher Archivmaterialien anwenden. Doch das ist jetzt nicht die Hauptsache. Es ist auch nicht so wichtig, wie und von wem die Fälschungen hergestellt wurden. Wichtig ist, daß sie heute offiziell in wissenschaftlichen Umlauf gebracht wurden. Auf ihrer Grundlage werden wissenschaftliche Werke geschrieben, es entstehen die Kunstwerke, die Menschen nehmen diese Information auf, und infolgedessen bekommen sie eine ganz verkehrte Vorstellung von der Geschichte ihres Landes. Fälscher schreiben die Geschichte Rußlands – das ist das schlimmste!

Werden ihre Veröffentlichungen irgendwelche Folgen haben?
Es ist jetzt schon nicht mehr möglich, diese Information zu verschweigen. Die da oben denken, was machen wir jetzt: Soll man eine Strafsache daraus machen – sie haben sich nur noch nicht entschieden, ob gegen mich oder wegen der Tatsache der Entwendung von Geheimdokumenten aus dem Archiv. Man sagt auch, daß der Auftrag gegeben worden sei, die Akten um jeden Preis bei mir einzuziehen, um sie in die erforderlichen Hände zurückzugeben. Ich denke aber, daß der Präsident trotzdem mit einer Prüfung dieser Sache unter unserer Teilnahme übereinstimmen wird, aber ich schließe auch irgendwelche Provokation nicht aus. Vor kurzem wurde bekannt, daß die Militärarchivare davon Abstand genommen haben, gegen mich eine vernichtende Stellungnahme zu schreiben. Angeblich hat Valentin Falin (der damalige Leiter der internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, der – laut offiziellen Angaben – Michael Gorbatschow 1989 über das Vorhandensein der Katyner Dokumente in den Archiven informierte. – E.P.) jetzt den Auftrag erhalten, mit einer Gegenerklärung, unter Hinweis auf irgendwelche Dokumente, aufzutreten… Ich bin gespannt.

Haben Sie die Ihnen übergebenen Materialien schon untersucht?
Diese Mappe liegt vor mir: Spezialarchiv, Sache Nr. 29, Band 7, 202 Blätter, Schriftwechsel des NKGB – NKWD der UdSSR mit dem dem ZK der Allunions-KP(B), unterliegt keiner Freigabe der Geheimhaltung, ewig aufzubewahren. Darin gibt es keine Dokumente über Katyn, dafür sind einige andere verdächtige und offenbar falsche Papiere in ihr enthalten. Die gründliche Prüfung wird kaum noch einen Monat dauern. Ich denke, daß die Mehrheit der Dokumente echt ist, weil es keine Notwendigkeit gab, die Berichte unserer Grenzsoldaten über die Konzentration der deutschen Armeen oder Dokumente, die mit der schlechten Mobilisationsvorbereitung in Weißrußland verbunden sind, zu fälschen. Aber es gibt andere Themen. Da sind zum Beispiel zwei Aufzeichnungen aus dem Generalstab der Roten Armee enthalten, unterschrieben Timoschenko, Shukow und Wasilewski als Verfasser.

Der erste ist ein gewöhnlicher Bericht über die Konzentration deutscher Truppen an unserer Grenze. Warum sollten beide gefälscht sein?
Offenbar wollten die Militärs das Prestige der Armee und des Generalstabes heben, um die Schuld für die Niederlagen am Anfang des Krieges auf Stalin abzuschieben: Sehen Sie doch selbst, wir berichteten, wir hatten sogar Pläne entwickelt, doch Stalin blieb untätig, er unternahm nichts. Und der zweite Zettel ist eine offensichtliche Provokation. Es geht darin um die Mitteilung, noch im April des Jahres 1941 eine Mobilisierung auszurufen und der Armee 8 – 10 Millionen Menschen zuzuführen…

Das wäre tatsächlich eine Kriegserklärung an Deutschlands!
Eben! De fakto würde man damit Deutschland den Krieg erklären, um Polen, die Tschechoslowakei und die Balkanstaaten zu überfallen, um in Europa neue Grenzen festzulegen, um danach Hitler – falls damit nicht einverstanden ist – den Todesstoß zu versetzen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es das Ziel dieser Provokation, zu beweisen, daß die UdSSR tatsächlich aggressive Pläne in Bezug auf Hitler gehabt habe, und jener nur gezwungen gewesen sei, einen Verteidigungsschlag auszuführen.

Aber die Mappe ist echt?
Ja – in sie wurden einige gefälschte Dokumente eingebaut. Ich kann bis jetzt noch nicht mit voller Gewißheit sagen, welche dieser Dokumente echt, und welche falsch sind, ebensowenig weiß ich über die Umstände der Entwendung dieser Dokumente aus dem Archiv. Wir werden das prüfen.


„Wir sind genügend stark, um uns vor Mithelfern unserer Feinde zu krümmen…“

Die Mappe ist tatsächlich interessant. Außer den schon erwähnten Militärdokumenten, ist darin ein bemerkenswerter „Bericht über die nationale Zusammensetzung der Organe des NKWD“ enthalten, mit einer Resolution Stalins, daß es dort zu viele Juden gäbe. Und es gibt noch eine weitere offensichtliche Fälschung, die den Kampf gegen die „Organisation ukrainischer Nationalisten“ (OUN) in den Westgebieten der Ukraine betrifft, genauer gesagt, die Beziehungen der ärmeren und mittleren Schichten des Dorfes zu kapitulierten Banditen und ihren Helfershelfern. Die Beziehungen zu derartigen Menschen war in der UdSSR traditionell weich – den Aufständischen wurde verziehen und ihre Mithelfer hielt man für betrogen, wenn sie nicht offenbar in Verbrechen verwickelt waren, wurden sie nicht umgesiedelt oder verhafteten, sondern mit Agitationsarbeit eingeschränkt. Doch plötzlich entscheidet im Verlaufe der Korrespondenz jemand (anstelle einer Unterschrift nur ein undeutlicher Schnörkel), bis zum Eingreifen der Tschekisten eine „Resolution Stalins“ mit folgendem Inhalts durchzuführen (Orthografie und Punktierung sind übernommen):

„Die von den Mitarbeitern des UNKWD und UKGB im Gebiet Rowno (Ukrainische SSR) eingeführte Praxis, den Mithelfern der Diversanten, Terroristen und Illegalen teilweise zu verzeihen, ist unzulässig und – gelinde gesagt – spielt Erneuen und den von ihnen geführten umzingelten Zentren in die Hand. Die Sowjetmacht kann nicht gut und nachsichtig sein zu ihren ärgsten Feinden und deren Mithelfern. Der Unterschied zwischen den Feinden und den Mithelfern besteht darin, daß die einen gefangen und gerichtet wurden, und die anderen nur darauf vorbereitet werden…

… Die Mittäter der Diversanten und diejenigen, die sie verstecken, sind bis in die letzte Glied zu verhaften und zu richten. In den Gefängnissen reicht der Platz für alle. Muß eine schriftliche Übersicht zu führen jeder, der es nur wagen wird, mit den Illegalen zu sympathisieren…

… Nur Strafaktionen und Gewalt – diese zwei Faktoren können das Gebiet der Ukrainischen und der Weißrussischen SSR von Diversanten und Terroristen, die sich in den Wäldern niedergelassen haben und umzingelt haben, sowie in adäquaten Maße von ihren Familien, die bekannt sind, von den Freunden, den Freundinnen, und von jedem zu säubern, der ihm die helfende Hand streckt. Und nichts anderes. Dieser Kurs soll unveränderlich sein.

Wir sind genügend stark, um vor Mithelfern der Feinde der Sowjetmacht zu spielen und uns zu krümmen. (so im Text! – E.P.)“

Darüber hinaus ist einzelnen Entwürfen der Hinweis des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten der Ukraine, Meschik, – natürlich nichts anderes – enthalten, zur Sanktionierung Folterungen anzuwenden! Bei uns haben diese Schriftstücke bisher keinen so breiten Nachhall gefunden, doch wenn man in den heutigen historischen Elaboraten ukrainischer Nationalisten nachgräbt, denke ich, so wird es dort weitergetragen. So gibt es die bewußte Abhandlung der Version Viktor Suworows über den erzwungenen Angriff Hitlers auf die UdSSR, sowie den Versuch die Nationalpolitik der UdSSR der Stalinzeit zu kompromittieren – und das ist nur die eine Mappe!

Quelle:
„Versionen an der Newa“, Nr.132, 2010 (mit Kürzungen)
 ИСТОРИЯ ОТ ФАЛЬСИФИКАТОРОВ
Bearbeitete Übersetzung aus dem Russischen: NN

Siehe auch:
Fälscher im Russischen Staatsarchiv
Über die Nazimorde im Wald von Katyn
Der lange Schatten des Joseph Goebbels
Mario Sousa: Lügen über Katyn
Kleines Lexikon des Marxismus: Was verstehen wir unter einem Beweis?
Solzhenizyns Lügen im „Archipel GULag“
Die Lüge von den Stalinschen Massenmorden

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